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Die Natur hat uns längst satt

Wer fragt, „Was werden wir morgen essen?” fragt auch indirekt, ,Was wird morgen auf den Äckern wachsen?”

Heute ist noch immer die konventionelle, das heißt pestizid- und düngemittelintensive Landwirtschaft dominierend. Die katastrophalen Nebenwirkungen der billigen Nahrungsmittel sind jedoch nicht mehr zu übersehen oder wegzuleugnen. Die Enquetekommission zum Schutz der Erdatmosphäre des deutschen Bundestages, die die Folgen der Landwirtschaft auf das Weltklima untersuchte, spricht sich vehement für einen raschen Umstieg auf Ökologischen Landbau aus.

Einige Nebenwirkungen der konventionellen Landwirtschaft seien dazu hier nur kurz angeführt: Anhei-zung des Treibhauseffektes, Zerstörung der stratosphärischen Ozon-schicht (Vergrößerung des Ozonlochs), Beteiligung an der Bildung von Vorläufersubstanzen der bodennahen Ozonbildung, Anreicherung von Pestiziden und Nitrat im Grund-und Trinkwasser, Nitrat und Pestizi-drückstände in den Lebensmitteln, Verlust der Artenvielfalt, Artensterben, Emission von Gasen zur Bildung des sauren Regens, hoher Verbrauch nicht erneuerbarer Energieträger ... Es ist offenkundig, daß diese Form der Bewirtschaftungsweise mittelfristig nicht aufrecht zu erhalten ist. In Zukunft werden daher nur jene zwei Technologien bestehen bleiben, die heute schon den Anspruch erheben, den Kriterien für eine nachhaltige ökologischere Landwirtschaft gerecht zu werden.

1. Die agrarische Gentechnik: Sie möchte den Nebenwirkungen der konventionellen Landwirtschaft durch (Molekular-)Biologisierung (Stichwort „sanfte Chemie”) statt Chemisierung Abhilfe schaffen.

2. Der Ökologische Landbau: Hier wird - schon seit etwa 1920 - mit einem Ökosystemaren Ansatz versucht, den Schwierigkeiten der Nahrungsmittelproduktion durch sogenanntes Know how- und Know why-intensi-ves Management zu begegnen.

Trotz der jungen Geschichte der agrarischen Nutzung der Gentechnologie ist sie kräftig im Vormarsch, denn auf sie setzt die Agrarindustrie für den Tag, an dem das Flaggschiff „konventionelle Landwirtschaft” nicht mehr aus dem Hafen auslaufen darf.

Was diese beiden Technologien vom Prinzip her grundsätzlich unterscheidet, ist auf obiger Tabelle kurz dargestellt: Man erkennt deutlich, daß die Forschungs- und Lösungsansätze einander diametral gegenüberstehen. Die Gentechnik sucht Lösungen auf molekularer Ebene, agrarische Problemursachen wie vereinfachte Fruchtfolge und monotone, großflächige Felder und dergleichen mehr werden in die Lösungssuche nicht miteinbezogen.

Der Ansatz des Ökologischen Landbaus ist agrar-ökosystembezo-gen und versucht, die durch eine falsche beziehungsweise vereinfachte Produktionsweise entstandenen Störungen zu beheben. Durch sogenannte vorbeugende Maßnahmen können

Gift und Gülle,

Pestizide und Nitrate. Die Umweltverschmutzung durch die Agrarwirtschaft ist nicht mehr zu übersehen. Wo liegt die Lösung?

somit viele der Krankheiten, die in der konventionellen Landwirtschaft auftreten, vermieden werden. Dennoch sind auch im Ökologischen Landbau noch viele Krankheits- beziehungsweise Schädlingsprobleme unbefriedigend gelöst.

Häufig wird formuliert, daß die Gentechnik in der Landwirtschaft nur eine Fortführung der konventionellen Landwirtschaft ist, und daß manche unökologischen Nebenwirkungen sich noch verstärken werden.

Daß diese Vermutung nicht zu weit hergeholt ist, läßt sich auch am Schwergewicht der Forschungen in diesem Bereich erkennen. Es ist vor allem das Gebiet der Besistenz von Kulturpflanzen gegen Herbizide (chemische Unkrautvernichtungsmittel wie zum Beispiel Basta), in dem geforscht und entwickelt wird. Zwei Drittel aller . Freisetzungsversuche von 1992 in OECD-Ländern wurden bezüglich Herbizidresistenz durchgeführt. Nur je zehn Prozent entfielen auf Viren- beziehungsweise Insekten resistenz.

Doch auch die kombinierte Resistenz gegen Herbizide und einem Schädling der Kulturpflanze kann den Ökologen nicht so recht überzeugen. So stellt sich - unabhängig der Risiko- und Toxinproblematik - die Frage nach dem Nutzen eines Maises, der gegen Herbizid und gegen den Maiszünsler resistent ist, wenn dieser Schädling in nur zirka zehn bis 15 Prozent der Betriebe Österreichs bekämpfungswürdig ist, und die Bekämpfung laut österreichischem Bundesamt für Landwirtschaft eigentlich ausschließlich mit Nutzungen, zum Beispiel einer Schlupfwespenart, erfolgt, da chemische Insektizide nicht den erwünschten Bekämpfungserfolg zeigen. Ähnliches ließe sich gegen eine herbizid- und virusresistente Zuckerrübe vorbringen.

Heute werden fast alle wichtigen Kulturpflanzen gentechnisch manipuliert. Die wichtigsten Ziele sind: Herbizid-, Insekten- und Virusresistenz, Modifikation der Ölsäuremu-ster, der Eiweißzusammensetzung, der Stärkezusammensetzung und dergleichen mehr.

