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Gesellschaft

Die Zeitbombe im Gesundheitswesen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Die Gesundheitsgespräche Alpbach ergaben heuer ein Programm für die Politik und dringende Appelle nach mehr Vorbeugung. Sonst explodieren die Kosten.

Das Ergebnis hat in seiner Eindeutigkeit und Klarheit dann doch überrascht und es erhöht den Reformdruck in der Gesundheitspolitik: Mehr als drei Viertel der Teilnehmer an den Alpbacher Gesundheitsgesprächen forderten, das derzeit zersplitterte Gesundheitswesen und die ebensolche Langzeitpflege sollten aus einem Budget finanziert werden. Eine nahezu ebenso hohe Zustimmung ergab sich für Investitionen in die Prävention und in die Früherkennung von Diabetes sowie für die nachhaltige Finanzierung einer auf Solidarität basierenden Pflege.

Den eindeutigen Voten der über 200 Teilnehmer waren angeregte Diskussionen in sechs Arbeitskreisen sowie Vorträge mit "vielfach alarmierenden Zahlen“ vorangegangen, wie Jan Oliver Huber, Generalsekretär des Mitveranstalters Pharmig, berichtet. Die Zahlen belegen tatsächlich Handlungs- und Reformbedarf, allerdings ist die Gesundheitspolitik nicht der einzige Adressat der dringenden Appelle.

Nur wenige Kostentreiber

Die teils schockierenden Zahlen präsentierte der deutsche Mediziner und Gesundheitsexperte Fred Harms, der für die gemeinnützige European Health Care Foundation in Zug (Schweiz) tätig ist. Die chronischen Erkrankungen verursachen über 90 Prozent der Todesfälle. Der Anteil übergewichtiger Personen im Alter von über 30 Jahren sei bei Männern auf 79 und bei Frauen auf 70 Prozent angestiegen. Die Diabetes-Häufigkeit habe sich in Deutschland seit 1970 auf über sieben Millionen verdreifacht, in Österreich sei ein Zehntel dieser Zahl als Fälle anzunehmen. Bei anhaltender Entwicklung würden 2030 die Kosten für die Behandlung von Diabetes und von Adipositas gleich hoch sein wie heute die Gesundheitskosten insgesamt. Doch damit nicht genug.

Zu den - medizinischen und gesundheitspolitischen - Herausforderungen gehört die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD). Eine Million Österreicher seien davon betroffen, rund 430.000 behandlungspflichtig. Die Anzahl der Erkrankten steige bis 2020 um ein Viertel, meinte Harms, ehe er zum Fazit ansetzte.

Die fünf häufigsten Erkrankungen würden 88 Prozent der Ausgaben für Gesundheit verursachen. Das sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, eben COPD, Krebs sowie neurologische Erkrankungen, vor allem Depressionen. Doch gerade die Patienten mit chronischen Erkrankungen hätten 90 Prozent des Erfolges einer Therapie selbst in der Hand. Andersrum: Selbstmanagement sei probater Weg zu Heilung und Sparsamkeit. Würden zudem die hauptsächlichen Ursachen für manche dieser chronischen Erkrankungen - falsche Ernährung, mangelnde Bewegung, Rauchen - eliminiert werden, ging die Menge an Fällen drastisch zurück: Die Anzahl der Herzerkrankungen, der Schlaganfälle und der Diabetes würde sich um 80 Prozent vermindern, jene der Krebsfälle um 40 Prozent. Doch diese Umstände sind nicht die einzigen Ursachen, welche hier die Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit auf 3400 Euro und damit auf den zweiten Platz in der Europäischen Union treiben.

Insuffizienz und Gegensätze

Wie Huber unter Verweis auf einschlägige Expertise meint, würde die Aufsplitterung des Gesundheitswesens auf unterschiedliche Träger und Finanziers ebenso die Kosten erhöhen wie die Vielzahl der Selbstverwaltungskörper: "Das ist ein Cocktail aus Insuffizienz, Interessengruppen und Zielgruppen.“ Doch zu den hohen Kosten des Gesundheitswesens kämen noch jene für die hohe Anzahl an Invaliditätspensionen und die für OECD-Verhältnisse überdurchschnittlich hohen Pflegekosten. Auch diese werden sich, sollte die Entwicklung der letzten Jahre anhalten, bis 2030 auf vier Milliarden Euro verdoppeln: "Da passt einiges nicht zusammen“, resümiert Huber. "Natürlich ist Österreich ineffizient organisiert“, meinte etwa Wirtschaftswissenschafter Helmut Kramer. Die Kostensteigerung habe nicht nur mit gestiegenem medizinischem Fortschritt und steigendem Gesundheitsbewusstsein zu tun. Dem pflichtete Ernst Pichlbauer, Gesundheitsökonom, bei: Das Allgemeine Sozialversicherungsgesetz umfasse mittlerweile 658 Seiten, auf denen jedoch weniger geregelt werde als in der ursprünglichen Version des Jahres 1955. Ursache der Aufblähung seien zahlreiche Partikularinteressen. Das war einer der Ansätze von Gesundheitsminister Alois Stöger: "Es ist erlaubt, darüber nachzudenken, ob es in der kleinen Republik notwendig ist, zehn unterschiedliche Krankenanstaltengesetze zu haben.“ Das Nachdenken hat bereits eingesetzt.

