Zucker: Arm, krank, dick und explosiv

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In unserem reichhaltigen Nahrungsangebot wurde ein neuer Bösewicht identifiziert: der Zucker. Inwiefern ist ungesundes Essen ein soziales Phänomen? Und wer ist schuld?

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In unserem reichhaltigen Nahrungsangebot wurde ein neuer Bösewicht identifiziert: der Zucker. Inwiefern ist ungesundes Essen ein soziales Phänomen? Und wer ist schuld?

Dass man mit nur wenigen Worten zum sozialen Essverhalten in ein Wespennest stechen kann, hat Jamie Oliver am eigenen Leib erlebt. Vor knapp drei Jahren zweifelte der britische Starkoch laut an der These, wonach Armut in den westlichen Gesellschaften dazu führe, dass Menschen nicht mehr gesund essen können. Ärmere Menschen würden sich zwar von Pommes frites und Ketchup ernähren, zugleich aber riesige Fernsehschirme kaufen, so die provokante Aussage des Bestseller-Autors, der sich selbst seit vielen Jahren in Kampagnen für gesundes Essen engagiert. Damit erntete er heftige Kritik; in den sozialen Medien brach ein "Shitstorm" über ihn herein. Eltern armer Kinder seien kaum in der Lage, frisches Obst für ihre Kinder zu kaufen, kam postwendend der Einspruch von Sozialarbeitern: Denn mit geringem Einkommen sinke ganz klar die Chance auf gesundes Essen.

In einem Punkt freilich war dem prominenten Fernsehkoch schwer zu widersprechen: Gesundes Essen muss nicht unbedingt teuer sein. Dafür gibt es in allen Weltregionen schlagende Beweise, vom sizilianischen Pasta-Gericht bis zum Thai-Curry. "Einige der inspirierendsten Rezepte kommen aus Gegenden, wo die Menschen finanziell kämpfen müssen", so Oliver. Aber laut sozialmedizinischer Forschung gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem sozialen Status und dem Gesundheitsverhalten: Menschen mit höherem Einkommen haben eine höhere "Wahlmöglichkeit des Lebensstils", und höher Gebildete pflegen statistisch gesehen einen gesünderen Lebensstil. Umgekehrt finden sich in der ärmeren Bevölkerung ein erhöhter Alkoholund Tabakkonsum, Bewegungsmangel und eben auch hochkalorische Ernährung im Übermaß -also viel zu fettes und viel zu süßes Essen. Dass Ernährung "die neue soziale Frage" ist, hat die deutsche Grünen-Politikerin Renate Künast vor knapp einem Jahr in den Raum gestellt -und dabei gleich den größten Schurken unter oder, besser gesagt, in den Lebensmitteln identifiziert: Zucker sei "der neue Tabak", so die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Verbraucherschutz in Berlin, die Kinder etwa durch verschärfte Werbeverbote vor Süßigkeiten schützen will.

Übergewicht als Stigma

Ungesunde Ernährung führe oft zu Übergewicht, dieses wiederum zu Krankheit und Stigmatisierung. Fehlernährung und "Fettsucht" korrelieren mit schlechteren Bildungschancen und weniger gesellschaftlicher Teilhabe, ist Künast überzeugt. Vor allem übergewichtige Kinder würden bereits früh gesellschaftliche Ausgrenzung erfahren und ihr Gewicht nur selten wieder in den Griff bekommen: Ein guter Start ins Leben sieht dann wohl anders aus.

Tatsächlich erhöht Fettleibigkeit das Risiko für ganz unterschiedliche Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Herzschwäche oder Krebs. Bauchfett gilt als besonders gefährlich, weshalb es in der Medizin als eigener Risikofaktor beschrieben ist. "Es gibt kaum ein Organ oder Organsystem, das nicht durch Übergewicht und Adipositas beeinträchtigt ist", erläutert Thomas Dorner vom Institut für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien. Er ist Autor einer aktuellen Studie, die zeigt, dass Fettleibigkeit auch in Österreich über die Zeit steigende Trends aufweist. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht in der Adipositas heute das weltweit am schnellsten wachsende Gesundheitsproblem und spricht bereits von einer globalen Epidemie. Und der Zuckerkonsum gilt als maßgeblicher Treiber dieser Entwicklung.

