Körper, die gegen alles rebellieren

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Immer mehr Menschen vertragen den Kontakt mit ganz alltäglichen Stoffen nicht mehr. Die Medizin hat Probleme, mit einer neuen Krankheit umzugehen.

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Immer mehr Menschen vertragen den Kontakt mit ganz alltäglichen Stoffen nicht mehr. Die Medizin hat Probleme, mit einer neuen Krankheit umzugehen.

dieFurche: Sie sprechen von Multipler Chemischer Sensiblität (MCS), einer weitgehend unbekannten Krankheit. Wodurch ist sie gekennzeichnet?

Klaus Rhomberg: Ich erzähle Ihnen vom Schicksal einer 34jährigen Frau: 1989 begann es mit Kopfschmerzen, Kreislauf- und Verdauungsproblemen. Als Herzrasen und Erstickungsanfälle dazukamen, suchte sie ärztlichen Rat. "Seelisch bedingt", war die Diagnose. Weitere Beschwerden kamen dazu, Blinddarm, Polypen und Mandeln wurden entfernt. Eine Besserung trat nicht ein. Nach einer Ärzte-Odyssee wurde erkannt: Die Frau verträgt weder Waschpulver, noch Farben, Duftstoffe oder chemisch behandelte Nahrungsmittel. Kommt sie damit in Berührung, rebelliert ihr Körper.

dieFurche: Hat die Krankheit Ähnlichkeiten mit Allergien?

Rhomberg: Ähnlich wie bei Allergien können minimale Dosen von Schadstoffen schwerste Krankheitserscheinungen hervorrufen, bis zu Atemstillstand, Bewußtlosigkeit, Herz-Kreislauf-Versagen. Es gibt auch dokumentierte Fälle, wo MCS-Patienten verstorben sind. Für die behandelnden Ärzte ist es besonders deshalb dramatisch, weil der Einsatz herkömmlicher Medikamente meist nicht möglich ist. Es herrscht nämlich eine Unverträglichkeit gegenüber vielen herkömmlichen Medikamenten vor. Die Ärzte stehen diesen körperlichen Zusammenbrüchen oft hilflos gegenüber. Die Heilung ist langwierig.

dieFurche: Es geht also um die Unverträglichkeit von Stoffen, denen wir im Alltag begegnen.

Rhomberg: Es wird geschätzt, daß ungefähr vier Prozent der Bevölkerung Chemikalienunverträglichkeiten mit nur geringem Krankheitswert im Alltag erlebt: Männer, die ein neues, noch ungewaschenes Hemd nach zwei Stunden wieder ausziehen müssen, weil ihre Haut das nicht verträgt. Bei Frauen gibt es die Unverträglichkeit bei neuen Strumpfhosen. Oder: Unverträglichkeit gegenüber Farbstoffen, kosmetischen Artikeln, Nahrungsmitteln. Die MCS-Patienten sind die Spitze des Eisberges. In Amerika sind mittlerweile 100.000 Menschen behandelt worden. Übertrage ich die amerikanischen Daten auf Österreich, dann vermute ich, daß es in Österreich Hunderte, vielleicht tausend oder noch mehr Patienten mit MCS existieren. Die Mehrzahl dieser Fälle läuft unter anderen Diagnosen. Ein Gutteil von ihnen ist wohl instinktiv den Weg gegangen, streng ökologisch und schadstoffrei zu leben. Ein weiterer Teil dürfte in der Psychiatrie gelandet sein. Die wenigen, in der Öffentlichkeit bekanntgewordenen Fälle stellen nur die Spitze des Eisberges dar.

dieFurche: Wird MCS stets durch starke Schadstoffexponierung ausgelöst?

Rhomberg: Einige Schadstoffe stehen besonders im Vordergrund: Pestizide, Holzschutzmittel, Formaldehyd. Einzelne Personen können auf Quecksilber - Amalgam - sensibel reagieren.

dieFurche: Was unterscheidet MCS-Patienten von solchen, die beispielsweise an einer Vergiftung durch Holzschutzmittel erkranken?

Rhomberg: Die Erfahrungen der Holzschutzmittelgeschädigten in Deutschland, sowie die Hunderten Erkankten der US-Umweltbehörde nach Verlegen eines neuen Fußbodens haben folgendes gezeigt: Alle waren einer schädigenden Substanz ausgesetzt. Ein guter Teil der Betroffenen hat auf diese Belastung mit den klassischen Zeichen einer akuten Vergiftung reagiert. Bei einem kleineren Teil hat sich diese Erkrankung aber verselbständigt. Den durch die akute Vergiftung ausgelösten Prozeß der Verselbständigung verstehen wir schlecht. Und das ist MCS.

dieFurche: Wodurch ist diese Eigendynamik gekennzeichnet?

Rhomberg: Daß schon kleinste Dosen der ursprünglich schädigenden Substanz - die der Normalverbraucher verträgt - Krankheitszeichen auslösen können. Viel deutet darauf hin, daß die Entgiftungsenzyme überfordert waren und daß die Schadstoffe in niedrigsten Dosen kumulieren können und nicht ausgeschieden werden. Dadurch könnten schon ganz niedrige Dosen die Krankheit auslösen. Außerdem kommt es zu einem Spreitungsphänomen: Verwandte Substanzen lösen auch die Symptome aus. Das kann sich bis zur Unverträglichkeit gegenüber allem ausweiten. Es gibt das Beispiel der Alternativen Nobelpreisträgerin, Cindy Duehring, die sofort sterben würde, wenn sie nicht ein eigenes Überlebenshaus zu Verfügung hätte.

dieFurche: Werden die Schadstoffe besonders über die Atemwege aufgenommen? Sind ihre Ausführungen also ein Plädoyer gegen die Müllverbrennung?

