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Wem wird geholfen und wem nicht?

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Die Abtreibungspille Mifegyne hat gleichsam über Nacht eine neue Möglichkeit geschaffen, menschliches Leben vorzeitig zu beenden. Wird bald der nächste Sturm losbrechen - durch eine Euthanasiedebatte?

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Die Abtreibungspille Mifegyne hat gleichsam über Nacht eine neue Möglichkeit geschaffen, menschliches Leben vorzeitig zu beenden. Wird bald der nächste Sturm losbrechen - durch eine Euthanasiedebatte?

n Einem 70jährigen verweigert der Krankenkassenarzt ein Medikament mit der Begründung, er sei zu alt, und das Medikament daher zu teuer. Später wird der Vorfall als Mißverständnis hingestellt und man entschuldigt sich vielmals.

* Der Europarat will noch vor dem Sommer 1999 "in Würde sterben" als Menschenrecht verankern.

* In Wien wird erstmals ein Seminar "Ethik in der Medizin" begonnen * "Die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe würde dem Mord Tür und Tor öffnen", sagt der Unfallchirurg Johannes Poigenfürst Mitte Jänner 1999 ("Kurier").

* Der Wiener Gesundheitsstadtrat Sepp Rieder fordert menschliche Alternativen zur Sterbehilfe. "Ein würdiges Sterben im Spital oder zu Hause" erübrige die Frage nach der Euthanasie.

* Eine neue Plattform "Sterbebegleitung ... nicht Sterbehilfe" (Initiator: Der Wiener Patientenanwalt Professor Viktor Pickl) ist als Gegenpol zum kürzlich erstellten "Manifest für ein Sterben in Würde" zu verstehen, in welchem Argumente für Euthanasie versammelt wurden. Die Plattform veranstaltet am 27. Jänner eine Enquete, deren Einladungsliste wie ein "medizinischer Gotha" wirkt, so zahlreich sind prominente und prominenteste Mediziner dort vertreten.

* In Ried (Oberösterreich), sowie in Innsbruck wird je ein Hospiz eröffnet, unter starker Teilnahme von Landespolitikern.

* In Wien konstituiert sich im Jänner 1999 ein neuer Verein "Gesellschaft für Palliativmedizin". Bei der konstituierenden Sitzung ist der Andrang von Interessenten so groß, daß der erste Vorschlag für den Vorstand des Vereins fast 50 Personen umfaßt.

* Der Palliativ-Lehrgang des Dachverbandes Hospiz Österreich ist brechend voll und die nächsten zwei Jahre ausgebucht.

* Hospizvereine schießen in ganz Österreich aus dem Boden. Zu den 40 im Hospizdachverband versammelten, kommen ständig neue dazu, so zum Beispiel in Radstadt (Salzburg) und in der Steiermark.

* In Wien erklärt sich die Gebietskrankenkasse bereit, für Hospizdienste zusätzliche Finanzen locker zu machen - nachdem man jahrelang nur zu punktuellen Förderungen bereit gewesen war.

* In Wien wird im Krankenanstaltengesetz das "Recht auf Schmerzfreiheit" als dem ersten Bundesland verankert.

* Knapp nach dem Jahr 2000 soll der erste österreichische Lehrstuhl für Medizinische Gerontologie eingerichtet werden.

Alle diese Meldungen stammen vom Jänner 1999.

Sterbebegleitung - (noch) ein Tabuthema Jahrzehntelang war Sterbebegleitung, Auseinandersetzung mit dem Tod, Schmerztherapie und das Eingehen auf psychische Nöte von Patienten ebenso wie von Personal "Pfui-Themen" gewesen, Tabus, ungeliebte Kinder.

Jahrzehntelang auch hatten die Patienten und ihre Angehörigen sich das gefallen lassen.

Was also ist auf einmal los? Woher kommt die plötzliche Welle von Interesse an einem Gebiet, das bisher allenfalls als "weiche" Wissenschaft abgetan worden war, als Luxusthema, als "Spielwiese für Klinikpastoren", wie es dem Pionier der Hospizbewegung in Deutschland, Paul Becker, hineingesagt worden ist?

Viele Faktoren kommen zusammen. Erstens scheint nun die Saat aufzugehen, die seit nunmehr 20 Jahren in Österreich, zuerst zaghaft und vereinzelt, ab Anfang der neunziger Jahre immer drängender und häufiger gesät worden ist.

Zweitens werden auch die Begründungen für die Einführung der legalisierten Euthanasie immer drängender und verlangen Antworten: Die immer noch steigende Lebenserwartung sowie die wachsenden Sozialkosten, die sich daraus ergeben.

