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"In Österreich ist Krebs sehr tabuisiert"

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Diagnose Krebs - eine Katastrophe. Assoziationen mit einem schrecklichen Tod werden wach. Das treffe nur in Ausnahmefällen zu, so Professor Werner Dobrowski im Furche-Gespräch. Gerade durch Bestrahlung ließen sich viele Geschwüre beseitigen, Schmerzen und Beschwerden jedenfalls stark lindern.

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Diagnose Krebs - eine Katastrophe. Assoziationen mit einem schrecklichen Tod werden wach. Das treffe nur in Ausnahmefällen zu, so Professor Werner Dobrowski im Furche-Gespräch. Gerade durch Bestrahlung ließen sich viele Geschwüre beseitigen, Schmerzen und Beschwerden jedenfalls stark lindern.

dieFurche: Sie leiten die Strahlenabteilung im Krankenhaus Lainz, wie erfolgreich ist diese Art der Behandlung?

Werner Dobrowsky: In der Strahlentherapie unterscheiden wir die kurative Behandlung, die zur Heilung führen soll, und die palliative Behandlung. Diese zielt auf Linderung von Symptomen bei unheilbar kranken Patienten. So können wir beispielsweise bei Metastasen (das sind oft weit vom unheilbaren ursprünglichen Tumor entfernte Tochtergeschwülste) durch Bestrahlung schmerzlindernde Effekte herbeiführen. Wenn ein Tumor etwa die Atemwege einengt, können wir durch seine lokale Bestrahlung eine Verkleinerung erzielen, damit das Atmen erleichtern und so den Allgemeinzustand in der letzten Lebenszeit verbessern. An unserer Abteilung hier in Lainz haben wir neben vielen kurativen auch palliative Patienten, was nicht heißt, daß alle diese Patienten nur mehr eine kurze Lebenserwartung haben.

Frauen mit Brustkrebs und Knochenmetastasen leben oft noch viele Jahre. Andererseits hält aber auch die kurative Behandlung, also die Therapie mit dem Ziel der Heilung nicht immer, was wir erhoffen. Patienten mit Lungenkrebs, die zu uns kommen, weil sie inoperabel sind, haben oft nur eine Überlebensrate von zehn bis 15 Prozent. Das ist eigentlich keine kurative, sondern eine erweiterte palliative Behandlung.dieFurche: Wie steht es mit der Palliativmedizin in Österreich?

Dobrowsky: In Wien gibt es leider keine eigenen Palliativstationen. Wir hier auf der Strahlenabteilung in Lainz versuchen seit Jahren, eine solche Station einzurichten, aber die Gemeinde Wien antwortet nicht auf unsere diesbezüglichen Briefe - im Gegenteil, es gibt Bestrebungen, unsere Abteilung zu sperren. Viele Spitäler haben Palliativpatienten, es gibt viele Abteilungen, wo man palliativmedizinische Maßnahmen setzt, auch wenn diese Stationen nicht als solche deklariert sind.

dieFurche: Liegt es im Ermessen des Arztes, ob palliativ behandelt wird?

Dobrowsky: Ich würde sagen, es hängt vom Arzt, aber auch vom Patienten ab. Wenn man einen Patienten hat, der nicht mehr gesund werden kann und man weiß, daß eine neuerliche Behandlung nur zu mehr Beschwerden führt, dann sollte man sie nicht machen. Ein Beispiel: jemand leidet unter Metastasen in den Knochen, die Schmerzen verursachen. Diese Schmerzen kann ich durch eine palliative Strahlentherapie lindern. Warum soll ich aber den Primärtumor, der etwa in der Prostata sitzt und keine Beschwerden verursacht, behandeln, wenn ich weiß, daß der Patient nicht mehr gesund werden kann? Ich würde ihm eine wichtige Zeit seines nur mehr kurzen Lebens kaputt machen durch eine Behandlung, die Nebenwirkungen hat und ihn ans Spital bindet.

dieFurche: Wie steht es mit der Kommunikation Patient - Arzt?

