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R-andhemerkungen zur woche

„DIE AKTIVITÄT DES HEILIGEN STUHLES 1950“ betittelt sich ein soeben im Vatikan erschienenes Handbuch des Heiligen Jahres. Kein Weißbuch der diplomatischen Aktionen, wie man vielleicht glauben möchte, kein „Rechenschaftsbericht“ in der Form jener Farbbücher, die große brennende Fragen oft so fragwürdig behandeln. Nichts von alledem. Was aber steht auf den 560 Seiten, was schildern die zahlreichen Photos? Keine Kriegs- und keine „Friedens“-Demonstrationen; vielmehr: einen minuziösen Bericht, Tag für Tag und Monat für Monat über die Empfänge, Ansprachen des Hl. Vaters, dazu über die Arbeiten aller päpstlichen Kongregationen, Ämter, Fürsorgeeinrichtungen, Hilfswerke, Akademien der Künste und Wissenschaften, Tatsachen, Akten, Fakten. Registriert mit der kühlen Genauigkeit wissenschaftlicher Akribie und Präzision. Wenn das Gesamtwerk dennoch einen geradezu leidenschaftlichen Eindruck erweckt, dann sind es die Photographien, die anzeigen, was hinter den Namen, Zahlen, Daten steht: eine ganze Menschheit, die in Sorge und Freude ihre Anliegen zu ihrem Vater trägt. Menschen aller Rassen und Klassen, aller Farben und Kontinente drängen hier heran, strömen herein in den Vatikan, in St. Peter, sprechen, fragen, antworten, bitten, beten ... Würdenträger und Minister, von Bevin bis zu mohammedanischen Scheiks der Wüste, Gelehrte und Arbeiter, unendlich vielfältiges Volk... In ihm und über ihm die Weltkirche: die Feste der Heilig- und Seligsprechungen, die Verkündigung des Himmelfahrtsdogmas. Und dann gleich wieder Arme, Kranke, Kriegskrüppel, Waisen ... Von der Eröffnung bis zur Schließung der Heiligen Pforte: in den Gesichtern dieser Menschen, im Glanz der kirchlichen Feiern ist alles irgendwie da, gegenwärtig von dem, was dieses Jahr der Menschheit anzubieten begonnen hat: die Hoffnung auf eine Friedensgemeinschaft aller jener, die guten Willens sind. So 'wirkt dieses imponierende Buchwerk in seiner selbstsicheren Art der Darbietung eines riesigen Materials heute, vor Ostern 1952, wahrhaftig als eine gute Botschaft. Ein großes Vertrauen auf die Menschen, auf Gott spricht aus dieser Dokumentation jenes Jahres, das die Mitte bildet unseres sehr gefährdeten und sehr begnadeten Jahrhunderts.

DER BEITRAG DER ÖFFENTLICHEN HAND zur Preissenkungsaktion beschäftigt gegenwärtig im größten Ausmaß die österreichische Volksvertretung. Bekanntlich hat die österreichische Wirtschaft im vergangenen Jahr mit Preissenkungen zunächst bescheidenen Ausmaßes begonnen, um der drohenden Gefahr einer inflationistischen Entwicklung zu begegnen. Es wurde in diesem Zusammenhang nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß fühlbare Preissenkungen auf die Dauer nur dann erwartet werden können, wenn der Wirtschaft ein sogenannter Belastungsstopp zugebilligt würde. Besondere Optimisten wagten sogar, zum Jahreswechsel den Ruf zu erheben, der Staat möge durch Steuererleichterungen beziehungsweise Herabsetzung von Tarifen und öffentlichen Gebühren — Post und Bundesbahn — ebenfalls einen Beitrag leisten. Der Widerhall sieht folgendermaßen aus: Die österreichischen Bundesbahnen sind, wie man so schön zu sagen pflegt und wie in diesem Blatt auch schon in aller Ausführlichkeit gesagt wurde, „ein Faß ohne Boden“. Die staatlichen Zuschüsse erreichten im Jahre 1949 ungefähr die Milliardengrenze und werden für das laufende Finanzjahr auf 1200 Millionen Schilling geschätzt. Gegenwärtig wird das tägliche Defizit mit rund 4 Millionen Schilling angegeben. Einsparungen kommen aus parteiegoistischen Gründen scheinbar nicht in Frage! So bleibt — wie könnte es denn anders sein — als einziger und wohl auch bequemer Ausweg die Erhöhung der Tarife übrig. Dieser wird denn auch beschritten werden. Diese Maßnahme allein wäre aber ein Zeichen einer „kurzsichtigen staatlichen Wirtschaftspolitik“. Denn es besteht die nicht zu leugnende Gefahr, daß bei einer Erhöhung der Gütertarife der Eisenbahnen findige Unternehmer ihre Transporte eben durch andere Verkehrsmittel durchführen lassen. Eine „umsichtige und planvolle staa'liche Wirtschaftspolitik“ muß auch hiefür Vorsorge treffen. „Die Erhöhung der Eisenbahngütertarife erfordert Maßnahmen zur Verhü ung einer wirtschaftlich unerwünschten Verlagerung des Güterfernverkehrs auf die Straße. Durch die Beförderungssteuernovelle soll der Güterfernverkehr mit Kraftfahrzeugen einem zusätzlichen besonderen Steuersatz unterworfen werden, um durch die Erhöhung der Belastung des Straßenverkehrs die Konkurrenzfähigkeit der Schienenbahnen bei der Beförderung von Gütern auf größere Entfernungen zu sichern." Diese Sätze entstammen nicht einer sarkastischen Parodie unserer Wirtschaftspolitik, sondern dem Motivenbericht der Regierungsvorlage über die Beförderungssteuernovelle 1952! Und weil wir nun einmal planvolle Wirtschaftspolitiker besitzen, lassen wir es nicht mit der Beförderungssteuernovelle bewenden, sondern verdoppeln unter einem den Zuschlag zur Mineralölsteuer, so daß sich die gesamte steuerliche Belastung bei 100 Kilogramm Benzin von bisher 138 Schilling auf 230 Schilling und bei 100 Kilogramm Petroleum und Gasöl von bisher 54 Schilling auf 90 Schilling erhöht. Das ist eine Antwort auf den Ruf nach einem Beitrag der öffentlichen Hand zur Preissenkungsaktion! Wer es nicht glaubt, wird es schon nach kurzer Zeit im Bundesgesetzblatt lesen können, wer auch bei dessen Lektüre noch zu träumen vermeint, wird die Auswirkungen schon ab 1. Mai 1952 spüren!

