
Corona: Das letzte Glück im Homeoffice
Die Pandemie macht deutlich: Gefühle steuern das Essverhalten. Um Stress und Angst zu kompensieren, verfallen dabei viele in ungesunde Gewohnheiten.
Die Pandemie macht deutlich: Gefühle steuern das Essverhalten. Um Stress und Angst zu kompensieren, verfallen dabei viele in ungesunde Gewohnheiten.
Mehr Knabbereien zwischendurch, mehr Snacks spät in der Nacht, mehr unkontrolliertes Essen und mehr Fett und Zucker am Speiseplan: So liest sich ein Gutteil der Studien, die Menschen rund um den Globus nach ihrem Essverhalten während der ersten Covid-19-bedingten Lockdowns im heurigen Frühjahr befragten. Zwar aßen die Befragten auch mehr Obst und Gemüse und standen häufiger selbst kochend am Herd, doch speziell in Zeiten strikter Ausgangssperren stieg der Konsum von Süßem oder Frittiertem um bis zu 30 Prozent. In einer Studie italienischer Forschender klagten viele Teilnehmende angesichts der Corona-Pandemie über vermehrte Sorgen, Ängste und depressive Verstimmungen. Sie reagierten darauf mit erhöhter Nahrungszufuhr, um sich besser zu fühlen. Während der als belastend beschriebenen sozialen Isolation wurde auch mehr „Comfort Food“ verspeist: Der Begriff steht für Lebensmittel, zu denen Menschen greifen, wenn sie traurig oder besorgt sind. Oft sind das süße Speisen oder Gerichte, die man schon als Kind gern gegessen hat.
Nahrung aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn, denn für unsere steinzeitlichen Ahnen war es ein Glücksfall, etwa reifes Obst zu finden, das mit schnell verwertbarem Zucker eine gute Energiequelle lieferte. „Alles, was dem Überleben der Spezies dient, etwa Schlaf, Sex und Essen, wird von unserem System belohnt“, erläutert Cornelia Fiechtl, Ernährungspsychologin mit eigener Praxis in Wien. Evolutionsbiologisch ist uns eingeschrieben, dass wir diese Verhaltensweisen ausführen sollen, um unseren Fortbestand zu sichern. Noch immer reagiert der Organismus wie vor tausenden Jahren auf gewisse Reize, die durch Nahrungsmittel oder auch nur Bilder davon ausgelöst werden. Im modernen Alltag wird dieses Erbe mitunter zur Falle, denn heute bieten Imbissstände oder Snack-Automaten an jeder Ecke und jederzeit schnell verfügbare Nahrung.
Liebe geht durch den Magen
„Was stets in greifbarer Nähe ist, erzeugt im Körper unweigerlich Appetit“, erklärt Fiechtl. Besonders deutlich werde das derzeit am Beispiel Homeoffice, welches sich bei vielen Menschen empfindlich auf der Waage niedergeschlagen hat. „Im Homeoffice essen die Leute mehr, weil das Essen im Kühlschrank permanent verfügbar ist, und während die einen in Pausen eine Zigarette rauchen, gehen die anderen essen“, so Fiechtl. Stark mit übermäßiger Kalorienzufuhr ist auch Langeweile assoziiert. Schlagend wird das bei Menschen, die keine Hobbys haben, keinen Sport treiben oder nichts mit sich alleine anzufangen wissen. „Da kommt die Frage auf: Was mache ich, wenn mir langweilig ist, und in Ermangelung anderer Strategien oder Aktivitäten folgt der Griff zum Essen“, schildert Fiechtl.
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