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Gesellschaft

MAHLZEIT, Kinder!

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Bis zu 20 Mal muss man etwas kosten, um wirklich entscheiden zu können, ob es einem schmeckt oder nicht. (C. Pirko-Königsberger)

Wenn Sie es fertigbringen, mit einem Lächeln Ihrem Kind drei Monate lang jeden Tag Spaghetti zu servieren, dann tun Sie sich keinen Zwang an. (Jesper Juul)

BUCH-TIPPS

Klassiker

Im Buch "Pfiffige Rezepte für kleine und große Leute"(Hanreich) hat die renommierte Ernährungs-und Stillberaterin Ingeborg Hanreich gemeinsam mit Britta Macho einfache, schmackhafte Gerichte für Kinder ab einem Jahr zusammengestellt.

Abwehrstärker

Welches Essen hält die Kleinen gesund? Im Buch "Das starke Kind" (Agrarverlag) beschreibt die Ernährungswissenschafterin Claudia Nichterl stärkende Gerichte nach der Traditionellen Chinesischen Medizin (Fünf-Elemente-Ernährung).

Vereinfacher

Die Backsets der "Kinderleichten Becherküche" sollen schon bei Vorschulkindern durch unterschiedlich große und farbige Becher die Eigenständigkeit beim Kochen und Backen fördern (www.becherkueche.de).

Inspirationsquelle

Elfjährige haben viele Interessen. Aber Topfenknödel kredenzen? Christine Nöstlingers Detektivgeschichten vom "Pudding-Pauli" (Ueberreuter) sind in jeder Hinsicht erfrischend -auch wegen der kulinarischen Austriaca.

Intuitives Essen funktioniert bei Kindern nur dann gut, wenn von Eltern ein gesunder Rahmen vorgegeben wird. Intuition wird auch schnell verlernt. (D. Gartner)

Kochen mit allen Sinnen

Claudia Pirko-Königsberger (links) bietet für Geburtstagskinder Kochpartys an. Gemeinsam lernen die Gäste etwa, was Stern-Anis ist - und dass es auch Popcorn aus Karfiol gibt (familienkueche-wien.at).

Frisch -aus der Friteuse

Bei "Mittella" im dritten Wiener Gemeindebezirk wird für Kindergärten frisch gekocht und heiß geliefert. Aus organisatorischen Gründen gibt es montags aber auch Convenience-Produkte -diesmal Brokkoli-Laibchen.

Kabeljau mit Erdäpfel-Kruste und Senfkarotten; Hühnerfilet mit Trauben, Blauschimmelkäse und Rosmarintoast; oder Curry-Zucchini nudeln mit Wildreis und pochiertem Ei: Die Fantasie des Billa-Kundenmagazins "Frisch gekocht" ist schier grenzenlos. All das könnten kreative Eltern also zu Weihnachten auf den Esstisch zaubern. "Schnell was Gutes für die Familie", lautet das Motto des Magazins.

Wieviele Kinder herzhaft zulangen würden, ist eine andere Frage. Die meisten würden wohl herumzustochern beginnen, nicht wenige lieber "Nudeln ohne alles" auf ihrem Teller präferieren - wie an den meisten anderen Tagen auch. "Picky Eaters" nennt man solche Zeitgenossen, die durch ihr selektives Essverhalten ihr Umfeld mitunter in den Wahnsinn treiben. Und es sind einige: Bei einer Langfriststudie an der "Stanford School of Medicine", bei der 216 Kinder von ihrer Geburt bis zum Alter von sieben Jahren begleitet wurden, kam man auf 13 bis 22 Prozent.

Am liebsten "Nudeln ohne nix"

Auch Familie K. kennt dieses Phänomen. Und sie weiß aus elfjähriger Erfahrung mit ihren Zwillingstöchtern, wie unterschiedlich kindliche Geschmäcker sind. "Die eine mag am liebsten Butterbrot oder 'Nudeln ohne nix', der anderen schmeckt einfach alles", erzählt ihre Mutter. Heuer hat sich die kulinarisch Kreative zu ihrem Geburtstag eine Besonderheit gewünscht: Gemeinsam mit ein paar Schulfreundinnen und ihrer Schwester steht sie im Kochstudio "Essenz" im sechsten Wiener Bezirk, wo die Ernährungswissenschafterin Claudia Pirko-Königsberger regelmäßig Kochgeburtstagspartys zelebriert. Schon der Anfangs-Snack, das "Karfiol-Popcorn", sorgt für Erstaunen. Akribisch zerteilen die Mädchen das rohe Gemüse in kleine Röschen, drapieren alles auf ein Backblech, beträufeln es mit Öl und etwas Salz und schieben das Ganze ins Rohr. Als die Spitzen bräunlich werden, leert PirkoKönigsberger alles in eine Schüssel und gibt geriebenen Parmesan darüber. "Fertig", sagt sie, "jetzt könnt ihr gemeinsam naschen".

