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Aus dem Bauchladen der Heilverfahren

1945 1960 1980 2000 2020

Hochkonjunktur auf dem Markt der Heilverfahren: Aus Ostasien wie aus Großmutters Schatz-kistchen, durch Fasten ebenso wie durch Meditieren oder Wassertreten ... Für jeden etwas. Ein Buch bietet einen interessanten Uberblick.

1945 1960 1980 2000 2020

Hochkonjunktur auf dem Markt der Heilverfahren: Aus Ostasien wie aus Großmutters Schatz-kistchen, durch Fasten ebenso wie durch Meditieren oder Wassertreten ... Für jeden etwas. Ein Buch bietet einen interessanten Uberblick.

Wer schon länger an einer Krankheit, an der die Ärzte bisher eher erfolglos herumgedoktert haben, leidet und anderen von seinen Sorgen erzählt, macht sicher rasch folgende Erfahrung: Innerhalb kürzester Zeit erfährt er von einer Unzahl von ähnlich gelagerten Fällen und von den ausgefallensten, aber angeblich erstaunlich wirksamen, alternativen Heilverfahren.

Mit dieser Vielfalt des heute gängigen Angebots beschäftigt sich das Ruch „Die Andere Medizin". Es stellt die I Ierkunft, das Grundkonzept, die eingesetzten Mittel, die Anwendungsbereiche und Risken dieser Verfahren dar (siehe zum Beispiel den Kasten Bach-Blütentherapie) und bewertet sie nach dem Stand des heutigen medizinischen Wissens.

Wer das Buch zur Hand nimmt, staunt welche Fülle von Angeboten es da gibt: Das reicht von Aderlaß über Homöopathie, Neural- und Tanztherapie bis zum Einsatz von Wünschelrute und Zungendiagnostik. Unwillkürlich fragt man sich: Wieso ist es überhaupt zu diesem Wuchern von unterschiedlichsten Ansätzen in einer Zeit atemberaubender Fortschritte der Schulmedizin gekommen?

Mehrere Ursachen dürften dafür verantwortlich sein. Da ist zunächst die einseitige, rein naturwissenschaftliche Ausrichtung der Schulmedizin. Sie hat sich lange Zeit darauf konzentriert, den Körper als einen Komplex von Organen, Steuerungsvorgängen und chemischen Prozessen anzusehen. Eine aufwendige Technik und eine enorme Vielfalt pharmazeutischer Produkte gestatten, zielgerichtet Schäden zu beheben und akute Krankheiten zu bekämpfen.

So erfolgreich der Ansatz auch ist, er kann nicht verleugnen, daß diese naturwissenschaftlich ausgerichtete Medizin weit davon entfernt ist, das Funktionieren des menschlichen Organismus wirklich zu durchschauen. Da gibt es vor allem neben den akuten die Fülle der chronischen Erkrankungen und Störungen, die eine „Antwort des Organismus auf Überforderung durch Lärm, Gestank, Streß, Lieblosigkeit, Bauchen, Alkohol und vieles andere mehr" sind.

An den degenerativen Erkrankungen setzt die „andere Medizin" ebenso an wie am Unbehagen der Patienten über die Fließbandabfertigung in ärztlichen Praxen und Spitälern sowie an den überzogenen Heilserwartungen des modernen Menschen, der sich nur schwer vorstellen kann, daß man heute etwas nicht in den Griff bekommen könnte. Wenn der Arzt passen muß, dann gibt der Patient eben nicht auf, sondern schaut sich nach anderen Angeboten um.

Und auf diesem Markt wuchern die vielen Angebote, die unter der Flagge „Ganzheit" oder „Spiritualität" segeln, die mit geheimnisvollen Energien sowie der Kraft von Steinen oder Blüten arbeiten. Vieles davon hat seine Wurzeln im Mittleren und Fernen Osten und beruft sich darauf, die Seele des Menschen, „Schwingungen", „Rhythmen" und „Resonanzen" im Körper zu berücksichtigen und eini-

■ Der schnelle Rat zu einer teuren Serienbehandlung, aber nur wenig Zeit für das Erstgespräch.

■Die Behandlung muß unbedingt sofort beginnen, obwohl es kein Akutfall ist.

■Die Prophezeiung einer schweren Krankheit oder gar des Todes, wenn Sie die Behandlung ablehnen.

■ Manipulationen an Ihnen, noch bevor Sie genau wissen, was geschehen soll, und bevor Sie dem zugestimmt haben.

■ Ablehnung Ihres Wunsches, sich vor der Behandlung noch mit jemand anderem zu beraten.

ges davon greift auf okkulte Techniken zurück.

