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Die Syphilis ist wieder im Vormarsch

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Die veränderte Umwelt bewirkt auch einen Anstieg der Hautkrankheiten. Im folgenden ein Gespräch über Gefahren und Möglichkeiten der Prävention.

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Die veränderte Umwelt bewirkt auch einen Anstieg der Hautkrankheiten. Im folgenden ein Gespräch über Gefahren und Möglichkeiten der Prävention.

DIEFURCHE: In diesen Tagen erscheint Ihr Buch über Hautkrankheiten Kann so ein Spezialthema ein breiteres Publikum interessieren3 Fritz Gschnait: Ich denke schon, denn die Hautprobleme nehmen zu. Es gibt mehr Ekzeme, Allergien, Tumore, alle Erkrankungen, die durch äußere Einflüsse bedingt sind.

DIKFurchR: Welche Umwelteinflüsse spielen da eine besondere Rolle? GscilNAIT: Da ist vor allem das ultraviolette Licht. Es wird mehr, einerseits durch das berühmte Ozonloch und andererseits dadurch, daß man sich ihm mehr aussetzt. Das hat mit den veränderten Urlaubsgewohnheiten zu tun. Heute verbringt man den Urlaub nicht mehr in der Steiermark, sondern zumindest in Griechenland. Dazu kommt das Problem der Solarien ...

Diefurche: Gibt es Hinweise auf ihre Schädlichkeit?

GSCHNAIT: Ja. Eine einfache Rechnung dazu: Der normale Solarium-Benutzer geht einmal in der Woche zur Bräunung. Das sind 53 Bestrahlungen im Jahr. Man kann davon ausgehen, daß eine Bestrahlung der Energie eines Sonnentages entspricht. Das heißt: 53 Sonnentage oder zwei Sonnenmonate pro Jahr zusätzlich. Wo lebt aber eine Bevölkerung mit zwei Sonnenmonaten mehr im Vergleich zu uns? Etwa in Nordafrika. Die Menschen dort haben aber eine andere Haut - und weichen der Sonne eher aus ...

DIEFURCHE: Welche negativen Folgen hat diese Sonnensucht für die Haut? gschnait: In erster Linie das Melanom. Es nimmt weltweit exponentiell zu. In meiner Ausbildungszeit hatten wir maximal drei bis vier Melanom-fälle pro Semester. Jetzt betreibe ich eine dermatologisch-onkologische Station mit 15 Betten, und dort sind wir praktisch ausschließlich mit Melanomen beschäftigt.

DIEFURCHE: Sind vor allem ältere Menschen von Melanomen betroffen? gschnait: Das Melanom ist ein Tumor, der Menschen in der Mitte des Lebens trifft, etwa ab 30. Wir wissen heute, daß die Neigung zum Melanom in der Kindheit gesetzt wird. Die Sonnenbestrahlung, die das Kind abbekommt, ist für die Entstehung von Melanomen viel bedeutsamer als später beim Erwachsenen. Kleine Kinder, auch Schulkinder sollten besonders vor Sonne geschützt werden.

DIEFURCHE: Wie erkennt man ein Melanom?

GSCHNAIT: Es ist ein braun-schwärzliches Gewächs. Voll ausgeprägt, kann man es nicht verwechseln: Es ist ein schwarzer Tumor, bei dem Hilfe meist zu spät kommt. So versuchen wir heute, möglichst die Vorläufer-Läsionen zu entfernen: Bestimmte Muttermale neigen statistisch eher zur Entwicklung eines Melanoms.

DIEFURCHE: Kann der Laie solche Vorläufer erkennen?

GSCHNAIT: Er kann zumindest Verdacht schöpfen. Als Merksatz sage ich den Patienten: flach und dunkel je nach Hauttyp, bei blonden heller, mit ausgezackten Bändern, nicht ganz symmetrisch. Ein solches Mal kann überall am Körper auftreten. Wo die Sonne hinstrahlt, kommt es leichter zur bösartigen Entartung: beim Mann in erster Linie Gesicht und Oberkörper; bei der Frau auch Unterschenkel.

UIKFurche: Gibt es neben der Sonne andere schädliche Umwelteffekte? gschnait: Ja. Die Chemie nimmt einfach zu. Ein Beispiel: Friseure arbeiten heute mit weitaus mehr chemischen Produkten als vor 40 Jahren. Oder die normale Hausfrau: Sie verwendet viele Mittel, die schlicht und einfach hautaggressiv sind. Wenn man im Fernsehen sieht, wie ein Ab-waschmittel wunderbar den fetten Dreck von den Tellern holt, so ist das für die Teller gut, für die Haut aber schlecht. Trotz der Meldungen, wie unheimlich hautschonend die Mittel sind, wirken sie sich dennoch aus.

