Massentierhaltung - © Foto: picturedesk.com / Alois Litzlbauer
Wissen

Corine Pelluchon: „Philosophie der Ernährung“

1945 1960 1980 2000 2020

„Nasse Märkte“, Schlachthöfe und Nerzfarmen sind mit der Verbreitung von Corona assoziiert: Die Pandemie stellt den Umgang mit Tieren und unsere Essgewohnheiten in Frage. Corine Pelluchons „Philosophie der Ernährung“ kommt da gerade recht.

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„Nasse Märkte“, Schlachthöfe und Nerzfarmen sind mit der Verbreitung von Corona assoziiert: Die Pandemie stellt den Umgang mit Tieren und unsere Essgewohnheiten in Frage. Corine Pelluchons „Philosophie der Ernährung“ kommt da gerade recht.

„Es geht darum, die Tiere der Gefangenschaft, der Sklaverei, der Vivisektion und der Zerstückelung zu entziehen“: Das ist eines der großen Themen in Corine Pelluchons Buch „Wovon wir leben“, das soeben auf Deutsch erschienen ist. Ihre „Philosophie der Ernährung und der Umwelt“ ist schwere Kost, sowohl formal als auch inhaltlich. Doch das 2015 erschienene Werk der französischen Philosophin, die heuer mit dem Günther-Anders-Preis für kritisches Denken ausgezeichnet wurde, könnte aktueller nicht sein.

Unter der weltweiten Last der Coronakrise erhalten ihre Überlegungen zusätzliches Gewicht. Denn die Professorin an der Gustave-Eiffel-Universität östlich von Paris bemüht sich darum, das Verhältnis von Mensch und Tier auf eine völlig neue Grundlage zu stellen. Ausgangspunkt dieses Mammutprojekts ist die Tatsache, dass der Mensch essen muss, unabdingbar auf Nahrung angewiesen ist. In den Worten von Emanuel Levinas: „Am Anfang war der Hunger.“ Dieses wuchtige Zitat eröffnet Pelluchons Ausführungen, die um die Körperlichkeit des Menschen kreisen. Denn entgegen idealistischer Wunschvorstellungen sind wir keine frei schwebenden Geistwesen, sondern Geschöpfe aus Fleisch und Blut, immer in Beziehung zu anderen Lebewesen, eingebunden in Ökosysteme, abhängig von der Natur, die uns nährt, und all den anderen Gegebenheiten, von denen wir leben (bis hin zu Kunst und Kultur).

„Es geht darum, die Tiere der Gefangenschaft, der Sklaverei, der Vivisektion und der Zerstückelung zu entziehen“: Das ist eines der großen Themen in Corine Pelluchons Buch „Wovon wir leben“, das soeben auf Deutsch erschienen ist. Ihre „Philosophie der Ernährung und der Umwelt“ ist schwere Kost, sowohl formal als auch inhaltlich. Doch das 2015 erschienene Werk der französischen Philosophin, die heuer mit dem Günther-Anders-Preis für kritisches Denken ausgezeichnet wurde, könnte aktueller nicht sein.

Unter der weltweiten Last der Coronakrise erhalten ihre Überlegungen zusätzliches Gewicht. Denn die Professorin an der Gustave-Eiffel-Universität östlich von Paris bemüht sich darum, das Verhältnis von Mensch und Tier auf eine völlig neue Grundlage zu stellen. Ausgangspunkt dieses Mammutprojekts ist die Tatsache, dass der Mensch essen muss, unabdingbar auf Nahrung angewiesen ist. In den Worten von Emanuel Levinas: „Am Anfang war der Hunger.“ Dieses wuchtige Zitat eröffnet Pelluchons Ausführungen, die um die Körperlichkeit des Menschen kreisen. Denn entgegen idealistischer Wunschvorstellungen sind wir keine frei schwebenden Geistwesen, sondern Geschöpfe aus Fleisch und Blut, immer in Beziehung zu anderen Lebewesen, eingebunden in Ökosysteme, abhängig von der Natur, die uns nährt, und all den anderen Gegebenheiten, von denen wir leben (bis hin zu Kunst und Kultur).

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Pelluchon argumentiert gegen alle Philosophien, die Freiheit „als ein Sich-Losreißen von der Natur zu begreifen suchten“, denn angesichts der prognostizierten Öko- und Klimakrise muss Freiheit ganz anders gedacht werden. Die Ethik-Expertin plädiert für nichts Geringeres als einen neuen Gesellschaftsvertrag, der künftigen Generationen ebenso gerecht werden soll wie der gesamten Biosphäre – also allen Lebensformen, insbesondere aber den Nutz- und Wildtieren.

Billigfleisch: Wer zahlt den Preis?

In der Betroffenheit durch die Coronakrise steigt hoffentlich die Wahrscheinlichkeit, dass diese Gedanken gebührend ernst genommen werden. Wenn man „Krise“ im Wortsinn auch als Chance begreift, wäre nun ein radikales Umdenken angesagt, gerade im Hinblick auf Essgewohnheiten und den Umgang mit Tieren. Das zeigt sich bereits am Ursprung der Pandemie, die sich von einem chinesischen „Wet Market“ aus verbreitet hat. Diese „nassen Märkte“ sind getränkt vom Blut der Tiere, die dort verkauft werden. Das breite Angebot exotischer Säugetiere und schlechte hygienische Zustände bieten dabei oft einen idealen Nährboden für Krankheitserreger, die so wie SARS-CoV-2 von Tieren auf Menschen überspringen können.

