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Randhemerkungen zur woche

DIE GEWERKSCHAFT DER PRIVAT-angestellten hat ihre Mitglieder durch einen Reformvorschlag überrascht, der darauf ausgeht, ihre Mit glie der um w ohlerworbene Rechte zu kürzen. Die „Reform“ soll darin bestehen, daß Alters-r entner, die eine Beschäftigung und aus dieser einen Verdienst haben, diese ihre Altersrente verlieren, solange sie diesen Verdienst haben. Den öffentlichen Angestellten soll unter denselben Voraussetzungen die Pension stillgelegt werden. Die Altersrenten und Pensionen sind kein Geschenk, sondern das Ergebnis versicherungsmäßiger Leistungen, die von den Angestellten und ihren Dienstgebern erbracht worden sind; auch die Beitragszahlung des Dienstgebers stellt eine Leistung dar, auf die der Angestellte ein gesetzliches Anrecht hat. Nüchtern betrachtet, schlägt die Gewerkschaft der Privatangestellten einen Rechtsbruch vor, der die jetzigen und die künftigen Ruheständler aus den Reihen der privaten und ö ff entlichen Angestellten treffen soll. Das Unternehmen beansprucht die Bedeutung einer noch nicht dagewesenen Entgleisung einer Gewerkschaft.

DIE ERDSTÖSSE DES KOREANISCHEN

Fernbebens sind nun auch in der österreichischen Wirtschaft zu verspüren, ein kleiner, aber sehr empfindlicher Beweis dafür, daß es keine wirtschaftlichen und politischen Isolierungen mehr auf dieser Erde gibt. Die Auslösung einer neuen internationalen Rüstungskonjunktur und die damit verbundene Erhöhung der Rohstoffpreise als Folge des Koreakonfliktes hat, wie das Institut für Konjunkturforschung feststellt, zu einer Verteuerung der österreichischen Importe geführt, die gemeinsam mit der Angleichung der inländischen Getreidepreise an den Weltmarkt auf die Kosten der Lebenshaltung pressen. Das ist höchst unerfreulich. Doch man darf über allen Sorgen nicht übersehen, daß der Preisauftrieb in Österreich nicht das internationale Maß mitgemacht hat, weil — es sei besonders betont — sich, bei uns weder die internationale Hamsterpanik noch die Preis Spekulation in nennenswertem Umfang ausbreiten konnten. Diese innere Gelassenheit unseres Volkes gegenüber den Weltereignissen hat sich als einWirtschaftsfaktar von starker Stabilisierungskraft erwiesen. Das wird bei allen schwebenden und kommenden Wirtschaftsverhandlungen in Rechnung zu stellen und zu stärken sein. Wir haben die Aufgabe, die beginnende Exportkonjunktur bis zum äußersten im Interesse der Vollbeschäftigung zu nutzen. In diesem Sinn haben auch führende Wirtsehafter ihre Stimme gegen alle Preis- und Lohnexperimente erhoben. Und das Wirtschaftsinstitut hat schließlich zur Erhaltung der Exportfähigkeit eine innerwirtschaftliche Lenkung für Teilgebiete vorgeschlagen. Das alles zusammengenommen sollte doch dazu führen, daß die Schwierigkeiten des kommenden Winters ohne allzu große Opfer gemeistert werden.

EIN GANZ GROSSES EUROPÄISCHES

Problem ist in Beratungen auf die Tagesordnung gestellt; zu denen sich die Führer der westdeutschen und der französischen landwirtschaftlichen Genossenschaftsverbände zusammengetan haben. Merkwürdigerweise ist die Öffentlichkeit an dieser Nachricht, die eine Art Schuman-Plan der Landwirtschaft betrifft, ohne Erkennen ihrer Bedeutung vorübergegangen. Um was handelt es sich? Wirtschaftlich gesehen steht seit der Jahrhundertwende die europäische Landwirtschaft in einem schweren Konkurrenzkampf, gegen die Produktion der Überseegebiete. Der europäische Bauer arbeitet meist unter schlechten Boden-und Klimaverhältnissen, sein Bodenpreis ist hoch, er hat hohe Löhne; seine Wirtschaft ist familienmäßig ausgerichtet und infolge der kleinen Flächen und der zerteilten Flächen sehr oft schwer bewirtschaftbar. Seine Konkurrenz, die Nahrungsmittelfabrik des Westens und Ostens, die Farm und Kolchose, arbeitet unter bedeutend günstigeren Bedingungen. .Die klimatischen Verhältnisse sind der Pftanzenart angepaßt, der Boden ist unerschöpflich und in großer Menge vorhanden, die Bodenpreise sind niedrig und dit. Erzeugung ist so weitgehend mechanisiert, daß es sich hier um eine Nahrungsmittelfabrik im wahrsten Sinne des Wortes handelt. Durch Spezialisierung auf einige Pflanzenarten oder eine bestimmte Betriebsart, kann eine Vollmechanisierung unter fast gänzlicher Ausschaltung der menschlichen Arbeitskraft erreicht werden. Die Produktion wird so weit verbilligt, daß auch unter hohen Transportkosten eine Konkurrenz dem europäischen Markt gegeben erscheint. Heute ist nur die Konkurrenz des Westens in der Landwirtschaft zu spüren, aber es mag die Zeit nicht ferne sein, wo der Osten vielleicht das Produkt seiner Getreidefabriken auf den europäischen Markt wirft. Er hat durch radikale Umstellung des europäischen Ostens von der bäuerlichen Betriebsweise zur Getreidefabrik wohl augenblicklich seine Konkurrenzfähigkeit verloren, aber es ist immerhin mit der Möglichkeit zu rechnen, daß die Fabrik, wenn sie die Umstellungszeit hinter sich hat und auf vollen Touren läuft, in den europäischen Raum ihre Produktion schicken wird. Dem Konkurrenzkampf der Farm und Kolchose wird der europäische Bauer nicht standhalten können. Es muß daher heute schon, wenn man sich nicht entschließt, den Bauern im europäischen Raum abzuschreiben und eine vollständige Umstellung der gesellschaftlichen Schichtung vorzunehmen, ein neuer Weg gefunden werden, um dem. Bauern ein Bestehen zu ermöglichen. Diesen Weg suchen die Genossenschaftler Deutschlands und Frankreichs und sehen die Zukunft in einem Ausbau der Genossenschaften, aber auch in einer europäischen Anbau- und Ab-satzplanung, welche die Ungunst des Klimas weitgehend ausgleichen soll. Wie weit diese Planung gerade im europäischen Raum bei der Vielfalt seiner Betriebszweige möglich sein wird, muß erst die Zukunft lehren. Wenn nicht durch neue Wege die europäische Landwirtschaft der Konkurrenz der industriemäßigen Nahrungsfabriken des Ostens und des Westens Einhalt gebieten wird, so gehört der europäische Bauer der Vergangenheit an, mit ihm aber auch die derze.it gültige Gesellschaftsordnung.

