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Umgang mit „Freund Alkohol”

Man kann rein statistisch nachweisen, daf von Jahr zu Jahr die Trunksucht ansteigt, daß der Konsum an geistigen Getränken eine steile Aufwärtsentwicklung erkennen läßt. In aller Gesellschaftsschichten findet man heute der Alkoholismus, und es ist erstaunlich, wie milde, wie gleichgültig, ja oft sogar bewundernd man diesem ernsten Problem gegenübersteht.

Ein Ereignis in jüngster Vergangenheit demonstrierte mit erschreckender Deutlichkeit, daß man nicht einmal in der Lage ist, relatiy geringfügige Teilprobleme der Trunksucht zu lösen. Natürlich war der Fall vom menschlichen Standpunkt aus tragisch: Ein älterer Mann wird im alkoholisierten Zustand das Opfer eines Verkehrsunfalles mit Fahrerflucht; der herbeigerufene Rettungsarzt stellt lediglich den stattgefundenen Konsum geistiger Getränke fest und weigert sich, den Bewußtlosen mitzunehmen. An den inneren Verletzungen stirbt der Mann kurze Zeit später, und verschiedene Zeitungen greifen nun mit entsprechender Schärfe den Tatbestand auf. Da ungelöste soziale Probleme immer eine schier hemmungslose Demagogie gestatten, der Bürger eines Sozialstaates außerdem die sozialen Einrichtungen als Selbstverständlichkeit hinzunehmen gewohnt ist, wurde zunächst einmal erbitterte Anklage gegen den Arzt der Rettung erhoben. In weiterer Folge wurde eine Erklärung eines hochgraduierten Mediziners publizistisch breitgetreten, nach der jeder Trinker, der öffentlich in betrunkenem Zustand aufgegriffen wird, eigentlich krank wäre und daher in das Spital müßte. Da gegenwärtig die vorhandenen Spitalsbetten nicht ausreichen, so wäre es eben hoch an der Zeit, endlich neue Spitäler zu sauen.

Objektiv allerdings betrachtet, sieht der Fall ganz anders aus: Es ist zunächst einmal mehr als fraglich, ob der Verunglückte überhaupt zu retten gewesen wäre. Dann aber spielt die berufliche Tätigkeit eines Rettungsarztes übierhaupt keine Rolle, denn wer als Arzt srpmoviert und nach einem mehrjährigen Spitalsturnus zur Rettung kommt, muß einen entsprechend langen Einführungsdienst machen, sine Spezialausbildung, wo er ausgiebig die ge- viß schwierige Tätigkeit des Rettungsarztes erlernt. Denn er muß innerhalb kürzester Zeit trkennen können, ob ein Patient spitalsbe- lürftig ist oder nicht — ohne daß er ihn näher untersuchen kann, er muß sofort die Entscheidung treffen, auf welche Station der (ranke einzuliefern ist (auf eine Interne, Chirurgie, Psychiatrie, um nur einige zu nen- len), und er muß auch die notwendigen Sofort- naßnahmen durchführen. Ob er nebenberuf- ich Zähne plombiert, Zeitungsartikeln schreibt, raktiziert oder eine klinische Ausbildung absolviert, ist vollkommen belanglos. Es ist aber i priori als gesichert anzunehmen, daß ein (ettungsarzt einen alkoholisierten Zustand er- ennt. Denn dazu hat er leider in der Großstadt ausreichend und täglich Gelegenheit.

Wenn nun ein Klinikchef erklärt, ein Be- runkener sei auf jeden Fall in das Spital ein- mweisen, dann läßt dies eine gewisse Un- cenntnis der wahren Sachlage erkennen. Denn säglich bemühen sich viele Aerzte verzweifelt, hre schwerkranken Patienten in das Spital zu iringen, ja selbst dringende chirurgische Fälle tonnen oft nicht zur Operation eingewiesen verden, da es einfach an Betten fehlt. Oft iegen Schwerkranke ohne Pflege eine Woche laheim, ehe es endlich gelingt, sie unterzu- iringen. Und leider kommt es immer wieder w, daß eine Krankheit früher ein tragisches :nde findet, weil die Spitalseinweisung zu spät :rfolgt. In einer solchen angespannten Situation ür jeden Trinker ein Spitalsbett zu fordern, ‘obei den Transport ins Krankenhaus und den \ufenthalt im Spital selbstredend die Krankentasse zu bezahlen hätte, erscheint doch etwas ibertrieben.

Aber schließlich hat der Fall des Ver- mglückten doch gezeigt, daß Hilfe notwendig st. Und wenn auch die Weigerung der Rettung, betrunkene zu transportieren, eine gewisse Be- echtigung hat, so zeigt der tödliche Ausgang, laß nicht alles getan wurde, um ein Menschen- ebep zu retten. Hier sehen wir ein Teilproblem les Alkoholismus, und es wäre an der Zeit, :ine befriedigende Lösung zu finden.

