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1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Es mehren sich die Untersuchungen, die den Mobilfunk in Frage stellen. Aber kaum jemand ist irritiert.

Ende Juli in Naila, einer weithin unbekannten Stadt in Bayern: Bei einer gut besuchten Veranstaltung stellen die fünf dort niedergelassenen Allgemeinmediziner eine Studie vor. Auf der Grundlage ihrer Patientenunterlagen hatten sie die gesundheitliche Auswirkungen der in der Stadt seit 1993 betriebenen Mobilfunkanlage untersucht. Erfasst wurden die Daten von rund 1.000 Personen in den Jahren von 1994 bis 2004.

Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, war bei Personen, die in in einem Umkreis von 400 Metern von der Sendeanlage lebten, doppelt so groß wie bei den übrigen Patienten. In den letzten fünf Jahre betrug die entsprechende Relation sogar 3:1. Was für verstärkte Wirkung durch Dauerbelastung spricht. Außerdem waren die Patienten im inneren Kreis durchschnittlich 8,5 Jahre jünger als jene der Vergleichsgruppe.

Aufgrund dieser Erkenntnisse beschloss der Stadtrat von Naila eine Petition: Der Deutsche Bundestag, das Europa-Parlament und der Bayerische Landtag wurden ersucht, sich für die "Absenkung des Grenzwertes für die Leistungsflussdichte von Mobilfunksendeanlagen" einzusetzen.

Einige Wochen davor hatte eine andere Untersuchung Schlagzeilen gemacht: Imre Fejes von der Universität Szeged in Ungarn hatte bei einem Vortrag der "European Society of Human Reproduction an Embryology" in Berlin seine Arbeit über Handy-Nutzung und männliche Fruchtbarkeit vorgestellt. Er hatte 451 Patienten 13 Monate lang untersucht. Das Ergebnis: Männer, die häufig mobil telefonieren oder das Handy am Gürtel tragen, produzieren um 30 Prozent weniger - und weniger bewegliche - Samenzellen. Zwei Beispiele aus der langen Liste von Untersuchungen, die in den letzten zehn Jahren negative Folgen des Mobilfunks aufgezeigt haben.

Viel niedrigere Grenzwerte

Solche Arbeiten enden meist mit der Forderung, die Grenzwerte für die Belastung mit hochfrequenten Strahlen zu reduzieren. Gerd Oberfeld, Umweltmediziner beim Amt der Salzburger Landesregierung, macht klar, dass es dabei nicht um kleine Korrekturen, sondern um eine radikale Senkung gehe. Denn die von der Weltgesundheitsorganisation befürwortete und derzeit geltende Grenze berücksichtigt ausschließlich die thermischen Effekte der Strahlung, also die Schädigung von Gewebe durch Erhitzung.

Soll jedoch ein Schutz vor anderen biologischen Wirkungen erreicht werden, so müsse man eine Reduzierung um den Faktor 1:1.000.000 durchsetzen, meint Oberfeld: "Wenn man wirklich etwas erreichen will, dann muss man auf ein Mikrowatt je Quadratmeter zurückgehen." Und er ergänzt: "Schnurlos-Telefone daheim sollte man überhaupt verbieten."

Auf die Vorhaltung, dies klinge reichlich utopisch, stellt er trocken fest: "Das ist nur eine Frage der Zeit." Es gebe viele Zell- und Tierversuche sowie einige epidemiologische Unterschungen, deren Ergebnisse zu größter Vorsicht mahnen. Sie würden sich mehren.

Das Problem sei aber: Es mangelt an groß angelegten Untersuchungen der Wirkung auf die Bevölkerung, die klare Zusammenhänge erkennen lassen. Die vielen Einzelbeobachtungen würden nicht als ausreichende wissenschaftliche Fundierung für eine Kursänderung angesehen werden.

Das heben auch die dem Mobilfunk nahestehenden Institutionen hervor. So liest man auf der Webseite des "Forum Mobilkommunikation" (fmk): "Gesundheitliche Beeinträchtigungen durch diese Art von elektromagnetischen Feldern (GSM, Anm.) sind trotz intensiver Forschung nicht belegt und bei Einhaltung der Grenzwerte auszuschließen."

Auf die Frage: "Können Funkwellen Krebs auslösen oder beschleunigen?" gibt die Landesanstalt für Umweltschutz von Baden-Württemberg aufgrund einer Literaturstudie von Jiry Sily (TU Aachen) folgende Antwort: "Seit nun zwei Jahrzehnten steht der Einfluss hochfrequenter Felder auf Krebserkrankungen im Mittelpunkt der Forschung, insbesondere epidemiologischer Studien. Doch die haben den Nachteil, dass sich ein Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung kaum nachweisen lässt. Zu stark beeinflussen andere Umweltfaktoren oder Vorerkrankungen die Ergebnisse."