Dobrowsky: Vor allem die Tumorerkrankungen erfordern eine eingehende Aufklärung des Patienten, nicht nur in einem Gespräch, sondern oft sind mehrere Gespräche erforderlich. Der Patient muß umfassend aufgeklärt werden, welche Möglichkeiten der Heilung es gibt, welche nicht. Der Patient wird vielleicht auch sein Leben anders gestalten, wenn er über den Verlauf seiner Krankheit Bescheid weiß. Aber man darf keinesfalls sagen: Sie haben noch zwei Jahre zu leben, oder es bleiben Ihnen nur mehr wenige Wochen. Erstens kann man das nie wissen und zweitens ist es unmenschlich, alle Hoffnung zu nehmen.

dieFurche: Sie erwähnten, daß es in Wien keine Palliativstationen gibt ...

Dobrowsky: Das stimmt leider. Ein Beispiel dazu: Eine 40jährige Patientin mit Brustkrebs und Knochenmetastasen, die zu einer Querschnittslähmung geführt hatten. Wir bestrahlen sie palliativ, um ihre Schmerzen zu lindern. Weil sie alleinstehend ist, kann sie nicht zu Hause gepflegt werden. Um sie im Hospiz im Geriatriezentrum unterzubringen, bleibt nichts anderes übrig, als eine 40jährige einen Antrag auf Aufnahme in das Pflegeheim (!) unterschreiben zu lassen. Hätten wir eine Palliativstation, die noch dazu wesentlich kostengünstiger ist als Spitalsbetten, könnte sie bei uns bleiben, bei Ärzten und Pflegern, die sie kennt ...

dieFurche: Wie häufig sind palliativmedizinische Maßnahmen?

Dobrowsky: Eine Patientin, die wir vor einigen Monaten wegen eines Lungenkarzinoms bestrahlt haben, hat jetzt erfahren, daß sie Gehirnmetastasen hat. Sie hat starke Schwindelanfälle, kann nicht mehr gehen, Übelkeit kommt dazu. Wir haben heute mit der Behandlung begonnen und können annehmen, daß sie bald aufstehen und dann einige Zeit ein gutes Leben führen kann. Eventuell ist sie sogar über Monate beschwerdefrei.

dieFurche: Und ohne Bestrahlung?

Dobrowsky: Es bliebe nur übrig, sie in irgendeinem Spital mit Cortison entwässernden und schmerzstillenden Medikamenten zu behandeln. Und sie würde bald sterben. Der Vorteil der Strahlenbehandlung ist, daß wir nicht schneiden. Es ist eine organerhaltende Therapie. Operiert man einem Patienten den Kehlkopf weg, so hat er nur mehr eine künstliche Stimme oder er muß eine Speiseröhren-Ersatzsprache lernen. Bei der Strahlenbehandlung - sofern sie statt der Operation möglich ist - behält er seine Stimmbänder, seinen Kehlkopf. Durch die Bestrahlung wird der Tumor kleiner und stirbt ab, das Organ bleibt erhalten. Ich habe den Eindruck, daß die Patienten vielfach einseitig aufgeklärt werden. Wir sehen sie erst später, schon aufgeklärt von anderen Spezialisten. Sehr wenige sind ja so mutig, daß sie Bedenkzeit erbitten, um eine zweite Meinung zur Behandlung einzuholen.

dieFurche: Der Patient erfährt also, daß er Krebs hat ...

Dobrowsky: Da gibt es zum Beispiel das Informationsblatt vor der operativen Kehlkopfentfernung, wo der Patient unterschreibt: "Es ist mir bewußt, daß ich eine bösartige Erkrankung des Kehlkopfs habe, die, wenn sie nicht operiert wird, zum Tode führt". Da möchte ich den Patienten sehen, der aufsteht und sagt: Da möchte ich doch eine zweite Meinung einholen! Aber es ist die Pflicht des Arztes, auch über alternative Methoden aufzuklären! Der Arzt befindet sich sicher in einem Dilemma, denn er muß sich absichern, dem Patienten nachweislich alle Information gegeben zu haben.

