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...und was essen Sie?

Das Essen ist noch eine private Sache - aber die Auswahl der Lebensmittel ist es nicht mehr. Die Wahl der Speisen ist mitentscheidend für Klimawandel und Ressourcenverbrauch.

Es steckt ja schon im Namen, Bio ist gut für die Umwelt. Bio zählt zum gehobenen Lifestyle, Bio-Art ist als Kunstbegriff etabliert, selbst Bio-Metzgereien für Hunde sind schon eröffnet. Wer sich biologisch ernährt signalisiert Umweltbewusstsein, hohe Naturverbundenheit aber auch besseres Wissen, wie und was Nahrung sein soll.

Essen ist Privatsache, nirgendwo ist der Mensch so impulsgesteuert und so uneinsichtig wie beim Essen, gerade wenn’s ums Fleisch geht. Fleisch signalisiert Wohlstand, soziale Integration und Erfolg, Fleisch gibt Energie, macht stark und schnell. Den meisten läuft beim Gedanken daran das Wasser im Munde zusammen, bei rund fünf Prozent erzeugt er Brechreiz. Reaktionen, die das unterschiedliche Ernährungsverständnis widerspiegeln. Richtig ist, dass Fleisch zu den hochwertigen Nahrungsmitteln zählt und als gesund bezeichnet werden kann, in den heutzutage verdauten Mengen aber nicht mehr. Der Verbrauch von Fleisch liegt um ein Vielfaches über den von Experten empfohlenen Mengen.

Nicht mehr ganz so privat ist es hingegen, mit welchen Mitteln und Folgekosten die enormen Mengen an Fleisch und Fisch erzeugt werden, um unsere Gier danach zu befriedigen - als Hunger lässt sich das nicht mehr bezeichnen. Aber nicht nur der Verzehr von Fleisch in den hoch entwickelten Ländern ist zu hoch, nahezu gigantisch ist auch der dafür anfallende Verbrauch an Ressourcen: Rund ein Drittel der Landfläche des blauen Planeten muss für die Befriedigung der Fleischeslust herhalten. Rund 53 Milliarden Landtiere fallen der Fleischgier jährlich zum Opfer. Voriges Jahr wurden allein in deutschen Schlachthöfen 28 Millionen Schweine geschlachtet, mehr als je zuvor. Die Nachfrage steigt täglich und soll um weitere 70% wachsen. Wir fressen die Zukunft auf. Ökonomisch im engeren Sinne ist das ein Erfolg, nährt das Fleisch doch eine globale Industrie, die gut 240 Milliarden US-Dollar schwer ist. Negative, sogenannte externe Effekte, wie immenser Wasserverbrauch, Hinterlassenschaften des Dünger- und Pestizidverbrauches für Futtermittel, werden nicht eingepreist. Das macht es für uns billig, für folgende Generationen aber teuer.

Mit dem Fleisch steigt der Flächenverbrauch

Vielen scheint die Lösung dieser Probleme in biologischer Nahrungsmittelproduktion zu liegen, also in artgerechter, nachhaltiger, naturbezogener, umweltgerechter, nicht industrialisierter Erzeugung von Lebensmitteln. Doch die Geister scheiden sich - auch hierzulande - und der Nutzen wird in Frage gestellt. Eine Studie des Energieinstituts der Universität Linz, der Österreichischen Vereinigung für Agrarwissenschaftliche Forschung (ÖVAF) und des Instituts für Ernährungswissenschaften der Universität Wien hält die Umweltvorteile der Biolebensmittel für vergleichsweise gering.

Ausgewogene Ernährung würde hingegen viel mehr bringen. Auch dafür gilt das Gleiche: weniger Fleisch im Essen zugunsten von Getreide, Reis und Kartoffeln sowie Obst und Gemüse. Derzeit werden für die Versorgung der Österreicher 3600 Quadratmeter Landfläche pro Person benötigt. Das ist ziemlich genau so viel, wie zur Verfügung steht. Allerdings entspricht die Aufteilung nicht dem Verbrauch: Es gibt ein Überangebot von Grünland, aber zu wenig Ackerfläche. Daher müssen Futtermittel importiert werden. Die Umstellung auf eine ausgewogene Ernährung würde hingegen den Flächenbedarf auf 2600 Quadratmeter pro Person senken. Dann, so errechneten die Experten, wäre Österreich bei Futtermitteln autark, was zu einem Rückgang des Energie- und Düngemittelverbrauchs führe. Der Ausstoß von Kohlendioxid würde ebenfalls signifikant - um nahezu ein Drittel - sinken.