Warum aber tritt die soziale Dimension dieses Problems heute verstärkt zutage? Das liegt zunächst an der gesellschaftlichen Entwicklung selbst. Im Anschluss an den Philosophen Gilles Deleuze lässt sich feststellen, dass die "Disziplinargesellschaft" immer mehr in eine "Kontrollgesellschaft" übergegangen ist: Im Zuge der gesellschaftlichen Liberalisierung erscheint Disziplinierung nunmehr in freundlicherer Gestalt, als selbstverantwortliche Rundum-Fitness. An die Stelle von außen einwirkender Disziplinierungsversuche ist der Imperativ zur Selbstkontrolle getreten. Die Individuen haben die Disziplinierung nun gewissermaßen verinnerlicht. Sie betreiben freiwillig ein ständiges Selbst-Monitoring, das mit dem neuen Trend der digitalen Selbstvermessung immer kuriosere Blüten hervorbringt. War Leibesfülle einst ein Merkmal für Wohlstand und Schönheit - man denke nur an die von Rubens porträtierten Damen -, signalisiert sie heute bloß unwillkürlichen Kontrollverlust. Wer zu viele Kilo mit sich herumträgt, demonstriert demnach, dass er es nicht schafft, seinen Körper und somit sich selbst in Zaum zu halten. In einer Gesellschaft, die Mager-Models und deren eiserne Selbstdisziplin verherrlicht, sind üppige Speckfalten sehr rasch zum "No-go" geworden.

Demgegenüber steht eine Esskultur des steten Angebots und der billigen Kicks. Um die derzeitige 'Fastfood'-und 'Snack'-Kultur sowie das 'Nebenbeiessen' oft sehr hoher Kalorienmengen zu ersetzen, sollten gesündere Nahrungsangebote attraktiver gemacht werden, fordern die beiden Diabetes-Experten Hermann Toplak und Helmut Brath in einem aktuellen-Statement der Österreichischen Diabetes Gesellschaft: Also "Genuss und Qualität statt Geschwindigkeit und Quantität. Wer braucht schon rund um die Uhr zum Beispiel Zuckerwasser mit Fett (Eis)?" Angesichts einer älter werdenden Gesellschaft und der ungünstigen Relation von Kalorienzufuhr und Bewegungsmangel befürchten Toplak und Brath eine "Explosion" der Lebensstil-assoziierten Erkrankungen, vom Bluthochdruck über Fettstoffwechselstörungen bis hin zum Diabetes Typ 2. "Damit ist das solidarisch finanzierte Gesundheitssystem möglicherweise schneller am Limit als selbst Pessimisten glauben."

Viel Aufwand, wenig Lohn

Im Hintergrund solcher Prognosen lauert die Schuldfrage: Wer trägt die Verantwortung für diese Entwicklung -die Lebensmittelindustrie mit ihrer aggressiven Werbung für Süßprodukte; die ungerechte Gesellschaft und der laxe Staat, dem das Geld für Präventionsmaßnahmen fehlt; oder die Betroffenen selbst, die ohnehin nicht bereit sind, ihren Lebensstil zu ändern?

Um zu erklären, wie soziale Faktoren zu einer ungesunden Ernährung führen, spricht die Sozialmedizin unter anderem von "Gratifikationskrisen", von denen Menschen mit niedrigerem sozialem Status häufiger betroffen sind. Damit ist ein Ungleichgewicht von Aufwand und Entschädigung gemeint, zwischen Engagement, Leistung und sozialer Anerkennung einerseits und Entlohnung, Jobsicherheit sowie Karrierechancen andererseits. Dieses Ungleichgewicht bereitet einen Nährboden für psychische Belastungen und schädliche Verhaltensweisen.

Gibt es die "Zuckersucht"?

Zucker könnte hier eine Art von künstlicher "Gratifikation" darstellen, denn er beeinflusst auch die Belohnungssysteme im Gehirn. Süßes Essen führt zur Ausschüttung von Dopamin, ein Neuro-Botenstoff, der mit Motivation und dem Gefühl der Befriedigung in Verbindung gebracht wird. Dass Zucker süchtig machen kann, wie immer wieder behauptet wird, dafür fand sich zumindest laut EU-Projekt "Neurofast" kein Hinweis. Die Hinwendung zur Schokolade als "Seelentröster" lässt sich aber mitunter als "Verhaltenssucht" begreifen, wenn die Aktivität des Essens regelmäßig dazu dient, negative Gefühlszustände zu erleichtern.