Es wäre jedoch zu leicht, nur auf die „Wet Markets“ des Globalen Südens zu zeigen und deren Trockenlegung zu fordern. Denn die Krise hält auch in unseren Breiten Lektionen bereit – vorausgesetzt, man ist gewillt hinzuschauen. Große Schlachthöfe wurden während der ersten Corona-Welle im Frühjahr als Infektionsherde identifiziert. In zahlreichen Ländern wurden in fleischverarbeitenden Betrieben gehäufte Infektionen beobachtet. Das warf Licht auf ein störanfälliges System, das vom Preisdruck angetrieben wird: Beengte Platzverhältnisse und Arbeitsschritte im Sekundentakt sorgen für Stress bei Mensch und Tier. Nicht nur Viren können sich dort gut verbreiten.

Tiere sind Teil der Ethik und der Gerechtigkeit, betont Corine Pelluchon: Höchste Zeit, darüber nachzudenken, wie es möglich ist, anders zu essen.

Der großflächige Einsatz von Antibiotika führt langfristig dazu, dass resistente Keime entstehen. So zeigte kürzlich eine Laboruntersuchung, dass mehr als ein Drittel der Fleischproben aus dem Großhandel in Österreich mit Coli-Bakterien belastet war. Fleisch müsste viel teurer sein, würde man auch Umweltkosten wie Düngemittel, Energie- und Flächenverbrauch etc. berücksichtigen: um 173 Prozent bei konventionellem Faschiertem und um 126 Prozent bei Bio-Faschiertem, wie eine aktuelle Studie des Wirtschaftsinformatikers Tobias Gaugler (Uni Augsburg) zeigt.

Man kann in niedrigen Fleischpreisen den Ausdruck jener „verheerenden Funktionsstörung unserer Gesellschaft“ erkennen, die Corine Pelluchon in ihrem „Manifest für die Tiere“ diagnostiziert (im Beck-Verlag kürzlich ebenfalls auf Deutsch erschienen). Je mehr Tiere geschlachtet werden, je schneller die Verarbeitung, desto kostengünstiger das Fleisch. Und desto eher werden die Tiere nur noch als „Sache“ behandelt. Die moderne Fleischproduktion ermöglicht, dass ein Schnitzel im Menü eines heimischen Möbelhauses um 2,50 Euro angeboten werden kann, wie heuer die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ kritisierte. Wer aber zahlt den Preis dafür? Das industrielle System hat die Lebensbedingungen der Tiere ruiniert, konstatiert Pelluchon. Und es wäre naiv zu glauben, dass dies nicht irgendwann auf den Menschen zurückfallen wird.

 Wovon_wir_leben_Cover - © Foto: WBG Academic 2020
© Foto: WBG Academic 2020
Buch

Wovon wir leben

Eine Philosophie der Ernährung und der Umwelt
Von Corine Pelluchon
WBG Academic 2020
416 S., geb., € 51,40

Das zeigt auch die Mutation des Coronavirus, die jüngst in den dänischen Nerzfarmen festgestellt wurde. Die mutierten Viren wurden von den Nerzen auf Menschen übertragen. Letztere gingen in Quarantäne, die Tiere wurden notgeschlachtet: 17 Millionen Nerze mussten in Dänemark getötet werden – aus gesundheitspolitischen Gründen. Denn die „Cluster 5“-Mutation des Virus hätte die Medizin vor weitere Probleme stellen können und im schlimmsten Fall sogar die Wirksamkeit künftiger Impfstoffe beeinträchtigt. Corona führt somit drastisch vor Augen, was in Pelluchons Werk abstrakt ausgearbeitet ist: dass Menschen und Tiere eine „Leidens- und Schicksalsgemeinschaft“ sind. Dass die menschliche Gesundheit von jener anderer Lebewesen abhängig ist. Dass unser Wohlbefinden auf intakten Ökosystemen beruht.

Diese Zusammenhänge werden im jungen Forschungsfeld „Eco-Health“ beleuchtet: ein Projekt, das im „Zeitalter der Pandemien“ (Wall Street Journal, 2009) überlebenswichtig erscheint. Zugleich provozieren diese Beispiele der pandemischen Gegenwart genau die Fragen der Legitimation, die Pelluchon – schmerzhaft – aufgreift: Wie ist der Tod der Tiere zu rechtfertigen angesichts der Tatsache, dass der Mensch heute weder bei Ernährung noch bei Bekleidung darauf angewiesen ist? Dass es bereits schmackhaften Fleischersatz gibt, ebenso wie modisch-funktionale Kleidung, die Tiere nicht ausschlachtet? Die Situation der Tiere zu verbessern, führe nicht zwingend zur „Tyrannei des Guten“, meint die Philosophin. Aber „sobald es unter den Haaren, der Haut oder den Federn jemanden gibt, hat dieses Individuum unverletzliche Rechte (...). Tiere sind Teil der Ethik und Gerechtigkeit.“ Höchste Zeit darüber nachzudenken, wie es möglich ist, anders zu essen.

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