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Selbst ist der „man"

Ein neuer Begriff ist in aller Munde: Eigenvorsorge! Waren Frau und Herr Österreicher bis vor kurzer Zeit noch der Meinung, die Zukunft wäre - von den persönlichsten Anliegen abgesehen - Sache der Politiker, der Sozialversicherungsträger usw., so treten nunmehr doch Zweifel daran auf, ob dem auch wirklich so sei. Daran schließen sich die Fragen, ob man nicht auch selbst etwas tun sollte, was man eigentlich selbst tun könnte. Am Beispiel Gesundheit/Krankheit herrscht der Eindruck vor,

der Mensch von heute sehe sich zunehmend als Spielball geneigter oder böser Mächte und betrachte die Entwicklung gleichsam aus der Loge. Krank machen ihn die Umwelteinflüsse, saurer Regen, giftige Lebensmittel, Streß im Beruf und im Straßenverkehr - da könne der einzelne doch durch eine ungesunde Lebensführung, ein wenig Nikotin, ein Glaserl Wein, auch nicht mehr viel verderben. Für die Wiederherstellung der Gesundheit gibt es die Ärzte, die Spitäler, deren Finanzierung besorgen die Versicherungen (Sozialversicherungen und Privatversicherungen): Die sollen sich kümmern, die sollen bezahlen, schließlich zahle ich genug Beiträge, und außerdem hat mein Nachbar, mein Arbeitskollege doch auch ...

Wir glauben ein Recht auf Gesundheit zu haben, manche halten sogar einen Anspruch auf Krankheit für gegeben. Dementsprechend gilt es nicht nur weithin als unzumutbar, wirtschaftliche Folgen einer Krankheit selbst zu tragen; es führt auch die Vorstellung, zur Vermeidung einer Erkrankung auf etwas verzichten oder sich um eine gesunde Lebensführung bemühen zu sollen, zu unzumutbaren Frustrationen, weil so etwas den

Konsum von Vergnügen beein-trächtiaen könnte. Schließlich wird das Recht auf Gesundheit/Krankheit durch Beiträge erkauft, die Beachtung gesundheitlicher Aspekte in der persönlichen Lebensführung wäre ein Geschenk an das anonyme Kollektiv, das laufend Geld abfordert - ob man es in Anspruch nimmt oder nicht. So kann es kaum überraschen, daß die Gesundheitsausgaben nun schon auf rund 10 Prozent des Bruttosozialproduktes angestiegen sind und - wenn nicht etwas geschieht - weiter steigen werden.

Dennoch kann sich das Thema „Eigenvorsorge" nicht in der Frage erschöpfen, für welchen Personenkreis und inwieweit aus dem Blickwinkel einer am Subsi-diaritätsprinzip orientierten Sozialpolitik die Kosten einer notwendigen Krankheitsbehandlung über eine Pflichtkrankenkasse, über eine private Krankenversicherung oder aus der privaten Schatulle finanziert werden sollen oder können.

Vordringlich gilt es, in den Menschen wieder die Erkenntnis reifen zu lassen, daß Gesundheit ein höchstpersönliches, im echten und im übertragenen Sinne des Wortes unbezahlbares Gut ist, das man deswegen weder verkaufen (Schmutz- und Gefahrenzulagen, niedrigeres Pensionsalter, billigere Preise für Energie oder Waren, mit deren Erzeugung Umweltbelastung verbunden ist) noch in der „Bauernbü-ble-Mentalität" (recht soll mich frieren, warum kauft mir der Vater keine neuen Schuh') auf die Gesundheitsberufe und die Krankenversicherungen überwälzen soll und darf.

Hier wird allerdings noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden müssen, von Sozialpartnern, Versicherungsträgern, Ärzteschaft, usw.; hier werden negative Anreize ausgemerzt und positive verstärkt, bzw. neue gesucht und geschaffen werden müssen. Wer aber soll diese Meinungsbildung in die Wege leiten? Wir haben zwar ein Gesundheitstund kein Krankheits-)ministeri-um, das würde sogar stimmen. Aber: Die Aufgabe der Ärzte und der Krankenhäuser ist die Krankheit und nicht die Gesundheit, und auch die Krankenversicherer (Kassen ebenso wie die privaten Krankenversicherer) leisten für die Behandlung der Krankheit und nicht für die Erhaltung der

Gesundheit.

Immerhin: Zu den Aufgaben der Sozialversicherungsträger gehört auch die Verhütung und Früherkennung von Krankheiten, auch die privaten Krankenversicherungen haben sich auf diesem Gebiet schon versucht, Ärzte und Krankenhäuser werden auch für „Gesundheitsprogramme", zu denen ja Prophylaxe und Früherkennung gehören, benötigt werden. Und: Unsere Werbewirtschaft hat in den Menschen so viele Bedürfnisse geweckt, sie müßte doch auch das Bedürfnis nach Gesundheit wecken können.

Freilich braucht ein neu gewonnenes Selbstverständnis des Patienten als mündiges Subjekt und

nicht als Objekt der Kassenhierarchie, Spitäler und Ärzte Betätigungsfeld.

Dazu bedarf es z. B. einer erweiterten Wahlmöglichkeit hinsichtlich des Behandlers außerhalb des Krankenhauses, phantasievollerer Gestaltung der Organisationsform ärztlicher Ordinationen, der Schaffung von Einrichtungen zur Hauskrankenpflege, einer engeren Zusammenarbeit zwischen extramuraler und stationärer Medizin. Alle diese Einrichtungen und Vorgangsweisen hat der Verband der Privaten Krankenversicherer mehrfach zur Diskussion gestellt. Er tut das im Interesse von rund 2,5 Millionen Versicherten, die schon jetzt Eigenvorsorge im wirtschaftlichen Sinne betreiben und sich eine bessere, ihrem gewohnten Lebensstandard entsprechende Unterkunft, eine persönliche, individuelle Behandlung und eine Pauschalabgeltung für Nebenaufwendungen, für Verdienstausfall oder Finanzierung einer Aushilfe im Beruf oder in der Familie sichern. Fast 5 Milliarden Schilling stehen den österreichischen Krankenanstalten aus den Beiträgen und Prämien der Privatkrankenversicherten zur Verfügung.

Diese Privatversicherten wissen um ihre Eigenverantwortung in Sachen Gesundheit/Krankheit, sie verlassen sich nicht ausschließlich auf den „großen Bruder" und sind auch bereit, dafür zusätzliche Beiträge in Kauf zu nehmen. Sie wüßten die erwähnten weiteren Gestaltungsmöglichkeiten in der Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe zu schätzen und zu nützen, andere würden ihnen folgen.

Eigenverantwortung und Eigenvorsorge hätten ein weiteres Betätigungsfeld gewonnen: Ein wesentlicher Beitrag zur Volksgesundheit und damit zur heute so oft beschworenen Lebensqualität.

Der Autor ist Direktor der Ersten Allgemeinen Versicherungs AG. /

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