Rhomberg: Bei umweltmedizinischen Studien steht die Außenluft im Vordergrund. Was die allgemeine Schadstoffbelastung betrifft, ist aber der Nahrungspfad entscheidend. Über den Magen-Darmtrakt haben wir den höchsten Eintrag von Giftstoffen in unsere Depots. Was nun die Müllverbrennung anbelangt: Hier wird bei der Begutachtung oft nur die Außenluft betrachtet, nicht jedoch der Schadstoffpfad über die Nahrungskette. Wenn man den mitberücksichtigt, so kommt man beispielsweise bei Dioxinen und Furanen auf einen Faktor zehn- bis 100mal mehr Belastung. Weiters werden bei der Begutachtung nur 30 bis 40 Problemstoffe berücksichtigt. Tatsächlich aber sind es 3.000 bis 4.000. Zum Gutteil "Xenobiotika", also Stoffe, mit denen der Mensch bisher in seiner Evolution nichts zu tun hatte. Daher muß man prinzipiell annehmen, daß es Menschen gibt, die solche Stoffe nicht vertragen. Mittlerweile ist ja von der Toxikogenetik nachgewiesen, daß die Entgiftungsmechanismen des Menschen um einen Faktor 100 bis 1.000 verringert sein können, wenn die entsprechenden Entgiftungsenzyme nicht vorhanden sind. Bewertet werden Anlagen nach Richtlinien, die sich nach dem Durchschnittsmenschen richten. Nicht geschützt werden jene, die schon bei einem Hundertstel der Dosis mit Krankheit reagieren.

dieFurche: Heißt das: Je größer die Vielfalt der chemischen Stoffe in unserer Umwelt, umso größer auch die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten der von ihnen erwähnten Störungen?

Rhomberg: Deshalb wird immer häufiger über Umweltkranke berichtet, von einer steigenden Häufigkeit umweltbezogener Krankheiten: immer mehr Allergiker unter Kindern und Jugendlichen (sie haben sich in den letzten 10 bis 15 Jahren verdoppelt); wir haben allergische Erkrankungen bei 40-50jährigen. In den siebziger Jahren habe ich noch gelernt, daß Allergien nicht mehr auftreten, sobald jemand erwachsen ist. Wir haben immer mehr Erkrankungen an Brustkrebs, Leukämie, an allen Krebsformen, die mit Geschlechtsorganen zu tun haben. Man hat nämlich erkannt, daß Umweltschadstoffe hormonähnliche Wirkungen haben. Und man weiß, daß die Entstehung von Krebs an Geschlechtsorganen hormonabhängig ist. Auch Fehlbildungen der Geschlechtsorgane nehmen zu. Die Umweltmedizin kann also etwas über erhöhte Risken sagen, steht sie aber vor dem einzelnen Umweltkranken, dann scheint sie hilflos zu sein. Es wird nicht anerkannt, daß es also auch Umweltkranke gibt, die an die Gesellschaft auch Forderungen stellen, weil sie unter für sie krankmachenden Bedingungen leben müssen. Richter und Behörden stehen da und wissen mit meinen Gutachten, daß es sich um eine schadstoffbedingte Erkrankung handelt, nichts anzufangen.

dieFurche: Ist diese Krankheit in Österreich anerkannt?

Rhomberg: Von den 30 bis 40 Verdachtsfällen der letzten Jahren im AKH wurden nur drei Fälle offiziell als MCS-Fälle klassifiziert. Das Problem: Selbst wenn einem Patienten MCS bescheinigt wird, findet er keine besondere Berücksichtigung, wenn es um frühzeitige Pensionierung oder Anerkennung von Schadenersatzansprüchen geht. So gibt es also seit zehn Jahren den etablierten Fachbereich Umweltmedizin, die Patienten aber, die zu diesem Wissen passen, werden von den österreichischen Behörden und dem größten Teil der Schulmedizin nicht anerkannt. Ich möchte um mehr Verständnis für diese Patienten werben.

Das Gespräch führte Christof Gaspari.

Zur Person Arzt, Genetiker und engagierter Kämpfer für MCS-Patienten Dr. Klaus Rhomberg ist 1948 in Dornbirn geboren. Nach seiner Promotion 1977 war er in den Jahren von 1979 bis 1985 Oberarzt in der genetischen Untersuchungs- und Beratungsstelle in Innsbruck. Im Anschluß an ein Stipendium der Max-Planck Gesellschaft nimmt er ab1988 seine Tätigkeit als Umweltmediziner auf und leitet seit 1990 Projekte im Bereich Umweltmedizin. Lange Jahre hindurch war er Lehrbeauftragter an der Universität Innsbruck.

Außerdem ist Rhomberg Vizepräsident des internationalen Dachverbandes der Umweltärzte und Mitglied der Gentechnikkommission im österreichischen Gesundheitsministerium. Seit 1992 ist er mit der Begutachtung von MCS-Fällen beschäftigt und seit rund einem Jahr mit Anfragen von MCS-Erkrankten konfrontiert, die psychiatrisch behandelt werden.

Dr. Klaus Rhomberg ist verheiratet und Vater. Seine Kinder motivieren ihn stark für sein Engagement.

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