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Unterwegs zum europäischen Einheitsacker

1945 1960 1980 2000 2020

Durch systematische Unkrautvertilgung gehen viele wertvolle Wildkräuter verloren. Sie vermindern kaum den Ertrag, könnten aber entscheidend zu einer Stabilisierung der Böden beitragen.

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Durch systematische Unkrautvertilgung gehen viele wertvolle Wildkräuter verloren. Sie vermindern kaum den Ertrag, könnten aber entscheidend zu einer Stabilisierung der Böden beitragen.

Unkräuter wecken Emotionen; schon die Bezeichnung ist neuerdings umstritten. Naturschützer nennen sie lieber Wildkräuter oder Ackerbegleitflora.

Wildpflanzen werden nach dieser Sicht zu Unkräutern, wenn sie mehr schaden als nutzen (mäßige Bedeckung des Bodens wirkt beispielsweise der Erosion entgegen und sorgt für Artenvielfalt).

Diese Pflanzen, die von selbst auf Äckern auftreten und dem Bhythmus der Feldbestellung bestens angepaßt sind, stehen mit den jährlich neu ausgesäten Kulturpflanzen im Wettbewerb um Licht, Wasser und Nährstoffe. Je nach Standort kann dabei die eine oder andere Gruppe im Vorteil sein.

Wärme und Nährstoffreichtum begünstigen in der Begel das Getreide. In feuchtkühlen Mittelgebirgsgegenden setzen sich hingegen Unkräuter stärker durch und verursachen mitunter erhebliche Ernteeinbußen.

Von jeher bemühten sich die Ackerbauern, die auf den bestellten Flächen spontan auftretenden Wildpflanzen gezielt zu bekämpfen. Zur mechanischen Beseitigung mittels Hacken und Jäten kam relativ bald die geschickte Wahl von Fruchtfolgen. Vor allem wirkte die Dreifelderwirtschaft, bei der in jedem Jahr ein Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche brachfiel und dann beweidet wurde, einer übermäßigen Verunkrautung entgegen. Weil damit die Wuchsbedingungen wechselten, konnten sich einzelne Arten, die an bestimmte Kulturpflanzen gebunden waren, nicht mehr Sommer um Sommer unter den für sie sehr günstigen Bedingungen ausbreiten.

Die heutigen sogenannten Problemunkräuter, die Massenbestände bilden können und sowohl Kulturpflanzen wie auch andere Wildkräuter unterdrücken, waren bis zur Flurbereinigung und zur Einführung großflächiger Monokulturen die Ausnahme. Früher gelegentlich auftretende Herde socher Arten, wie zum Beispiel der Acker-Kratzdistel, ließen sich durch regelmäßiges Hacken erfolgreich bekämpfen.

Das damals übliche Ernteverfahren (Schneiden der Feldfrucht mit der Sense, Binden der Garben und Aufhocken auf dem Acker zum Trocknen) hemmte auch die Verunkrautung der Böden. Da das Getreide zum Dreschen auf den Hof transportiert werden mußte, durften die Körner noch nicht soweit ausgereift sein, daß sie auf dem rüttelnden Pferdefuhrwerk ausfielen; geerntet wurde deshalb frühzeitig. Weil dann auch die meisten Unkräuter noch nicht reif waren, fiel nur ein geringer Anteil ihrer Samen auf die Erde; der Hauptanteil verblieb im Stroh und kam mit in ' die Stallstreu.

Nur wenige besonders resistente Samen überstanden den anschließenden Verrottungsprozeß auf dem Misthaufen. Die auf den Höfen anfallenden Mengen an organischem Dünger genügten gerade, um die Nährstoffverluste der Böden durch das Abernten auszugleichen: nährstoffliebende, starkwüchsige und konkurrenzstarke Unkräuter wurden denn auch nicht wie heute durch Überdüngung gefördert.

