"Fettsucht“ zwischen Lebensstil und Politik

Adipositas ist eine chronische Krankheit mit schwerwiegenden Folgen. Ein Fachkongress in Krems verdeutlichte aktuelle Schwierigkeiten der Prävention.

Während heute weltweit Magersucht-verdächtige Models über die Laufstege huschen und das aktuelle Schönheitsideal einer - fast schon grenzwertigen - Schlankheit verkörpern, stehen übergewichtige Menschen mehr denn je im sozialen Abseits. "Ob in Restaurants, beim Fliegen oder im Urlaub: stark übergewichtige Menschen werden immer wieder diskriminiert oder belächelt, einschließlich ein paar ungefragter Abnehm-Tipps von völlig Fremden“, berichtete Elisabeth Jäger vom Verein Adipositas Selbsthilfegruppe Österreich beim letztwöchigen Fachkongress in Krems, dem 4. Europäischen Forum für Evidenzbasierte Prävention (EUFEP).

Bereits übergewichtige Kinder und Jugendliche sind stärker von Ausgrenzung betroffen und entwickeln in erhöhtem Ausmaß Minderwertigkeitsgefühle oder psychische Störungen.

Suchtartiges Essen

Jäger kritisierte, dass bislang nur das persönliche Verhalten der Betroffenen für das exzessive Übergewicht verantwortlich gemacht werde. Dass Adipositas nur wenig mit herkömmlichem Übergewicht gemein hat und eine chronische Krankheit darstellt, die einer gezielten medizinischen Behandlung bedarf, ist noch wenig bekannt. Adipöse unterscheiden sich von allen anderen Gewichtsgruppen etwa darin, dass sie in hohem Ausmaß "Suchtaspekte des übermäßigen Essens“ aufweisen. Jäger verwies hierbei auf den US-amerikanischen Adipositas-Forscher Mark Gold, der von der drogenartigen Wirkung neu konzipierter Nahrungsmittel gesprochen hatte, die erst recht zu einem übermäßigen, suchtartigen Essen verleiten würden.

In adipösem Gewebe führen große Mengen gespeicherter Energie eher zu einer Schwächung der Appetitsteuerung, die für die Energiebilanz eine wichtige Rolle spielt. Das bedeutet, dass es mit zunehmendem Gewicht sogar noch schwieriger wird, relativ zum Energieverbrauch ausgewogen zu essen. Zudem geht Adipositas bei bis zu 30 Prozent der Betroffenen mit klinisch relevanten Essstörungen wie zum Beispiel Bulimie (Ess-Brechsucht) oder so genannten Essattacken ("Binge Eating“-Störung) einher. Die Lebenserwartung von Übergewichtigen ist um circa drei Jahre und jene von Adipösen um sechs Jahre verkürzt. Weitere Begleiterscheinungen von starkem Übergewicht und Adipositas sind nicht zuletzt hohe Kosten für das Gesundheitssystem und die Volkswirtschaft.

Als Gründe der weltweit wachsenden Adipositas-Epidemie (siehe Kasten) gelten vor allem der erhöhte Konsum "energiedichter“, hochkalorischer Nahrungsmittel, abnehmender Verzehr von Obst und Gemüse, zu viel sitzende Tätigkeiten und ganz allgemein zu wenig Bewegung.

Die Auswirkungen von Ernährung und Lebensstil auf das Adipositas-Risiko bei Kindern stellte der Präventionsexperte Wolfgang Ahrens von der Universität Bremen anhand einer fünfjährigen Studie vor: Bestätigt wurden bereits bekannte Risikofaktoren wie Übergewicht der Eltern und niedriger sozialer Status. Auch mehr als eine Stunde Fernsehen pro Tag wirkte sich negativ hinsichtlich der Gewichtsentwicklung aus. Außerdem zeigte sich, dass Kinder mit unzureichendem Schlaf ein erhöhtes Adipositas-Risiko aufweisen. Das Fazit: "Fernseher raus aus dem Kinderzimmer, mehr Spielen im Freien und genug Schlaf“, so der Appell von Ahrens an die Eltern und Betreuungspersonen.

Dass es sich bei Adipositas um eine, wie Experten sagen, komplexe multifaktorielle Erkrankung handelt, die von genetischen Faktoren ebenso beeinflusst wird wie von den hoch industriellen Bedingungen unserer Ernährung, macht das Thema Adipositas-Prävention nicht nur für Ärzte und andere Gesundheitsberufe, sondern auch aus politischer Sicht brisant. Unbestritten ist, dass Prävention stets auf den Säulen Bewegung und Ernährung basiert und möglichst frühzeitig - vor der Geburt und beim Kleinkind - beginnen sollte. Das Hauptziel präventiver Maßnahmen ist eine ausgeglichene Energiebilanz. Besonders wichtig ist der Verzicht auf "Softdrinks“ und "Fastfood“, die meist zu fett, zu salzig und zu stark gezuckert sind.

Barrieren der Prävention

"Ansätze auf der individuellen Ebene können ihre Wirksamkeit allerdings nur entfalten, wenn gleichzeitig das übergewichtsfördernde Umfeld verändert wird“, betonte Jvo Schneider von der Gesundheitsförderung Schweiz. "Energiedichte Nahrungsmittel werden billig angeboten, stark beworben und sie sind überall und jederzeit zugänglich.“ Tim Lobstein, Direktor einer internationalen "Task Force“ zur Fettleibigkeit, verwies in diesem Zusammenhang auf widersprüchliche Bedürfnisse des Gesundheitswesens und der Wirtschaft. An sich "nicht übertragbare“ Erkrankungen wie Adipositas oder Diabetes würden heute eigentlich durch Unternehmen der Nahrungsmittelindustrie und die von ihr motivierte Werbung "übertragen“, indem diese meist gesundheitsschädliche Produkte anpreisen, so Lobstein: "Das weltweite Budget für die Bewerbung dieser Produkte beträgt über 90 Milliarden Euro - mehr als das Bruttoinlandsprodukt der meisten Länder dieser Erde.“

Adipositas-Prävention bewegt sich somit im Spannungsfeld zwischen Eigenverantwortung und der Gestaltung gesundheitsfördernder Rahmenbedingungen. Unter den sozialen Vorsorgemöglichkeiten erscheinen steuerliche Eingriffe und Gesetzgebung am effektivsten - zum Beispiel Steuerzuschlag für "Junk Food“ und Entlastung für gesunde Lebensmittel. Der Kongress verdeutlichte die Herausforderung, dass Prävention der Kooperation vieler Verantwortlicher bedarf: in Politik, Wirtschaft und Gesundheitswesen ebenso wie in der eigenen Familie.

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