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Erweiterung des einseitigen Menschenbildes

Niemand möchte die Fortschritte der naturwissenschaftlichen Medizin verwerfen, sie aber in eine anthropologische Medizin integrieren und auf diese Weise erst ihre kostbarsten Schätze heben (Leopold Ranke).

Beides ist notwendig, der Fortschritt und die Hinwendung zu dem, dem die Medizin eigentlich dienen soll, zum leidenden Menschen.

Die Leitbilder der Naturheilmedizin reichen bis in die Antike, in orientalische, arabische und fernöstliche Medizinkulturen. Im Abendland sind sie im „corpus hippocraticum" festgelegt: Licht und Luft; Speis und Trank; Schlaf und Wachen; Absonderung und Ausscheidung; sowie die Beherrschung der Affekte.

Die Gesundheit geht alle an, nicht nur Ärzte und Gesundheitsbehörden, sie muß von jedem einzelnen mitverantwortet werden. Heilen beginnt in der Wohnung, im Badezimmer, in der Sauna, im Wandern, Erwärmen und vor allem im Gespräch.

Im Krankenhaus sollte man nicht nur gesund werden, sondern auch lernen, gesund zu bleiben. Der Gesundheit sollte man die gleiche .Aufmerksamkeit schenken wie der Krankheit, dann könnte man diese eher verhindern" und die Kosten dämpfen.

Dazu aber ist es notwendig, das bisherige einseitige und auf das Meßbare und Wägbare reduzierte naturwissenschaftliche Menschenbild um das der Natur des Menschen entsprechende Menschenbild zu erweitern. Denn ein Mensch ist gesund, wenn er in sich, mit sich, mit der Umwelt und mit dem Schöpfer in Harmonie ist. Krankheit ist die Folge einer äußeren, oder inneren Störung des geistig-seelischen und körperlichen Gleichgewichtes, und Heilen heißt Wiederherstellung eines neuen Gleichgewichtes.

Uberall dort, wo die Ursachen und Veränderungen der Krankheit naturwissenschaftlich erfaßbar sind, gilt das auch für eine naturheilkundlich orientierte Medizin.

Uberall dort, wo die Ursachen und Veränderungen noch nicht oder niemals erfaßt werden können, ist eine phänomenologische Medizin eine Erweiterung und Bereicherung der Medizin und Therapie.

Eigentlich hat sich nicht viel verändert. Zwar sind die Seuchen und Infektionen weitestgehend mit Antibiotika zu beherrschen, die Mangelkrankheiten können weitestgehend kompensiert werden, Organe können verpflanzt werden, mechanisch ersetzt werden, die Kinderlosigkeit kann durch künstliche Befruchtung weitestgehend behoben werden, in unseren Intensivstationen wird täglich Leben gerettet und der Tod hinausgeschoben, und trotzdem sind die Menschen nicht gesünder und nicht glücklicher geworden.

Neue Krankheiten und neue Bedrohungen, auch durch für die Medizin geschaffene Technik und Medikamente, sind eine nicht zu unterschätzende Bedrohung und Verunsicherung des Individuums.Im Blick auf die Technik und die berechtigte Faszination der wissenschaftlichen Errungenschaften wird nicht selten der vergessen, dem das alles dienen soll, der kranke Mensch.

Den Beginn einer Krankheit kann man nur erfahren, wenn man den Patienten reden läßt und ihm zuhört. Das Ausmaß des Leidens kann man in den Tränen des sich anvertrauenden Patienten begreifen und in seinen Wünschen erfahren wir das, was ihn eigentlich bedrückt und was er vom Arzt erwartet.

In einer technischen Medizin soll man, in der phänomenologischen Medizin muß man den Patienten zuhören

Die Konstitution kann man sehen. Es kann doch nicht gleichgültig sein, ob ein Mensch rot oder blaß; warm oder kalt; trocken oder feucht; stark oder schwach ist. Es kann aber auch nicht gleichgültig sein, ob ein Mensch froh oder traurig; still oder laut; gesellig oder verschlossen ist.

In einer technischen Medizin zählen andere, oft sichere Parameter, im Notfall zählt aber das Ermessen, Erwägen und die Handlung des erfahrenen Arztes.

Die Organschädigungen, das, was man Krankheit nennt, kann man natürlich untersuchen, messen und wägen. Aber es gibt nicht wenige Menschen mit normalen Befunden, obwohl sie schon krank sind, und nicht wenige werden durch abweichende Befunde krank, obwohl sie noch nicht krank sind.

In der technischen Medizin gilt richtigerweise der Status, der meßbare augenblickliche Befund. In der phänomenologischen Medizin gelten Anfang, Verlauf und Erleben des Krankwerdens.

Was können die Naturheilverfahren zu einer Erneuerung und Erweiterung der Medizin beitragen?

Zunächst einmal die Besinnung der Ärzte auf ihre eigentliche Aufgabe, nämlich kranke Menschen gesund zu machen, was man heilen nennt.

Erweiterung des naturwissenschaftlichen Menschenbildes in der Medizin um das eigentlich Menschliche, nämlich der Patient als Individuum und Person in der Umwelt.

Die Zuwendung zum Patienten und seine Einbeziehung in den Behandlungsplan, dessen Ziel das Gesundwerden und Gesundbleiben sein muß. Durch Anwendung einfacher, einsichtiger Ordnungen und Anwendung naturgemäßer Heilmethoden in der Familie, Gemeinde, Gesundheitszentren, aber auch im Krankenhaus Dämpfung der Kostenexplosion und Vermenschlichung der übertechnisierten Medizin.

Solange es Menschen gibt, die trotz der Fortschritte, nicht selten aber auch wegen der Fortschritte der modernen Medizin nicht gesund werden, haben sie das Recht, sich anderen Heilmethoden zuzuwenden. Solange man gesund ist kann man über die verschiedenen Methoden reden und sogar streiten, am Krankenbett muß der Arzt nach seinem Wissen und Gewissen entscheiden. Denn der Patient hat den einzigen Wunsch gesund zu werden, und für ihn gilt: Wer heilt, hat recht.

Primarius Dr. Mathias Dorcsi leitet das Ludwig-Boltzmann-Institut für Homöopathie im Krankenhaus Wien-Lainz.

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