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Der große Magen der Stadt

DER MAGEN DES ERWACHSENEN MENSCHEN hat ungefähr denselben Rauminhalt wie die Zylinder eines mittleren Personenautos, eineinhalb Liter. Wien mit seinen Randgemeinden hat 1,7 Millionen Einwohner. Wenn wir uns ihre Mägen zu einem monströsen Zentralmagen vereinigt denken, würde sein Inhalt im betonierten Oval der Opernpassage gerade einen Meter hoch stehen. Auf den ersten Blick scheint er also nicht überwältigend groß. Trotzdem bedarf es ungeheurer Nahrungsmengen, um ihn Tag für Tag zu füllen.

Jeder Wiener, ob Mann oder Frau, Wickelkind oder Greis, verbraucht monatlich durch- . schnittlich 44,5 kg Nahrungsmittel. Das sind fast 8500 Eisenbahnwaggons zu je 10 Tonnen. 280 Waggons, sieben lange. Lastzüge, im Tag. In der Stunde rutschen 120 Tonnen Nahrung, zusammen mit den entsprechenden Wassermengen, durch diese 1,7 Millionen Kehlen, zwei Tonnen in der Minute, 65 Kilogramm pro Sekunde. In der Mittagszeit schnellt diese Durchschnittszahl selbstverständlich auf ein Vielfaches empor, um gegen Morgen auf ein Minimum zu sinken. Auch jahreszeitlich ist sie Schwankungen unterworfen.

HAUPTQUELLE DER WIENER ERNÄHRUNG IST DIE INLÄNDISCHE LANDWIRTSCHAFT, die heute bereits 8 5 Prozent des gesamten österreichischen Bedarfs deckt. Auf einem Gebiet, auf dem der Gemüseversorgung, ist Wien sogar autark und von „Importen” aus der Umgebung unabhängig. Abgesehen vom Neusiedler Salat stammen die 1,3 Millionen Kilogramm Gemüse, welche die Wiener Hausfrauen ihren Familien wöchentlich auf den Tisch stellen, aus den Großgärtnereien in Floridsdorf und Simmering, nur Sorten, die hier nicht gezogen werden können (zusammen eine halbe Million Kilogramm) werden aus dem Ausland dazugekauft. Bloß dann, wenn eine außergewöhnliche Witterung die Großgärtnereien am Stadtrand lahmlegt, wie zum Beispiel der Dauerregen der letzten Zeit, werden weitere Zufuhren nötig.

Aber nicht das Gemüse das.. Fleisch ist der Hauptpost en hnErnahruiigsbudget der’1 Wiener Familie, für den sie ein Viertel ihrer Küchenausgaben aufwendet. Dementsprechend sind auch die Viehherden, die an Markttagen per Lastauto oder Bahn auf den Markt kommen. 7200 inländische Schweine und-1358 inländische Rinder sowie 150 Rinder aus Ungarn und Jugoslawien traten, zum Beispiel in der zweiten Juliwoche, den Gang in die Kochtöpfe der Wiener an. Dazu kommen die „Außermarktbezüge” der Fleischhauer, die bis zu einem Fünftel des Auftriebes ausmachen.

An zweiter und dritter Stelle im Ernährungsbudget folgen, sozusagen im Kopf-an-Kopf- Rennen, Brot, Bäckereiprodukte, Mehl und Teigwaren mit 12,7 Prozent und Milch, Butter und andere Milchprodukte mit 12.2 Prozent. Genaue Angaben über den Mehlverbrauch der Stadt Wien liegen zwar nicht vor, aber geringer als sechs bis acht Millionen Kilogramm im Monat wird er nicht sein. Das heißt, daß selbst bei den Rekorderträgen der letzten Ernte die Fläche Groß-Wiens vor der Ausgemcindung seiner Randgemeinden, wenn sie ein einziges großes Getreidefeld wäre, nicht genügen würde, um das nötige Brotgetreide für die 1,7 Millionen Menschen, die hier wohnen, herbeizuschaffen. Dabei sind die Wiener notorisch schwache Brotesser. Sie sind auch keine Brotkenner mehr: Schwankungen in der Qualität werden von vielen Konsumenten kaum mehr erkannt, weil kaum jemand noch trockenes Brot ißt. Für den Durchschnittswiener von heute ist leider, leider helles Brot gleichbedeutend mit gutem Brot. Dabei ist dunkles Brot oft viel besser und gesünder.