Der gesundheitliche Mehrwert biologisch produzierter Lebensmittel ist unter Experten umstritten. Einigkeit herrscht darüber, dass Bio-Obst und -Gemüse frei sind von synthetischen Pflanzenschutzmitteln und weniger Pestizide aufweisen als ihre konventionellen Pendants. Bei der Bewertung dieses gesundheitlichen Befunds ist es allerdings vorbei mit der Einigkeit. Andere Experten entgegnen, auch bei konventionell angebautem Obst und Gemüse seien Pestizid-Rückstände allermeist gar nicht nachweisbar oder lägen unter dem Grenzwert.

Zu welchem Ergebnis die Forschung der nächsten Jahre hinsichtlich der Qualität von Bio-Produkten auch gelangen wird - die Umwelt, insbesondere der Klimawandel werden in der Abwägung eine entscheidende Rolle spielen. Forschungen der letzten Jahre zeigten, dass biologische Landwirtschaft natürliche Ressourcen effizienter nutzt als die konventionelle. Verbraucherschützer geben aber auch zu bedenken, dass der Beitrag zum Klimawandel weniger von der Art der Landwirtschaft abhängt als von der Ernährungsweise der Menschen: Wer kein oder wenig Fleisch - vor allem Rindfleisch - isst, schützt das Klima auch mit konventionellen Nahrungsmitteln effektiver als jemand, der täglich Lebensmittel und Fleisch im Bioladen besorgt.

Das rechte Maß ging verloren

Mittlerweile haben sich die Bioartikel in den Regalen aller Handelsketten breit gemacht, grün gefärbt und mit bunten Etiketten geschmückt, springen sie dem Konsumenten ins Auge. Sie signalisieren Gesundes und verheißen besseres Konsumbewusstsein. Biosupermärkte schießen aus dem Boden, denn der Markt ist Milliarden schwer. Es wächst der Bio-Massenmarkt. Die Belieferung großer Lebensmittelhändler und Discounter mit Bio-Produkten, vor allem für Eigenmarken, verlangt nach großen Produktionen zu geringen Kosten. Betuchte Bio-Käufer, die lieber zu Bioprodukten als zu herkömmlichen Nahrungsmitteln greifen, weil sie sich davon eine gesündere Ernährung versprechen, zahlen selbstverständlich einen höheren Preis. So werden Bioprodukte zu Luxusartikeln. Die ökologische Wahrheit fällt unter den Tisch, denn auch in der massenhaften Bio-Produktion kommen die Hersteller keinesfalls für externe Effekte auf. Diese sind bei Agro-Industrie nach Expertenmeinung jedoch höher und sichtbarer. Auch hier werden Gewinne privatisiert, Schäden und Umweltbelastung werden sozialisiert.

Essen und damit die Wahl der Lebensmittel sind keine Privatsache mehr. "Wir dürfen nicht länger verdrängen, was wir mit unserer Kaufentscheidung anrichten“, sagt der Philosoph, Theologe und Ernährungswissenschafter Franz Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth-Stiftung für nachhaltige Agrar- und Ernährungswissenschaften.

Für die künftige Ernährung stellt sich nicht nur die Frage, ob biologisch oder konventionell erzeugte Lebensmittel die besseren sind. Entscheidendes Kriterium ist die Menge. Nur dem Konsumenten die Verantwortung in die Schuhe zu schieben, ist zu kurz gefasst. Die Verantwortung liegt ebenso beim Einzelhandel und bei den Lebensmittelketten. Sie versuchen, meist über Preise und Schnäppchenangebote, satte Menschen hungrig zu machen, mehr zu bieten als man täglich braucht. Wie sehr in den Industrieländern die Ernährung das rechte Maß verloren hat, zeigen Müllberge und Abfallmengen.

Allein in Österreich werden jährlich 96.000 Tonnen genießbarer Lebensmittel und Speisereste im Müll entsorgt. Jeder Österreicher wirft pro Jahr rund 12 kg unverdorbene und großteils original verpackte Lebensmittel in den Abfall. Die Dokumentation "Taste the Waste“ - Filmstart am 11. November - prangert die Verschwendung von Nahrungsmitteln und deren Folgen für Klimawandel, Ressourcenvernichtung und Mangelernährung von sieben Milliarden Menschen an. Ein Fazit: Die Lebensmittel, die in Europa und Nordamerika weggeworfen werden, würden dreimal reichen, um alle Hungernden der Welt zu ernähren.

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