Hinzu kommt, dass Diabetes einer strukturierten Langzeittherapie bedarf: Gerade hier sind Gesundheitsbildung und das aktive Mitwirken der Patienten essenziell. Auch auf dieser Ebene spielt der soziale Faktor eine Rolle: Denn Menschen mit mangelnder sozialer Unterstützung haben nachweislich schlechtere Voraussetzungen, ihre Zuckerkrankheit in den Griff zu bekommen.

Dass man mit nur wenigen Worten zum sozialen Essverhalten in ein Wespennest stechen kann, hat Jamie Oliver am eigenen Leib erlebt. Vor knapp drei Jahren zweifelte der britische Starkoch laut an der These, wonach Armut in den westlichen Gesellschaften dazu führe, dass Menschen nicht mehr gesund essen können. Ärmere Menschen würden sich zwar von Pommes frites und Ketchup ernähren, zugleich aber riesige Fernsehschirme kaufen, so die provokante Aussage des Bestseller-Autors, der sich selbst seit vielen Jahren in Kampagnen für gesundes Essen engagiert. Damit erntete er heftige Kritik; in den sozialen Medien brach ein "Shitstorm" über ihn herein. Eltern armer Kinder seien kaum in der Lage, frisches Obst für ihre Kinder zu kaufen, kam postwendend der Einspruch von Sozialarbeitern: Denn mit geringem Einkommen sinke ganz klar die Chance auf gesundes Essen.

In einem Punkt freilich war dem prominenten Fernsehkoch schwer zu widersprechen: Gesundes Essen muss nicht unbedingt teuer sein. Dafür gibt es in allen Weltregionen schlagende Beweise, vom sizilianischen Pasta-Gericht bis zum Thai-Curry. "Einige der inspirierendsten Rezepte kommen aus Gegenden, wo die Menschen finanziell kämpfen müssen", so Oliver. Aber laut sozialmedizinischer Forschung gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem sozialen Status und dem Gesundheitsverhalten: Menschen mit höherem Einkommen haben eine höhere "Wahlmöglichkeit des Lebensstils", und höher Gebildete pflegen statistisch gesehen einen gesünderen Lebensstil. Umgekehrt finden sich in der ärmeren Bevölkerung ein erhöhter Alkoholund Tabakkonsum, Bewegungsmangel und eben auch hochkalorische Ernährung im Übermaß -also viel zu fettes und viel zu süßes Essen. Dass Ernährung "die neue soziale Frage" ist, hat die deutsche Grünen-Politikerin Renate Künast vor knapp einem Jahr in den Raum gestellt -und dabei gleich den größten Schurken unter oder, besser gesagt, in den Lebensmitteln identifiziert: Zucker sei "der neue Tabak", so die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Verbraucherschutz in Berlin, die Kinder etwa durch verschärfte Werbeverbote vor Süßigkeiten schützen will.

Übergewicht als Stigma

Ungesunde Ernährung führe oft zu Übergewicht, dieses wiederum zu Krankheit und Stigmatisierung. Fehlernährung und "Fettsucht" korrelieren mit schlechteren Bildungschancen und weniger gesellschaftlicher Teilhabe, ist Künast überzeugt. Vor allem übergewichtige Kinder würden bereits früh gesellschaftliche Ausgrenzung erfahren und ihr Gewicht nur selten wieder in den Griff bekommen: Ein guter Start ins Leben sieht dann wohl anders aus.

Tatsächlich erhöht Fettleibigkeit das Risiko für ganz unterschiedliche Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Herzschwäche oder Krebs. Bauchfett gilt als besonders gefährlich, weshalb es in der Medizin als eigener Risikofaktor beschrieben ist. "Es gibt kaum ein Organ oder Organsystem, das nicht durch Übergewicht und Adipositas beeinträchtigt ist", erläutert Thomas Dorner vom Institut für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien. Er ist Autor einer aktuellen Studie, die zeigt, dass Fettleibigkeit auch in Österreich über die Zeit steigende Trends aufweist. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht in der Adipositas heute das weltweit am schnellsten wachsende Gesundheitsproblem und spricht bereits von einer globalen Epidemie. Und der Zuckerkonsum gilt als maßgeblicher Treiber dieser Entwicklung.