Sechs Millionen Liter Milch werden in Wien pro Woche gekauft. Würde man die entsprechenden Viehherden auf dem Gebiet der Bundeshauptstadt halten wollen, dann dürften hier nicht nur keine Menschen wohnen, sondern dann müßte das gesamte Stadtgebiet mit allen umliegenden Gemeinden eine einzige, intensivst genützte, regelmäßig gedüngte Weidefläche sein. Und wahrscheinlich käme man auch mit diesem Raum nicht aus. Die Milchmenge, die Wien täglich braucht, kommt nicht nur aus Niederösterreich, sondern auch aus den angrenzenden Bundesländern. Der städtische Landwirtschaftsbetrieb mit seinen 1200 Stück Milchvieh liefert nur die hochwertige, von ärztlich kontrollierten Kühen gewonnene „Babymilch”, die zum Teil an Spitäler abgegeben wird und besonders „jung”, das heißt nach höchstens 24 Stunden, auf den Markt kommt.

Wenn man sich’ den Nahrungsbedarf der Großstadt Wien in Friedenszeiten vor Augen hält, erscheint es einem heute wie ein Wunder, daß sie in der Nachkriegszeit nicht verhungert ist. Am empfindlichsten vermißte der Städter damals das Fett. Ein Kilogramm Schmalz, war damals eine Kostbarkeit, für die mancher goldene Ring hingegeben wurde. Heute steht Schmalz ganz schlecht im Kurs. 1956 wurden noch 19.000 Tonnen Schmalz importiert, heute bestehen Schwierigkeiten, das inländische anzubringen. Die Redensart, „arme Leute kochen mit Oel”, gilt nicht mehr, heute kochen auch die reichen Leute mit Oel; der Schmalzpreis ist mit 16 Schilling, der Speck- und Filzpreis mit 9 bis 12 Schilling auf einem Tiefpunkt angelangt. Schmalz ist uns zu fett. Wir sind verwöhnt.

Nur in einer Hinsicht ist der sonst als Gutesser bekannte Wiener nicht verwöhnt: wenn es um die Wurst geht. Der Wiener konsumiert zwar um drei Prozent mehr Wurstwaren als die anderen Oesterreicher, gibt aber um sechs Prozent weniger dafür aus. Oder sollten die Preise derart differieren? Die Konsumerhebung, die vom Statistischen Zentralamt zusammen mit dem Institut für Wirtschaftsforschung schon vor längerer Zeit im ganzen Bundesgebiet angestellt wurde, brachte eine Reihe interessanter Einzelheiten über die Konsumgewohnheiten des Wieners ans Tageslicht. Weniger als der Oesterreicher aus anderen Städten gibt er aus für Weizenmehl, Kalb- und Rindfleisch, Speck, Schmalz, Kunstspeisefett, Speiseöl, Vollmilch, Kartoffeln, Zucker, Kaffee-Ersatz und Eier. Was er sich dabei erspart, das wandert in die Konditorei, das wird in Schweinernem, frischem Fisch, Bohnenkaffee, Südfrüchten und Schokolade angelegt, das rinnt als Wein durch die Kehle.

DASS DER WIENER NICHT, zusammen mit seinem täglichen Brot, allerlei schädliche Stoffe einkauft, darüber wacht mit Argusaügen das. Marktamt. Seine Angestellten md, einem gawz seltsamen Status unterwound Sie sind zwąr- Angestellte der Stadt Wien und unterstehen ihr in allen Personalfragen, in fachlich-dienstlichen Dingen jedoch entscheidet -das Sozialministerium, in dessen Kompetenz ja die Bestimmungen zum Schutz der Lebensmittel vor Verfälschungen, vor Verderb und einem Allzuviel an Farbe oder Konservierungsmitteln fallen. Wenn heute Lebensmittelvergiftungen nur mehr sehr selten vorkommen, wenn man heute überall in ganz Wien, in Betrieben, die mit Lebensmitteln zu tun haben, nur mehr saubere Geräte ‘ (und hoffentlich auch saubere Hände) antrifft, verdanken wir dies nicht zuletzt den Leuten vom Marktamt, die, in den verschiedenen Bezirken hauptsächlich in Marktnähe stationiert, täglich und stündlich mit ihren Instrumententaschen erscheinen und von den Gewichten auf der Waage,den Konserven im Regal alles einer strengen..Kontrolle unterziehen können.

