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Fast alle wollen zu Hause sterben

1945 1960 1980 2000 2020

Der Tod, auf den jeder Mensch letztlich zusteuert, wird gerne verdrängt. Aber zunehmend wird erkannt, auch unter dem Eindruck der Vorfälle im Krankenhaus Lainz in Wien, wie problematisch es ist, das Sterben in Institutionen zu verlegen. Eine am 16. November 1987 in Wien gegründete Internationale Gesellschaft für Sterbebegleitung und Lebensbeistand sucht nach wirklich humanen Wegen.

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Der Tod, auf den jeder Mensch letztlich zusteuert, wird gerne verdrängt. Aber zunehmend wird erkannt, auch unter dem Eindruck der Vorfälle im Krankenhaus Lainz in Wien, wie problematisch es ist, das Sterben in Institutionen zu verlegen. Eine am 16. November 1987 in Wien gegründete Internationale Gesellschaft für Sterbebegleitung und Lebensbeistand sucht nach wirklich humanen Wegen.

FURCHE: Herr Primarius, was war der Anlaß für die Gründung der Internationalen Gesellschaft für Sterbebegleitung und Lebensbeistand in Österreich?

PRIMARIUS ERICH AIGNER: Es ist so eine Gesellschaft schon ein Jahr vorher von dem Limburger Internisten Paul Becker in Deutschland gegründet worden. Ich habe mich sehr dafür interessiert, weil ich während meiner Tätigkeit im Krankenhaus mit der Situation der Sterbenden oft unzufrieden gewesen bin. Das war die Zeit, wo wir die Patienten noch in großen Zimmern haben mußten, bis zu 20 und mehr Betten, und wo es oft nicht anders möglich gewesen ist, als einen Sterbenden am Gang oder im Badezimmer unterzubringen. Es hat mich immer bedrückt, daß der Sterbende nicht nur räumlich unwürdig untergebracht worden ist, sondern auch oft nicht die entsprechende Zuwendung erfahren konnte.

FURCHE: Wieviel Prozent der Menschen sterben heute im Krankenhaus, wieviel daheim?

AIGNER: Etwa 70 bis 80 Prozent sterben in Institutionen, das heißt in Krankenhäusern, Altersheimen, Pflegeheimen. Ende der dreißiger Jahre waren die Zahlen noch etwa umgekehrt: 60 bis 70 Prozent sind zuhause gestorben und der Rest in Institutionen. Sicher ist - und dazu gibt es insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland Umfragen -, daß es der Wunsch von über 90 Prozent der Menschen ist, zuhause zu sterben.

FURCHE: Ein Ziel Ihrer Gesellschaft ist es, diesem Wunsch Rechnung zu tragen?

AIGNER: Der Wunsch unserer Gesellschaft ist es, es vermehrt möglich zu machen, daß Menschen zu Hause sterben. Das ist aber sicher ein Fernziel und hängt zunächst auch mit der Situation der Hauskrankenpflege, auch mit der Situa-

„Ein Hospiz, das möchte ich betonen, istkein Sterbehaus, keine Sterbeklinik“

tion der Angehörigen, zusammen. Es wird sicher politische Arbeit notwendig sein, diese Situation zu verbessern.

Damit in Verbindung steht, daß wir uns sehr für die Hospizbewegung einsetzen. Ein Hospiz, das möchte ich mit aller Deutlichkeit betonen, ist kein Sterbehaus, keine Sterbeklinik. Das beweist, daß in London, wo 1967 das erste Hospiz eröffnet worden ist, die Zahl derer, die zu Hause sterben, von etwa zwei Prozent im Jahr 1967 auf 30 Prozent im Jahr 1987 angestiegen ist, weil Hospize eigentlich eine Zwischeninstitution zwischen dem Krankenhaus und dem Zuhause und sehr bemüht sind, die Angehörigen in die Betreuung einzubauen, sie zu schulen und es damit möglich zu machen, daß eben viele Schwerkranke und Sterbende aus dem Hospiz nach Hause entlassen werden können.