Ergebnisse: nicht eindeutig

Damit ist das heutige Dilemma beschrieben. Es gibt zwar viele Untersuchungen, die nahe legen, dass weitaus größere Vorsicht im Umgang mit dem Mobilfunk angebracht ist. Sie leiden aber daran, dass sie nur sehr spezielle Fragestellungen untersuchen, zu kleine Stichproben untersuchen, in einem Umfeld Erkenntnisse sammeln, in dem viele andere Einflussgrößen (Umweltgifte, Stress, Alter, ungesunde Lebensgewohnheiten...) eine Rolle spielen.

Und noch etwas ist zu berücksichtigen: Diese Infragestellung hört eigentlich niemand gern. Der Konsument nicht, weil er lieb gewordene Lebensgewohnheiten - vor allem dauernd erreichbar zu sein - verändern müsste. In Österreich wären 5,5 Millionen Handy-Benutzer betroffen, die im Vorjahr 850 Minuten mobil telefonierten - in der U-Bahn, beim Heurigen, am Badestrand, zu Hause, um Termine zu vereinbaren, Geschäfte abzuwickeln oder einfach zu tratschen.

Die Wirtschaft unternimmt ihrerseits alles, damit auch nicht der geringste Schatten auf diesen Hoffnungsmarkt - in China vermehrte sich die Zahl der Handy-Nutzer im Vorjahr um 63 und in den ersten fünf Monaten 2004 um weitere 30 Millionen - fällt.

Bis auf Weiteres wird sich an der Konstellation nichts ändern. Besorgnis erregende Beobachtungen werden sich mehren. Politik und Wirtschaft werden die Ergebnisse - nicht immer zu Unrecht - als zu wenig abgesichert bemängeln, dabei aber betonen, man verfolge die Entwicklung im Interesse der Volksgesundheit mit größter Aufmerksamkeit. Und der Normalverbraucher wird negative Meldungen gern verdrängen - bis Schäden unübersehbar sind.

Weitere Informationen:

www.buergerwelle.de

www.fmk.at

www.hese-project.org

Es mehren sich die Untersuchungen, die den Mobilfunk in Frage stellen. Aber kaum jemand ist irritiert.

Ende Juli in Naila, einer weithin unbekannten Stadt in Bayern: Bei einer gut besuchten Veranstaltung stellen die fünf dort niedergelassenen Allgemeinmediziner eine Studie vor. Auf der Grundlage ihrer Patientenunterlagen hatten sie die gesundheitliche Auswirkungen der in der Stadt seit 1993 betriebenen Mobilfunkanlage untersucht. Erfasst wurden die Daten von rund 1.000 Personen in den Jahren von 1994 bis 2004.

Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, war bei Personen, die in in einem Umkreis von 400 Metern von der Sendeanlage lebten, doppelt so groß wie bei den übrigen Patienten. In den letzten fünf Jahre betrug die entsprechende Relation sogar 3:1. Was für verstärkte Wirkung durch Dauerbelastung spricht. Außerdem waren die Patienten im inneren Kreis durchschnittlich 8,5 Jahre jünger als jene der Vergleichsgruppe.

Aufgrund dieser Erkenntnisse beschloss der Stadtrat von Naila eine Petition: Der Deutsche Bundestag, das Europa-Parlament und der Bayerische Landtag wurden ersucht, sich für die "Absenkung des Grenzwertes für die Leistungsflussdichte von Mobilfunksendeanlagen" einzusetzen.

Einige Wochen davor hatte eine andere Untersuchung Schlagzeilen gemacht: Imre Fejes von der Universität Szeged in Ungarn hatte bei einem Vortrag der "European Society of Human Reproduction an Embryology" in Berlin seine Arbeit über Handy-Nutzung und männliche Fruchtbarkeit vorgestellt. Er hatte 451 Patienten 13 Monate lang untersucht. Das Ergebnis: Männer, die häufig mobil telefonieren oder das Handy am Gürtel tragen, produzieren um 30 Prozent weniger - und weniger bewegliche - Samenzellen. Zwei Beispiele aus der langen Liste von Untersuchungen, die in den letzten zehn Jahren negative Folgen des Mobilfunks aufgezeigt haben.

