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Damit Sterben zu Hause möglich wird

1945 1960 1980 2000 2020

Sterben scheint das gewisseste im Leben zu sein. Es ist „todsicher". Dennoch ist es uns zutiefst fremd, bedroht uns. Sterben wird mit allen Mitteln bekämpft, hinausgeschoben. In dieser letzten Lebensphase wollen die wenigsten Menschen allein bleiben.

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Sterben scheint das gewisseste im Leben zu sein. Es ist „todsicher". Dennoch ist es uns zutiefst fremd, bedroht uns. Sterben wird mit allen Mitteln bekämpft, hinausgeschoben. In dieser letzten Lebensphase wollen die wenigsten Menschen allein bleiben.

Die meisten Menschen möchten zu Hause sterben. Den wenigsten geht dieser Wunsch in Erfüllung. Vielfach deswegen, weil medizinisch-pflege-rische Betreuung zu Hause fehlt. Und weil die Angehörigen oft befürchten, den Anforderungen und Belastungen nicht gewachsen zu sein.

Aus einer Studie von Paul Zulehner geht klar hervor: Wir sterben heute nicht, wie wir zu sterben wünschen, nämlich im Umkreis derer, mit denen wir im Leben in guter Weise verbunden waren. Um das nach und nach zu ermöglichen, begrüßen 85 Prozent der Grazerinnen und Grazer (79 Prozent der Österreicher) die Einrichtung von Hospizen. Zulehner:, JEine noch wenig gesehene, gesellschaftspolitische Aufgabe findet so breite Unterstützung in der Bevölkerung." Im Sozialhirtenbrief der Österreichischen Bischöfe 1990 heißt es: „So wie die Eltern ihre Kinder zur Welt bringen, sollten Kinder ihrerseits die Eltern aus dieser Welt begleiten können."

Der Begriff „Hospiz" geht zurück bis in die Frühzeit des Christentums. Die großen Mönchsorden bauten Hospize; später sorgten Bischöfe in den großen Städten für solche Einrichtungen. Einige Orden bemühten sich um die Pilger und Reisenden an gefährlichen Flußübergängen und Alpenpässen. So wurde das Hospiz am Großen St. Bernhard berühmt durch seine Bernhardinerhunde, die Verirrte suchten. Die Hospize standen allen offen, die unterwegs hilflos waren: dem Pilger, dem Kranken und dem Sterbenden, der Frau in den Wehen und dem Aussätzigen mit seiner Klapper oder Glocke. Hier versuchte man, jedem das zu geben, was er brauchte: Schutz und Geborgenheit, Erfrischung, Stärkung und Heilung.

Die eigentliche Hospiz-Bewegung wurde durch Cicely Saunders begründet, die nach dem Krieg als Sozialarbeiterin im Hospice St. loseph arbeitete. Sie war bereits als Krankenschwester ausgebildet, studierte Medizin und kam als Ärztin wieder dorthin zurück. Sie erkannte die Bedeutung der Schmerztherapie und der menschlichen Zuwendung für die Sterbenden. Das sind auch die Grundprinzipien aller Hospiz-Arbeit.

Cicely Saunders eröffnete 1967 -nach 15j ähriger Vorarbeit - ihr eigenes Haus, das „Hospice St. Christopher". Von dort nahm die Hospiz-Bewegung ihren Ausgang. Inzwischen gibt es in England weit über hundert Hospize, weltweit sind es mehr als 2.000.

Elisabeth Albrecht hat in sechs Punkten die Prinzipien der Hospiz-Arbeit aufgelistet:

□ Die Betreuung will den Bedürfnissen unheilbar Kranker, deren Lebensende sich abzeichnet, gerecht werden. Sie umfaßt die Sorge für die ihnen Nahestehenden, auch in der Trauerzeit. Es geht dabei nicht um die Betreuung „aller Sterbenden", sondern derjenigen, deren Leben mit den bisherigen Unterstützungsmöglichkeiten nicht erträglich gestaltet werden konnte. Sterben wird als natürliches Lebensereignis aufgefaßt, Leben also weder künstlich verlängert noch verkürzt.

□ Somit handelt es sich um eine neuartige Spezialisierung auf Problemsituationen während der letzten Lebensphase; die dabei angebotene medizinische Betreuung wird als Palliativmedizin (lat. palliare = lindern) bezeichnet. Dabei wird versucht, das Leiden in seiner Gesamtheit zu erfassen und Hilfestellungen anzubieten, also körperliche, seelische, spirituelle und soziale Komponenten zu beachten. Ziel ist es, dem Patienten ein beschwerde- und schmerzfreies Dasein zu ermöglichen, wenn möglich dort, wo er es wünscht, häufig also zu Hause. Seine Selbständigkeit und damit seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten sollen gefördert werden, um ein gefürchtetes Dahinsiechen durch eine erfüllte Lebensspanne bis zuletzt zu ersetzen.

□ Zur Palliativmedizin gehört ein Team aus verschiedenen Berufen. Es geht um den ärztlichen, pflegerischen, spirituellen, sozialen und physiotherapeutischen Bereich. Aus dem Zusammenwirken der unterschiedlichen Ansätze ergibt sich die lindernde Wirkung auf den schwerstkranken Menschen.