Das dritte Ziel - neben Förderung der Hauskrankenpflege und der Hospizbewegung - scheint am ehesten, wenn auch schwer, realisierbar: daß man in den bestehenden Institutionen - Krankenhäuser, Pflegeheime - die Situation verbessert, in räumlicher Hinsicht, durch vermehrte menschliche Zuwendung, durch verbesserte Schmerzbekämpfung und durch vermehrte Einbeziehung der Angehörigen, wobei natürlich die Frage einer flexiblen Besuchszeit sehr wesentlich scheint.

FURCHE: Es ist ja bekannt, daß sich bei unheilbaren Krankheiten das Sterben über längere Zeit er-

streckt, daß Kranke verschiedene Phasen durchmachen. Welche Phasen würden Sie da unterscheiden?

AIGNER: Es ist schwierig, den Zeitpunkt anzugeben, wo das Sterben eigentlich beginnt. Martin Heidegger hat gesagt, das Leben sei ein Sein zum Tode. Elisabeth Kübler-Ross hat sich sehr intensiv mit Sterbebegleitung oder überhaupt mit der Wissenschaft vom Sterben, der Thanatologie, beschäftigt und hat diese Phasen aufgestellt. Man muß sich aber darüber im klaren sein, daß das nicht immer so abläuft. Trotzdem ist es gut für alle Menschen, die sich mit Sterbebegleitung beschäftigen, in etwa zu wissen, welche Gefühlszustände eintreten.

Kübler-Ross sagt, die erste Phase sei das Nicht-wahr-haben-Wollen des Zustandes, daß ein Leben zu Ende gehen soll. Man schiebt es weg. Im weiteren Verlauf kommt es dann zu einem Aufbegehren gegen dieses Bewußtwerden oder dieses Empfinden: Es wird schlechter, es geht unter Umständen dem Ende zu. Diese Phase ist durch Zorn und Wut, Aggressionen gekennzeichnet. Das halte ich für sehr wichtig, daß wir uns dessen bewußt sind. Ich habe selbst während meiner Tätigkeit erfahren, daß dieser Zorn sich nicht gegen uns persönlich wendet, sondern daß es ein Bedürfnis für diesen Schwerkranken, für diesen Sterbenden ist, zu revolutieren und dieser Revolte Ausdruck zu verleihen.

Es wird dann vom Zustand des sogenannten Verhandeins gesprochen. Ich habe auch selbst erlebt, daß mir ein Patient mit Lungenkrebs gesagt hat: „Ich weiß, es wird zu Ende gehen, es wird nicht mehr so lange dauern, aber mein Sohn hat noch ein halbes Jahr bis zur Matura, das möchte ich doch noch gerne erleben.“ Das ist das Verhandeln - bei gläubigen Menschen zum Transzendenten, zu Gott hin-, doch noch einen Aufschub zu bekommen.

Wenn nun die eigentliche Tragik, der Schmerz des Abschiedes, so ganz bewußt wird, dann kommt der Patient oft in einen depressiven Zustand, wo er sich zurückzieht, wo er sich isolieren will. Gerade mit diesem depressiven Zustand kommen wir als Angehörige oder als Beglei-

tende sehr schwer zurecht. Dableibt uns - Ärzten, Pflegenden, Angehörigen - wirklich nur die Möglichkeit, dem Sterbenden die Hand zu halten, ihm das Gefühl zu geben, er ist nicht allein, man ist bei ihm.

Das Entscheidende in der Sterbebegleitung ist, uns ganz in den Schwerkranken einzufühlen, ihm zuzuhören und ihm nicht Unnötiges, insbesondere Unwahres zuzusprechen. Wenn Patienten ganz am Boden gewesen sind, dann sind sie oft bereitgeworden, es geschehen zu lassen, ihr Schicksal anzunehmen, und, wenn sie gläubige Menschen sind, aus tiefstem Herzen zu sagen: „Dein Wille geschehe“. Aber es kann ein langer Weg sein, dahin zu kommen.

