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Randhemerkungen zur woche

DER STURM DER ÖFFENTLICHKEIT

gegen die Gesetzentwürfe über die Renten-und Pensionsstillegungen hat einen vollen Erfolg zu verzeichnen. Der Parteivorstand der Sozialistischen Partei hat in seiner letzten Sitzung die endgültige Entscheidung in diesen grundsätzlichen Fragen dem Parteitag im November zugewiesen. Der Pressedienst der Volkspartei begrüßt diese Verlautbarung und betont, daß nunmehr von einer allgemeinen Renten- und Pensionsstillegung nicht mehr die Rede sein könne. Damit verschwindet ein Unglücksplan von der politischen Tagesordnung, dessen reichlich ungeschickte Idee und Formulierung ebenso wie der schlecht gewählte Zeitpunkt seiner Veröffentlichung (bekanntlich wurde er gleichzeitig mit dem Entwurf der Ministerpensionen verlautbart), weit über die Kreise der Betroffenen hinaus heftige Reaktion herausgefordert hat, zu der auch „Die Furche“ in den letzten Wochen mehrmals eine Reihe sachlicher Argumente beisteuern konnte. Die Schuld an dem ganzen Plan wird in der jüngsten Parteikontroverse ausschließlich einem bekannten sozialistischen Abgeordneten und Gewerkschaftsführer zugeteilt. Die Öffentlichkeit hört auf solche akademischen Diskussionen nur mit einem Ohr hin. Es ist ihr wichtiger, eine Wiederholung solcher kompromittierender Vorschläge der gesetzgebenden Körperschaften künftighin vermieden zu wissen. Die Frage nach Initiative, stiller Duldung oder zu schwacher Abwehr ist dabei durchaus zweitrangig.

EXEMPLA TR AHUNT — Man muß diese klassische Weisheit im Zeitalter der Statistik neu übersetzen: Zahlen sprechen. Und die Zahlen, die dieser Tage die Zeitschrift „Der österreichische Volkswirt“ unter dem Titel „Unterschiedliche Valorisierung seit 1914“ zu einem sozial gestaffelten Kaufkraftvergleich herangezogen hat, sprechen wahrhaftig eine nicht zu überhörende Sprache. Die Tabelle eines Lohnminutenbzw. Lohnstundenvergleiches, also einer Liste von Preisen (vor dem 5. Lohn- und Preisabkommen), die in Arbeitszeit umgerechnet sind, ergibt für zwei signifikante soziale Pole folgende Feststellungen: Während der Arbeiter heute sämtliche Lebensmittel um ein Drittel bis zwei Drittel billiger als 1914 bekommt und nur für die Kohlen und die Bekleidungsgegenstände länger arbeiten muß als vor dem ersten Weltkrieg, muß der Sektionschef für alles ohne Ausnahme bedeutend länger als vor dem ersten Weltkrieg arbeiten: für Margarine und Milch doppelt so lang, für Mehl, Brot, Kartoffeln, Butter. Rindfleisch, Zucker und Holz etwa dreimal so lang, für Schmalz, Kalbfleisch, Tee und Zigaretten rund viermal so lang, für Reis, Schweinefleisch und Eier fünfmal, für Bohnen und Kaffee sechsmal, für Kohle, Hemden und Socken neunmal und für einen Anzug sogar fast elf mal so lange wie vor dem ersten Weltkrieg; sein Lebensstandard ist somit auf einen Bruchteil von damals herabgesunken. — Noch ungünstiger sieht ein Vergleich der Nettobezüge (nach dem 5. Lohn- und Preisabkommen) aus, wobei für 1914 die Einkommensteuer und die eventuelle Besoldungssteuer, für 1951 die Lohnsteuer samt Besatzungskostenzuschlag abgezogen wird. Danach sind die Bezüge in den untersten Gehaltsstufen (Amtsdiener, Schreibkraft) auf das Zehn- bis Fünf zehnfache valorisiert und haben die frühere Kaufkraft wieder erreicht. Hingegen beträgt die Valorisierung beim Sektionschef erst das Zweieinhalbfache, beim Ministerialrat das Dreifache und beim sonstigen höheren Dienst das Vierfache, was angesichts einer Preissteigerung auf das rund Zwölffache einer Einbuße an Reallohn um zwei Drittel, drei Viertel und fast vier Fünftel gleichkommt. — Es ist in jedem Worte zu billigen, wenn diese Untersuchung mit dem Alarmruf schließt: „Die wirtschaftlichen und darüber hinaus sozialen und auch politischen Folgen dieser Verproletaristerung des Mittelstandes sind nicht zu übersehen, und wenn sie bisher, von wenigen Sektoren wie etwa der Kapitalbildung abgesehen, keine greifbaren Formen angenommen haben, so liegt dies einzig und allein am hohen ethischen Niveau dieser Bevölkerungsschichte, das bisher (aber wie lange noch?) eine stärkere Auswirkung der Reallohnsenkung auf das Leistungsniveau und das Pflicht- und Verantwortungsbewußtsein der nach wie vor staatstragenden Bevölkerungsteile verhindert hat. Schon beginnt aber da und dort ein Stein auszubrechen, und man würde gut daran tun, dieses Menetekel nicht zu übersehen und auch auf jene Schichten Rücksicht zu nehmen, denen die Lautstärke der Masse fehlt, die aber dennoch für das politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben unseres Landes unentbehrlich sind.“

