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Gefährliche Einheit

1945 1960 1980 2000 2020

Die moderne Zucht beschert uns bereits jetzt Tiere mit einem hohen Verwandtschaftsgrad. Diesen negativen Trend verstärkt die Gentechnik.

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Die moderne Zucht beschert uns bereits jetzt Tiere mit einem hohen Verwandtschaftsgrad. Diesen negativen Trend verstärkt die Gentechnik.

Ein Schweine-Leben des Jahres 1995 währt nur ein knappes halbes Jahr, dann ist das „Mastendgewicht” von etwa 100 Kilogramm erreicht und der Weg auf den Teller nicht mehr weit. In der Endphase der Mast legen die Schweine täglich bis zu zwei Kilogramm zu.

Viele dieser eigentlich jugendlichen Schweine haben bis zur Schlachtung bereits schmerz- und entzündungshemmende Medikamente erhalten. Denn die Gelenke können mit der schnellwachsenden Last nicht mithalten. Ahnlich wie das Herz, das die Muskelmenge nicht ausreichend mit Blut versorgen kann. Der häufige Streßtod ist eine direkte Folge dieses Mißverhältnisses. Zu diesem zuchtbedingten Streß kommen die problematischen Haltungsbedingungen: zu viele Tiere auf zu engem Raum ohne Rückzugs- und Ablenkungsmöglichkeiten. Streß schädigt das Immunsystem: die krankheitsanfälligen Tiere bieten Mikroorganismen ideale Vermehrungsmöglichkeiten. Mit Unmengen an Medikamenten - insbesondere Antibiotika - wird versucht, diesen Mißstand zu „reparieren”.

Die Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen bei Menschen haben in den vergangenen Jahren bereits dramatische Ausmaße erreicht. Aber erst 1994 konnte nachgewiesen werden, daß der Konsum Antibiotika-haltigen Fleisches im menschlichen Darm zu Antibiotikaresistenzeh führen kann. Das heißt: Nimmt die betreffende Person dann Antibiotika für eine Krankheitsbehandlung ein, überleben die krankmachenden Mikroorganismen im Darm nicht nur, sondern sie haben sogar einen Selektionsvorteil gegenüber einem Teil der anderen Mikroorganismen.

Am krassesten ist der schmale Grad zwischen Leistung und Überforderung bei Hühnern. Bei ihnen geht dem Erschöpfungstod überhaupt keine Phase reduzierter Leistung mehr voraus: Morgens noch ein Ei gelegt, nachmittags tot. Sie zehren schon im Alltag von ihren Reserven und können das Eierlegen bei Regenerationsbedarf nicht einstellen. Da sie dann bei Überforderung nicht über weitere Reserven verfügen, folgt im Krankheitsfall auf die Hochleistung unmittelbar der Tod.

Was bei den Hühnern bereits die Regel ist, tritt bei Kühen bisher nur in Ausnahmefällen auf: Kühe, die trotz 40 Grad Fieber nicht oder nur kaum in der Leistung zurückgehen und pro Tag 40 Liter Milch geben! Auch sie sind genetisch zur Leistung gezwungen, „können den Milchhahn nicht zudrehen”. Die enorme Steigerung der Milchleistung hat eine enorme Ausweitung von Krankheiten, vor allem Euterentzündungen, Fruchtbarkeitsstörungen und Stoffwechselentgleisungen zur Folge. Durch das Burn-out-Syndrom landen Kühe immer früher auf dem Schlachthof. In Deutschland mit durchschnittlich fünf Jahren.

Der Grat zwischen Gesundheit und Krankheit und Krankheit und Tod wird immer schmaler. Daran ändert der enorme Medikamenteneinsatz (insbesondere Antibiotika) letztlich nichts, durch den die Überforderung der Tiere durch Zucht- und Haltungsstreß kompensiert werden soll. Aber ungebrochen lautet das Credo in der agrarwissenschaftlichen Ausbildung: „Leistung ist Ausdruck von Gesundheit.”