GEISTIG SCHAFFENDE ÖSTERREICHER haben wieder einmal in einer eindringlichen Kundgebung jenes unter Führung eines bekannten Nationalrats lind gewiegten Politikers stehenden Verbandes die Sorgen, Wünsche und Forderungen ihres Standes auf gezeigt. Man habe ein gutes Ohr für den bitteren Unterton, der allen sonst mit viel Politesse und Sinn für politischen Takt vorgetragenen Reden gemeinsam war! Führt schon ein Forum, das sich hauptsächlich aus Menschen des öffentlichen Dienstes zusammensetzte — wie lautete doch schon die alt-österreichische Faustregel? Sie haben zwar nichts, aber das haben sie sicher — eine solche Sprache, welche Töne sind dann erst zu hören, wo zwei oder mehrere unserer jungen Akademiker Zusammenkommen? Die seit Jahren auf eine freie Stelle lauernden Mittelschullehrer, die unbezahlten Gastärzte, die sich freuen, wenn sie im Monat viermal Nachtdienst machen dürfen, weil sie dann wenigstens am Ultimo einen Kassensaldo von 40 (in Worten: vierzig) Schilling aus- weisen können, von dem Hungerdasein junger Künstler und Schriftsteller ganz zu schweigen. Schwere Schuld hat ihnen gegenüber ein Staat, der sich in vieler Hinsicht mit Recht der sozialste der Welt nennt, noch abzutragen. Aber — und auch das muß gesagt werden — ein Teil dieser Schuld ist im eigenen Haus zu suchen. Uneinigkeit heißt das Alte Übel, das alle solidarischen Aktionen von Intellektuellen entweder überhaupt vereitelt oder nach schönen Anfangserfolgen bald verebben läßt. Während des Ausstandes der Rechtspraktikanten hörte man einige Zeit viel von einem „Jungakademikerverband“. Der Auftakt war ermutigend, dann wurde es um die neue Gründung aber wieder still, immer stiller. Gerüchte erzählten damals, daß der Teilerfolg der Streikenden ihr Interesse an weiteren akademischen .Gemeinschaf saktio- nen stark vermindert hätte ... Nun hat sich ein „Komitee jungpromovierter Ärzte“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Wird auch dieses sich mit kurzfristigen Aktionen begnügen, sozusagen nur „Erste Hilfe“ in eigener Sache leisten wollen oder die Sache der Einheit der jungen Akademiker aller Berufsgruppen um einen großen Schritt vorwärts treiben? Um publizistische Unterstützung braucht ein solches Unternehmen jedenfalls nicht bange sein.

86 MILLIONEN DOLLAR werden also auch, im kommenden Jahr Österreich von jenseits des Atlantik zugewendet werden! Diese Beihilfe, bei der unser Land mit dem durch Krieg, die jahrelange Besetzung und die nachfolgenden Partisanenkämpfe hart mitgenommenen Griechenland auf die gleiche

— und einzige — Stufe der Hilfsbedürftigkeit gestellt wird, vermag die allerschwärzesten Wolken von unserem wirtschaftlichen Horizont zu vertreiben. Gewiß kann diese Hilfe das Defizit unserer Zahlungsbilanz nicht allein decken, die Fortführung der lebensnotwendigen Investitionen nicht allein in vollem Maße gewährleisten. Aber das soll sie wohl auch nicht. Sie soll unseren eigenen Anstrengungen einen festen Ausgangspunkt bieten und diesen einen Auftrieb geben. 86 Millionen Dollar entsprechen rund gerechnet etwa zwei Milliarden Schilling, übersteigen also den Abgang unseres Staatshaushaltes für das Jahr 1951 nicht unbeträchtlich. Dieser Haushalt wird in Hinkunft noch mehr „Haushalten“ müssen als bisher. Die Erfahrungen des heurigen Jahres, die in diesem erzielten Erfolge und Mißerfolge Können uns ein Wegweiser sein, wie wir diese vielleicht letzte Gunst des Schicksals werden zu nutzen haben.

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