Warum aber tritt die soziale Dimension dieses Problems heute verstärkt zutage? Das liegt zunächst an der gesellschaftlichen Entwicklung selbst. Im Anschluss an den Philosophen Gilles Deleuze lässt sich feststellen, dass die "Disziplinargesellschaft" immer mehr in eine "Kontrollgesellschaft" übergegangen ist: Im Zuge der gesellschaftlichen Liberalisierung erscheint Disziplinierung nunmehr in freundlicherer Gestalt, als selbstverantwortliche Rundum-Fitness. An die Stelle von außen einwirkender Disziplinierungsversuche ist der Imperativ zur Selbstkontrolle getreten. Die Individuen haben die Disziplinierung nun gewissermaßen verinnerlicht. Sie betreiben freiwillig ein ständiges Selbst-Monitoring, das mit dem neuen Trend der digitalen Selbstvermessung immer kuriosere Blüten hervorbringt. War Leibesfülle einst ein Merkmal für Wohlstand und Schönheit - man denke nur an die von Rubens porträtierten Damen -, signalisiert sie heute bloß unwillkürlichen Kontrollverlust. Wer zu viele Kilo mit sich herumträgt, demonstriert demnach, dass er es nicht schafft, seinen Körper und somit sich selbst in Zaum zu halten. In einer Gesellschaft, die Mager-Models und deren eiserne Selbstdisziplin verherrlicht, sind üppige Speckfalten sehr rasch zum "No-go" geworden.

Demgegenüber steht eine Esskultur des steten Angebots und der billigen Kicks. Um die derzeitige 'Fastfood'-und 'Snack'-Kultur sowie das 'Nebenbeiessen' oft sehr hoher Kalorienmengen zu ersetzen, sollten gesündere Nahrungsangebote attraktiver gemacht werden, fordern die beiden Diabetes-Experten Hermann Toplak und Helmut Brath in einem aktuellen-Statement der Österreichischen Diabetes Gesellschaft: Also "Genuss und Qualität statt Geschwindigkeit und Quantität. Wer braucht schon rund um die Uhr zum Beispiel Zuckerwasser mit Fett (Eis)?" Angesichts einer älter werdenden Gesellschaft und der ungünstigen Relation von Kalorienzufuhr und Bewegungsmangel befürchten Toplak und Brath eine "Explosion" der Lebensstil-assoziierten Erkrankungen, vom Bluthochdruck über Fettstoffwechselstörungen bis hin zum Diabetes Typ 2. "Damit ist das solidarisch finanzierte Gesundheitssystem möglicherweise schneller am Limit als selbst Pessimisten glauben."

Viel Aufwand, wenig Lohn

Im Hintergrund solcher Prognosen lauert die Schuldfrage: Wer trägt die Verantwortung für diese Entwicklung -die Lebensmittelindustrie mit ihrer aggressiven Werbung für Süßprodukte; die ungerechte Gesellschaft und der laxe Staat, dem das Geld für Präventionsmaßnahmen fehlt; oder die Betroffenen selbst, die ohnehin nicht bereit sind, ihren Lebensstil zu ändern?

Um zu erklären, wie soziale Faktoren zu einer ungesunden Ernährung führen, spricht die Sozialmedizin unter anderem von "Gratifikationskrisen", von denen Menschen mit niedrigerem sozialem Status häufiger betroffen sind. Damit ist ein Ungleichgewicht von Aufwand und Entschädigung gemeint, zwischen Engagement, Leistung und sozialer Anerkennung einerseits und Entlohnung, Jobsicherheit sowie Karrierechancen andererseits. Dieses Ungleichgewicht bereitet einen Nährboden für psychische Belastungen und schädliche Verhaltensweisen.

Gibt es die "Zuckersucht"?

Zucker könnte hier eine Art von künstlicher "Gratifikation" darstellen, denn er beeinflusst auch die Belohnungssysteme im Gehirn. Süßes Essen führt zur Ausschüttung von Dopamin, ein Neuro-Botenstoff, der mit Motivation und dem Gefühl der Befriedigung in Verbindung gebracht wird. Dass Zucker süchtig machen kann, wie immer wieder behauptet wird, dafür fand sich zumindest laut EU-Projekt "Neurofast" kein Hinweis. Die Hinwendung zur Schokolade als "Seelentröster" lässt sich aber mitunter als "Verhaltenssucht" begreifen, wenn die Aktivität des Essens regelmäßig dazu dient, negative Gefühlszustände zu erleichtern.

Hinzu kommt, dass Diabetes einer strukturierten Langzeittherapie bedarf: Gerade hier sind Gesundheitsbildung und das aktive Mitwirken der Patienten essenziell. Auch auf dieser Ebene spielt der soziale Faktor eine Rolle: Denn Menschen mit mangelnder sozialer Unterstützung haben nachweislich schlechtere Voraussetzungen, ihre Zuckerkrankheit in den Griff zu bekommen.

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