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Umstellungsprozesse in der Landwirtschaft

Die Frage nach den Zukunftschancen der österreichischen Landwirtschaft wird mir von Vertretern unseres Bauernstandes, besonders aber von der bäuerlichen Jugend, immer wieder gestellt. Die Fragesteller haben dabei weniger die Landwirtschaft als Ganzes im Auge, sie suchen vielmehr in erster Linie eine Antwort für ihren eigenen Betrieb, für den land- und forstwirtschaftlichen Betrieb bäuerlicher Prägung, der nach wie vor der wichtigste Träger der Leistungen unserer Landwirtschaft ist.

Die Dynamik der Entwicklung, in der wir heute im Agrarbereich stehen, hat erst vor kurzem der Leiter des österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, Professor Doktor Nemschak, mit der Feststellung charakterisiert, daß unsere Land- und Forstwirtschaft heute um ein Viertel mehr produziert als vor 10 Jahren, obwohl sie im selben Zeitabschnitt 215.000 Arbeitskräfte abgegeben hat. In dieser Feststellung treten die beiden Schwerpunkte deutlich hervor, die das besondere Anliegen der Agrarpolitik der letzten Jahre gebildet haben; es sind dies die Markt-und Preispolitik und die Agrarstrukturpoliitik. Im Bereich von Markt und Preis stehen wir vor der Tatsache, daß der steigenden Produktionsleistung nur eine relativ geringe Zunahme des Nahrungsmittelverbrauches, etwa gleichlaufend mit der Zunahme der Wohnbevölkerung, gegenübersteht. Es hat der gesamte Kalorienverbrauch in Österreich in der letzten Dekade um weniger als 2,5 Prozent zugenommen. Wir müssen ja auch in Rechnung stellen, daß bei steigendem Lebensstandard der Anteil der Verbraucherausgaben für Nahrungsmittel zurückgeht. So hat nach einer Statistik der Arbeiterkammer der Anteil der Nahrungsmittel an den Verbrauchsausgaben 1959 noch 36,4 Prozent, 1968 dagegen nur noch -29,5 Prozent betragen. Es wird daraus der Umfang und die Bedeutung der Aufgaben

verständlich, die uns mit der Sicherung der Absatzmärkte im Ausland und mit der Anpassung des Angebotes an die Gegebenheiten des Marktes gestellt waren, und ich glaube sagen zu können, daß wir bei der Bewältigung dieser Aufgaben beachtliche Fortschritte erzielen konnten. Es kommt ihnen um so größeres Gewicht zu, als sie kurzfristig und unmittelbar im Betriebserfolg der landwirtschaftlichen Erzeuger und damit im bäuerlichen Einkommen wirksam werden. So konnte der vor zwei Jahren noch bedrohlichen Entwicklung auf den Märkten für Weizen und Milch Einhalt geboten und die Ordnung auf den Märkten aufrechterhalten werden. Wir können heute darauf verweisen, daß die Weizenanbaufläche von 1966 bis 1969 um mehr als 27.000 Hektar oder 8,7 Prozent zurückgegangen ist, und sich die Marktlieferung im vergangenen Wirtschaftsjahr um rund 57.000 Tonnen und im laufenden Wirtschaftsjahr bisher wieder um rund 50.000 Tonnen verringert hat. Der Kuhbestand war am 3. Dezember 1968, bei der ersten Viehzählung nach Wirksamwerden der Maßnahmen zur Eindämmung der Milchanlieferungssteigerung, um 27.000 Stück, am 3. Dezember 1969 um weitere 31.000 Stück geringer als ein Jahr vorher. Die Milchmarktleistung war 1968 nach anfänglich noch rascher Zunahme um 0,3 Prozent geringer als 1967, 1969 nahm sie um 1,5 Prozent ab.

Es ist besonders erfreulich, daß diese Ergebnisse durch die richtige Reaktion der Erzeuger auf marktkonforme Maßnahmen der Agrarpolitik erzielt werden konnten. Es wurde durch die vorgenommene Verengung des Preisverhältnisses von Weizen zu Futtergetreide neben der Entlastung des Weizenmarktes faktisch die Vollversorgung bei Futtergetreide erreicht und damit der österreichischen Landwirtschaft eine wesentliche Absatzreserve erschlossen. Die Produktions-

umlenkung in der Landwirtschaft von Milch auf Fleisch hat es ermöglicht, im Lauf des vergangenen Jahres die Belastung der Erzeuger durch den Absatzförderungsbeitrag weitgehend abzubauen, so daß für Milch erster Qualität mehr als 70 Prozent, also nahezu der volle Milchpreis, ausbezahlt werden kann.

