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Zu wenig Spitalsbetten?

Zur günstigen Entwicklung der allgemeinen Lebensbedingungen in Oesterreich stehen die wachsenden Schwierigkeiten, welche die Einweisung spitalbedüri tiger Personen vielerorts, vornehmlich aber in Wien, begegnet, in seltsamem Widerspruch. Seltsam vor allem deshalb, weil derartige Schwierigkeiten selbst in den ersten Nachkriegsjahren nicht zu beobachten waren. Damals gab es zu wenig Medikamente und Instrumente, aber genug Spitalsbetten. Heute, da der Wiederaufbau der • Krankenhäuser abgeschlossen ist, die Zahl der von der Stadt Wien allein verwalteten Betten von 7000 bei Kriegsende auf 13.000 sich erhöht hat, kommt es immer häufiger vor, daß sich die Spitalsaufnahme eines akuten Herzfalles oder eines operativen Falles ungebührlich verzögert, „weil kein Bett da ist“.

Die Ursachen dieser ernsten Entwicklung sind mannigfaltig. Nach dem Kriegsende gingen zahlreiche alte und kränkliche Menschen an den Folgen des Hungers und des Mangels an Medikamenten zugrunde. Der größte Teil von ihnen gelangte gar nicht in die Spitäler, sondern starb in seinen Wohnungen. Damit war für die nächsten Jahre das Hauptkontingent von „Spitalsanwärtern“ vorweg ausgeschaltet.

Die Rückkehr normaler Lebensbedingungen und das Nachwachsen der Altersschichte der Bevölkerung ließ ein neuerliches Ansteigen des Zustromes in die Spitäler erwarten. Der in der Aera der Hochkonjunktur und Vollbeschäftigung einsetzende Andrang übersteigt aber den Vorkriegsbedarf beträchtlich und sprengt auch den international anerkannten Maßstab für Großstädte von einem Spitalsbett auf hundert Einwohner, dem die Kapazität der alten Wiener Spitäler heute entspricht.

Eine wesentliche Voraussetzung für die steigende Frequenz der Spitäler ist die geänderte psychologische Einstellung der Bevölkerung. Aus der einstigen Scheu ist geradezu eine Flucht ins Krankenhaus in allen Lebenslagen geworden. Wie man heute „grundsätzlich“ nur noch im Krankenhaus geboren wird, so kann man auch nur noch dort sterben, weil man sonst keine hinreichende Gewähr fände, daß der Tod unausweichlich war. Es sei hier nicht näher erörtert, ob diese Auffassung generell richtig und gut ist. Sie wird mit Sicherheit noch Boden ge-Winnen, weil bei Unfall und Krankheit doch nur das Krankenhaus in der Lage ist, alle modernen Heilbehelfe und Heilmittel in extensiver Weise einzusetzen. Man denke auch an die Verfeinerung der Diagnostik, die Entdeckung und Entwicklung neuer Methoden bei der Behandlung innerer Erkrankungen und den Aufschwung der Chirurgie und wird verstehen, daß viele Kranke, deren Schicksal sich einst nach kürzerem oder längerem Siechtum im familiären Lebensbereich oder im Siechenheim erfüllte, nun-, mehr im Krankenhaus Heilung suchen und auch erlangen. Manche von ihnen finden allerdings nur Linderung und Lebensverlängerung. Sie sind daher genötigt, mit Unterbrechungen immer wieder einige Zeit im Spital zu verbringen.

Das gleiche gilt von vielen alten Menschen. Es ist der modernen Medizin und den besseren Lebensbedingungen zu danken, daß die durchschnittliche Lebenserwartung rapid anstieg. Der Gesundheitszustand alter Leute ist sehr häufig durch Organleiden gekennzeichnet und anfälliger als der junger Menschen. Daraus resultiert eine starke Beteiligung des Alters an der Altersschichtung der Spitalspatienten. Der Prozentsatz der über 60jährigen beträgt heute an fast allen Fachabteilungen mehr als 50 Prozent. Wie stark sich das Bild im Laufe der letzten Jahrzehnte geändert hat, läßt sich aus der Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung leicht erkennen. In den Jahren 1923 bis 1951 ist laut amtlicher Angabe der Prozentsatz der über 60jährigen von 8,9 auf 20 Prozent und der Prozentsatz der über 70jährigen von 2,6 auf 7,8 Prozent gestiegen. Zweifellos haben sich diese Sätze inzwischen weiter erhöht.

Der Fortschritt der Medizin und das Anwachsen der Altersschichte stellen die wichtigsten Faktoren in bezug auf den höheren Bedarf an Spitalsbetten dar. Es handelt sich dabei um Faktoren, deren Dignität nicht bestritten werden darf. Beide, Entwicklung der Heilkunde und höhere Lebenserwartung, sind als anerkannte Kulturziele zu werten, deren Auswirkung in sozial-ökonomischer und sozial-politischer Richtung unbedingt Rechnung getragen werden muß.

