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Arzt für Leben und Sterben

Ärzte, Schwestern, Verwaltungspersonal stehen im Krankenhaus im Dienst des Patienten, der immer wieder zu hören bekommt, eine Krankheit dürfe nicht isoliert, nicht bloß sym-ptombezogen, sondern müsse vielmehr ganzheitlich behandelt werden.

Gilt diese Erkenntnis dann auch von der Leistung des Spitalteams? Darf ich dann auch von diesem erwarten, daß der gemeinsame Auftrag im Vordergrund steht und die Rollenverschiedenheit nicht aus hierarchischen Gründen überbetont wird?

Darf ich als Patient gewiß sein, daß schon in der Ausbildung darauf Bedacht genommen wird, nicht geheimnisumwitterte Medizinmänner, aber auch nicht bloße Medizintechniker, Manager einer Gesundheitsindustrie, Verwalter von Geweben und Organen hervorzubringen, sondern Menschen, die den Patienten als Person und nicht als mediko-soziales Problem betrachten? Und daß die postpromotioneile Ausbildung für solche Berufe am besten in Spitälern (und nur in Spitälern) erfolgen kann?

Was braucht eine Person? Nicht nur Medikamente, Medizinma- r.chinen, Plastikorgane, obwohl Walter Krämers Warnung vor romantischer Technikstürmerei voll zu unterschreiben ist. Ein Diplomingenieur der Medizintechnik, der mir das Leben rettet, ist auch mir lieber als ein Pastoral- mediziner, unter dessen Händen ich sterbe.

Aber sterben nicht Menschen y . auch unter den Händen von Medizintechnikern, die ein Pastoral- mediziner vielleicht noch getröstet (oder gar gerettet) hätte? Wäre nicht beides — ein Arzt mit Fachkenntnis und voll menschlicher Zuwendung — die ideale Synthese? ...

Was sind die Zwecke der Medizin? Die traditionelle Antwort darauf lautet: Leiden lindern, Krankheiten heilen, Leben retten. Was ist Leiden? Gewiß nichts, was man bagatellisieren, verniedlichen oder auch ideologisch verklären dürfte.

Aber Schmerz ist natürlich auch ein notwendiges Warnsignal, das uns an die Verletzbarkeit unserer Glieder und Organe erinnert — und an die Verletzbarkeit und Endlichkeit unseres Le-bens überhaupt. Schmerz kann läutern, reifen lassen, zu der heute so vielzitierten Selbstverwirklichung entscheidend beitragen. Erfahren das Patienten im heutigen Medizin- und Spitalsbetrieb? Wenn ja, von wem?

„Leben retten“: Welches Leben retten wir, wenn wir andererseits bereit sind, den Wert des ungeborenen zu relativieren? Ist Leben nur das Funktionieren der elektrischen Gehirnströme? Oder bewußtes inneres Wachsen und Reifen?

Dann freilich ist auch der entmündigende Umgang mit Patienten in manchen — vor allem psychiatrischen — Spitälern ein klarer Verstoß gegen den Respekt vor der Menschenwürde.

Gewiß bedürfen viele gerade dieser Patienten einer sedativen Behandlung. Aber wie viele Pulver und Injektionen und ärgere Bewußtseinszerstörer könnte man sich ersparen, wenn sich Ärzte Zeit nähmen (oder das System sie ihnen ließe), ein bißchen zuzuhören, zuzureden? Wenn ein Patient Anspruch auf eine Hunderttausende Schilling verschlingende medizinische Behandlung hat — warum sollte er keinen Anspruch auf eine Zeit verschlingende humane Behandlung haben?

Worauf noch hat der Patient einen Anspruch? Auf wahrhafte Informationen — zum Beispiel über notwendige Therapien, vor allem auch über Experimente, die mit ihm gemacht werden sollen.

Medizinische Experimente sind unverzichtbar — aber sie müssen als solche gekennzeichnet, ihr freiwilliger Charakter muß hervorgehoben und es darf nicht eine medizinische Notwendigkeit vorgetäuscht werden...

Zum Anspruch des Patienten und der Öffentlichkeit gehört auch das Recht, informiert zu werden, wenn ein Arzt einen Fehler begangen hat. Wer die Mündigkeit des Patienten postuliert, muß sich auch zur Fähigkeit der Einsicht des mündigen Patienten bekennen, daß alle Menschen fehleranfällig sind, auch Ärzte. Die sicherste Methode, sich verdächtig und unbeliebt zu machen, ist Vertuschen und Verharmlosen.

Zum Stichwort Verharmlosen freilich muß noch die wichtigste Assoziation angemerkt werden: Verharmlosen einer ernsten Krankheit.

Gewiß wird es Fälle geben, in denen ein verantwortungsbewußter Arzt aus guten Gründen über Art und Ausmaß einer Krankheit nur restriktiv Auskunft erteilen wird. Aber es gibt wohl noch immer zu viele Fälle einer entwürdigenden Entmündigung: „Er hielte die Wahrheit nicht aus.“ — „Sie würde es nicht ertragen.“

Oft mag berechtigte Sorge hinter solchen Urteilen stehen. Bisweilen ist es angemaßte Verfügung über andere Menschen. Und selbst wo es keine solche ist, müßte es Sorge der Ärzte sein, für eine offene, verantwortungsbewußte Erziehung der Menschen zum Sterben einzutreten.

Sterben ist ein metaphysisches Ereignis, nicht nur ein chemischer Prozeß. Ohne bewußtes Sterben kann der Mensch kein geglücktes Leben reklamieren. Der Sterbende kann gerade in der allerletzten Phase seines Lebens noch zu ungeahnter menschlicher Reife wachsen. Niemand hat ein Recht, ihm — und seinen Angehörigen — das Recht auf ein solches mögliches Wachstum zu rauben.

Es ist eine irreführende Lüge, den Arzt für das Leben und den Pfarrer für das Sterben zuständig zu machen. Beide bringen eine vielfältige Erfahrung ein, die sie dem Patienten voraushaben. Beide haben sie die Pflicht, diese mit ihm zu teilen ...

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