Unter diesen Bedingungen stellte sich ein in Menge und Artenzusammensetzung relativ konstanter Unkrautbesatz der Felder ein.

Das änderte sich vor allem mit der Einführung des Mähdreschers. Da er nur bei fortgeschrittenem Reifegrad des Getreides optimal arbeitet, mußten die Erntetermine hinausgeschoben werden. Somit konnten zahlreiche Wildsamen am Standort aussamen und sich dadurch stärker vermehren. Zudem wird die Spreu gleich auf den Ackern Verblasen und damit ein erheblicher Anteil der Unkrautsamen weit verteilt. Größere Anstrengungen bei der Bekämpfung waren fortan erforderlich. •

Mit der zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft haben sich die Maßnahmen zur Unkrautbekämpfung grundlegend verändert. Agrochemikalien ermöglichen dem Landwirt, praktisch nach Belieben in das Wirkungsgefüge der Ackerökosysteme einzugreifen. Auch wenn man den Einsatz von Herbiziden beschönigend als Steuerung oder Regulierung der Verunkrautung bezeichnet, handelt es sich dabei doch zumeist um eine systematische Vernichtung aller in den Äckern auftretenden Wildpflanzen ~ und zwar ohne daß ihr ökonomischer Schaden gegen ihren ökologischen Nutzen abgewogen würde.

Die Schwierigkeiten beim Erkennen von Schadschwellen veranlassen den Landwirt in der Regel, Wildpflanzen in seinen Kulturen pauschal präventiv zu bekämpfen. Dabei können als Unkräuter im traditionellen Sinne heute nur noch besonders konkurrenzstarke, zur Bildung von Massenbeständen neigende und schwer niederzuhaltende Arten bezeichnet werden.

Das sind vor allem Grasarten wie Windhalm, Quecke, Flughafer und Acker-Fuchsschwanz. Im Maisanbau verschiedene Hirsearten sowie Kräuter, wie die Acker-Gänsedistel, das Kletten-Labkraut und die schon erwähnte Acker-Kratzdistel. Außer diesen (und wenigen weiteren) Problemunkräutern dürften die übrigen Wildpflanzen kaum jemals die ökonomische Schadschwelle erreichen.

Denn Ökosysteme, auch vor allem die stark von Menschen geprägten Kulturlandschaften, sind in der Regel umso stabiler, je größer ihre Artenvielfalt ist; und die Pflanzen als Primärproduzenten stellen nun einmal die Nahrungs- und damit die Existenzgrundlage für die Konsumenten Tier und Mensch dar.

Früher waren die Ackerstandorte nicht nur regional, sondern auch kleinräumig viel differenzierter als heute. Das lokale Klima und die natürlichen Bodeneigenschaften boten sehr unterschiedliche Wuchsbedingungen, was sich auch deutlich auf die Zusammensetzung der verschiedenen Ackerunkrautgesellschaf -ten auswirkte. Die mit ihrer Umwelt noch stärker verbundenen Bauern kannten die Wildpflanzen und ihre Ansprüche, so daß sie aus deren Anwesenheit und Häufigkeit auf den Zustand der Äcker schließen konnten.

Manche kommen zum Beispiel nur auf kalkreichen, andere nur auf kalkarmen Standorten vor; wieder andere weisen auf hochanstehendes Grundwasser oder auf Staunässe in der Ackerkrume hin, auf wärmebegünstigte Lagen, auf gute Versorgung mit Stickstoff oder dessen Mangel. Da es sich bei solchen Zeigerpflanzen meist um Gruppen von Arten handelt, die unter ähnlichen Bedingungen gemeinsam auftreten, bildeten sich jeweils charakteristische Gesellschaften heraus.

Außerdem spielt die jeweils angebaute Feldfrucht eine wichtige Rolle für die Zusammensetzung der Wild-pflanzengesellschaft. Auf Rübenfeldern oder Kartoffeläckern findet sich stets eine ganz andere Artenkombination als unter Getreidekulturen, und selbst bei Winter- und Sommergetreide gibt es gemäß den Bestellungsterminen Unterschiede.