Drittens kann die Medizin heute Ungeheuerliches leisten, das aber ungebremst ungeheuer wird: Daß moribunde Greise mangels entsprechender ethischer Richtlinien mit allem Aufgebot der Medizin am Leben erhalten werden, und somit zwar "am Leben sind, aber eigentlich kein Leben mehr haben", wie es der US-österreichische Medizinethiker Erich Loewy ausdrückt, kann nicht im Sinne des Erfinders gewesen sein. Dieser medizinische Overkill ist es aber, der die Gesundheitskosten ins fast schon Unerschwingliche pendeln läßt, und damit anderen, sozialmedizinisch weit bedeutenderen Ausgaben (zum Beispiel der Suche nach der stark unterschätzten Zuckerkrankheit, an der 800.000 Österreicher leiden, und die direkt und indirekt Unsummen kostet) wesentliche Fördergelder entzieht.

Viertens steht eine heftige Ressourcendiskussion vor der Tür, in deren Vorbereitung jetzt schon die ideologischen Messer gewetzt werden. Es geht um die Frage: Wenn nur eine begrenzte Geldmenge da ist - wer bekommt wieviel? In dieser Diskussion ist natürlich die Euthanasie als Idee präsent, denn wer mangels ökonomischer Ressourcen zum Beispiel auf eine Warteliste für ein zu transplantierendes Organ kommt, ist ein Opfer indirekter Euthanasie. Die Hauptfrage dabei ist: Wer bekommt was warum oder: Wer bekommt was aus welchen Gründen nicht? Diese Diskussion wird schon in der heutigen Medizin tagtäglich geführt - überall dort, wo ein Vollausbau von Medizin nicht möglich ist.

Generationenkonflikt unter den Patienten?

Fünftens geben jetzt sogar schon Sozialpolitiker und -wissenschafter zu, was noch vor wenigen Jahren im Brustton der Überzeugung geleugnet worden war, daß nämlich ein handfester Generationenkonflikt vor der Tür steht (siehe Furche Nr.1 und 2/99). Da nützen auch die schönsten und saftig geförderten Forschungsprojekte nichts, die von einer grundlegenden Harmonie zwischen Jung und Alt sprechen: Der Konflikt kommt, spätestens dann, wenn die Zahl der Arbeitenden kleiner als die der noch nicht oder nicht mehr Arbeitenden wird - und das wird in spätestens zehn Jahren der Fall sein. Dabei geht es nicht bloß um nackte Statistik. Auch die psychologische Befindlichkeit wird eine Rolle spielen. Der deutsch/griechische Psychotherapeut Jorgos Canacakis: "Es wird heißen: Wieso haben die Alten soviel Geld, und wir nicht? Her mit dem Geld!"

Die Alten als Sündenböcke Sechstens wird die Lösung des Problems möglicherweise, so häßlich das klingt und so schwer vorstellbar (aber konnte man sich vor den Nazis vorstellen, daß Abermillionen Menschen durch die "Kulturnationen" Österreich und Deutschland ermordet werden würden?), in der Elimination derer bestehen, die das Problem machen: der Alten.

Wenn man sich all das vor Augen hält, ist es ein Glück, daß sich so viele Menschen gegen die Idee der Euthanasie aussprechen. Freilich sollte man sich keinen Illusionen hingeben - die jetzt sich abzeichnenden Auseinandersetzungen sind nur der allererste Anfang einer Kontroverse.

Es ist gut, daß man jetzt beginnt. Aber der Sturm wird erst losbrechen. Dann wird es wesentlich sein, welche Vorarbeiten für den "Tag X" geleistet worden sind. In diesem Sinn sind alle, die jetzt Argumente gegen die Sterbehilfe (im Sinn von Euthanasie) ausarbeiten, sammeln und präsentieren, Pioniere, deren Arbeit gar nicht hoch genug geschätzt werden kann. Am Tag X nämlich wird für das Sammeln von Grundsatzargumenten keine Zeit mehr sein.

Wie schnell aber, und fast aus dem blauen Himmel heraus, brisanteste Konfrontationen zum Thema werden können, zeigt die Debatte um die Fristenlösung, in der bloß das Vorliegen einer neuen Technologie, ungeborenes Leben zu beenden, zum Auslöser geworden ist.

Genauso gleichsam über Nacht wird auch die Euthanasiedebatte kommen. Plötzlich wird ein Gesetzesentwurf präsentiert werden, keiner weiß, warum und wieso, und die Dynamik des Faktischen wird verlangen, daß ein derartiger Entwurf in ein Gesetz mündet - gleich wie es aussehen wird: Es wird auch auf legistischem Gebiet nur ein erster Schritt sein.

Es kommt nicht von ungefähr, daß den Warnern vor der Sterbehilfe ein mulmiges Gefühl im Magen gemeinsam ist, wenn sie an die Zukunft denken.

Buchtip "Töten dürfen? - Das Ende in unserer Hand: die Ära der Sterbehilfe". Von Werner Wanschura. va bene, Wien 1996

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