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GERECHTERE STRUKTUREN

1,3 Milliarden Menschen, also etwa ein Drittel der Weltbevölkerung, leben unter Bedingungen, die mit dürren Worten als „absolute Armut" bezeichnet werden. Das heißt, daß sie zu jeder Möglichkeit greifen müssen, um überleben zu können. Innerhalb dieser Gruppe leiden nach Angaben des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen von 1991 bereits 800 Millionen Menschen an akutem Hunger, der wütende Schmerzen verursacht und den Körper schwächt und anfällig macht für Krankheiten.

Besonders betroffen sind hier bekanntlich die Kinder: Viele kommen bereits mit bleibenden geistigen und körperlichen Schäden auf die Welt; jährlich sterben rund 14,5 Millionen Kinder, also 40.000 Kinder pro Tag, aus Mangel an ausreichender und vollwertiger Nahrung, oft als Opfer völlig harmloser Darmerkrankungen.

Schon 1985, also knapp nach der großen Hungersnot in der Sahelzone und in Äthiopien, lautete der Befund der UN-Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation FAO, daß es genügend Reserven an Weizen, Reis und anderen Getreidesorten gibt, um jedem Menschen auf der Erde 2.400 Kalorien und das nötige Eiweiß zur Verfügung zu stellen. Auch zu Beginn der neunziger Jahre würde die Nahrungsmittelproduktion reichen, um alle Menschen quantitativ und qualitativ vollwertig zu ernähren: Der „Weltentwicklungsbericht" von 1991 zeigt, daß ein durchschnittliches weltweites Kalorienangebot von 2.669 Kalorien pro Kopf möglich wäre. Die Reserven sind zurückgegangen, lagen aber 1990 noch bei 17 Prozent.

Ungleiche Verteilung Doch die Nahrungsmittelproduktion ist ungleich verteilt: Die Länder der Dritten Welt produzieren zwar mit einem Anteil von einer Milliarde Tonnen etwas mehr als die Hälfte der Weltgetreideproduktion (FAO 1990), umfassen aber fast vier Fünftel der Weltbevölkerung. In afrikanischen Ländern südlich der Sahara geht die Produktion seit Jahren zurück. Die Kluft von fast 1.400 Kalorien, die im Durchschnitt zwischen Menschen aus Ländern mit hohem Einkommen und solchen aus einem schwarzafrikanischen Land besteht, kann im Einzelfall viel größer sein.

Die Ursachen des Hungers sind sehr eng mit dieser ungleichen Verteilung der Nahrungsmittel verknüpft. Die mangelnde Kaufkraft, das niedrige Einkommen des Großteils der Bevölkerung der Länder der Dritten Welt, die niedrigen und schwankenden Preise für landwirtschaftliche Produkte sowie Exporthemmnisse und die wachsende Auslandsverschuldung stellen ein Ursachenbündel dar. Das hohe Bevölkerungswachstum verstärkt zweifellos die Probleme.

Die Folge des verzweifelten Geldmangels der Bäuerinnen und Bauern und die ebenso verzweifelte Abhängigkeit der Regierungen der Dritten Welt von Agrarexporten führt dazu, daß die Selbstversorgung immer mehr untergraben wird, immer mehr Böden für den Anbau von Exportprodukten verwendet und wertvolle Nahrungsmittel verschleudert werden. Mit hohem Energieaufwand, mit hohen ökologischen Verlusten und mit hohen sozialen Belastungen.

Diese Ausplünderung der Landwirtschaften der Dritten Welt und vor allem ihrer ländlichen Bevölkerung hat Tradition: Im Kolonialismus wurden blühende Landwirtschaften durch rücksichtslose Plantagenwirtschaft und den großflächigen Anbau von Rohstoffen für die verarbeitende Industrie Europas, sowie von Genußmitteln, Südfrüchten und Gewürzen zerstört. Mit der Unabhängigkeit wurden diese Produktionsmuster und Handelsstrukturen im Zeichen eines Entwicklungsbegriffs, der Fortschritt mit wirtschaftlichem Wachstum nach dem Vorbild der industrialisierten Ländern gleich setzte, eher verstärkt als verändert. Zunächst wurden die Landwirtschaften der Dritten Welt zwar zugunsten der Industrie zurückgestellt, rückten dann aber als „Devisenbringerinnen" immer mehr in das Blickfeld des Interesses. Sie sollten mit einem Großeinsatz von Hochtechnologie und Chemikalien - die „Grüne Revolution" Indiens ist das bekannteste Beispiel dafür - in profitable Unternehmen verwandelt werden. Auch die Entwicklungshilfe jener Jahre hatte an dieser Art von Landwirtschaftspolitik ihren Anteil.