Viele Verfahren aus dem Bauchladen des „New Age" werden in dem Buch leidenschaftslos dargestellt, zum Beispiel „Beiki", das auf einen japanischen Mönch aus dem 19. Jahrhundert zurückzuführen ist. Er meinte die Kraft, die Jesus gestattet hatte zu heilen, gefunden zu haben. Daher der Name „Reiki", das japanische Wort für „göttliche Kraft." Über die USA kam die Kunde von dieser heilenden Kraft nach Europa. Heute wird die Methode von Therapeuten und Laien ausgeübt und ist in Esoterik-Zentren weitverbreitet.

Das Prinzip: Die das Universum durchströmende Lebenskraft wird durch Handauflegen an den Patienten weitergegeben, um heilende Kräfte im Organismus zu mobilisieren. In tiefer Konzentration legt der Behandler die Hände zunächst auf die Stirn und - je nach Erkrankung - auf andere Stellen des Körpers. „Die Übertragung der Lebenskraft soll gegen al-

■Die Behauptung, die Behandlung heile alles und jedes, sei risikolos und nebenwirkungsfrei. ■Die Forderung, alle anderen Medikamente abzusetzen.

■ Ablehnung Ihres Wunsches nach Information und einem genauen Behandlungsplan.

■ Unwirsche Reaktion auf die Bitte, Barzahlungen zu quittieren.

■ Das Verlangen von Vorauszahlungen für eine länger dauernde

Behandlung.

■ Abfällige Bemerkungen gegenüber schul-medizinischen Behandlungsmethoden.

Auszug aus

„Die Andere Medizin", Seite 24

les und jedes helfen, vom Abszeß bis zur Zyste und sogar gegen unheilbares wie multiple Sklerose oder Aids. Reiki wird auch als Erste-Hilfe-Maß-nahme angeboten", so die Beschreibung. Und das Urteil: „Die okkulte 'Technik Reiki kann nicht empfohlen werden."

Bei den meisten unkonventionellen 'Therapiemethoden (von Aura-Heilung über Edelsteinmedizin, Eigenharntherapie bis Spagyrik) kommen die Autoren zu einer negativen Beurteilung. Auch die Hildegard-Medizin erscheint ihnen keineswegs empfehlenswert.

Viel Kritik auch an den unkonventionellen Methoden, Krebs zu diagnostizieren und zu behandeln. Die Grenzen, die der Medizin - trotz beachtlicher Erfolge - auch auf diesem Sektor gesetzt sind, machen es verständlich, daß Krebskranke, ihre Hoffnung auf Naturheiler setzen, von denen man kolportiert, daß sie „außergewöhnliche Erfolge" erzielt hätten. Diese Verfahren verdächtigen meist „innere

Ursachen wie falsche Lebensweise und -einstellung, Mangelerscheinungen, Verschlackung und Vergiftung, psychische Gründe und das versagende Immunsystem." Hier setzen sie an und schlagen einen „ganzheitlichen" Ansatz vor, dürften aber eher Hoffnungen wecken, als tatsächliche Erfolge zu verzeichnen haben.

Beim Durchblättern des Buches er kennt man erst, wieviele Formen von Massagen, Diäten, Kuren, Bewegungstherapien - vieles davon durchaus in einem bestimmten Rahmen empfehlenswert - es heute gibt - und wie leicht jeder einzelne Ansatz zu einem Allheilmittel und so zu einem Glaubensersatz umfunktioniert werden kann: Makrobiotik, Vollwert-Ernährung, Trennkost, Milch-Semmel-Kuren ... Kaum jemand, der nicht in seinem Bekanntenkreis einen unbedingten Verfechter einer dieser Ansätze hat.

Es ist ein Verdienst des Buches, dem I eser Behutsamkeit bei der Entscheidung nahezulegen und ihm Hilfen bei der Beurteilung von Angeboten an die Hand zu geben (siehe Ka-

sten „Was Angebote verdächtig macht"). Klarerweise ist auch das Beurteilungskriterium der Autoren, nämlich das rein wissenschaftliche, nicht der einzig mögliche sinnvolle Maßstab. Weil der Mensch eben mehr als genetische Information, Chemie und Physik ist, sondern eine Person mit Leib und Seele, haben außermedizinische Zugänge zur Heilung sehr wohl ihre Berechtigung wie Christen aus der Bibel wissen.

Da ist Heilung aber Geschenk, kann nicht erzwungen und darf nicht als sicheres Bezept verkauft werden was für ein Unterschied zu den vielen New-Age-Angeboten, die dem Hilfesuchenden suggerieren: Hast du ein Problem? Wir haben die Lösung. Greif zu! Nimm dein Schicksal in die Hand!

Und sollte es diesmal nicht klappen: Es gibt weitere Angebote...

DIE ANDERE MEDIZIN Nutzen und Risiken sanfter Heilmethoden" Herausgegeben von tier Stiftung li'a reutest und dein Verein für Konsumen-™*; teninfonnation, 4. überarbeitete Auflagen 1996, m Seiten, öS )49r.

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