Vorsorge

„... denn teuer ist die Zeit“

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Viele Menschen bereiten sich unzureichend auf die Zeit abnehmender Selbstbestimmung im Alter vor. Die „Vorausschauende Vorsorgeplanung“ (ACP) ist dafür hilfreich. Ein Gastkommentar.

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Viele Menschen bereiten sich unzureichend auf die Zeit abnehmender Selbstbestimmung im Alter vor. Die „Vorausschauende Vorsorgeplanung“ (ACP) ist dafür hilfreich. Ein Gastkommentar.

Wir befinden uns im Auge eines „Silver Tsunami“: Viele alte Menschen leben und arbeiten teils noch Jahrzehnte als Pensionisten weiter. Sie stellen zwar eine Belastung für das angeblich gesicherte Pensionssystem dar, könnten aber auch als erfahrene Arbeitsreserve gesehen werden, die wir leider (noch) nicht lukrieren. Übrigens sind jene Länder, in denen die Menschen weltweit am längsten arbeiten wie die USA oder die Schweiz auch wirtschaftlich am erfolgreichsten. Obwohl theoretische Wissenschafter und erfahrene Praktiker immer wieder betonen, wie wichtig es ist, sich im berufstätigen sogenannten Zweiten Alter auf das Dritte Alter – in dem man zwar im „Ruhestand“, aber geistig und körperlich noch relativ gut leistungsfähig ist – vorzubereiten, sehe ich in meiner persönlichen und fachlichen Umgebung nur wenige Beispiele für „erfolgreiches Altern“.

Bekannte Chefs großer Kliniken realisieren z. B. oft nicht, dass sie sich schon am Tag nach ihrer Pensionierung völlig neu orientieren müssen und dass bereits die nächste Generation von Medizinstudenten ihre Namen und Leistungen nicht mehr kennen wird. Viele Menschen lassen das Dritte Alter einfach auf sich zukommen, ohne rechtzeitig einen wenigstens provisorischen Plan für die Gestaltung dieser noch sehr lebenswerten, selbstbestimmten Zeitspanne entworfen zu haben. Einmal sind aber alle alten Fotos in Alben eingeklebt oder am Computer gespeichert, die Briefmarkensammlung ist geordnet, der Garten wird regelmäßig gejätet, die langersehnte Kreuzfahrt ist absolviert, die Enkelkinder sind erwachsen und gehen ihre eigenen Wege – was dann? Hier kommt das Thema „Advanced Care Planning“ (ACP) ins Spiel: Die etwas weniger prägnante deutsche Bezeichnung dieser Strategie lautet „Behandlung im Voraus planen“ (BVP) oder „Vorausschauende Vorsorgeplanung“.

Im Sinne Senecas „können wir zwar nicht den Wind lenken, aber wir können die Segel richtig setzen“. Es geht dabei unter anderem um ein Altern in Würde durch professionelle Pflege und in weiterem Sinn – ähnlich wie bei der Klimakatastrophe – um das Vermeiden einer Pflegekatastrophe. Religiöse Menschen haben es in diesem Lebensabschnitt meist etwas leichter als Agnostiker und Atheisten, weil ihnen ihr Glaube eine Stütze ist.

Die Pflege reformieren!