Tatsächlich scheint der unorthodoxe Snack den Mädchen zu munden. Auch die Gemüse-und Fleischspieße samt selbst gemachten Kartoffel-Chips, Pesto und Kräuter-Dip kommen gut an. Dass die Muffin-Torte mit selbst gemachten Marzipanrosen auf Gegenliebe stößt, überrascht freilich kaum. "Kakao schmeckt eigentlich bitter", lernen sie beim gemeinsamen Backen. Oder: "So schaut Stern-Anis aus."

275 Euro kostet diese etwas andere Party. Die Eltern der Zwillinge, beide im Finanz-und Bankenbereich tätig, können sich das leisten. Täglich zu kochen, schaffen sie aus Zeitmangel zwar nicht, doch zumindest am Wochenende wird gemeinsam aufgetischt - bevorzugt bio, saisonal und regional. Da gibt es dann Rindfleisch mit Süßkartoffeln oder Kürbisrisotto mit Speck. Während die eine Tochter begeistert zulangt, greift die andere im Zweifel zum Butterbrot.

Ist das ein Problem? Gesundheitlich scheinbar kaum. Wie die Stanford-Forscher feststellen konnten, unterscheiden sich siebenjährige "Picky Eaters" in Größe und Gewicht nicht von unproblematischen Essern. Familiendynamisch können sie aber zur Herausforderung werden. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul plädiert dennoch für Gelassenheit: "Wenn Sie es fertigbringen, mit einem Lächeln auf den Lippen Ihrem Kind drei Monate lang jeden Tag Spaghetti zu servieren, dann tun Sie sich keinen Zwang an", schreibt er in seinem neuen Buch (siehe rechts). Die Wiener Diätologin Doris Gartner schlägt indes vor, Kinder möglichst früh in den Kochprozess miteinzubeziehen, sie Gemüse schneiden oder Saucen abschmecken zu lassen. "Dann können sie nicht so einfach sagen: Das mag ich nicht!" Auch Claudia Pirko-Königsberger regt das an, um bei heiklen Essen die Geschmacksnerven nicht verkümmern zu lassen. "Bis zu 20 Mal muss man etwas probieren, um entscheiden zu können, ob es einem schmeckt oder nicht", sagt sie. Statt für jeden einzeln zu kochen, rät sie zum "Baukastenprinzip", bei dem alle aus vier bis fünf Komponenten wählen können.

Drei Mal Gemüse täglich?

Jenen ernährungsbewussten und gut situierten Eltern, die sich für ihr Kind eine Kochstudio-Party leisten, kann sie all das erklären. Doch was ist mit den anderen? Tatsächlich klaffen Experten-Wünsche und familiäre Wirklichkeiten oft weit auseinander. Laut den Empfehlungen der Nationalen Ernährungskommission (www.richtigessenvonanfangan.at) sollten Vierbis Zehnjährige täglich drei Portionen Gemüse und Hülsenfrüchte sowie zwei Portionen Obst zu sich nehmen. Fleisch und Wurst sollen hingegen nur drei Mal wöchentlich auf dem Speiseplan stehen, auch Süßigkeiten und zuckerhältige Getränke sollten nicht täglich genossen werden.

Die österreichische Jugend dürfte sich aber nicht sklavisch daran halten, zumindest wenn man den Erhebungen der "Childhood Obesity Surveillance Initiative" der WHO Glauben schenkt: 30 Prozent aller acht-bis neunjährigen Buben sind demnach übergewichtig oder sogar adipös, bei den Mädchen sind es zwischen 20 und 29 Prozent. Die größten Risikofaktoren seien ein städtisches Umfeld - und die fehlende (kostenlose) Verfügbarkeit von Gemüse in der Schule.