Von den genmanipulierten Pflanzen sind bis jetzt drei Produkte am Markt (zum Verkauf) zugelassen: her-bizidresistenter Tabak, herbizidresi-stenter Baps und die „berühmte” Anti-Matsch-Tomate. Unmittelbar vor der Zulassung steht ein herbizid-und maiszünslerresistenter Mais. Die Tendenz von neuen, transgenen Produkten auf europäischen beziehungsweise österreichischen Äckern und Küchen ist stark steigend.

Neben den direkten gentechnischen Veränderungen von Pflanzen und Tieren (siehe Artikel auf Seite 16) in der Landwirtschaft, finden vor allem im Bereich der Nahrungsmittelverarbeitung gentechnische Methoden große Einsatzmöglichkeiten. Hier sind es gentechnisch veränderte

Mikroorganismen und aus gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellte Zusatzstoffe, die in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden. Die Zielsetzungen der genetischen Manipulation richten sich nach ökonomischen Kriterien.

Im Mittelpunkt des züehterischen Interesses stehen:

■ Beschleunigung des Verarbeitungsprozesses zur Kosteneinsparung;

■ Prozeßsicherung um das Risiko eines Produktionsfehlers zu verringern, geringeres Risiko - geringere Kosten;

■ Änderung des ernährungsphysiologischen Wertes (zum Beispiel Light-Produkte und ähnliches);

■ Verlängerung der Haltbarkeit;

■ Schaffung neuer Produkte.

Der Einsatzbereich von Mikroorganismen hat lange Tradition und ist überaus vielfältig. Hier einige Beispiele:

Bakterien werden eingesetzt für die Produktion von: alkoholischen Getränken (zum Beispiel Wein, Most), Essig, Sauerkraut, Sauermilch, Joghurt, Käse, Sauer-Gemüse, Bohwür-sten...

Hefen für: alkoholische Getränke (zum Beispiel Bier), Brot, Sojasauce...

Pilze für: Schimmelkäse, Boh-schinken, Salami, Sojasauce...

Einige gentechnologische Produktinnovationen seien angeführt:

Brot: Hefe für eine verkürzte Teigführung;

Bier: Hefe .für verkürzte Prozeßführung, einfachere Herstellung von Light-Bieren;

Joghurt: Bakterien, die ein Erdbeeraroma produzieren;

Käse: mit gentechnisch hergestelltem Labferment.

Wieviele dieser Innovationen bereits auf dem Markt sind, darüber herrscht Uneinigkeit.

Zumindest bei Käse ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß in vielen Molkereien bereits seit mehreren Jahren gentechnisch hergestelltes Labferment zum Einsatz kommt.

Will man die beiden Entwicklungen „Gentechnik” und „Ökologischer Landbau” aus der Sicht einer nachhaltigen Landwirtschaft beurteilen, so fällt das zugunsten des Ökologischen Landbaus aus, wobei die strittige Risikofrage nicht berücksichtigt wurde.

Die Gründe dafür sind:

■ Durch die Forcierung herbizidresi-stenter Pflanzen mittels der Gentechnik wird der Einsatz von Herbiziden und seinen nachteiligen Folgen weiterhin zumindest bestehen bleiben.

■ Die Gentechnologie sucht und erbringt Lösungen für eine energie- und rohstoffintensive Landwirtschaft. Fehlentwicklungen werden nicht hinterfragt. Stattdessen werden gen-technologische Lösungen angeboten, die den Kreislauf von Ursache und Wirkung nicht durchbrechen, sondern ständig neue Folgeprobleme nach sich ziehen (zum Beispiel hohes Nährstoff- beziehungsweise Düngungsniveau).

■ Die Probleme, die bei chemischen Schädlings- und Unkrautvernichtungsmitteln auftraten, indem die Schädlinge beziehungsweise Unkräuter Resistenzen bildeten und somit ein neues Präparat eingesetzt oder die Ausbringungsmenge erhöht werden mußte, sind auch für gentechnisch veränderte Pflanzen zu erwarten. Um also beim Wettlauf mit den Schädlingen mithalten zu können, sind ständig neue transgene Züchtungen erforderlich.

' Durch die Dominanz der Ökonomie werden von 20.000 eßbaren Pflanzen großteils nur noch 15 angebaut. Während sich die genetische Vielfalt auf den Äckern und somit in-der Küche ständig reduzierte, nahm die optische Produktvielfalt (unzählige Kartoffelprodukte - Chips, Pommes et cetera) in den Verkaufsregalen ständig zu. Dieser Trend wird durch die gentechnisch erweiterten Möglichkeiten in der Nahrungsmittelverarbeitung einerseits und die starke Konzentration im Saatgutbereich noch verstärkt.

Die großen Saatzuchtunternehmen setzen zunehmend auf gentechnische Methoden. Die Züchtung für den Ökologischen Landbau ist - aus Kostengründen - praktisch inexistent. Dadurch wird die Basis für den Ökologischen Landbau, der bisher Saatgut aus der Züchtung für die konventionelle Landwirtschaft verwendete, und der sich von gentechnischen Methoden distanziert, sehr schmal.

Bereits in wenigen Jahren, so fürchten Experten, wird für den Ökologischen Landbau nicht mehr ausreichend nicht gentechnisch manipuliertes Saatgut zur Verfügung stehen. Im Sinne der Vielfalt und des demokratischen Prinzips der freien Wahlmöglichkeit (für Landwirte und Konsumenten) ist eine Aktion „Öko-Saatgut” daher dringend notwendig.

Der Autor ist

Absolvent des Studiums „Angewandte Ökologie und Umweltschutzwissenschaften ” In seiner Diplomarbeit beschäftigte er sich mit Fragen der Technikfolgenabschatzung von Ökologischem Landbau und agrarischer Gentechnologie.

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