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Die zunehmend entgrenzte Medizin

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Ärztliches Handeln wird immer mehr auch zu einem Kundendienst, zum Service für individuelle Selbstverwirklichung. Eine kritische Analyse.

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Ärztliches Handeln wird immer mehr auch zu einem Kundendienst, zum Service für individuelle Selbstverwirklichung. Eine kritische Analyse.

Wenn Eldion und Elmedin die Volljährigkeit erreichen, wird ihre Mutter 78 sein. Die Zwillinge, die Ende Februar im oberösterreichischen Wels zur Welt kamen, dürften damit von einer der ältesten Schwangeren Europas zur Welt gebracht worden sein sein. Ohne die Unterstützung moderner Reproduktionstechnik wäre das freilich nie möglich gewesen. Da die Mutter der Buben mit sechzig Jahren längst zu alt war, um auf natürlichem Wege Kinder zu bekommen, ließ sie sich im Ausland eine Eizelle künstlich befruchten und einpflanzen. Wie bereits vor gut vier Jahren, als die italienische Sängerin Gianna Nannini im stolzen Alter von 54 ein Mädchen zur Welt brachte, fragen sich viele Menschen nun, ob dieses Ereignis eine tolle Sache oder doch eher zum Grausen ist.

Dabei dreht sich der Großteil der Diskussion um die Frage, ob man kleinen Kindern Eltern im Pensionsalter zumuten darf und ob ältere Mütter die damit verbundenen Belastungen verkraften. Aus medizinischer Sicht ist die Erfüllung von späten Kinderwünschen in erster Linie abhängig von der Konstitution und Fitness der werdenden Mutter. Doch ist damit schon alles gesagt?

Späte Mutterschaften

Medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, um Frauen nach der Menopause ihren Kinderwunsch zu erfüllen - Frauen, die ihr natürliches Fortpflanzungsalter überschritten haben, aber sonst gesund sind -, das berührt auch ganz grundsätzliche Fragen. Was ist Sinn und Wert der Medizin? Was sollen Ärzte tun, was sollten sie lieber nicht? Dabei sind Fälle später Mutterschaften, die mit Hilfe der Reproduktionsmedizin herbeigeführt werden, nur ein kleiner Teil eines immer weiter wachsenden Feldes. Die wunscherfüllende Medizin stellt die vertraute Bestimmung der ärztlichen Praxis auf den Kopf. Sie bietet für immer mehr Probleme eine Lösung, die eigentlich gar nicht in die Zuständigkeit der Medizin fallen.

Unter "Wunschmedizin" lassen sich alle Formen medizinischen Handelns und Behandelns fassen, die nicht zu therapeutischen Zwecken durchgeführt werden. Ein paar Beispiele: Wer mit seinem äußeren Erscheinungsbild nicht zufrieden ist, kann seine Gestalt mittels Operationen formen, sich die Haut straffen, überschüssige Körperpartien entfernen und fehlende ergänzen lassen. Wer gerne leistungsfähiger wäre, ob im Sport, im Beruf oder der Freizeit, kann seine motorischen und geistigen Fähigkeiten mit Hilfe von Medikamenten oder gar Implantaten steigern. Wer sich auf natürlichem Wege fortpflanzen möchte, dies aber nicht kann (weil der Partner unfruchtbar ist oder demselben Geschlecht angehört; oder weil es gar keinen Partner gibt), kann mit Hilfe der Reproduktionsmedizin eigene Kinder bekommen. Wer schwanger ist und eine Geburt am Wunschtermin will oder die Strapazen einer natürlichen Geburt vermeiden möchte, kann sein Kind mittels Kaiserschnitt (Wunschsectio) zur Welt bringen. Wer sicherstellen will, dass der Nachwuchs nicht behindert sein wird oder wer sich ein Kind mit einem bestimmten Geschlecht wünscht, kann sich diese Wünsche heute teils erfüllen -von der Möglichkeit, mit Hilfe medizinischer Unterstützung auf Verlangen aus dem Leben zu scheiden, ganz zu schweigen.

Anti-Aging im Trend

Vom allerersten Startpunkt eines menschlichen Lebens bis zu seinem bitteren Ende steht die Medizin mittlerweile bereit, um auch ohne Heilungsabsicht zielgerichtet einzugreifen und Wünsche zu erfüllen. Dadurch wird ärztliches Handeln mehr und mehr zu einem Kundendienst, einer Hilfestellung bei der individuellen Lebensgestaltung und Selbstverwirklichung. Die Menopause etwa muss nicht mehr das Ende der weiblichen Fortpflanzung bedeuten. Was bisher kein ernsthaftes Ziel war, wird durch technischen Fortschritt zu einer weiteren Option der Lebens- und Familienplanung. Zudem eine Option, die nicht mehr nur extravaganten (und zahlungskräftigen) Frauen aus dem Filmund Showgeschäft offen steht, wie der aktuelle Fall aus Wels zeigt.