EINE THEATERKARTEN - LOTTERIE wird also das nächste ungeeignete Mittelsein, mit dem die Theaterdirektoren das Schreckgespenst der Theaterkrise bannen wollen. 400.000 Lose, deren jedes fünf Schilling kosten soll, werden vom 1. Dezember ab in Theaterkanzleien und Lottokollek-turen aufgelegt sein; als besonderer Anreiz ist vorgesehen, daß jedes Los gewinnen wird: denn wenn man mit seinem Los schon keinen Haupttreffer macht — für den Geld ausgezahlt würde —, so kann man damit immerhin noch einen Sitzplatz im Theater erwerben. Damit würde sich die Tragödie der Theaterkrise endgültig zur Komödie wandeln; seit geraumer Zeit wird am darniederliegenden Theaterleben Österreichs von Fachmännern und Laien ziemlich wahllos herumgedoktert — geholfen hat noch keines der angewandten Mittelchen, ob sie nun Kulturgroschen, Subvention, ermäßigter Gruppenbesuch oder wie immer sonst hießen. Einsichtige Kritiker meinen — und wahrscheinlich mit Recht —, daß die Wurzel des Übels tiefer liege und nicht zum Beispiel von den Eintrittspreisen abhinge, die vergleichsweise ohnehin nicht höher seien, als sie es zu den Zeiten waren, da es unmöglich war, an den Abendkassen noch einen Sitzplatz zu erstehen. Sie meinen, daß vor allem schlechte, zeitungerechte und unüberlegte Spielpläne die Schuld am mangelnden Interesse des Publikums und damit an der Theaterkrise trügen. Daß es bisher an Lotteriespielplänen gefehlt habe, wollten . sie damit vermutlich nicht ausdrücken.

ALS „IN ÖSTERREICH UNMÖGLICH“ wird im „Tagebuch“ der französische Abbi B oulier bezeichnet, der kürzlich in dem Prozeß von Roanne mit kommunistischen Friedenskämpfern als Zeuge fraternisiert hat. Dem Urteil der kommunistischen Wochenschrift ist beizupflichten: „in Österreich unmöglich“. Aber so ziemlich auch in Frankreich. Der Pariser Erzbischof Msgr. Feitin verlauibart in seinem Amtsblatt „Se-maine religieuse“, daß er sich gezwungen sah, das Interdikt über den Abbe zu verhängen, der trotz aller Ermahnungen zu der ihm verbotenen politischen Tätigkeit zurückgekehrt sei. Abbe Boulier ist unter den extremistischen Sonderlingen der politischen Schaubühne kein Unbekannter mehr. Schon Kardinal Suhard — und vor ihm, während der Vakanz, Kapitalsvikar Msgr. Beaussart — hatten kirchliche Strafen über ihn verhängt. Dies wegen seiner Haltung auf dem Kongreß von Velherad, wegen seiner Teilnahme an den von einer pseudokatholischen Aktion aufgezogenen Manifestationen, die als häretisch und schismatisch erklärt worden waren, wegen seinen Beziehungen zum exkommunizierten Tschechen Pater Plojhar. Das über ihn jetzt verhängte Interdikt ist keine Exkommunikation, sondern eine für Geistliche vorgesehene Strafe. Der unter Interdikt Stehende kann keine Messe mehr lesen und keine Sakramente empfangen oder spenden, außer wenn jemand in Todesgefahr das Sakrament von ihm verlangt. Er ist aber weiterhin verpflichtet, die Soutane zu tragen.

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