Ich habe es manchmal zwei Tage oder noch kürzer vor dem Tod beim Patienten erlebt. Das ist dann auch für den Betreuer eine Erleichterung, zu sehen, er kann jetzt annehmen, daß es unabänderlich ist. Es ist entscheidend, daß der nächste Angehörige es auch annehmen kann.

Es ist schwer für einen Sterbenden, das Gefühl zu haben, er wird von seinem liebsten Menschen nicht losgelassen. Vielen fällt das sehr schwer. So wie es eine Aufgabe für den Sterbenden ist, sein Leben loszulassen, so ist es auch die Aufgabe für die Begleitenden, ihn in eine andere Welt, in ein anderes Leben loslassen zu können. Das gibt dann dem Sterbenden den eigentlichen Frieden.

FURCHE: Kommt es nicht auch vor, daß Menschen diese letzte Phase gar nicht mehr erreichen und noch in der Kampfphase sterben?

AIGNER: Das kommt sicher auch vor. Wenn auch Thanatologie betrieben wird, wenn wir auch viele Seminare hören und uns bemühen, gewisse Grundzüge aufzuzeigen, so sollen wir uns nichts vormachen darüber, daß Tod und Sterben im letzten immer von einem Geheimnis umgeben sein werden. Im Prinzip lernen wir von sterbenden Kin-

dern sehr viel. Was wünschen sich Kinder im Sterben? Keine Schmerzen zu haben und nicht allein zu sein. Das gilt für jeden Sterbenden.

Noch eine Ergänzung zu den Phasen: In Köln wurde an einer chirurgischen Universitätsklinik vor fünf Jahren eine Palliativstation errichtet. Dorthin kommen Patienten, bei denen keine Therapie mehr möglich ist und die dort palliative - lindernde - Behandlung erfahren, also menschliche Zuwendung und Linderung von Schmerzen. Der dortige Krankenhausseelsorger sagt: Wenn es durch entsprechende Zuwendung und Schmerzmittelgabe in einem hohen Maß - man spricht heute von etwa 85 bis 90 Prozent - gelingt, diesem sterbenden Menschen die Schmerzen zu nehmen, so kommt er in die allerletzte, die „metaphysische“ Phase. Das heißt: Er fragt in den letzten Tagen nach dem, was nachher sein wird. Und wenn er sich auch von seiner Religionsgemeinschaft entfernt hat, so verlangt der Sterbende doch nach einem Seelsorger seiner Konfession.

Gerade bei der Schmerzbekämpfung haben wir in allerletzter Zeit große Fortschritte gemacht, was vielen Menschen noch nicht so bewußt ist, weil sie noch Erinnerungen an Angehörige, Freunde, Bekannte haben, die unter furchtbaren Schmerzen eine unheilbare Krankheit erleiden mußten.

FURCHE: Ist da nicht ein Problem dabei? Ist nicht die Grenze zwischen Schmerzlinderung und aktiver Sterbehilfe, also Euthanasie, fließend, da eine hohe Dosis eines schmerzstillenden Mittels unter Umständen schon die tödliche Dosis sein kann?

AIGNER: Es wird sich wohl der größte Teil der Ärzte zu dem bekennen, was wir passive Sterbehilfe nennen. Es ist schwierig, die Grenze zu finden, wo man medizinisch eigentlich nichts mehr tun kann, aber noch lindernd behandelt, durch Zuwendung, durch das Nehmen von Ängsten - die sich auch auf Schmerzen auswirken können - und durch Schmerzmittel.