Wenn wir für die Zukunft einen gesunden und leistungsfähigen Bauernstand erhalten wollen, dann müssen wir heute die unternehmerischen Fähigkeiten und die Selbständigkeit unserer bäuerlichen Betriebsleiter bestmöglich fördern. Ich bin daher auch im Bereich der Markt- und Preispolitik nicht bereit, dem Ruf nach Zwangsmaßnahmen, die überdies geeignet sind, den Prozeß der Umstellung und Anpassung zum Erstarren zu bringen, Folge zu leisten, wenn mit Mitteln der indirekten Marktbeinflussung das Auslangen gefunden werden kann. Daß dies in weiten Bereichen möglich ist, wurde in den letzten Jahren neben den erwähnten Beispielen vor allem auch im Bereich der Forstwirtschaft bewiesen, wo das marktgerechte Verhalten der Waldbesitzer wesentlich dazu beigetragen hat, die Schwierigkeiten im Gefolge der großen Windwurfkatastrophen des Winters 1966/67 zu überwinden. Ebenso konnten im vergangenen Jahr die auf Grund der hohen Schlachtschweinebestände befürchteten Absatzschwierigkeiten durch das disziplinierte Verhalten der Erzeuger bei gleichzeitig günstiger Konsumentwicklung vermieden werden.

Die Agrarpolitik hat also das Funktionieren der Marktordnung für agrarische Hauptprodukte durch das Zusammenwirken hoheitlicher Regelungen mit Maßnahmen im Bereich der privatwirtschaftlichen Tätigkeit des Bundes gewährleistet. Sie hat darüber hinaus auch Vorsorge getroffen, daß Marktstörungen — vor allem solche aus dem Ausland — für weitere Produkte tunlichst hintangehalten werden. Zu erwähnen sind hier die sogenannten Abschöpfungsgesetze, nämlich das Stärkegesetz, das Zuckergesetz und das Ausgleichsabgabengesetz aus dem Jahre 1967, die flexible Einfuhratoschöpfungen für landwirtschaftliche Verarbeitungsprodukte vorsehen und insbesondere für Zucker und Zuckerwaren, Stärke und Malz von Bedeutung sind. Hierzu kommt das Stärkeförderungsgesetz, das für die Kartoffelstärkeerzeugung Zuwendungen ähnlich jenen ermöglicht, die vom Ausland her der inländischen Produktion schwer zu schaffen gemacht haben. Durch den flexiblen Importausgleich bei Eiern und Geflügel werden Preisunterbietungen durch gestützte Importe abgeschöpft. Es wird so den

inländischen Erzeugern ermöglicht, ihren Kalkulationen volkswirtschaftlich gerechtfertigte Schwellenpreise zugrundezulegen und damit ihre Produktionsentscheidungen ohne das Risiko unvorhersehbarer Marktstörungen von außen zu treffen. Daß die Verbraucher durch diese Maßnahmen keineswegs unzumutbaren Belastungen ausgesetzt werden, hat sich Inzwischen in der Praxis bereits erwiesen. Schließlich soll der Weinwirtschaftsfonds, der im Herbst vorigen Jahres seine Tätigkeit aufgenommen hat, zusammen mit den Weinbauregelungsgesetzen Niederösterreichs und des Burgenlandes in Hinkunft dazu beitragen, den empfindlichen und Ernteschwankungen besonders unterworfenen Weinmarkt zu stabilisieren und den Weinabsatz durch Werbemaßnahmen zu beleben.

Auch an die Strukturpolitik sind wir konzep-tiv herangegangen. Wir haben der Tatsache Rechnung getragen, daß Maßnahmen auf diesem Gebiet — zum Unterschied von jenen im Bereich der Markt- und Preispolitik — überwiegend langfristig wirksam werden und sind beharrlich mit dem Blick auf künftige Entwicklungen vorgegangen. Dabei haben wir nicht nur die klassischen Maßnahmen der Agrarstrukturpolitik fortgesetzt, sondern diese auch auf konzentrierte Schwerpunkte und an die fortschreitende Entwicklung der Wirtschaft angepaßt Darüber hinaus haben wir aber auch der Notwendigkeit zur Verbesserung der Besitzgrößenstruktur die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet. Im Bereich der klassischen Förderungsmaßnahmen haben wir insofern eine Neuordnung vorgenommen, als — abgesehen von der Berg-bauernförderung — Beiträge auf jene gemeinschaftlichen Maßnahmen konzentriert werden, die geeignet sind, die Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Erfolg des Betriebes, etwa im Bereiche der Forschung und Beratung, des Absatzes und der Agrarstruktur, zu verbessern.

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