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Ernhrung und Dit

Ich habe im Titel dieses Aufsatzes die beiden Begriffe Ernährung und Diät in gewissem Sinne gegenübergestellt. Die Ernährung des gesunden, arbeitenden Menschen, sowohl des manuell wie auch des geistig arbeitenden, vom schulpflichtigen bis ins hohe Alter, ist in einzelnen Gegenden und Ländern, was die sogenannte Normalkost betrifft, nicht einheitlich, sondern von lokalen Sitten und Gebräuchen bestimmt.

Hier sei nur jene Art der Ernährung berücksichtigt, die in unseren Gegenden üblich ist. Wir sind auf gemischte Kost eingestellt, also auf Fleisch, Gemüse, Salate sowie mit Mehl bereitete Speisen, gezuckert und ungezuckert, ferner Obst, roh oder als Kompott, als Beilage Kartoffeln, Reis, Grieß und ähnliches.

Lind nun einige Ratschläge für die Ernährung und Kost des gesunden Menschen. Die manuellen und die geistigen Arbeiter leben nicht unter gleichen Bedingungen. Hier sind gewisse Abweichungen zu berücksichtigen. Auch die soziale Steljung spielt eine gewisse Rolle. Der Leser dieser Zeilen wird schon das für ihn Richtige herausfinden und meine Ratschläge richtig verstehen.

Schon bei der Zubereitung der Speisen sind einige wichtige Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Der Kochsalzgehalt der Nor-malkost ist nicht gleichgültig. Viele haben die Gewohnheit, die Speisen stark zu salzen und beim Essen immer wieder nachzusalzen. Diese Gewohnheit ist nicht gutzuheißen. Viel Salz macht durstig, wodurch dem Körper oft zuviel Flüssigkeit zugeführt wird. Die Menge der Flüssigkeit auf den ganzen Tag verteilt soll eineinhalb Liter auf keinen Fall übersteigen. Das ist an sich nicht allzuviel, wenn man die Flüssigkeitsmengen zusammenrechnet: Frühstück, Jause, Suppen usw. Auch Gemüse und Obst sind wasserhaltig. Hier kann man die Flüssigkeitsmengen mit 50 Prozent annehmen (also bei 100 Gramm Gemüse 50 Prozent Wasser). Man soll zum Essen nur wenig Wasser, Wein oder Bier, nicht gedankenlos und nur schluckweise trinken.

Zuviel Kochsalz ist ungesund. Gewisse Speisen kann man auch ungesalzen essen, z. B. Eier, gesüßte Mehlspeisen, gezuckerte Karotten oder Erbsen u. ä. Die Tagesmenge von Kochsalz soll 10 Gramm nicht übersteigen. Man kann viele Speisen auch auf andere Weise, zum Beispiel mit Zitronensaft, würzen. Man versuche einmal, gekochten Fisch ohne Salz zuzubereiten und mit Zitrone zu würzen: es schmeckt ausgezeichnet! Scharfe Gewürze, wie Pfeffer und Paprika, sollen nur in ganz geringen Mengen verwendet werden. Zuviel Fleisch ist auch nicht ratsam; man muß nicht jeden Tag Fleisch essen, aber einige Male in der Woche ist nicht schädlich. Die strenge vegetarische Kost kommt für die Allgemeinheit praktisch nicht in Betracht. Ich glaube schon, daß Fleisch für die Arbeit des Körpers eine gewisse kräftigende Bedeutung hat. Auf die Art der Zubereitung kommt es weniger.an. Freilich muß man auch auf den Zustand des Gebisses Rücksicht nehmen. Die Pflege der Zähne ist sehr wichtig, denn gutes Kauen der Speisen ist unerläßlich. Also: ständige Kontrolle durch den Zahnarzt! Fische, die auch Fleisch sind, werden in unserer Gegend weniger gegessen. Auch Seefisch und Süßwasserfisch sind bekömmlich und — ich glaube — auch billiger.

Lieber die Zubereitung des Gemüses (Spinat, Kochsalat, Kohl, Karotten usw.) ist folgendes zu sagen: Man kann diese Speisen ohne Zusatz von Mehl kochen. Dies ist besonders in den romanischen Ländern üblich. Sie schmecken so sehr gut, doch ist diese Art der Zubereitung ohne jeden Mehlzusatz kostspieliger. In unseren Gegenden wird die sogenannte Einbrenn bei der Zubereitung des Gemüses verwendet. Also Mehl mit Fett. Man kann auf diese Werse mit derselben Gemüsemenge größere Portionen herstellen, was besonders in größeren,kinderreichen Familien in die Waage fällt. Die Hausfrauen nennen das auch „stauben“, wenn sie sehr wenig Mehl verwenden. Auf jeden Fall ist dabei zu beachten: Das überhitzte Fett in der Einbrenn reizt die Magenschleimhaut und führt zu übermäßiger Absonderung von Magensaft. Dieser fließt dann in die Speiseröhre zurück und erzeugt Sodbrennen. Leute, die an Hyper-sekretion (zuviel Magensaft) leiden, sollten allzuviel Einbrenn vermeiden. Als Fett in der Einbrenn wird Butter, Margarine, Schweinefett und Oel verwendet. Schweinefett ist weniger zu empfehlen, bekömmlicher sind Butter und Oel.