DIEFURCHE: In welcher Form? gschnait: Durch Ekzeme: Hautrötung, Schuppung, Bisse, dort wo Falten sind, im Gefolge Infektionen - oft schwere Krankheitsbilder. Man sollte sich da besser schützen, möglichst den Kontakt mit Wasser und schäumenden Produkten meiden - und den Ehemann öfter einspannen.

DIEFllRQIE: Wie steht es mit Allergien3 gschnait: Das ist eine „Wachstumsbranche”. Ausgelöst werden Allergien sowohl durch Stoffe, die von außen auf die Haut zukommen, als auch dadurch, daß Allergene in den Körper gelangen, etwa eingeatmet werden (Aerosole, Sprays ...). Desensibilisierung bringt da einiges. Als Allergiker wird man übrigens nicht geboren. Das Neugeborene kennt keine Allergien.

DIEFURCHE: In welchen Bereichen gab es große Fortschritte bei der Bekämpfung von Hautkrankheiten? gschnait: Zum Beispiel bei der Akne, eine Erkrankung, die bei jungen Menschen wirklich destruktiv, weil psychisch so belastend ist. Heute gibt es so gut wie keinen Akne-Fall, den wir nicht erfolgreich behandeln können. Es gibt mehrere Methoden, die da helfen. Man muß mit einer Behandlung von rund acht Wochen rechnen. Und nach der Behandlung muß man die Haut schön erhalten. Wie gesagt, die Fortschritte sind da enorm. In meiner Ausbildung hat es

praktisch nichts Wirksames gegen Akne gegeben.

DIEFURCHE: Wie ist eigentlich die Wirkung von Kosmetika zu beurteilen? gschnait: Sieht man vom Übergebrauch ab, so wird im allgemeinen der schädliche Einfluß der Kosmetika überschätzt. Die Firmen sind ja im höchsten Maße daran interessiert, daß ihre Produkte nicht hautreizend wirken. Allerdings werden in der Kosmetik oft Versprechen gemacht, die nicht ganz gehalten werden können.

DIEFURCHE: Ist eine einfache Olivenölsalbe in der Apotheke nicht besser? gschnait: Sie kann jedenfalls gleich gut sein. Vor allem kann sie den Vorteil haben, daß sie auf die Person des Käufers abgestimmt gemixt wird. Kauft man ein fertiges Präparat, so kann es vorkommen, daß man einen Ausschlag bekommt - aber nicht, weil dieses schlecht wäre, sondern weil es nicht auf die Person abgestimmt ist.

DIEFURCHE: Wie ist die Situation bei den Geschlechtskrankheiten? Nehmen sie hierzulande zu? gschnait: Derzeit sogar sprunghaft -besonders die Syphilis. Wir hatten im Vorjahr doppelt so viele Fälle von Frühsyphilis wie 1994. Ein Grund dafür dürfte die Öffnung des Ostens sein. Seit 30 Jahren hatten wir hier auf der Abteilung keinen Fall von Syphilis bei Neugeborenen (von der Mutter übertragen). Vor kurzem haben wir zwei Fälle gehabt. Und dabei galt diese Form als ausgestorben.

DIEFURCHE: Wie sind die Behandlungschancen bei Syphilis? gschnait: Mit Penicillin 100 Prozent erfolgreich. Das Problem ist das Erkennen der Krankheit. Sie zeigt in ihrem Verlauf nur in ganz kurzen Stadien Symptome. Nach der Ansteckung entsteht ein kleines Geschwür. Das heilt ab, und dann ist der Patient scheinbar gesund. Die Krankheit ist nur im Bluttest nachweisbar. In der symptomlosen Phase sind die Betroffenen nicht ansteckend.

DIeFurciiE: Wie lange dauert es, bis die nächsten Symptome auftreten? Gsci inait: Die Inkubationszeit dauert drei Wochen. Dann tritt das erwähnte Geschwür meist genital auf. Es heilt etwa nach vier Wochen ab. Zwei, drei Monate später treten ändert' Symptome an der Haut auf (An- und Abschwellen). Das dauert mehrere Monate. In dieser Zeit herrscht Ansteckungsgefahr. Im Anschluß daran geht die Syphilis in das Stadium der Latenz über. Der Patient wirkt völlig gesund, aber der Erreger ist im Körper. Irgendwann tritt dann die Phase der Spätsyphilis ein mit Lähmungen durch Bückenmarkserkrankungen. In dieser Phase kann man zwar die Syphilis heilen, aber nicht mehr die Schäden, die sie bis dahin verursacht hat. Wir hatten kürzlich einen jungen Mann hier, der lange auf der Psychiatrie behandelt worden war, bis man die eigentliche Ursache erkannte. Er ist verblödet. Syphilis ist also wieder eine ernstzunehmende Erkrankung.

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