Probleme durch Profitgier Was zu Ende der sechziger Jahre als ein, teilweise von ehrlichem Idealismus angetriebener, „Feldzug gegen Hunger und Rückschrittlichkeit" begann, ist immer mehr zum eindeutig profitorientierten Unternehmen mächtiger Gruppierungen auf beiden Seiten des Globus geworden.

Die Tätigkeitsfelder der Landwirtschaften der Dritten Welt änderten sich: Waren nach der Unabhängigkeit der meisten Staaten noch die „klassischen Kolonialwaren" wie Baumwolle. Kaffee, Tee, Zucker und „exotische" Früchte im Vordergrund gestanden, so lag der Schwerpunkt ab Mitte der siebziger Jahre zusätzlich auf Getreideprodukten und einer neuen, breiten Palette an luxuriösen Obst- und Gemüsesorten. Daneben trat immer mehr der massenhafte Anbau und Export von wertvollen und eiweißreichen Produkten in den Vordergrund, die an das Vieh der reichen Länder verfüttert werden...

In den letzten Jahren tritt eine neue Sparte in den Vordergrund: Mit dem Anbau von Blumen in Ländern der Dritten Welt, vor allem in Kolumbien und in Kenia, geht die „Umwidmung" von Land zur Ernährung der Bevölkerung in Böden zur Produktion von Exportartikeln - mit ökologisch geradezu wahnwitzigen Methoden - weiter. Der selbstmörderische Kahlschlag der Regenwälder ist auch in diesen Zusammenhang einzuordnen.

Zu den „Nebeneffekten" der immer lückenloseren Modernisierung und Mechanisierung der Landwirtschaften der Dritten Welt und ihrer „Integration" in den Weltmarkt gehören die Entwurzelung von Millionen Menschen, anwachsende Flüchtlingsströme, krasse Armut, Hunger und Unterernährung, die Zunahme sozialer Konflikte und die ökologische Zerstörung weitester Gebiete.

All das erhöht die Nahrungsmittelknappheit der Länder der Dritten Welt und zwingt sie zu riesigen Einfuhren. So mußten diese Staaten 1990 insgesamt 120 Millionen Tonnen Getreide importieren - wodurch die Verschuldung weiter in die Höhe schnellte. Eine andere Möglichkeit, diese Lük-ke zu schließen, besteht in der Erteilung von Nahrungsmittelhilfe. Diese ist einerseits viel zu gering - das Weltemährungsprogramm der Vereinten Nationen stellt fest, daß 28 Millionen Tonnen Getreide pro Jahr an Nahrungsmittelhilfe nötig wären, um den akutesten Hunger zu stillen: tatsächlich beträgt sie zwölf Millionen Tonnen -, andererseits verstärkt sie die Abhängigkeit und vielfach ungerechte Wirtschaftsstrukturen.

Der Ausweg aus den Hungerkrisen, aus Massenarmut und ökologischem Desaster kann nur in der Erkenntnis liegen, daß Hunger und Armut keine technischen, sondern zutiefst politische Fragen sind, hinter denen nur zu oft Fehlentscheidungen, Habgier und Kurzsichtigkeit stehen. Daraus ergibt sich, daß der Schutz der ländlichen Bevölkerung der Dritten Welt vor ausbeuterischen Produktions-, Ver-marktungs- und Handelsstrukturen und die Stärkung ihrer Möglichkeiten, vom Ertrag ihrer Arbeit leben zu können, im Vordergrund stehen muß. Dazu gehören effiziente und mutige Landreformen, der Aufbau von Genossenschaften und die Unterstützung aller Formen ländlicher Selbstverwaltung und Basisarbeit sowie der Kampf um gerechte Preise und Löhne.

Gerechtere Welthandelsstrukturen, und zwar sowohl in qualitativer als auch in quantitativer. Hinsicht, und die Erlassung eines Teils der Auslandsschulden bilden die Rahmenbedingungen dafür, daß die „kleinen Leute" der Dritten Welt - Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, landlose Arbeiterinnen und Ureinwohnerlnnen der tropischen Wälder - nicht weiter unter die Räder kurzsichtiger Wirtschaftsinteressen kommen. Ein Einsatz in diesem Bereich sowie die Entscheidung für ein persönliches Konsumverhalten, das Produkte bevorzugt, die umweit- und menschengerecht erzeugt und vermarktet werden, ist im umfassendsten Sinn ökonomischer und zielführender als die Wiederbegrünung und Aufforstung verödeter Gebiete, als Notprogramme und die Lieferung von Hilfssendungen in Katastrophengebiete...

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