Es war nicht immer so. In den Vorräumen des Marktamtes, hinter Glas in Vitrinen, stehen die ausgefallensten Dinge, die den Beamten in jahrzehntelanger Tätigkeit untergekommen sind: eine in der Auslage zerplatzte Konservenbüchse, eine Bierflasche, in der (trotz Originalfüllung) eine ertrunkene junge Ratte schwimmt, ein Zuckerl mit einem Nagel, ein Stück von der verätzten Magenwand eines Mannes, der Säure in der Weinflasche aufbewahrte, grünspanige Gewichte, schmutzstarrende Schöpflöffel, rostige Bestecke, giftige Metalltuben… Es ist beruhigend, daß dieses magenverstimmende Panoptikum der Verantwortungslosigkeit schon seit Jahren nur mehr sehr wenig Zuzug bekommt.

Trotzdem gilt es, auf der Hut zu sein. Nicht alle Länder haben auf diesem Gebiet so fortschrittliche Bestimmungen wie Oesterreich, und von dem, was da über unsere Grenzen kommt, ist manches mit Vorsicht zu genießen, solange es nicht vom Fachmann begutachtet wurde. Besonderes Augenmerk muß heute der Lebensmittelkonservierung und Färbung zugewendet werden. In Oesterreich, erklärt- das Marktamt dezidiert, kommt nichts auf den Markt, was nach menschlichem Ermessen krebsartige Erkrankungen hervorrufen oder fördern könnte. Wurst und Grundnahrungsmittel dürfen überhaupt nicht, andere nur mit bestimmten Stoffen gefärbt werden, und auch von der Konservierung sind bestimmte Lebensmittel, allen voran die Milch, ausgenommen.

ERHEBLICHE UNTERSCHIEDE DER KONSUMGEWOHNHEITEN der Wiener lassen sich auch feststellen. Am meisten Brot, monatlich fünf Kilogramm schwarzes und fast zwei Kilogramm sonstiges, ißt der Arbeiter — am wenigsten der Selbständige, der dafür am meisten weißes verbraucht. Der Fleischkonsum ist bei den Selbständigen am größten und bei’den Angestellten am geringsten, der Eierverbrauch bei den Arbeitern am kleinsten. Kartoffeln und Gemüse essen in erster Linie die Pensionisten und Rentner, was traurige Rückschlüsse auf ihre finanzielle Lage gestattet. Frischobst wird hauptsächlich von Selbständigen und Angestellten gegessen, von Arbeitern am wenigsten. Den höchsten absoluten Nahrungsverbrauch und Geldaufwand haben die Selbständigen, die Arbeiter essen fast ebensoviel, geben aber viel weniger dafür aus. Beamte und Angestellte geben um 12 Prozent, Pensionisten und Rentner um 18 Prozent weniger für das Essen aus als die Selbständigen.

Und alle diese Nahrungsmengen, die Kartoffeln der Rentner und das Schwarzbrot der Arbeiter, die Milch der Wickelkinder und der Wein der Erwachsenen, das Kalbfleisch der Reichen und die Wurst der Armen müssen herbeigeschafft werden. Sie wachsen auf einem Gebiet, das vielmal so groß ist, wie das, auf dem sie verbraucht werden, gelangen in langen Eisenbahnzügen in die Großstadt und dort in den Magen der Wiener. Nicht in einen monströs-demokratischen Zentralmagen, sondern, fein getrennt, in die Mägen der Armen und Reichen, der einfachen Arbeiter Und der Selbständigen, der Rentner und der „hochmögenden Herren”. Und dort werden sie demokratisch verdaut.

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