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„Hauptsache gesund“

FOKUS
Gesund Muster - © Illustration: Rainer Messerklinger

„Hauptsache gesund“: Die problematische Diagnose

1945 1960 1980 2000 2020

„Gesundheit“ und „Krankheit“ sind als Begriffe historisch, soziologisch wie auch philosophisch geprägt. Versuch der Diagnose einer gesellschaftlichen Zuschreibung.

1945 1960 1980 2000 2020

„Gesundheit“ und „Krankheit“ sind als Begriffe historisch, soziologisch wie auch philosophisch geprägt. Versuch der Diagnose einer gesellschaftlichen Zuschreibung.

Was auch immer bei Geburtstagen als Wunsch an die Geehrten herangetragen wird – Geld, Erfolg, Liebe – eines fehlt fast nie: „Gesundheit!“ Doch was ist eigentlich „Gesundheit“ in ihrem Kern, und was ihr scheinbarer Widerpart, die Krankheit? Aus dem spontanen Bauchgefühl heraus scheint dies einfach bestimmbar zu sein, beim näheren Blick erweist sich die Frage als höchst komplex und eine Antwort ganz und gar nicht eindeutig. Zumal es sich im Laufe der Jahrhunderte teils massiv gewandelt hat, was Mensch, Gesellschaft, die Medizin oder auch die Politik darunter verstehen.

Was auch immer bei Geburtstagen als Wunsch an die Geehrten herangetragen wird – Geld, Erfolg, Liebe – eines fehlt fast nie: „Gesundheit!“ Doch was ist eigentlich „Gesundheit“ in ihrem Kern, und was ihr scheinbarer Widerpart, die Krankheit? Aus dem spontanen Bauchgefühl heraus scheint dies einfach bestimmbar zu sein, beim näheren Blick erweist sich die Frage als höchst komplex und eine Antwort ganz und gar nicht eindeutig. Zumal es sich im Laufe der Jahrhunderte teils massiv gewandelt hat, was Mensch, Gesellschaft, die Medizin oder auch die Politik darunter verstehen.

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Die Weltgesundheitsorganisation WHO etwa definierte die Gesundheit im Jahr 1946 in ihrer bis heute geltenden Verfassung wie folgt: „Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“ Tatsächlich?

Bedeutung von Psyche und Geist

Der bedeutende deutsche Philosoph und Psychiater Karl Jaspers (1883-1969) etwa sagte, dass er laut dieser Definition dreimal täglich krank sei. Jaspers, der zeitlebens an Bronchiektasen und sekundärer Herzinsuffizienz litt, störte sich, wie wohl viele, nicht nur am Wortpaar „vollständiges Wohlergehen“. In seiner grundlegenden Schrift „Allgemeine Psychopathologie“ etwa unterstrich er die Bedeutung der Selbstreflexion des Kranken und schrieb, chronische oder andere dauerhafte psychische und physische Beeinträchtigungen seien vielmehr als „lebenslange Aufgabe“ zu sehen. „Was die Krankheit aus einem Menschen macht, wird letzten Endes davon bestimmt, was für einen Charakter er hat. Dieser zeigt sich modifiziert durch die Weise der Verflochtenheit in die Welt der Kultur, von dem Bezogen-Sein auf die menschliche Gemeinschaft, und durch das Echo von dorther“, schrieb er. Sprich: Nicht auf die Außen-Definition komme es an, sondern auf den praktischen Umgang des Einzelnen mit seiner Beeinträchtigung. Für ihn war das wichtigste Kriterium, sich trotz der Krankheit gesund zu fühlen, der Arbeit und seinen Interessen nachgehen zu können und tiefe Freundschaften zu pflegen. Wie jene mit Hannah Arendt – wenn auch unter Schmerz und Leid.

Die Menschheit verdankt einen großen Teil des kulturellen Schaffens kranken und leidenden Menschen.

Dirk Lanzerath, Mitglied der Ethikkommission der “ deutschen Bundesärztekammer.