Doch hängen gesundes Essen und kindliches Wohlergehen wirklich so eng zusammen? Einer, der hier lustvoll Dogmen zertrümmert, ist der deutsche Ernährungswissenschafter Uwe Knop. Für den Zusammenhang von Fast Food und Übergewicht gebe es keine Belege, behauptet er, ebenso wenig dafür, dass gesüßte Getränke dick machen. Man könne nicht einmal sagen, "wie gesunde Ernährung aussehen solle", so Knop, der gern "Ernährungsstalinismus" ortet. "Kinder haben uns Erwachsenen etwas Entscheidendes voraus: Ihr Ess-Instinkt wurde noch nicht von Ernährungspropaganda verdorben", schreibt er in seinem Buch "Kind, iss was dir schmeckt!"

Für Doris Gartner eine allzu populistische Position. "Intuitives Essen funktioniert bei Kindern nur dann gut, wenn von den Eltern ein gewisser gesunder Rahmen vorgegeben wird," weiß die Diätologin. "Die Intuition wird auch schnell verlernt - etwa durch fixe Essenzeiten in Kindergärten, bei denen es auch dann etwas gibt, wenn Kinder noch keinen Hunger haben."

Dass die Speisenqualität in pädagogischen Einrichtungen verbessert gehört, steht für sie aber außer Frage. Michaela Russmann formuliert es noch schärfer. "Das Essen hier ist eine Katastrophe", sagt die Betreiberin des Labels "Rohgenuss". Als offizielle Botschafterin von Jamie Olivers "Food Revolution" tourt sie durch Kindergärten und Schulen, um Appetit auf gesunde Ernährung zu machen. "Doch in den Schulkantinen ist Obst oft teurer als Süßigkeiten", weiß Russmann. "Und im Essen, das angeliefert und aufgewärmt wird, sind die Nährstoffe nicht mehr ausreichend vorhanden."

Dass frisch gekocht wird, ist tatsächlich selten geworden. Laut deutschem Ernährungsreport 2017 greifen nur mehr 39 Prozent der Deutschen täglich zum Kochlöffel, in Österreich dürfte es ähnlich sein. Auf Grund der vielen (Hygiene-)Vorschriften nutzen auch pädagogische Einrichtungen meist externe Caterer. Allein der Platzhirsch "Gourmet" beliefert 2700 Kindergärten und Schulen nach dem Konzept von "Cook and Chill" mit (tief-)gekühlten Mahlzeiten, die nur noch im Heißluftofen erwärmt werden müssen. Dass Nährstoffe und Vitamine dadurch verschwinden würden, weist man zurück. Alles werde streng kontrolliert, und im Übrigen orientiere man sich am Gusto der Kinder. "Schulessen muss schmecken und Spaß machen", heißt es.

Brokkoli-Laibchen statt Schnitzel

Rudolf Traar von "Mittella" würde das ähnlich formulieren: Anders als bei "Gourmet" werden in seinem kleinen Betrieb in der Wiener Ungargasse die Mahlzeiten aber noch frisch zubereitet und heiß an 58 Wiener Standorte geliefert, darunter viele Privatkindergärten. Heute gibt es Champignonsuppe, Brokkoli-Laibchen mit Gurkensalat und eine Orange. Pommes oder Schnitzel sind hingegen schwierig. "Durch das Warmhalten entsteht Dampfwärme, die weicht alles auf", sagt Traar. "Aber die Kindergärten wollen das Panierte eh nicht so gern. Wobei: Die Kinder schon, aber die Eltern nicht."

Claudia Pirko-Königsbergers Kinder hatten indes generell genug von Fertig-Essen. Seit sie im Gymnasium sind, kochen Mutter und Vater wieder häufiger für sie. Ein Aufwand, der sich aus Sicht der Expertin lohnt. "Ab sieben, acht Jahren beginnen Kinder oft so zu essen, dass man sich an den Kopf greift. Aber wenn die Wurzel gelegt ist, kommen sie in der Pubertät zur richtigen Ernährungsweise zurück." Vielleicht wird mancher Jugendlicher zu Weihnachten sogar selbst aktiv: Blätterteigpastete mit Faschiertem und Kohlsprossengemüse wäre noch ein heißer Tipp.

Kind, iss was dir schmeckt! Die wissenschaftliche Abrechnung mit den Märchen zu "gesunder" Kinderernährung. Von Uwe Knop. Plassen 2017. 164 Seiten, kart., € 13,40.