Der Fettgehalt der Speisen soll ein bestimmtes Maß nicht übersteigen. Je mehr Fett man verwendet, desto nahrhafter sind die Speisen. Wenn jemand zur Fettleibigkeit neigt, darf er daher nur geringe Mengen Fett in den Speisen zu sich nehmen und muß auf Butterbrot oder Buttersemmel verzichten. Mageren Menschen kann man mehr Fett bewilligen. Fett hat weit mehr Kalorien als Eiweiß (Fleisch) und Kohlehydrate (Mehl und Zucker). Mit Fett wird allzu großer Fettansatz im Körper erzeugt. Zwei Kaffeelöffel Butter oder Schweinefett oder ein Eßlöffel Oel pro Kopf und Tag genügen. Die Kalorienberechnung und das von Pirquet eingeführte Nem-System sind nur bedingt gültig. Es gab eine Zeit, da die Angestellten eines Spi-tales, an dem ich als Primarius tätig war, verlangten: „Herr Primarius, wir wollen jetzt 3000 Kalorien.“ Dabei wußten sie gar nicht, was eine Kalorie bedeutet. Doch diese Zeiten sind vorbei, heute ist die Volksbildung so weit vorgeschritten, daß man auch in dieser Beziehung beruhigt sein kann. Das starre Ernähren nach Kalorienansatz ist nicht wichtig.Jeder Organismus hat seine Eigenarten. Es gibt Menschen, die auch bei kalorienarmer Kost an Gewicht zunehmen. Andere können wieder viel Kalorien aufnehmen, vor allem viel Fett, und werden nicht fettleibig. Die Konstitution, d. h. die Veranlagung, ist maßgebend; sie ist oft in der Familie begründet und daher innerhalb verschiedener Gruppen verschieden. Man kann nicht oft genug betonen, daß die Fettleibigkeit schädlich ist, vor allem durch Ueberlastung des Herzens. Die individuell eingestellte Ernährung und die Belehrung in dieser Hinsicht sind daher wichtig.Auch auf das Alter ist Rücksicht zu nehmen. Der Stoffwechsel ist in jungen Jahren viel reger als im vorgerückten Alter. Auch die den Stoffwechsel regulierenden Funktionen der Drüsen sind zu beachten. In unseren Gegenden ist die Ueberfunktion der Schilddrüse häufig. Bei dieser Lieberfunktion braucht keineswegs ein Kropf zu bestehen. Auch eine normalgroße Schilddrüse kann eine Ueberfunktion aufweisen, wobei allzu große Mengen von Schilddrüsensekret ins Blut gelangen. Dies ist jetzt mit neuen, modernen Methoden wissenschaftlich festgestellt worden. Die alte Methode der Grundumsatzbestimmung bringt keine absolut sicheren Resultate. Anderseits braucht in einer vergrößerten Schilddrüse und bei größeren Kröpfen nicht unbedingt Ueberfunktion zu bestehen.

In unseren Gegenden, besonders in Wien, weisen oft junge Menschen zwischen 14 und 30 Jahren das typische Bild einer Ueberfunktion der Schilddrüse auf: leichten Blähhals, Glanzauge, feuchte Hände, Neigung zu Schweiß, Herzklopfen und Zittern der ausgestreckten Finger.

Bei der Ernährung kommt es auch darauf an, das Gefühl der Sättigung zu erzeugen. Um dieses Gefühl zu erreichen, müssen die Nahrungsmittel ohne allzu großen Nährwert „den Magen füllen“. Zur Erreichung dieses Sättigungsgefühls sind bestimmte Nahrungsmittel besonders geeignet, etwa grobes Schwarzbrot, Grahambrot, Hartkäse, ferner Aepfel und gedörrte Pflaumen. Weniger geeignet sind andere Obstsorten, z. B. Kirschen. Weintrauben gehören zur Mastkur (Traubenkuren in Meran!).

Die Regulierung des Stuhlganges ist bei jeder Ernährungsweise wichtig. Ein-bis zweimalige Stuhlentleerung in 24 Stunden wäre das Normale. Stuh'lverstopfung kann zwei Ursachen haben: entweder ist der Darm zu träge, so daß sich der Stuhl im unteren Dickdarm staut, oder es besteht ein Krampfzustand im unteren Dickdarm. Bei allen Formen von Stuhlverstopfung ist vor allem Diät zu beobachten. Man mjjß dann schlackenreiche Kost zu sich nehmen. Sehr zweckmäßig ist der Genuß roher Aepfel mit grobem Schwarzbrot. Bei Durchfall ist, wenn er länger dauert, auf jeden Fall der Arzt zu Rate zu ziehen. Schädlich ist das ständige Einnehmen von Abführmitteln aller Art, da es zur Erschlaffung des Darmes führt.