Wenn man sich Gedanken über ACP macht, muss man sich in Österreich der Tatsache bewusst sein, dass wir uns auf einem noch wenig beackerten Feld bewegen: Von der Gesundheitspolitik wird z. B. immer noch auf die teure Behandlung von Krankheiten gesetzt statt auf die viel kostengünstigere Prävention. Pflege – falls überhaupt genügend qualifizierte Personen verfügbar sind – wird in Krankenanstalten und Heimen vom Staat finanziert, während die von den Menschen bevorzugte, viel billigere (!) Betreuung zu Hause nur nach Überwindung großer administrativer Hürden bewerkstelligt werden kann. In den niedergelassenen Bereich der Pflege wird viel zu wenig und zu zögerlich investiert. Es sind auch noch keine seriösen Strategien zur besseren Ausbildung und Bezahlung von eigenen professionellen Pflegekräften zu erkennen. Im Gegenteil: Wir steuern auf eine Deprofessionalisierung dieser essenziellen Berufssparte zu, indem diese Arbeiten ungelernten „Pflegenomaden“ aus dem Ausland aufgebürdet werden – und sogar auf diesem Sektor kommt es bereits zu bedrohlichen Engpässen, weil die Herkunftsländer diese Menschen mit zunehmendem Wohlstand selbst benötigen. Auch eine transparente Information der Patienten – vor allem eine auf kompetentes „Case and Care Management“ gestützte Patientensicherheit – wird nicht gewährleistet. Das gilt nicht nur für alte Menschen, sondern sollte auch schon früh als „Familiengesundheitspflege“ und betriebliche Vorsorge verstanden werden. Ansätze zur Lösung dieser Probleme, die uns als potenzielle Patienten ja alle betreffen, sind derzeit noch nicht ersichtlich. Auch wir werden als hochbetagte Patienten in überfüllten Ambulanzen warten und kurz abgefertigt werden, d. h., im „besten Gesundheitssystem der Welt“ nicht „sicher“ sein! Finanzmittel für eine Umstellung des Systems sind offensichtlich im öffentlichen Bereich vorhanden, eine Umschichtung der Mittel im Sinn der oben geäußerten Kritik würde aber ein elementares politisches Umdenken erfordern. Gescheiterte Patientenverfügung ACP, wo möglich, inklusive finanzieller, auch betrieblicher Vorsorge, sollte trotz – oder gerade wegen – dieser Hindernisse von möglichst vielen Menschen in Angriff genommen werden. Die Essenz von ACP besteht in der Vorbereitung auf eine Zeit, in der man eventuell nicht mehr in der Lage ist, selbst über sein Schicksal – weniger pathetisch: sein tägliches Leben – zu entscheiden. Das gilt z. B. für den Fall schwerer Erkrankungen, die einen Aufenthalt in einer Intensivstation erfordern, einen Schlaganfall etc. Dabei geht es vor allem um künftige Entscheidungen bezüglich medizinischer Behandlungen und Erbangelegenheiten: also ein kompliziertes Netzwerk aus Liebe, Familie, Freundschaft, Vernunft, fachlichem Rat, Fatalismus hinsichtlich des unvermeidbaren Lebensendes, und auch einen uns im Alter noch innewohnenden Stolz, der von manchen Mitmenschen – meist zu Unrecht – als Altersstarrsinn bezeichnet wird. Heikles Thema Sterbehilfe Für eine optimale Lösung dieser Aufgabe bedarf es also eines rechtzeitigen Entschlusses. Dieser Entschluss sollte selbst noch bei klarem Verstand getroffen und nicht im Sinn von „nach mir die Sintflut“ den Angehörigen, Freunden, Anwälten, Notaren oder dem Staat überlassen werden. Ganz abgesehen von der Pflicht, behandelnden Ärzten schwierige Entscheidungen durch eindeutig formulierte Willenskundgebungen abzunehmen. Im Prinzip könnten diese Fragen in Form einer Patientenverfügung beantwortet und gesetzlich bindend kodifiziert werden. International wird das Instrument der Patientenverfügung heute allerdings als gescheitert angesehen, und es werden andere Formen der Vorausplanung für Betreuung und Pflege favorisiert. In Österreich haben nur vier Prozent der Bevölkerung eine Patientenverfügung erstellt. Sie hat sich in ihrer derzeitigen Form als viel zu bürokratisch und in Bezug auf die Anwendung lebenserhaltender Maßnahmen zu schwammig erwiesen. Das Thema muss also entrümpelt und entpolitisiert werden. Auf diesem Sektor existieren zwar viele offizielle Stellungnahmen von privaten Interessensgruppen in Hochglanzbroschüren – es gibt aber in der Fachliteratur auch seriöse Anleitungen dafür, wie Gespräche mit betroffenen Menschen einfühlsam gestaltet werden können, die sich gut für die Vorbereitung auf das ACP-Management eignen (z. B. „Ariadne Laboratory’s Serious Illness Conversation Guide for Advance Care Planning“).

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