-Nun gibt es aber noch eine Reihe von Umständen, die sich ebenfalls im Sinne einer Erweiterung des Spitalraumes fühlbar machen, bei denen jedoch das Kriterium der Dignität im Sinne des Kulturfortschrittes nicht gegeben erscheint. Es handelt sich hiebei teils um unbeabsichtigte Nebenwirkungen im Verlauf der soziologischen Entwicklung, teils aber um offensichtlich negative' Folgen des Mangels an Zusammenarbeit und an der gegenseitigen Abstimmung von Interessensphären. Wenn die Spitäler heute leider auch als Abstellraum alter, gebrechlicher Familienangehöriger betrachtet werden, deren man sich von Zeit zu Zeit entledigen möchte, oder wenn sie als Verlegenheits-ünterkunft sozialer Notstandsfälle, insbesonders von ' reinen Alterspflegefällen, mißbraucht werden, so verknappt man dadurch den Spitalrnum zuungunsten derer, die ihn“ aus medizinischen Gründen dringend benötigen. Wenn die Wissenschaft das Leben verlängert, darf die Gesellschaft die ihr daraus erwachsende Verantwortung nicht abweisen. Eine gänzliche Ueber-wälzung dieser Verantwortung auf öffentliche Institutionen ist aus finanziellen Gründen unmöglich, sie ist aber auch menschlich nicht vertretbar. Der Hauptanteil bei einer humanen Lösung des Altersproblems wird immer auf die Betreuung durch Mitmenschen aus der Umgebung der Alten selbst, in erster Linie durch die Familie, dann aber einfach durch jeden Nächsten entfallen müssen. Einer Belebung des aus der Not des Krieges geborenen Gedankens der Nachbarschaftshilfe muß in dieser Hinsicht eine besondere Dringlichkeit zugesprochen werden.

Nicht übersehen, wenn auch nur gestreift, darf die Auswirkung der Stellung und Honorierung des Arztes im heutigen System der Krankenversicherung werden. Die Direktoren und Primarärzte der Wiener Krankenanstalten vertreten durchgehend die Meinung, daß die Einweisungsärzte im allgemeinen mit dem Spitalzettel zu rasch bei der Hand sind. Dadurch wird ebenfalls.häufig dem in Lebensgefahr schwebenden Kranken das dringend benötigte Bett entzogen. Der Arzt, der sich zur Erhaltung seiner Lebensgrundlage veranlaßt fühlt, möglichst viele Kassenscheine anzunehmen, sieht sich außerstande, dem einzelnen Patienten im Notfall das erforderliche Ausmaß an Zeit zu widmen. Kranke, die zwecks. Beobachtung mehrmals am

Tage oder aus einem anderen Grunde durch längere Zeit täglich aufgesucht werden müßten, werden daher unter den gegenwärtigen Vertragsbedingungen zwangsläufig, doch ohne hinreichenden medizinischen Grund, in die Spitäler eingewiesen.

Schließlich muß auch auf die Personalfrage hingewiesen werden. Es gibt in Oesterreich wie auch im Auslande gegenwärtig zuwenig ausgebildete Pflegekräfte, Auch die Zahl der Urlaubsaushilfen genügt nicht.

Wie der kurze Ueberblick zeigen konnte, ist der Bettenmangel in den Spitälern, der heute nicht nur in Oesterreich, sondern auch viele andere Länder bedrückt, komplexer Natur. Darin liegt auch die Schwierigkeit der Lösung. Man kann selbstverständlich fordern, solange Spitäler zu vergrößern oder neu zu errichten, bis jede Einweisungsschwierigkeit behoben ist. Es muß sich nut jemand finden, der zunächst die Bausummen und hinterher die Deckung der Betriebskosten und des Personalaufwandes garantiert. Die Kosten des Spitalneubaues stellen sich heute pro Bett auf etwa 200.000 Schilling. Nicht weniger, kostspielig gestaltet sich die Betriebsführung eines Krankenhauses. Der Kostenaufwand der städtischen Spitäler Wiens verschlingt im Jahre 1956 zirka 450 Millionen Schilling. Das sind so hohe Beträge, daß man mit Recht besorgt sein muß, daß die Medizin fiüher oder später an ihren eigenen Kosten erstickt. Eine effektive Bettenvermehrung kommt daher nur insofern in Betracht, als dafür unabweisbare Tendenzen in der medizinischen Entwicklung bzw. in der Bevölkerungsstruktur sprechen. Alle anderen Faktoren, die auf eine Erweiterung der Spitalskapazität drängen, sind durch administrative und sozialpolitische Gegenmaßnahmen auszuschalten. Das ist keine leichte Aufgabe. Sie kann, nur durch das Zusammenwirken aller einschlägigen Instanzen, also der Gesundheits-, Finanz- und -Personalverwaltung, gelöst werden. Darüber hinaus muß auch in diesem Zusammenhang die. Wichtigkeit einer gegenseitigen Abstimmung aller großen, für die Volksgesundheit tätigen Institutionen in den grundlegenden Fragen' des Gesundheitswesens betont werden. , Manche Doppelgeleisigkeit und ungesunde Kon-, kurrehzierung könnte dadurch vermieden Und mancher Fehler behoben werden.

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