Zum Abschluß dieser Erörterungen über Ernährung noch eine Mahnung. Man soll zwischen den Mahlzeiten keine allzu großen Pausen eintreten lassen. Schulkinder beispielsweise nehmen meist zwischen 7 und Yii Uhr das Frühstück zu Hause ein, essen dann bisweilen den ganzen Vormittag nichts und kommen dann erst wieder um ungefähr Vi 1 Uhr zum Mittagessen. Demgegenüber bestehen die Schulärzte mit Recht darauf, daß die Kinder auf jeden Fall um 10 oder 11 Uhr ein kleines Gabelfrühstück einnehmen sollen. Geschieht dies nicht, so werden die Kinder in den späteren Vormittagstunden müde und weniger aufnahmefähig. Die Ursache hierfür ist das Absinken des Blutzuckerspiegels. Das sogenannte Gabelfrühstück ist daher wichtig. Zu empfehlen sind etwa Schinken- oder Wurstsemmel und Eier und Aepfel als Zugabe.

In Laienkreisen wird immer wieder von „V i t a m i n e n“ gesprochen, wobei dieser Begriff gar nicht verstanden wird. Die Wichtigkeit dieser Vitamine als Ergänzungsstoff der Nahrung und damit für die Gesundheit ist evident. In der oben beschriebenen Normalkost sind Vitamine in genügender Menge enthalten, so daß es überflüssig ist, noch“ eigene Vitaminpräparate zu nehmen. Das kann nicht oft genug betont werden. Bei den speziellen Diätformen, auf die wir sofort zu sprechen kommen, ist allerdings der Zusatz von Vitaminpräparaten erforderlich. ■

Diät ist zunächst in zwei Fällen notwendig: bei Fettsucht und bei Magersucht. Aerztliche Beratung ist unbedingt erforderlich. Daher hier nur das zum Verständnis Nötigste. Einige Beispiele: Ganz klar liegt die Sache bei der Zuckerkrankheit, wo eine ständige ärztliche Kontrolle notwendig ist, schön mit Rücksicht auf die richtige Dosierung des Insulins.

Bei der F e t.t.s uclit ist die vor s i c h t i g e langsame Entfettung nötig. Man soll die Kuren nicht forcieren, man soll Rücksicht auf das Fettherz nehmen, das sich bei der Fettleibigkeit entwickelt hat (Fettumwachsung und Fettdurchwachsung des Herzmuskels, wobei die Herzkraft leidet). Eventuell muß das Herz in solchen Fällen mit Medikamenten gestützt und gestärkt werden.

Bei der Magersucht, die in extremen Fällen als richtige Krankheit anzusehen ist, ist der Fettansatz durch Mastkuren zu fördern. Wir müssen eine kalorienreiche Nahrung zuführen, vor allem Fett in verschiedener Form (Butter, Margarine, Oel, ferner reichlich Mehlspeisen, Reis, Grieß, Zucker).

Von mehr oder weniger festen D i ä t f o r-m e n sei als bekannteste die reine Milchdiät genannt. Der russische Arzt Karell hat um die Mitte des 19. Jahrhunderts die nach ihm benannte Karelische Milchkur angegeben. Sie hat den Zweck, bei Herzkrankheiten mit Osdemen (Wassersucht) an den Beinen, in der Kreuzgegend, im Gesicht, in schweren Fällen am ganzen Körper, die gestörte Harnabsonderung in Gang zu bringen. Wir geben solchen Kranken drei Tage hintereinander drei viertel Liter Milch pro Tag, wodurch eine Harnflut von mehreren Litern erfolgt. Die Oedeme schwinden, was eine wesentliche Entlastung des Herzens bedeutet. Die Atemnot und die Stauungen in den Organen schwinden. Man kann mit demselben Erfolg statt Milch Kartoffeltage (ein Kilogramm Kartoffeln pro Tag), ohne Fett und ohne Salz, einschalten.

Die Milchdiät geben wir auch bei Magen-und Darmgeschwüren, ebenso auch bei einzelnen Nierenkrankheiten. Auch bei Typhus abdominalis (Bauchtyphus), wobei es ebenfalls zu Geschwüren im Darm kommt, geben wir hauptsächlich Milch, Milchspeisen und andere breiige Speisen, ferner Fruchtsäfte als Getränk und aurh leichte alkoholische Getränke (Wein, Wein-chaudeau und ähnliche). Wir geben dabei, um die Vitaminzufuhr zu steigern, Vitaminpräparate, zum Beispiel Cebion. Gegen Rachitis im Kindesalter hilft der vitaminreiche Lebertran.

Dies sind nur einige Beispiele, die zeigen sollen, daß die Diätetik, die Lehre von der richtigen Diätverordnung, ein wichtiger Zweig der Heilkunde ist.

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