Wir sind natürlich bemüht, und das ist ein Anliegen unserer Gesellschaft, trotz der Schmerzmittelgabe das Bewußtsein des Patienten,

so weit es möglich ist, zu erhalten, und nicht, wie es oft früher etwa durch hohe Morphingaben der Fall war, das Bewußtsein des Patienten zu verändern. Zweitens gibt es ja heute auch Spezialisten für Schmerztherapie. Man hat gelernt, die Dosen entsprechend zu geben, je nach dem Alter und Zustand des Patienten. Da glaube ich schon, daß man bei entsprechender Dosierung nicht wissentlich den Tod herbeiführt, also aktive Sterbehilfe betreibt. Drß da die Grenzen ungeheuer schwer zu ziehen sein mögen, das gebe ich schon zu.

Ich betone, daß unsere Gesellschaft grundsätzlich gegen aktive Sterbehilfe ist. Das ist ja ein Problem, das momentan recht aktuell wird, in Europa in den Niederlanden, in Frankreich und in der Bundesrepublik Deutschland, vor allem aber auch in Australien. Wir meinen, und das bestätigen die Erfahrungen in den Hospizen, daß unsere erste Aufgabe ist, den Patienten bestmöglich zu betreuen, weil es dann nur außergewöhnlich selten vorkommt, daß der Sterbende nach aktiver Sterbehilfe verlangt. Das ist auch oft vorübergehend. Der Zustand eines Sterbenden ist ungeheuer Wechsel voll.

FURCHE: Wie weit werden Patienten und deren Angehörige mit der Wahrheit über den Verlauf einer Krankheit konfrontiert?

AIGNER: Das ist eine ganz wichtige, höchst aktuelle Frage. Unsere Gesellschaft hält jährlich ein Symposion ab. Voriges Jahr war das Thema: „Hilfen an der Grenze des Lebens“, heuer „Wahrhaftig miteinander umgehen“. Die Aufklärungspflicht besteht für den Arzt. Jeder Patient hat das Recht über seine Krankheit, über seinen Zu-

„Der Patient ist über seinen

Zustand besser orientiert, als

wir annehmen“ -

stand aufgeklärt zu werden. Aber es muß dem Ermessen des Arztes überlassen sein, wann er wem was wie sagt.

Denn diese Aufklärung ist nicht ein einmaliges Gespräch, eine einmalige Diagnosemitteilung, sondern ein Prozeß, der oft längere Zeit braucht und wo es eben auch dem Einfühlungsvermögen des Arztes überlassen ist, was er zu dem Zeitpunkt dem Patienten sagt. Was Schwestern oder Angehörige betrifft, so meine ich, von Mensch zu Mensch wahrhaftig zu sein, ist letztlich jedem persönlich überlassen.

FURCHE: Erleichtert es erfahrungsgemäß Krankheit und Sterben, wenn alle sich ausgesprochen haben?

AIGNER: Es ist erwiesen, daß eine sogenannte offene Kommunikation gefühlsmäßig von großer Erleichterung ist. Und ich kann aus meinem ärztlichen Leben sagen, daß ich auch einen Weg durch fast vier oder fünf Jahrzehnte gegangen und immer mehr zur Überzeugung gekommen bin, daß es sowohl für den Patienten wie für mich wohltuend in unserer Beziehung war, wenn wir offen über den Zustand sprechen konnten.

Wir sind uns oft nicht bewußt, daß der Patient über seinen Zustand besser orientiert ist, als wir annehmen. Kübler-Ross sagt sogar, daß der Sterbende stärker ist als wir und uns manches Mal sogar etwas ersparen möchte. Das heißt, ein Sterbender ist für uns oft ein Lehrender. Bei jeder Sterbebegleitung können wir Neues lernen.

Mit dem Vorsitzenden der Internationalen Gesellschaft für Sterbebegleitung und Lebensbeistand in Österreich (vor seiner Pensionierung Primarius am Krankenhaus Wiener Neustadt) sprach Heiner Boberski.

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