□ Entscheidend für die Arbeit des Hospiz-Teams ist die gemeinsame Grundhaltung: Jeder Mensch ist wertvoll, unabhängig von irgendwelchen Äußerlichkeiten oder inneren Einstellungen. Gerade der Sterbende muß dies im täglichen Umgang erfahren. Nur dadurch fühlt er sich mit seinen individuellen Wünschen verstanden, merkt, daß er nicht zur Last fällt, sondern die notwendige Unterstützung selbstverständlich gegeben wird, weil er geliebt und akzeptiert wird. Solange ein Mensch mit erträglichen körperlichen Beschwerden dies spürt, wird er kein Verlangen nach Euthanasie äußern.

□ Die vielfältigen Aufgaben, besonders der Anspruch, Leben bis zuletzt zu ermöglichen, erfordern mehr als professionelle Hilfe: Hospize werden durch die ehrenamtlichen Mitarbeiter, die Hospizhelfer, mit Leben erfüllt. Sie unterstützen und entlasten die Angehörigen, kümmern sich um die so wichtigen kleinen Extrawünsche, haben Zeit und Ideen, kurz: bringen Leben in eine oft bedrückende Situation.

□ Hospize sehen sich als „Lobby" für Sterbende. Das Mitarbeiterteam und die Hospizhelfer werden aus- und weitergebildet, um mit den Problemen, Tod und Trauern für sich selbst besser umgehen zu können. Es gilt jedoch auch, diesen Tabubereich im medizinischen Sektor wie auch im öffentlichen Bewußtsein anzugehen - schon allein, um eine Isolierung der

Hospizarbeit zu vermeiden. Deshalb bieten Hospizgruppen einerseits fachspezifische Fortbildungen im Bereich der Palliativmedizin für im Gesundheitswesen Tätige an, andererseits versuchen sie, mit Veranstaltungen und Publikationen der Tabuisierung dieses Bereichs in der Öffentlichkeit entgegenzuwirken.

Das „kollektive Altern" umfaßt einerseits den biologischen Prozeß des Individuums und andererseits den demographischen Prozeß, dem derzeit alle Industriegesellschaften ausgesetzt sind. Es ist dies eine demographische Welle, die auch der Landesstatistiker vermutlich aber erst im Jahr 2092 als ausklingend beschreiben können wird. Bis dahin bringt diese Welle aber neue, noch nie dagewesene Situationen, die Anpassungsstrategien erfordern. Der Prozeß läßt sich nicht aufhalten.

Für die steirische Bevölkerung etwa kann dies bedeuten: Der Bevölkerungsanteil der über 60jährigen steigt von derzeit einem Fünftel auf ein Drittel im Jahre 2030 (im Bezirk Leoben sogar auf 43 Prozent). Etwa ein Fünftel der steirischen Bevölkerung ist dann bereits älter als 70 Jahre. In 20 Jahren - ab 2010 - werden daher die Zahlen altersbedingter schwerer Pflegefälle ansteigen und 2030 um etwa 61 Prozent höher sein als heute.

Die wichtigsten Kennzeichen der gegenwärtigen Bevölkerungsentwicklung sind erhöhte Lebenserwartung und niedrige Fruchtbarkeitsrate. Für die Familiensysteme bedeutet dies, daß sie „lang und dünn" werden: Wenige Kinder, wenige Seitenverwandte, aber vier bis sogar fünf Generationen. In der Vielfalt moderner Familienformen prägt sich die „modified extended family" aus, häufig in räumlicher Distanz. Weniger Kinder am Beginn des Familienzyklus und steigende Lebenserwartung erhöht die Zahl der Urgroßeltern, vor allem der Urgroßmütter in den modernen Gesellschaften.

Alle Auseinandersetzungen um besondere Aufgaben und Einrichtungen für Sterbende dürfen nicht davon ablenken, daß jede Station eines Krankenhauses das Sterben kennt und darauf vorbereitet sein muß. Allerdings wird das Sterben auf der Allgemeinstation zumeist als Ausdruck von Mißerfolgen erlebt und mit allen verfügbaren Mitteln bekämpft. Das Krankenhaus sieht seine Aufgabe in Heilung und Behandlung. Deshalb sind die Mitarbeiterinnen dem Sterben gegenüber oft hilflos, fühlen sich bedroht, neigen zu Schuldzuschreibun-gen und zum Sedieren, damit das Sterben die Ruhe und Routine nicht stört.

Damit das Krankenhaus künftig nicht nur seine Aufgabe in der Feststellung, Heilung und Linderung von Krankheiten, Leiden und Körperschäden und in der Geburtshilfe sieht, sondern sich auch für ein menschenwürdiges Sterben verantwortlich weiß, müssen die gesetzlichen Definitionen entsprechend gestaltet, aber auch die räumlichen und personellen Bedingungen geschaffen werden.

In der Soziologie des Krankenhauses werden zu oft noch die Rollen als ein Pyramidengebilde begriffen, in welchem der Patient nicht vorkommt und der Arzt die Spitze bildet; spätestens das Sterben muß zum Umdenken zwingen, da es hier nur eine gemeinsame Verantwortung gibt und niemanden, der mehr weiß, kann und versteht als ein anderer.

Hospize beziehen in ihr Wirken durch Ausbildung von Pflegekräften und Ärzten auch Krankenhäuser ein und wollen damit deren Sterbebegleitung verbessern helfen. Ärzte und Pflegepersonen, die bei ihnen den Umgang mit Sterbenden gelernt haben, können ihre Erfahrungen später an ihre Krankenhäuser weitergeben und selbst gute Sterbebegleitung leisten.

Auszug aus „Die Hospiz-Bewegung. Damit Sterben zu Hause wieder möglich wird!", Schriften des Dr. Karl Kummer-Instituts 1/93

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