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Der Durchbruch kommt bestimmt

Statistiken zeigen einen Rückgang der Krebs-Todesfälle, aber eine Zunahme der Spitalsbehandlungen dieser Krankheit, die nach Herz- und Kreislauferkrankungen die häufigste Todesursache in Österreich ist.

Vor kurzem präsentierte die Krebsstatistik neue Zahlen, die einen leichten Rückgang der Krebstoten in Österreich zeigten. Kamen 1974 auf 100.000 Einwohner noch 260 Krebstote, so waren es 1979 „nur" 253, wobei etwas mehr Männer als Frauen dieser Krankheit zum Opfer fielen.

Ein Grund zur Euphorie? Bei diesem rückläufigen Trend handelt es sich nur um einen Rückgang der Krebstoten um nicht eirunal 0,01 Prozent Überdies haben im selben Zeitraum die Spitalsbehandlungen bei Krebserkrankungen um 44,4 Prozent zugenommen. Nun, diese Statistik registriert jeden in ein Spital aufgenommenen Krebskranken, gleichgültig, ob es sich mehrmals um dieselbe Person handelt

Trotzdem werden problematische Zahlen immer wieder dazu mißbraucht, um „eindeutige" Schlüsse daraus zu ziehen.

„Nach unserem jetzigen Forschungsstand glaube ich, daß wir erst in zehn bis 20 Jahren eine erste Erfolgsstatistik präsentieren können. In Amerika etwa steigt die Zahl der Krebstoten noch an. Die primäre Krebsprophylaxe müßte zum Schwerpunkt der Forschungen werden. Noch wird viel zu zögernd an den Sieg über diese Krankheit durch Vorbeugung herangegangen. Man beschäftigt sich noch sehr stark mit den Bekämpfungsmethoden, was zwar auch sehr notwendig, aber nicht allein entscheidend ist."

Das erklärt dazu der bekannte Grazer Krebsforscher Univ.-Prof. Josef Richard Moese.

Trotzdem sind die Bemühungen der Mediziner in den letzten Jahren nicht ohne Erfolge geblieben. Reale Heilungschancen gibt es schon bei den frauenspezifischen Erkrankungen Brust- und Gebärmutterkrebs. Wenig Fortschritte hingegen konnten bisher bei Lun- genkrebs, malignen Erkrankungen verschiedener Organe sowie des zentralen Nervensystems, also Himkrebs, erzielt werden.

Zweifellos sieht man manches auf diesem so schwierigen Gebiet schon etwas klarer, doch „erst in 20 bis 30 Jahren werden wir wirklich abschätzen können, wie sehr die vielen Chemikalien in unserer

Umwelt die Organismen belasten", meint Prof. Moese.

Denn bei vielen Menschen ist der Krebs bereits „vorprogrammiert"; Tierversuche, deren Ergebnisse prinzipiell auch auf den Menschen übertragbar sind, haben es schon vor einiger Zeit gezeigt: Werden bestimmte Chemikalien, zum Beispiel Nitrosamine, zu bestimmten Zeiten nach der Befruchtung selbst in geringsten Dosen gespritzt, so erzeugen sie bei der Nachfolgegeneration mit hoher Wahrscheinlichkeit - bis zu 90 Prozent - Krebs.

Auch andere Umweltfaktoren, gekoppelt mit der höheren Lebenserwartung, spielen eine große Rolle. Die Menschen sind immer länger und immer intensiver einer permanent stärker werdenden Umweltbelastung ausgesetzt. Wie stark sich dem Laien oft nebensächlich scheinende Faktoren auswirken können, zeigt eine Langzeituntersuchung von Univ.-Dozent Manfred Neuberger aus Wien. Für Menschen, die an einem Arbeitsplatz mit hoher Staubkonzentration ihrer Tätigkeit nachgehen, ist das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken etwa eineinhalbmal so hoch wie bei Menschen, die dieser Staubbelastung nicht ausgesetzt sind. Starkes Rauchen vergrößert das Risiko noch um ein Vielfaches.

Doch auch bereits lang zurückliegende Einflüsse wirken sich oft in fataler Weise aus. Frauen beispielsweise, die in den vierziger Jahren mit künstlichen Hormonen behandelt wurden, erkranken häufiger an Krebs, was man aber erst jetzt feststellt.

Selbst wenn nun immer wieder neue, bessere Medikamente als die sogenannten „Wunderwaffen" gegen die Geißel Krebs präsentiert werden, muß der Ansatz der Forschung bei Vorbeugungsund Früherkennungsmethoden liegen. Die seit einigen Jahren propagierten Vorsorgeuntersuchungen haben sich immerhin dahingehend positiv ausgewirkt, daß die Leute hellhöriger geworden sind. Die meisten gehen im Zweifelsfall doch eher und vor allem häufiger zum Arzt.

Daß heute mehr Krebskranke im Spital behandelt werden, liegt wohl hauptsächlich daran, daß die Kliniken mehr in Anspruch genommen werden, um schon exaktere Diagnosen zu stellen. Durch die besseren Erkennungsmethoden werden wohl auch mehr Erkrankungen tatsächlich registriert als früher. Mehr Spitalsaufenthalte sind ebenso durch intensivere und letztlich effizientere Behandlungsmethoden erklärbar.

Doch auch bei Frühwarnmetho-den dürften Fortschritte zu erzielen sein. Zwei Wiener Ärzte, Univ.-Doz. Helmut Sinzinger und Christoph Geisinger, hoffen, mit Hilfe der sogenannten Prostaglandine (Abkömmlinge von Fettsäuren) in Zukunft Tumore im Frühstadium erkennen zu können. Patienten, die an Magenoder Darmkrebs erkrankt sind, wiesen nämlich in ihrem Blut wesentlich mehr dieser Fettsäure-Abkömmlinge auf als Gesunde.

Ein interessantes wenn auch sehr schwieriges Gebiet stellt die Erforschung psychischer Einflüsse bei Krebserkrankungen dar. Denn zweifellos wirken das Zentralnervensystem und die psychische Situation eines Menschen auf das Abwehrsystem, die Abwehrmöglichkeiten des Körpers, doch leider ist noch sehr wenig darüber begannt, so Prof. Moese.

Wie sehen nun aber unsere Chancen für die Zukunft aus? Prof. Moese: „Wir werden den Krebs zwar nie zum Verschwinden bringen, aber früher oder später in den Griff bekommen, so wie das auch bei der Bekämpfung von großen Seuchen schließlich gelungen ist."

Durch Verbesserung der Diagnosemethoden, neue Therapien und bessere und intensivere Vorbeugungsmaßnahmen — also ein Zusammenspiel aller Komponenten - soll das gelingen.

„Der Durchbruch steht noch aus, er wird aber kommen," gibt sich der Krebsforscher optimistisch.

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