Die Krebserkrankung ist in Österreich nach wie vor sehr tabuisiert. Viele Erkrankte wagen es nicht, Verwandten, Nachbarn davon zu erzählen, weil sie Angst haben, sozusagen verstoßen zu werden. Es gibt Patienten, die von ihrer Firma gekündigt werden, weil sie Krebs und eine lange Behandlungszeit vor sich haben. Kürzlich hatten wir einen Bauhilfsarbeiter, der einen Monat vor seiner 25jährigen Firmenzugehörigkeit gekündigt wurde. Er hatte in dieser Firma mit Glaswolle gearbeitet und Lungenkrebs bekommen, eine Berufserkrankung. Die Firma hat ihn gekündigt, während er auf unserer Abteilung gelegen ist. Er hat darunter gelitten bis zum Tod.

Mir ist in Schottland aufgefallen, daß bei einem Erstgespräch beim Arzt immer zumindest ein Familienmitglied dabei war - auch drinnen beim Arzt. Wenn man eine so schwere Diagnose erfährt, ist das ja eine Bedrohung der gesamten Persönlichkeit. Denn Krebs wird von den meisten mit einem schrecklichen Tod assoziiert - was ja höchstens in Ausnahmefällen der Fall ist. So kommen sie mit den Verwandten und sind viel beruhigter.

dieFurche: Strahlentherapie hat viel mit unheilbar Kranken zu tun und damit mit ärzticher Ethik ...

Dobrowsky: Man muß einsehen, daß man nicht jeden Patienten heilen kann. Aber man kann sicher jedem helfen. Es ist wichtig, daß man das nicht vergißt - und auch die menschliche Verantwortung sich selbst und dem Patienten gegenüber nicht. Man darf sich nicht abwenden! Es ist wichtig, dem Patienten klarzumachen, daß er nicht gesund wird, daß sein Leiden nicht gut ausgehen wird. Aber wir müssen ihm das Gefühl geben, daß er sich immer an die Abteilung oder an den jeweiligen Arzt wenden kann. Er muß wissen, daß jemand da ist, der ihm weiterhilft, wenn er sich körperlich oder seelisch schlecht fühlt.

dieFurche: Kann man sich bei Ihrer Tätigkeit emotional vom Patienten distanzieren?

Dobrowsky: Es wird immer Patienten geben, in deren Leben man mehr einbezogen wird. Ich denke da an einen, den ich wegen Hodenkrebs bestrahlt habe. Einige Jahre später ruft mich seine Gattin an und erzählt, er liege wegen eines anderen Tumors im Krankenhaus. Sie fragt mich, ob ich mir den Patienten anschauen kann. Ich tat es und wurde so zum Vermittler zwischen der Familie und den Ärzten. Über eine längeren Zeitraum erfolgte die "Begleitung" der Angehörigen mit vielen Gesprächen über Leben, Leiden und Tod.

Das Gespräch führte Peter Schmidt ZUR PERSON Ein Palliativmediziner Werner Dobrowsky, geboren in Wien, Jahrgang 1951, besuchte Grundschule und Gymnasium in Schweden und studierte Medizin an der Universität Wien, wo er 1977 promovierte. Seine Ausbildung zum praktischen Arzt erfolgte in Schweden, seine Facharztausbildung für Radiologie und Radioonkologie in Wien, die für medizinische Onkologie wiederum in Schweden. 1988 erhielt er die Lehrbefugnis als Universitätsdozent für Strahlentherapie und Strahlenbiologie an der Universität Wien und 1993 erfolgte die Verleihung des Titels a.o. Professor an der Universität Wien. Seit Oktober 1998 ist Dobrowsky Vorstand der Sonderabteilung für Strahlentherapie im Krankenhaus der Stadt Wien Lainz.

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