#

Die Verbündeten

DISKURS
Pflanzen Politik Krieg - © Illustration: Rainer Messerklinger unter Verwendung zweier Bilder von iStock/ivan-96 bzw iStock/by_nicholas

Geschichte: Pflanzen machen Staaten

19451960198020002020

Am Anfang war der Klimawandel: Dann hat der Ackerbau eine Wende in der Menschheitsgeschichte eingeläutet. Auch heute werden sich Kulturen nicht durch weise Voraussicht weiterentwickeln, sondern durch stark veränderte Lebensbedingungen. Eine Spurensuche.

19451960198020002020

Am Anfang war der Klimawandel: Dann hat der Ackerbau eine Wende in der Menschheitsgeschichte eingeläutet. Auch heute werden sich Kulturen nicht durch weise Voraussicht weiterentwickeln, sondern durch stark veränderte Lebensbedingungen. Eine Spurensuche.

Um sich seine Nahrung zu beschaffen, geht der moderne Mensch meist ganz einfach in den Supermarkt. Ein solcher liegt oft nicht weiter entfernt als die nächste Häuserecke. Ganz anders gestaltete es sich für eine typische Gemeinschaft von Jägern und Sammlern vor rund 30.000 Jahren. Eine kleine Gruppe von Menschen, die in einfachen Unterständen und davon lebt, Tiere zu jagen und Pflanzen zu sammeln: Diese Frauen und Männer waren erfahrene Ökologen, die lange vor der Etablierung einer solchen Wissenschaft über ihre Flora und Fauna perfekt Bescheid wussten. Auf dem altsteinzeitlichen Speisezettel standen Mammuts, Steppenbüffel und Riesenelche, die es zu finden, jagen und erledigen galt. Um also zu ihrem Essen zu kommen, mussten die früheren Menschen ihren Ressourcen hinterherziehen – ein Mammut war schließlich ein hochmobiler Supermarkt.

Diese nomadische Lebensweise stellen sich vor allem all jene besonders beschwerlich vor, die in Wohnungen leben und mit ein paar Onlineklicks vom Sofa aus ihr Essen vor die Haustür geliefert bekommen. Tatsächlich war die frühere Art der Nahrungsbeschaffung nicht anstrengender und gefährlicher als der Skiurlaub eines modernen Homo sapiens. Wie Studien zu heutigen Jägern und Sammlern zeigen, liegt der durchschnittliche Arbeitsaufwand pro Person bei circa drei bis vier Stunden am Tag. Denkt man nun an die Arbeitswege, Besorgungen, Reisen und Urlaube moderner Menschen, könnte man folgern, dass unsere Sofas damals wohl weit mehr Abnutzung erfahren hätten.

Weg zum Getreideanbau

In den besagten Studien findet sich dementsprechend kein einziger Fall, bei dem einer der Menschen freiwillig sesshaft werden, ein Haus bauen und sich fast ausschließlich von Pflanzen ernähren wollte. Dennoch ist es immer noch diese Geschichte, die in unseren Schulbüchern zu finden ist. Dieser Erzählung zufolge konnte es der Mensch kaum erwarten, den Ackerbau zu erfinden und den Weg zur sogenannten Zivilisation zu beschreiten. Zu beschwerlich sei das sonst ereignislose Leben in der Steinzeit gewesen – umso sinnvoller daher, unbewohnbare Pyramiden aus dem Wüstenboden zu stampfen, die später von Touristen besucht werden konnten. Der ägyptischen Zivilisation mit ihren Pharaonen und Mumien sind meist viele Seiten gewidmet, der sogenannten Vor- und Frühgeschichte kaum eine ganze. Hier wedelt der Schwanz mit dem Hund, denn 95 Prozent der Menschheitsgeschichte waren wir Jäger und Sammler. Sie reicht circa zwei Millionen Jahre weiter zurück als der Bau der ersten Pyramiden.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau