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Die Suche nach Sinn

Die Patienten auf der Palliativstation des AKH in Wien erhalten Begleitung und Freiheit. | Im Interview erläutert Herbert Watzke, wie Menschen in letzen Stunden den Sinn finden.

Der "Sinn der letzten Tage": Herbert Watzke, Professor für Palliativmedizin an der Medizinischen Universität Wien und Leiter der Palliativstation des AKH Wien, über die Bedeutung von Religion und Spiritualität in der letzen Lebensphase, den Umgang mit Sterbenden und Sterbehilfe.

DIE FURCHE: Welche Rolle spielen Religion und Spiritualität in den letzten Tagen des Lebens?

Herbert Watzke: Auf Palliativstationen liegen Patienten, die eine weit fortgeschrittene Krebserkrankung haben und für die es keine Heilung mehr gibt. In solchen existenziellen Phasen treten Spiritualität und Religion in den Vordergrund: das Bedürfnis, einen Sinn im Leben zu sehen.

DIE FURCHE: Bei einem Vortrag im Forum Integrativmedizin (siehe unten) haben Sie erklärt, dass Religion und Spiritualität Sterbenden helfen, besser mit ihrem bevorstehenden Tod klarzukommen.

Watzke: Studien zeigen, dass Spiritualität - darunter verstehe ich, einen Sinn im Leben zu sehen, ohne irgendeine überirdische Orientierung - die Lebensqualität in dieser Phase verbessert. Angst und Depression werden vermindert und gleichzeitig fällt die Bewältigung der Krankheit leichter. Es gibt Daten, dass Religiosität - also der Glaube an ein übergeordnetes Wesen - dasselbe bewirkt. Beides wirkt gleich gut, aber die Kombination bringt keinen zusätzlichen Benefit.

DIE FURCHE: Wer ist auf Ihrer Station für diese Aspekte zuständig?

Watzke: Dafür ist eine katholische Seelsorgerin da, die das überkonfessionell und unkonventionell macht. Es wäre sicherlich ganz schlecht, dem Patienten seine eigenen religiösen Gefühle aufzudrängen. Wir unterstützen den Sinn, den der Patient in seinem Leben sieht - egal ob es sich um einen Muslim oder einen Katholiken handelt. Viele Patienten sagen zuerst einmal, dass sie keine Seelsorgerin wollen. Wenn sie aber dann zufällig mithören, wie die Seelsorgerin mit einem anderen Patienten spricht und es gar nicht um Gott, sondern um Sinnfindung geht, dann spüren sie plötzlich auch einen Bedarf.

DIE FURCHE: Inwiefern können Sie Sterbenden abseits religiösen Glaubens behilflich sein, einen Sinn zu finden?

Watzke: Der "Sinn der letzen Tage", wie ich das nenne, kann einfach der sein, dass man auf sein Leben zurückblickt und dort Ressourcen findet. Wir haben zum Beispiel einen alten rumänischen Tennisspieler: Wenn man mit ihm über den Davis Cup spricht, dann erlebt er seine Vergangenheit wieder und sieht, dass sein Leben einen Sinn gehabt hat.

Das schönste Beispiel sind Mütter mit kleinen Kindern. Wenn sie merken, dass sie sterben, wollen sie die Kinder nicht mehr zu sich zu lassen, weil sie sagen: Jetzt muss ich die Nabelschnur durchtrennen, damit mein Kind auf eigenen Beinen stehen kann. Darunter leiden die Mütter, die natürlich ihre Kinder gerne bei sich hätten, massiv. Die psychologische Forschung weiß aber ganz genau, dass sterbende Mütter möglichst viel Zeit mit ihren Kindern verbringen müssen. Wenn die Mütter die Kinder nicht zulassen, dann werden sie später schwere Bindungsprobleme haben. Das Kind nämlich fragt sich, warum es nicht zu seiner Mutter darf, gibt sich die Schuld daran und wird schwer traumatisiert. Es ist für die Mütter immer unglaublich befreiend, wenn man ihnen sagt, sie müssen jede Minute ihres Lebens mit dem Kind verbringen.

DIE FURCHE: Wie gehen Ihre Patienten damit um, dass sie sterben?