NACH DEM VORBILD der in Frankreich seit mehr als dreißig Jahren bestehenden

„Semaine social“ findet seit drei Jahren auch in ' Deutschland eine „Katholische Soziale Woche“ statt. Sie befaßte sieh diesmal — in München vom 30. August bis 2. September — mit der Krise der Familie. Die umfangreiche Arbeit dieser Tagung gipfelte in zwölf Resolutionen. Sie verlangen die Schaffung von Famillenlohn-und Familienausgleichskassen, die Erweiterung des bisher unzulänglichen sozialen Wohnungsbaues, eine sozialere Steuerpolitik. Positiv initiiert wird der Aufbau einer Familienbewegung. Interessant in diesem Zusammenhang gerade für Österreich, wo eben heute ähnliche Fragen in heißer Debatte stehen, ist eine Resolution, die sich für einen Zusammenschluß der im katholischen Raum entstehenden Familienbewegung mit Familienbewegungen im nichtkatholischen Raum ausspricht, um eine effektvollere politische Vertretung der Familieninteressen, besonders des Elternrechts, zu gewinnen. Ebenfalls bedeutsam für Österreich ist die strikte Ablehnung des „Grundsatzes der Zwangszivilehe“ und die Unterstreichung der Forderung, daß „ebenso wie in anderen Ländern das staatliche Recht den Verlobten die Möglichkeit einräume, statt der zivilen Eheschließungsform die Ehe in religiöser Form mit zivilrechtlicher Wirkung zu schließen“.

Die „Furche“ hat in ihrer letzten Nummer aufgezeigt, wie sehr die Misere der Familie zu einer Kernfrage, ja zu dem Existenzproblem einer freien europäischen Gesellschaft gerade in Deutschland geworden ist. Es ist ein Widerspruch, von „christlicher Kultur“ oder gar von einem projektierten „christlichen Abendland“ zu reden, solange dieser Zerfall der an die Familie gebundenen Substanz und der Kernmasse einer, christlicher Lebenshaltung offenstehenden Volksstruktur so ungehemmt weitergeht wie bisher.

An Energie hat es nun der „Dritten Katholischen Sozialen Woche“ bei der Konkretisierung ihrer Forderungen und Vorschläge nicht gefehlt. Die lebendigsten Kreise des deutschen Katholizismus hoffen jetzt, daß diese Energie nun auch, nach der Tagung, wirksam wird in der Gesetzgebung, in der praktischen Arbeit einer katholischen Familienbewegung, in der Schaffung vor allem von Familienlohn- und Familienausgleichskassen. Auf ihre Verwirklichung blickt auch Österreich mit hohem Interesse hin. Jeder Erfolg der christlichen Familienbeuiegung in einem Nachbarland kann auch unserem Land zugute kommen, wenn sein Vorbild erkannt und geschickt, gewandt, entschlossen und schnell genützt wird.

MIT DER HEFTIGKEIT EINES REGELRECHTEN KULTURKAMPFES hat vor kurzem in Teilen Westdeutschlands ein Streit um die Schulform eingesetzt. Anlaß dazu bot die von der neuen niedersächsischen Regierung im Landtag angekündigte „Vereinheitlichung im Schulwesen“, die auf kaltem Weg die katholischen Schulen in einen verwaschenen Gemeinschaftsschultyp einschmelzen soll. Der Bischof von Münster, Dr. Michael Keller, hat dagegen nachdrücklichst Protest eingelegt. „Die Katholiken“, erklärte er, „wollen niemandem eine bestimmte Schulform aufzwingen, aber ein Angriff auf unsere katholische Schule bedeutet einen Angriff auf die Seele unseres katholischen Volkes.“ Bischof Keller warf die Frage auf, ob hier nicht in mancher Hinsicht im Grunde genommen dasselbe geschehe wie in der Ostzone, wo die Eltern gezwungen würden, ihre Kinder acht Jahre in die Staatsschule zu schicken, in der sie vor allem in den Anschauungen des Kommunismus unterwiesen würden. Hier wie dort eine staatliche Einheitszwangsschule, eine Vergewaltigung der Eltern und die Ausrichtung der Schule letzten Endes nach den Wünschen oder Weisungen der jeweils an der Macht befindlichen Parteien. „Mag man dieser staatlichen Ein-heitszwangssdiule heute noch, ein christliches Mäntelchen umhängen“, argumentierte Bischof Keller, „wer bürgt uns dafür, daß wir nicht morgen schon die marxistische und atheistische Propagandaschule haben? Wir fordern von jedem deutschen Bundesland, daß es das bis auf den heutigen Tag nicht außer Kraft gesetzte Reichskonkordat nicht verletzt, das in den Artikeln 23 und 24 den Katholiken ausdrücklich die Bekenntnisschule und die entsprechende Ausbildung katholischer Lehrer in rechtsverbindlicher Form gewährleistet. Mit einem Wort: Wir fordern für unsere katholischen Kinder die katholische Schule!“ — Der eindrucksvolle Appell wird ohne Zweifel weithin gehört werden. Vielleicht gelangt auch bei uns in Österreich ein Nachhall davon an Ohren, denen es wohl anstünde, ihn zu vernehmen ...

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