Diese Haltungsbedingungen sind ebenso „hausgemacht” wie unsere Umweltbedingungen „systemimmanent” sind. Aber nicht die krankmachenden Umstände sollen verhindert und eliminiert werden, sondern die Tiere sollen diesen angepaßt - repariert - werden.

Nicht nur deshalb bietet der Einsatz der Gentechnik für diese und die anderen gesundheitlichen Probleme keine wirklichen Lösungen. Denn selbst wenn Besistenzgene gefunden werden sollten, - es bliebe ein Weg in die Sackgasse. Am Beispiel der Schweinepest läßt sich ein solches Szenario darstellen:

Angenommen, es gäbe ein einzelnes Gen, das gegen Schweinepest schützt, und dieses Resistenz-Gen würde gefunden und isoliert. Dann würde versucht werden, transgene Schweine zu produzieren, die dieses fremde Gen auch an ihr.e Nachkommen vererben. Um die gesamte Population zu schützen - in der Bundesrepublik Deutschland werden jährlich zirka 50 Millionen Schweine geschlachtet - müßten dazu in hohem Ausmaß Fortpflanzungs- und Vermehrungstechniken eingesetzt werden wie: Künstliche Besamung, Em-bryo-Tiansfer, In-Vitro-Manipulati-on und Klonen.

Der Erfolg läge bestenfalls in der Gleichheit der Tiere bezüglich ihrer Resistenz gegen die Schweinepest. Aber im Erfolg läge die Gefahr: er wäre erkauft durch einen hohen Verwandtschaftsgrad. Denn die gewünschte Gleichheit des Erbguts bei der Schweinepestresistenz wäre untrennbar verbunden mit einer generellen Ähnlichkeit des Erbguts - zum Beispiel mangelnder Abwehrkraft gegen irgendeine andere Krankheit.

Bereits heute ist der Verwandtschaftsgrad in der Schweinepopulation besorgniserregend hoch, aber noch gibt es auch individuelle Reaktionen bei der Krankheitsabwehr.

Das Konzept der gentechnischen Manipulation mit Resistenzgenen zielt generell nicht auf Ursachenvermeidung, sondern - bestenfalls - auf Schadensbegrenzung ab.

Durch die enormen Forschungsgelder werden die großen technischen Probleme gentechnischer Manipulationen an Säugetieren vermutlich in Zukunft geringer werden. Dadurch ändert sich aber nicht der grundsätzlich falsche Ansatz der Gentechnik: Sie soll auf der Grundlage krankmachender Umstände als Reparaturtechnik wirken. Dieser Weg bietet keine Lösung, sondern endet letztlich in einer Sackgasse.

Der artübergreifende Transfer von Genen stellt für die Gen-Forscher auch keine ethische Grenze dar:

„Warum soll ich ethische Probleme haben, ein menschliches Gen in das Erbgut von Schweinen zu transferieren? Schließlich ist das Erbgut von Schweinen zu etwa 70 Prozent identisch mit dem des Menschen. Und wir als Menschen haben viele Gene, die auch Kühe, Mäuse, Würmer und Insekten besitzen”, sagt Vernon Pursei, der bereits in den achtziger Jahren Tausende Schweineembryonen mit -menschlichen - Genen manipuliert hat. Die Gleichheit ist aber eine Gleichheit der Materie, so wie Schwein und Fisch aus Knochen, Muskeln und anderen Geweben aufgebaut sind, die unseren menschlichen ähnlich, wenn nicht gleich sind. Das gilt auch für die Gehirnsubstanz.

Aber erst Reihenfolge, Anordnung und Interaktion des Erbguts charakterisieren (Tier-)Arten und Individuen. Der durch das molekulare Nadelöhr reduzierte Blick nimmt nur die Gleichheit der Bausteine bei den verschiedenen Lebewesen wahr und somit keine (Art-)Grenzen.

Erst der Blick über den Tellerrand des Reagenzglases zeigt das eigentliche Wunder: die Vielfalt, die aus so vermeintlich gleichem Material hervorgeht: Mäuse, Würmer, Kühe, Menschen und Insekten.

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