Oktoberfeste gehen, Punschstände und Faschings-Gschnas kommen: Eine kleine, unvollständige Kulturgeschichte des Alkoholkonsums.

Hätten sich afrikanische Ethnologen Anfang Oktober zu Forschungszwecken auf die Kaiserwiese im Wiener Prater begeben - sie hätten ihr blaues Wunder erlebt: Abertausende, in festliche Tracht gehüllte Menschen, die sich in Zelten zusammenfinden, freudig Bier in sich schütten und hauptsächlich Hühner verzehren. Vielleicht hätten sie dieses kultige Gelage als "Fest des Huhnes“ bezeichnet - wie in Walter Wippersbergs gleichnamiger Expeditionsfilmparodie aus dem Jahr 1992. Vielleicht wären sie aber auch zum Schluss gekommen, dass eher diese golden leuchtende und mit dichtem Schaum gekrönte Flüssigkeit im Zentrum der kollektiven Anbetung steht. Und sie hätten vermutlich recht gehabt.

165.000 Menschen besuchten bis 7. Oktober das zweite "Wiener Wiesn-Fest“. Sie vertilgten 7000 Hendlportionen, 5000 Wiener Schnitzel, 1000 Teller Kaiserschmarren und 85.000 Maß Bier. Vom Orgien-Mysterien-Theater, das etwa zeitgleich auf der Münchener Theresienwiese zur Leerung von 6,9 Millionen Maß führte, war man zahlenmäßig zwar noch ein Stück entfernt, aber jede Tradition muss schließlich irgendwann beginnen. "Wir wollen erreichen, dass das österreichische Brauchtum, die österreichische Kultur in der Metropole Wien nicht verloren geht“, erklärte der Veranstalter der "Wiener Wiesn“, Christian Feldhofer. Und was wäre diese Kultur ohne Oktoberfeste und Punschstände, ohne Verdauungsschnäpse und Messweine - ohne Alkohol?

Geschätzte 123 Liter Bier und 37 Liter Wein trinkt jeder Über-15-Jährige hierzulande im Laufe eines Jahres (siehe Kasten Seite 23). Zwölf Prozent brauchen Alkohol, um ihre Sorgen zu ertränken; und fünf Prozent sind abhängig davon. "Die Sucht ist eine Abwendung vom Leben, mit dem man sich nicht auseinandersetzen kann, weil es so gestaltlos hässlich und so sehr nichts als Angst verursachend wahrgenommen wird, dass man mit seiner Bewältigung nichts mehr zu tun haben möchte“, schreibt der Wiener Essayist Franz Schuh im Buch "Die Kunst des Zwitscherns“ (siehe rechts). "Das mag eine Schwäche sein, unverzeihlich in manchen Fällen, es ist aber für die Kultur, in der wir leben, eine (gewiss nicht die einzige) Voraussetzung für die sogenannte Kreativität, die von vielen angeblich gewünscht wird.“

Diese ambivalente Wirkung - einerseits befruchtend, andererseits zerstörend - hat der Droge Alkohol von Anfang an einen Fixplatz in der Sphäre des Mystischen beschert.

Im Ägypten der Pharaonen war Rausch an Festtagen kulturelle Pflicht, schreibt der deutsche Historiker Hasso Spode im kulturgeschichtlichen Handbuch "Genussmittel“ von 1999: Pharao, Priester und Hofbeamte betranken sich bis zur - als heilig empfundenen - Bewusstlosigkeit. Trinkgelage mit Wein, sogenannte Symposien, standen wiederum im Griechenland des zweiten vorchristlichen Jahrtausends hoch im Kurs: Der Rausch wurde als erkenntnisförderndes Mittel betrachtet; sogar ein eigener Gott wurde auserkoren: Es war Dionysos, Beiname Bacchus, wie ihn Caravaggio anno 1596 üppig in Szene setzte (siehe Bild links). Erst bei den Römern verlor der Wein seine mystische Bedeutung: Er wurde profanes Vergnügen und gesundheitsfördernder Trank, den man auch an Sklaven verteilte. Bei den Germanen wiederum war die kultische Bedeutung des Bieres enorm; sie schwand aber im Zuge der Christianisierung, bei der das Augenmerk auf dem Wein und seiner Wandlung zum Blut Christi lag. Als Nahrungsmittel blieb Bier freilich unverzichtbar: Schließlich war Wasser insbesondere in den Städten oft ungenießbar. Kein Wunder, dass im Mittelalter halb Zentraleuropa nach heutigen Maßstäben alkoholsüchtig war: Ein Liter Wein oder zwei Liter Bier wurden täglich konsumiert. Sogar die Kinder tranken.

Mit Beginn der Neuzeit und dem Aufkommen alkoholfreier Heißgetränke hatte der Alkoholkonsum seinen Zenit überschritten. Und doch gab es Zeiten, in denen man verstärkt zur Flasche Griff: Die "Gin-Epidemie“ führte etwa Anfang des 18. Jahrhunderts in England erstmals zur Unterscheidung zwischen "gutem” und "schlechtem” Rausch - und ließ eine Vielzahl von Menschen mit Behinderungen zurück. Auch im Zuge der Industrialisierung stieg der Alkoholkonsum rasant an, es entwickelte sich eine "proletarische Trinkkultur“. Zugleich bildeten sich erstmals Gruppen, die mehr Mäßigung propagierten: Schwerer Alkoholmissbrauch wurde zur Krankheit namens "Alkoholismus“. 1917 wagte man in den USA mit der Prohibition schließlich einen radikalen Schritt, was zwar den Konsum um 40 bis 60 Prozent verringerte, aber die Zahl der Vergiftungstoten durch unreine Getränke in die Höhe schnellen ließ. 1933 war das Verbot wieder Geschichte.

Politiker mit "Dienstleber“

Dem späteren deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl hätte ein bisschen mehr Repression wohl gefallen: "Unser Ziel muss eine Gesellschaft sein, die den Rausch einmal genauso ächtet wie den Kannibalismus“, soll er einmal gesagt haben. Seine Berufskollegen im heutigen Österreich arrangieren sich indes mit den herrschenden Verhältnissen. "Der Witz, dass man sich als Politikerin oder Politiker eine Dienstleber einhängen muss, kommt sicher nicht von ungefähr“, erzählt ein Aussteiger, der aus guten Gründen anonym bleiben will. Warum Alkohol gerade im Polit-Milieu eine so große Rolle spielt, habe drei Gründe: Zum einen gehöre gemeinsames Trinken einfach zur Geselligkeit. Als Regional- oder Landespolitiker einen Schnaps abzulehnen, nütze zwar der Leber, schade aber den Wahlchancen. Zweitens sei das gemeinsame Trinken ein wichtiges Instrument des (männerbündlerischen) Netzwerkens. Und drittens stünden Volksvertreter immer stärker unter (medialem) Druck und würden sich abends gern mit einem Gläschen entspannen - wie so viele Zeitgenossen. "Ich lehne mich zurück“, heißt es in Hans Falladas Buch "Der Trinker“ von 1944, "ich schließe die Augen - wenn ich jetzt noch etwas zu trinken hätte, würde ich ganz glücklich sein. Irgendetwas fehlt immer am menschlichen Glück, ganz zufrieden werden wir nie.“

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