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Umbruch in der Medizin

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Beachtliche Erfolge auf der einen, Zweifel an ihrer Kom­petenz auf der anderen Sei­te kennzeichnen die Situa­tion der Medizin. Wie weit ist hier die Suche nach neuen Ansätzen gediehen?

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Beachtliche Erfolge auf der einen, Zweifel an ihrer Kom­petenz auf der anderen Sei­te kennzeichnen die Situa­tion der Medizin. Wie weit ist hier die Suche nach neuen Ansätzen gediehen?

Über 30 Prozent aller Bürger der Bundesrepublik Deutschland neh­men - wie Befragungen ergaben -regelmäßig Naturheilmittel oder homöopathische Medikamente ein, bei den 60jährigen sogar mehr als 50 Prozent. Noch bestürzender wird dies Bild, wenn wir die Rolle der praktizierenden Ärzte betrachten.

Aufgrund von Erhebungen unter 600 praktischen Ärzten im Raum Stuttgart ergab sich der erstaunli­che Sachverhalt, daß nur 30 Pro­zent der befragten Ärzte ausschließ­lich die „wissenschaftlichen" Me­thoden der „Schulmedizin" anwen­den, bei den Allgemeinmedizinern sogar nur etwa 15 Prozent. Dem­nach befassen sich also 80 Prozent der an den Universitäten ausgebil­deten Ärzte auch mit Außenseiter­methoden, mit Heilmaßnahmen, die sie in der Medizinischen Fakultät jedenfalls nicht gelernt haben. Im Raum von Koblenz benützen etwa 80 Prozent der Ärzte die Naturheil­kunde, im Stuttgarter Raum 60 Prozent die Mittel der Homöopa­thie und noch einmal 15 Prozent die Methoden der Anthroposophischen Medizin. Kaum ein Viertel aller, die durch Schule und Examen gegan­gen sind, bedient sich der „wissen­schaftlich allgemein anerkannten Heilverfahren", der Schulmedizin!

Dabei kann wohl kaum geleug­net werden, daß man auch beim profiliertesten Profi der Schulme­dizin lediglich einen engumschrie­benen fachbezogenen Kernbestand an Wissen und Können vorfindet, einen zwar festen, aber relativ schmalen Kern, der von einer aus­gedehnten Fettschicht ungeprüfter Haltungen und unkontrollierter Praktiken umgeben ist, von einem unausgesprochenen und vielfach auch gar nicht bewußten Außensei -tertum also, das wir zu tarnen pfle­gen als „gesunden Menschenver­stand" oder als „ärztlichen Blick" oder auch als „klinische Erfahrung" - ein Außenseitertum, das sich weitgehend zusammensetzt aus bloßer Empirie, sozialen Vorrech­ten oder autoritärem Vorurteil.

Freilich werden wir gerade auf einem solch fragilen Gebiete, wo der weichen Daten so viele sind, der harten Daten sehr wenig, nicht daran vorbeikommen, auch die „Alternativen" zu berücksichtigen. Es hat schon etwas „Alternatives" an sich, wenn nun auch die „Natur" wieder eingeführt werden soll in das „System Medizin". Es ist si­cherlich „alternativ" gedacht, wenn nun auch das „Politische" an Raum gewinnt in einer Wissenschaft, die sich als „voraussetzungslos" zu verstehen glaubte, und die doch immer wieder angewiesen ist auf die Einheit von Erkenntnis und Interesse. Als „alternativ" sindganz gewiß alle Selbsthilfegruppen zu verstehen - diese neue, gewaltige Bewegung einer „Laienmedizin", mit all ihren Chancen, allen Risi­ken auch. Als „alternativ" würde ich nicht zuletzt jene Vielfalt au­ßereuropäischer Heilmethoden ansehen, wie sie letztlich auf einer Pluralität der Heilsysteme beruht.

„Heilen" - das hieß für den alten Hufeland noch, ganz allgemein: „den abnormen Zutand des Lebens in den normalen umändern", und noch genauer: „nicht bloß die äuße­ren Erscheinungen der Krankheit (Symptome) wegschaffen (...), son­dern die innere Veränderung des Lebens selbst, welqhe der äußeren Krankheit zugrunde liegt (die näch­ste Ursache), aufheben und vernich­ten und so die Wurzel ausreißen, wo dann die Früchte und Blüten von selbst fallen müssen (die gründli­che oder Radikalkur)". Alle ärztlichen Maßnahmen dienen ja nur einem Kranken, der in seiner ganz spezifischen Not seinen Arzt um Hilfe gerufen hat. Das Wohl des Kranken und damit die volle Respektierung seiner Privatsphäre bleiben dabei oberstes Kriterium. Dies alles gilt im gesteigerten Maße in der Medizin von heute und mor­gen, wo wir es mehr und mehr und nahezu ausschließlich mit Chro­nisch-Kranken zu tun haben, die lernen müssen, mit ihrer Krankheit auf Dauer zu leben, in einer nur noch „bedingten Gesundheit", mit all den dazugehörigen finanziellen und sozialen Belastungen und Be­lästigungen.

Es sind gerade hier nicht so sehr die dramatischen Grenzentschei­dungen, die uns ins Dilemma füh­ren; es sind die ständigen kleinen Fragen einer ärztlichen Alltags­ethik, die wir beherrschen müssen, Tag für Tag, wobei zur Ethik des Arztes ganz selbstverständlich auch die Ethik des Patienten gehört.Was hier letzten Endes als Richtschnur dient, ist der simple Sachverhalt: Wir dürfen einfach nicht alles das tun oder an uns tun lassen, was rein technisch machbar wäre!

Vom Arzt der Zukunft werden Entscheidungen verlangt, für die keine wissenschaftliche Technik mehr geradesteht, auf die kein psychosomatisches System eine Antwort weiß und die ihm kein fachspezifisches Beratergremium abzunehmen in der Lage ist. In einer Situation aber, in der die Wissen­schaften keinen archimedischen Punkt mehr bieten, sind die For­scher selbst und insgesamt heraus­gefordert, das Verhältnis des Men­schen zur Natur im Ganzen immer wieder von neuem zu bedenken.

Der Autor ist em. Professor für Geschichte der Medizin in Heidelberg, sein Beitrag ein Auszug aus seinem Vortrag zum Thema „Die Natur - ein Leitbild der Heilkunde", der als Artikel im Sammelband MENSCH UND NA­TUR, herausgegeben von Gotthard Fuchs, im Verlag Josef Knecht, Frankfurt 1989, 209 Seiten, erschienen ist.

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