Natürlich wird immer von einer Trinkerheil- itätte gesprochen - in zahllosen Publikationen wird der Neubau einer solchen Heilstätte als Lösung des Trinkerproblems angeführt. Obgleich doch die vielen Erfahrungen, die man mit solchen Anstalten längst gewonnen hat, das Gegenteil beweisen. Es ist sicher, daß der schwere Trinker seelisch und geistig krank ist, er ist gegenüber seiner Leidenschaft einsichtslos, hat keinerlei Verantwortungsbewußtsein, ist moralisch defekt und meist arbeitsscheu und egoistisch. Wird ein Trinker oder eine Trinkerin interniert, so spielt es leider erfahrungsgemäß keine Rolle, ob man sich intensiv mit dem Kranken beschäftigt oder nicht. Man kann die verborgenen seelischen Probleme aufdecken und in vielen Aussprachen eine Lösung anbahnen, man kann alle modernsten Untersuchungen durchführen und die teuersten Medikamente verwenden, man kann dem Trinker alle Lebensschwierigkeiten abnehmen und ihn sozial vollkommen neu einordnen, man kann ihm in jeder Hinsicht entgegenkommen — und wird nach der Entlassung bitter enttäuscht. Oft betrinken sich die von der Heilstätte Entlassenen schon kurze Zeit später wieder sinnlos, und alle Mühe war vollkommen umsonst. Auch wenn von gewisser Seite immer wieder diese harte Tatsache verschleiert wird, tnuß mit aller Deutlichkeit ausgesprochen werden, daß in einer Heilstätte, sie mag von noch so großartigen Fachärzten geleitet werden, niemals ein Trunksüchtiger Heilung findet. Ganz wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.

Es sei denn, man führt den an Trunksucht Erkrankten einer wirklichen Arbeit zu und läßt ihn ein bis zwei Jahre schwer arbeiten. Mit einer gewissen Härte und Androhung strenger Maßnahmen läßt sich auf diese Weise der Alkoholismus bannen, doch können eben gerade solche Methoden in einem sozialen, demokratischen Staat nicht angewendet werden. Denn durch seine Toleranz und Milde ist ja derjenige Staat, der die persönliche Freiheit in einem solchen Maße anerkennt, indirekt schuldtragend an der Verbreitung der Süchtigkeit. Wer jedoch so hemmungslos ist, daß er volltrunken auf der Straße zusammenbricht, dem Alkohol so verfallen ist, daß er bar jeglicher vernünftigen Heberlegung auf die Straße hinauswankt, der gefährdet sich in einem Höchstmaß. Er kann sich bei Stürzen schwer- stens verletzen, er kann unter die Räder des Verkehrs kommen. Ihm muß man also wirklich helfen, und es gibt eine Lösung, die auch in einem demokratischen Staat möglich ist und gleichzeitig so abschreckend wirkt, daß innerhalb kürzester Zeit kaum noch ein Betrunkener anzutreffen sein würde. Man muß nur gewisse Erfahrungen des Ostens und Westens koordinieren und für mitteleuropäische Verhältnisse modifizieren:

Man reserviere in einem Spital, am besten in einem Pavillon auf der Baumgartnerhöhe, in den Räumen des ehemaligen Infektionsspitales genügend Betten für Männer und eine ebenso größere Anzahl für Frauen. Verständlicherweise sind diese Betten sauber überzogen, das Pflegepersonal ist besonders ausgesucht. Die Fenster sind ohnedies vergittert, und der Ordnung wegen macht auch ein Polizeibeamter Inspektionsdienst. Ein ausgesuchtes Aerzteteam steht zur Verfügung, ebenso die üblichen medizinischen Apparate.

Die Rettung transportiert nun jeden Betrunkenen, der auf der Straße angetroffen wird und nicht mehr gehfähig ist, auf diese Trinkerstation. Volle drei Tage bleibt nun der Trinker, oder die Trinkerin, auf der Station und wird durchuntersucht. Nach Ablauf dieser Frist wird der Patient oder die Patientin entlassen. Da aber der Zustand der Trunkenheit selbstverschuldet ist, sind die Kosten bar zu bezahlen. Dies ergibt für den Transport mit der Rettung, für Bad und Wäsche, drei Tage Aufenthalt, ärztliche Betreuung und allfällige Medikamente einen ungefähren Betrag von siebenhundert Schilling.

Der Betrag ist natürlich sofort fällig, er ist per executionem sofort einzutreiben, und in all den Fällen, wo absolute Mittellosigkeit vorliegt, erfolgt die Einweisung in ein Arbeitshaus, wo der Betrag durch Arbeit zu verdienen ist. Für jeden Trinker, für jede Trinkerin ist damit wohl hinsichtlich der Lebenssicherheit und der Gesundheit bestens gesorgt, der hohe finanzielle Verlust aber, dürfte maximal abschrecken.

Aber, ist es nicht einfacher, alles so dahintreiben zu lassen, nichts gegen das Anwachsen der Süchtigkeit zu tun und statt wirklicher Maßnahmen die Kulissen eines hypertrophen Wohlfahrtsstaates aufzuziehen? Betrunkene liegen täglich auf der Straße, inmitten einer Welt, die glaubt, alle sozialen Probleme gelöst zu haben…

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