Eine besondere Pointe dieses Beispiels ist, dass die Vorbehalte, die diese späte Mutterschaft auf den Plan ruft, bald ebenfalls verschwinden dürften - sofern die wunscherfüllende Medizin auch in einem anderen Bereich vorangetrieben wird. Eine Schwangerschaft und das Aufziehen von Kleinkindern fordert Flexibilität und Belastbarkeit, körperlich wie geistig. All das nimmt mit zunehmendem Alter eher ab. Mit 60 ist "man" und "frau" einfach nicht mehr so fit wie mit Mitte 20. Doch genau dagegen ist schon seit einigen Jahren die Anti-Aging-Medizin in Stellung gegangen. Diese aus den USA stammende Sparte hat die Veränderungen im Visier, die das Altern mit sich bringt. Und sie sieht sich damit im weltweiten Trend des demografischen Wandels: Immer mehr Menschen werden immer älter und bleiben länger fit und leistungsfähig, als dies noch vor ein oder zwei Generationen der Normalfall war. Und wer wollte das auch nicht? Kaum jemand findet es erstrebenswert, zwar älter zu werden als die Großeltern, den Zugewinn an Jahren aber nur mit einer verlängerten Phase der Gebrechlichkeit und des Dahinschwindens zu erreichen.

Noch ein Zauberwort schreiben sich die Vertreter des Anti-Aging auf die Fahnen: die Prävention. Da das Altern auch von dem Zusammenkommen verschiedener Krankheiten und Wehwehchen geprägt ist, gilt es, dem zuvorzukommen. Suggeriert wird dabei, wenn man nur früh genug damit anfange und gründlich genug Vorsorge betreibe, sei ein hohes Alter bei bester Gesundheit und Fitness möglich. So stellt sich die Medizin an die Spitze einer Bewegung, die nicht nur ein ganz bestimmtes Ziel verfolgt, sondern auch ein ganz bestimmtes Ideal vertritt: jenes von Kraft, Ausdauer und Leistungsfähigkeit. Dieses Ideal wird mit Gesundheit und Wohlbefinden gleichgesetzt. Entsprechend verkündet ein einschlägiges Lehrbuch der Anti-Aging-Medizin: "Hohes Alter ist nur bei Leistungsfähigkeit erstrebenswert."

Medizin und Moral

So sehr das nach gesundem Hausverstand klingen mag, nach einer trivialen, wünschenswerten Tatsache, ist es doch bedenkenswert, wenn die Medizin solche Slogans propagiert. Denn sie ist beileibe kein Berufsfeld wie jedes andere; Mediziner sind laut herkömmlichem Verständnis keine bloßen "Gesundheitstechniker", keine Dienstleister wie andere auch. Die Medizin ist ein moralischer Beruf, eine Disziplin der Hilfe -für Menschen, die in Not und Bedrängnis sich nicht selber helfen können, die auf fachkundige Unterstützung angewiesen sind, zum Teil in höchster Not. Unter diesen Umständen ist es entscheidend, dass das ärztliche Tun selbstverständlich am Wohl des Patienten ausgerichtet ist. Der kranke Mensch ist eben oft nicht in der Lage, Angebote zu vergleichen und Leistungsanbieter frei auszuwählen. Das aber ist das Prinzip hinter der wunscherfüllenden Medizin. Was zählt, ist der Wunsch und Wille des Klienten. Manche Auslöser können nicht einmal ernsthaft Probleme genannt werden.

Ob die Wunscherfüllung aber an sich sinnvoll und zu unterstützen ist, interessiert hier nicht weiter: Bestellt ist bestellt, entsprechend wird geliefert. Doch das stellt die ärztliche Tätigkeit in ihrem Selbstverständnis vor große Herausforderungen. Wenn das Wohl des Patienten immer mehr durch den Willen des Klienten ersetzt wird, dann droht die Medizin ihre Rolle als moralische Instanz zu verlieren. Dann wird sie langsam aber sicher zu einem Dienstleistungsangebot neben anderen. Einem Gewerbe, das Aufträge und Wünsche erfüllt, ohne diese selbst zu prüfen oder zu hinterfragen. Dann müssen nur mehr die "technischen" Voraussetzungen für eine erfolgreiche Behandlung gegeben sein -etwa, wenn Frauen nicht nur älter, sondern dabei auch noch Eltern werden wollen. Ob das jedoch zu begrüßen ist, erscheint zumindest aus medizinethischer Sicht mehr als fraglich. Der Autor ist Medizinethiker an der Universität Freiburg

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