Viel niedrigere Grenzwerte

Solche Arbeiten enden meist mit der Forderung, die Grenzwerte für die Belastung mit hochfrequenten Strahlen zu reduzieren. Gerd Oberfeld, Umweltmediziner beim Amt der Salzburger Landesregierung, macht klar, dass es dabei nicht um kleine Korrekturen, sondern um eine radikale Senkung gehe. Denn die von der Weltgesundheitsorganisation befürwortete und derzeit geltende Grenze berücksichtigt ausschließlich die thermischen Effekte der Strahlung, also die Schädigung von Gewebe durch Erhitzung.

Soll jedoch ein Schutz vor anderen biologischen Wirkungen erreicht werden, so müsse man eine Reduzierung um den Faktor 1:1.000.000 durchsetzen, meint Oberfeld: "Wenn man wirklich etwas erreichen will, dann muss man auf ein Mikrowatt je Quadratmeter zurückgehen." Und er ergänzt: "Schnurlos-Telefone daheim sollte man überhaupt verbieten."

Auf die Vorhaltung, dies klinge reichlich utopisch, stellt er trocken fest: "Das ist nur eine Frage der Zeit." Es gebe viele Zell- und Tierversuche sowie einige epidemiologische Unterschungen, deren Ergebnisse zu größter Vorsicht mahnen. Sie würden sich mehren.

Das Problem sei aber: Es mangelt an groß angelegten Untersuchungen der Wirkung auf die Bevölkerung, die klare Zusammenhänge erkennen lassen. Die vielen Einzelbeobachtungen würden nicht als ausreichende wissenschaftliche Fundierung für eine Kursänderung angesehen werden.

Das heben auch die dem Mobilfunk nahestehenden Institutionen hervor. So liest man auf der Webseite des "Forum Mobilkommunikation" (fmk): "Gesundheitliche Beeinträchtigungen durch diese Art von elektromagnetischen Feldern (GSM, Anm.) sind trotz intensiver Forschung nicht belegt und bei Einhaltung der Grenzwerte auszuschließen."

Auf die Frage: "Können Funkwellen Krebs auslösen oder beschleunigen?" gibt die Landesanstalt für Umweltschutz von Baden-Württemberg aufgrund einer Literaturstudie von Jiry Sily (TU Aachen) folgende Antwort: "Seit nun zwei Jahrzehnten steht der Einfluss hochfrequenter Felder auf Krebserkrankungen im Mittelpunkt der Forschung, insbesondere epidemiologischer Studien. Doch die haben den Nachteil, dass sich ein Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung kaum nachweisen lässt. Zu stark beeinflussen andere Umweltfaktoren oder Vorerkrankungen die Ergebnisse."

Ergebnisse: nicht eindeutig

Damit ist das heutige Dilemma beschrieben. Es gibt zwar viele Untersuchungen, die nahe legen, dass weitaus größere Vorsicht im Umgang mit dem Mobilfunk angebracht ist. Sie leiden aber daran, dass sie nur sehr spezielle Fragestellungen untersuchen, zu kleine Stichproben untersuchen, in einem Umfeld Erkenntnisse sammeln, in dem viele andere Einflussgrößen (Umweltgifte, Stress, Alter, ungesunde Lebensgewohnheiten...) eine Rolle spielen.

Und noch etwas ist zu berücksichtigen: Diese Infragestellung hört eigentlich niemand gern. Der Konsument nicht, weil er lieb gewordene Lebensgewohnheiten - vor allem dauernd erreichbar zu sein - verändern müsste. In Österreich wären 5,5 Millionen Handy-Benutzer betroffen, die im Vorjahr 850 Minuten mobil telefonierten - in der U-Bahn, beim Heurigen, am Badestrand, zu Hause, um Termine zu vereinbaren, Geschäfte abzuwickeln oder einfach zu tratschen.

Die Wirtschaft unternimmt ihrerseits alles, damit auch nicht der geringste Schatten auf diesen Hoffnungsmarkt - in China vermehrte sich die Zahl der Handy-Nutzer im Vorjahr um 63 und in den ersten fünf Monaten 2004 um weitere 30 Millionen - fällt.

Bis auf Weiteres wird sich an der Konstellation nichts ändern. Besorgnis erregende Beobachtungen werden sich mehren. Politik und Wirtschaft werden die Ergebnisse - nicht immer zu Unrecht - als zu wenig abgesichert bemängeln, dabei aber betonen, man verfolge die Entwicklung im Interesse der Volksgesundheit mit größter Aufmerksamkeit. Und der Normalverbraucher wird negative Meldungen gern verdrängen - bis Schäden unübersehbar sind.

Weitere Informationen:

www.buergerwelle.de

www.fmk.at

www.hese-project.org