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Vorsorgen - am besten primär

"Die Bundesregierung bekennt sich zur Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention mit dem Ziel, die in Gesundheit verbrachten Lebensjahre deutlich anzuheben", heißt es im Arbeitsprogramm von SPÖ und ÖVP. Tatsächlich sind die Daten frustrierend: Glaubt man der europäischen Gesundheitsstatistik, dann liegt die gesunde Lebenserwartung in Österreich mit 60 Jahren weit hinter jenen 71 Jahren, derer sich die Schweden in körperliche Frische erfreuen. Nicht nur die Bundesregierung setzt deshalb auf Prävention, auch die Bundesländer haben im Rahmen der "Zielsteuerungsverträge zur Gesundheitsreform" zahlreiche präventive Modelle entwickelt.

Höchste Zeit, denn bislang hat Österreich eher auf Reparaturmedizin gesetzt: Von den 32,4 Milliarden Euro an jährlichen Gesundheitsausgaben flossen etwa 2011 gerade einmal 461 Millionen Euro in "Prävention und öffentlichen Gesundheitsdienst", das waren nicht einmal 1,5 Prozent. Laut "OECD-Health Data" lag der europäische Durchschnitt bei zwei Prozent.

Doch wo bei der Prävention beginnen? Erst Dienstag dieser Woche wies die Wiener Ärztekammer im Rahmen der Kampagne "Gesagt. Getan. Vorgesorgt" darauf hin, dass es in Sachen Augengesundheit in Österreich "ein Prophylaxe-und Früherkennungsdefizit" gebe. Die altersbedingte Degeneration der Makula (Netzhautmitte) werde etwa nach wie vor häufig erst im Endstadium entdeckt, was schlimmstenfalls zur Erblindung führen könne. Daneben gibt es eine lange Liste weiterer, potenzielle Schwachstellen, die man derzeit allzu spät erkennt: Sie reicht vom Diabetes (unter dem laut Diabetesbericht 2013 bis zu 215.000 Menschen leiden, ohne diagnostiziert zu sein -darunter häufig Menschen mit Migrationshintergrund) bis zur Modediagnose "Burnout", die laut Schätzungen auf ungefähr eine halbe Million Menschen in Österreich zutrifft. "Tendenz steigend", wie es heißt.

Früherkennung gehört in die Kategorie der so genannten Sekundärprävention - wie auch Impfungen sowie die 1974 eingerichtete Vorsorgeuntersuchung für Personen ab 18 Jahren (die derzeit jährlich von 12,4 Prozent der relevanten Bevölkerung -darunter klassischerweise mehr Frauen als Männer - durchlaufen wird, was bei einer durchschnittlichen Inanspruchnahme alle drei Jahre eine Gesamt-Beteiligung von knapp 40 Prozent bedeutet.) 2005 wurde die Gesundenuntersuchung modifiziert - inklusive Neubewertung der Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Unterstützung bei der Veränderung des Lebensstils, Koloskopie (Darmspiegelung) alle fünf Jahre für Menschen über 50 Jahren, Früherkennung von Hör-oder Sehschäden bei Personen ab 65 Jahren sowie Einbeziehung von Zahnfleischerkrankungen. Dass die Lebenserwartung der Frauen von 1974 bis heute um sieben Jahre bzw. jene der Männer sogar um acht Jahre gestiegen ist, wird zum Teil auf diese Maßnahme zurückgeführt - wenn auch ein direkter Zusammenhang schwer zu belegen ist (siehe oben).

Während man als Tertiärprävention die Verringerung der Schwere und Ausweitung einer bereits manifest gewordenen Erkrankung bezeichnet (etwa durch Heilgymnastik oder Rehabilitation), meint Primärprävention jene Maßnahmen wie Bildung, Aufklärung, Erziehung oder Information, die von vornherein Gesundheit fördern und die Entstehung von Krankheiten möglichst verhindern sollen. Wie sehr sich der eigene, sozioökonomische Status auf Gesundheit und Lebenserwartung auswirkt, hat nicht zuletzt eine Studie des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie in Köln gezeigt: Demnach lebt jemand, der weniger als 1500 Euro im Monat verdient, etwa zehn Jahre kürzer als jemand mit einem durchschnittlichen Monatseinkommen von mehr als 4500 Euro. Vorsorgeuntersuchung hin oder her.

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