Die Landwirtschaft veränderte bereits in ihrer ursprünglichen, relativ schonenden Form die Natur; Ressour-cen wurden gebraucht und verbraucht. Eine beständige Nutzung ist aber nur so lange möglich, wie die Regenerationsfähigkeit des jeweiligen Ökosystems nicht beeinträchtigt oder erschöpft wird.

Verloren gehen vor allem die für die Erfassung der Bodenqualität wichtigen Arten

Spätestens mit Beginn der Technisierung der Landwirtschaft zu Anfang und - im extremen Maße - Mitte dieses Jahrhunderts war dies aber der Fall. Maßgaben des Naturhaushaltes beziehungsweise der Naturverträglichkeit wurden zugunsten der Er-tragsmaximierung vernachlässigt oder mißachtet.

Diese Entwicklung ist allerdings nicht einzig den Landwirten anzulasten, sondern resultiert zu einem erheblichen Teil aus ökonomischen Zwängen, insbesondere infolge der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Die Höfe, die den Strukturwandel überstanden, übernahmen mehr und mehr Fabrikstrukturen. Der massive Einsatz immer schwererer Landmaschinen auf immer größeren Flächen sowie von Pestiziden, Mineraldünger, Gülle und Kalk veränderte den Naturhaushalt stark.

Die Folge war eine Nivellierung der Standortbedingungen. Verbleibende Unterschiede, die noch an geringen Abweichungen in der Zusammensetzung der Unkrautarten erkennbar waren, wurden mittels Agrochemikalien und durch eine perfektionierte Saatgutreinigung vollends verwischt.

Fatalerweise sind die diagnostisch wichtigsten Arten zugleich diejenigen, die auf Bekämpfungsmaßnahmen am empfindlichsten reagieren. Zumindest lokal sind heute kaum noch unterschiedliche Artenkombinationen auf den Ackerflächen zu beobachten, sondern - wenn überhaupt - fast nur einheitliche Restgesellschaften.

Aus heutiger Sicht unrentable Ackerstandorte werden immer weniger genutzt. Solche Grenzertrags-flächen, die lange Zeit verhältnismäßig extensiv bewirtschaftet wurden, sind praktisch die letzten Agrarstandorte mit einer gewissen Artenvielfalt. Dort kann man noch die natürlichen Standortbedingungen an den Unkrautarten ablesen.

Das Flächenstillegungsprogramm der EG hat aber gerade das Aufgeben und die Umwidmung dieser in ökologischer Hinsicht wertvollsten Ackerlebensräume gefördert. Es bedarf keiner prophetischen Gabe, um festzustellen, daß wir in wenigen Jahren in unserer Kulturlandschaft fast ausschließlich den floristisch uniformen europäischen Einheitsacker haben werden.

Heute werden vielerorts Gen-banken (besser wohl Samenbanken genannt) eingerichtet, die mit hohem finanziellem und personellem Aufwand zu bewahren versuchen, was an nicht abschätzbaren genetischen Ressourcen —von Wildpflanzen und alten Kulturpflanzen, aber auch von echten Unkräutern - zu retten ist. Die Erfolgsaussichten sind umstritten. Sinnvoller wäre es, einer weiteren Artenverarmung entgegenzuwirken. Reste einer ehemals an Unkräutern reichen Ackerflora wird man in absehbarer Zeit sicherlich nur noch dort antreffen, wo ein aktives Naturschutz-Management entsprechende Standortbedingungen erhält oder neu schafft.

Der biologische Ackerbau und Ackerrandstreifenprogramme können mithelfen, eine artenreiche Ackerbegleitflora zu erhalten. Ob damit der Ärtenschwund gestoppt werden kann, ist freilich zu bezweifeln. Einige wenige Idealisten allein können das jedenfalls nicht leisten.

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