Noch vor den Beratungen in Alpbach tagte die Arbeitsgruppe zur Spitalsreform. Ihr gehören für die Regierung neben Stöger noch Finanzministerin Maria Fekter an, für die Länder Stadträtin Sonja Wehsely (Wien) und Landeshauptmann Josef Pühringer (Oberösterreich) sowie Hansjörg Schelling und Ingrid Reischl für die Sozialversicherung. Die Gruppe vereinbarte Stillschweigen über den Stand ihrer Gespräche, gibt sich aber hinsichtlich eines Erfolges innerhalb absehbarer Zeit optimistisch: Die Spitalsreform könnte schon 2013 stehen, sagten Stöger und Schelling unabhängig von einander aber übereinstimmend. Selbst wenn sie Erfolg haben, sollten mehr der Erkrankten ihr Selbstmanagement forcieren und mehr Gesunde die Vorbeugung.

Jugendliche als Problemgruppe

Unter den 15-Jährigen würden 30 Prozent der Mädchen und 25 Prozent der Burschen rauchen. Mehr als 15 Prozent der jugendlichen Wiener dieses Alters seien ädipös. Sowohl die Ärztekammer als auch das Gesundheitsministerium setzen in ihren gesundheitspolitischen Ansätzen - neben anderen - auf Vorbeugung. Diese zu unterlassen, käme teuer. Die heute trinkenden und rauchenden, sich falsch ernährenden und zu wenig bewegenden Teenager würden das System im Jahr 2030 mit zusätzlichen Kosten von 1,6 Milliarden Euro belasten. Bis zum Jahr 2050 könnte sich diese Mehrbelastung auf 3,7 Milliarden Euro erhöhen, errechnete Leo Chini von der Wirtschaftsuniversität Wien schon vor zwei Jahren für die Ärztekammer: "Prävention ist wichtig“, heißt es dort. Man erwarte sich daher "diesbezügliche Schwerpunkte“. Die werden, heißt es in Stögers Büro, gesetzt: Der Aktionsplan Ernährung und die Leitlinien für das Schulbuffet folgen dem Grundsatz, von der Reparaturmedizin zur Vorbeugung zu gelangen.

Die Gesundheitsgespräche Alpbach ergaben heuer ein Programm für die Politik und dringende Appelle nach mehr Vorbeugung. Sonst explodieren die Kosten.

Das Ergebnis hat in seiner Eindeutigkeit und Klarheit dann doch überrascht und es erhöht den Reformdruck in der Gesundheitspolitik: Mehr als drei Viertel der Teilnehmer an den Alpbacher Gesundheitsgesprächen forderten, das derzeit zersplitterte Gesundheitswesen und die ebensolche Langzeitpflege sollten aus einem Budget finanziert werden. Eine nahezu ebenso hohe Zustimmung ergab sich für Investitionen in die Prävention und in die Früherkennung von Diabetes sowie für die nachhaltige Finanzierung einer auf Solidarität basierenden Pflege.

Den eindeutigen Voten der über 200 Teilnehmer waren angeregte Diskussionen in sechs Arbeitskreisen sowie Vorträge mit "vielfach alarmierenden Zahlen“ vorangegangen, wie Jan Oliver Huber, Generalsekretär des Mitveranstalters Pharmig, berichtet. Die Zahlen belegen tatsächlich Handlungs- und Reformbedarf, allerdings ist die Gesundheitspolitik nicht der einzige Adressat der dringenden Appelle.

Nur wenige Kostentreiber

Die teils schockierenden Zahlen präsentierte der deutsche Mediziner und Gesundheitsexperte Fred Harms, der für die gemeinnützige European Health Care Foundation in Zug (Schweiz) tätig ist. Die chronischen Erkrankungen verursachen über 90 Prozent der Todesfälle. Der Anteil übergewichtiger Personen im Alter von über 30 Jahren sei bei Männern auf 79 und bei Frauen auf 70 Prozent angestiegen. Die Diabetes-Häufigkeit habe sich in Deutschland seit 1970 auf über sieben Millionen verdreifacht, in Österreich sei ein Zehntel dieser Zahl als Fälle anzunehmen. Bei anhaltender Entwicklung würden 2030 die Kosten für die Behandlung von Diabetes und von Adipositas gleich hoch sein wie heute die Gesundheitskosten insgesamt. Doch damit nicht genug.

Zu den - medizinischen und gesundheitspolitischen - Herausforderungen gehört die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD). Eine Million Österreicher seien davon betroffen, rund 430.000 behandlungspflichtig. Die Anzahl der Erkrankten steige bis 2020 um ein Viertel, meinte Harms, ehe er zum Fazit ansetzte.