Watzke: Es gibt Menschen, die gehen ganz bewusst hinüber. Aber es gibt auch welche, die bis zum letzten Atemzug um eine Chemotherapie und um jeden Tag ihres Lebens kämpfen.

DIE FURCHE: Es heißt immer, friedlich hinüberzugehen, sei der beste Weg zu sterben. Stimmt das?

Watzke: Jeder Mensch stirbt individuell. Es ist nicht an uns, zu klassifizieren, was richtig und was falsch ist. Man sollte den Patienten begleiten und nicht versuchen, ihn auf einen Weg zu bringen, der nicht seiner ist. Auf die Welt kommt man durch einen engen Geburtskanal, aber von der Erde geht man, indem man in einen riesigen Ozean hinausschwimmt, der viele Richtungen offen lässt. Jene, die in großem Frieden auf den Tod warten, haben es wahrscheinlich etwas leichter. Allerdings leiden auch jene Patienten, die mit dem Leben abschließen und bereit sind zu sterben, wenn dann der Tod längere Zeit nicht eintritt. Ihnen geht der Sinn der letzten Tage verloren. Möglicherweise hat aber auch der Kampf gegen den Tod für manche Menschen einen "Sinn".

Auf der Palliativstation im Wiener AKH lassen wir den Patienten in der Gestaltung ihrer letzten Tage möglichst viel Freiheit. Wir hatten eine alte Dame, die hat gewusst, dass es mit ihr zu Ende geht, und sich dann zwei Wochen lang von Sekt Orange und Soletti ernährt und dann ist sie gestorben. Das war ein ganz individueller Tod. Das wichtigste ist, dass diese Menschen ihre Würde behalten. Das tut man am besten, indem man sie akzeptiert, so wie sie sind.

DIE FURCHE: Wie gehen Sie mit Suizidwünschen von Patienten um?

Watzke: Gelegentlich kommt ein Patient bei uns zur Aufnahme, der gerne Sterbehilfe in Anspruch nehmen würde. Palliativmedizin steht aber dafür, den Patienten im Sterbeprozess zu begleiten und ein natürliches Sterben zuzulassen, und nicht dafür, den Tod zu beschleunigen. Letzteres ist in Österreich ja auch gesetzlich verboten. Wir erklären den Patienten aber, dass sie das Recht haben, jedwede medizinische Behandlung abzulehnen, auch wenn dadurch ihr Leben verkürzt werden sollte. So haben Krebspatienten zum Beispiel oft Lungenentzündungen. Sie haben das juristische und ethische Recht, die Behandlung einer Lungenentzündung abzulehnen. An einer Lungenentzündung verstirbt man außerdem ruhiger und menschenwürdiger als an den Medikamenten, die man zum Beispiel in der Schweiz im Rahmen der Sterbehilfe schlucken muss. Allein dieser Gewinn an Autonomie bedeutet den Patienten sehr viel und führt dazu, dass der Wunsch nach Sterbehilfe in den Hintergrund rückt.

DIE FURCHE: Wie stehen Sie zur Sterbehilfe?

Watzke: Ich lehne jede Art der Sterbehilfe ab. Eines der Argumente, die dagegen sprechen, ist, dass der Wunsch zu sterben bei den meisten Patienten nicht ständig, sondern nur phasenweise vorhanden ist. Das sieht man ungemein deutlich in dem Tagebuch des verstorbenen Regisseurs Christoph Schlingensief: an einem Tag die totale Hingabe an Gott und Dank dafür, was er ihm geschenkt hat, und am anderen Tag eine Verfluchung voller bitterer Vorwürfe genau gegen diesen Glauben. Das ist ein ständiges Auf und Ab. Unsere Aufgabe ist es, das "Auf" zu unterstützen und nicht in einem "Ab", das sicher wieder von einem "Auf" gefolgt wird, Leben zu beenden.

Die öffentliche Diskussion über Sterbehilfe geht außerdem völlig am Kern der Problematik vorbei. Viele Leute, die man fragt, sagen: "Wenn ich einmal Krebs hab, bring ich mich sofort um." Aber wenn es dann tatsächlich so weit kommt, dann können die meisten so viele Ressourcen mobilisieren, wie sie nie geglaubt hätten. Niemand, der gesund ist, kann sich vorstellen, wie wenig Leben für die meisten noch lebenswert ist.

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