Die fünf häufigsten Erkrankungen würden 88 Prozent der Ausgaben für Gesundheit verursachen. Das sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, eben COPD, Krebs sowie neurologische Erkrankungen, vor allem Depressionen. Doch gerade die Patienten mit chronischen Erkrankungen hätten 90 Prozent des Erfolges einer Therapie selbst in der Hand. Andersrum: Selbstmanagement sei probater Weg zu Heilung und Sparsamkeit. Würden zudem die hauptsächlichen Ursachen für manche dieser chronischen Erkrankungen - falsche Ernährung, mangelnde Bewegung, Rauchen - eliminiert werden, ging die Menge an Fällen drastisch zurück: Die Anzahl der Herzerkrankungen, der Schlaganfälle und der Diabetes würde sich um 80 Prozent vermindern, jene der Krebsfälle um 40 Prozent. Doch diese Umstände sind nicht die einzigen Ursachen, welche hier die Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit auf 3400 Euro und damit auf den zweiten Platz in der Europäischen Union treiben.

Insuffizienz und Gegensätze

Wie Huber unter Verweis auf einschlägige Expertise meint, würde die Aufsplitterung des Gesundheitswesens auf unterschiedliche Träger und Finanziers ebenso die Kosten erhöhen wie die Vielzahl der Selbstverwaltungskörper: "Das ist ein Cocktail aus Insuffizienz, Interessengruppen und Zielgruppen.“ Doch zu den hohen Kosten des Gesundheitswesens kämen noch jene für die hohe Anzahl an Invaliditätspensionen und die für OECD-Verhältnisse überdurchschnittlich hohen Pflegekosten. Auch diese werden sich, sollte die Entwicklung der letzten Jahre anhalten, bis 2030 auf vier Milliarden Euro verdoppeln: "Da passt einiges nicht zusammen“, resümiert Huber. "Natürlich ist Österreich ineffizient organisiert“, meinte etwa Wirtschaftswissenschafter Helmut Kramer. Die Kostensteigerung habe nicht nur mit gestiegenem medizinischem Fortschritt und steigendem Gesundheitsbewusstsein zu tun. Dem pflichtete Ernst Pichlbauer, Gesundheitsökonom, bei: Das Allgemeine Sozialversicherungsgesetz umfasse mittlerweile 658 Seiten, auf denen jedoch weniger geregelt werde als in der ursprünglichen Version des Jahres 1955. Ursache der Aufblähung seien zahlreiche Partikularinteressen. Das war einer der Ansätze von Gesundheitsminister Alois Stöger: "Es ist erlaubt, darüber nachzudenken, ob es in der kleinen Republik notwendig ist, zehn unterschiedliche Krankenanstaltengesetze zu haben.“ Das Nachdenken hat bereits eingesetzt.

Noch vor den Beratungen in Alpbach tagte die Arbeitsgruppe zur Spitalsreform. Ihr gehören für die Regierung neben Stöger noch Finanzministerin Maria Fekter an, für die Länder Stadträtin Sonja Wehsely (Wien) und Landeshauptmann Josef Pühringer (Oberösterreich) sowie Hansjörg Schelling und Ingrid Reischl für die Sozialversicherung. Die Gruppe vereinbarte Stillschweigen über den Stand ihrer Gespräche, gibt sich aber hinsichtlich eines Erfolges innerhalb absehbarer Zeit optimistisch: Die Spitalsreform könnte schon 2013 stehen, sagten Stöger und Schelling unabhängig von einander aber übereinstimmend. Selbst wenn sie Erfolg haben, sollten mehr der Erkrankten ihr Selbstmanagement forcieren und mehr Gesunde die Vorbeugung.

Jugendliche als Problemgruppe

Unter den 15-Jährigen würden 30 Prozent der Mädchen und 25 Prozent der Burschen rauchen. Mehr als 15 Prozent der jugendlichen Wiener dieses Alters seien ädipös. Sowohl die Ärztekammer als auch das Gesundheitsministerium setzen in ihren gesundheitspolitischen Ansätzen - neben anderen - auf Vorbeugung. Diese zu unterlassen, käme teuer. Die heute trinkenden und rauchenden, sich falsch ernährenden und zu wenig bewegenden Teenager würden das System im Jahr 2030 mit zusätzlichen Kosten von 1,6 Milliarden Euro belasten. Bis zum Jahr 2050 könnte sich diese Mehrbelastung auf 3,7 Milliarden Euro erhöhen, errechnete Leo Chini von der Wirtschaftsuniversität Wien schon vor zwei Jahren für die Ärztekammer: "Prävention ist wichtig“, heißt es dort. Man erwarte sich daher "diesbezügliche Schwerpunkte“. Die werden, heißt es in Stögers Büro, gesetzt: Der Aktionsplan Ernährung und die Leitlinien für das Schulbuffet folgen dem Grundsatz, von der Reparaturmedizin zur Vorbeugung zu gelangen.