Nicht nur für Jaspers als Philosophen und praktizierenden Psychiater war die Bedeutung der Psyche und des Geistes von immenser Bedeutung für den Umgang mit physischen Krankheiten. In der Antike war der lateinische Ausspruch „ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“ symptomatisch. Menschen in der Ära des Römischen Reichs und schon zuvor im uns bis heute prägenden antiken Griechenland verstanden das „Gut“ Gesundheit als Harmonie innerhalb des Menschen. Einer Harmonie zwischen den vier klassischen Körper-Säften Blut, Schleim, gelber und schwarzer Galle etwa, aber auch der zwischen Körper und Seele. Platon unterstrich dabei die Bedeutung des Arztes, dessen Heilkunst daran gemessen werden müsse, inwieweit er mit der Behandlung dem Kranken das „Gute“ ermöglichen können. Ein solcher Heil-Meister war Hippokrates von Kos (460-377 v. Chr.), der Vater der modernen Medizin: Er brach die bis dato geltenden Vorstellungen, Krankheiten seien Göttern und Dämonen zuzuschreiben, und maß vielmehr der Natur sowie dem menschlichen Verhalten höchste Bedeutung zu. „Hippokrates war ein Genie. Eine Verpflichtung, die er seinen Patienten während ihres Aufenthalts auf der Insel Kos auferlegte, bestand darin, mindestens zwei Tragödien und eine Komödie von eigens für sie inszenierten Stücken zu sehen. Dies war Teil der ,Behandlung‘. Was für eine Weisheit aus dem 4. Jahrhundert vor Christus“, schwärmte der 2004 verstorbene italienische Schriftsteller Tiziano Terzani, der selbst an Krebs litt, sich alternativen Heilmethoden unterzog und bis zuletzt intensiv weiter arbeitete – auch das Phänomen der Krankheit erforschend.

Das christliche Mittelalter indes deutete Krankheiten wie Lepra, die Betroffene wort- und sprichwörtlich zu „Aussätzigen“ machte und stigmatisierte, aber auch andere Massenseuchen als Strafen Gottes für verwerfliches Handeln. Zwar sah schon der Mystiker und Philosoph Meister Eckhart (1260–1328) Krankheiten als die via aurea, den „goldenen Weg“ zu wahrer Gesundheit. Doch es war nicht dieses Denken, das sich massenhaft durchsetzte. Vielmehr wurde in der Renaissance und dann noch verstärkt in der Moderne der Leib-Seele-Dualismus wirkmächtig. Diese Perspektive, in der Körper und Geist als getrennt voneinander gesehen werden, geht vor allem auf den französischen Philosophen René Descartes und seinen mechanistischen Blick auf den menschlichen Körper zurück, der, falls er krank sei, repariert werden könne. Der Siegeszug der Naturwissenschaften im Zuge der industriellen Revolution seit dem 19. Jahrhundert, die Entwicklung der Immunologie, der Mikrobiologie, der Pathologie, der Chirurgie, im 20. Jahrhundert dann der Biomedizin beförderte diesen dualistischen Ansatz massiv. Kein Wunder, schien und scheint doch die erfolgreiche Heilung und Ausmerzung vor allem ansteckender und tödlicher Krankheiten durch medizinische Technologie, etwa Impfstoffe, diesem Recht zu geben.

Doch dieses Paradigma ist nicht unproblematisch – und anfällig für politischen Missbrauch. Denn mit der Keule der naturwissenschaftlichen Medizin wurden etliche „Beweise“ konstruiert, um bestimmte Menschengruppen zu diskriminieren. So schrieb etwa der Anatom und Physiologe Theodor Bischoff 1872, dass „die unparteiischste und gründlichste anatomische und physiologische Forschung“ bewiesen habe, dass „das Weib (…) in allen Beziehungen dem Kinde näher steht als dem Manne“. Mit solchen Argumenten, aber auch mit stigmatisierendem Umgang mit der Hysterie als angeblicher Frauenkrankheit und der Syphilis als „Lust-Krankheit“ konnten bis ins 20. Jahrhundert Forderungen von Frauen nach Gleichberechtigung abgeschmettert und später Juden stigmatisiert werden. Die sogenannte „Euthanasie“ indes, die massenhafte Ermordung der von den Nationalsozialisten als „lebensunwert“ bezeichneten Menschen vor und während des Zweiten Weltkrieges, stellte den extremsten Tiefpunkt eines auch medizinisch begründeten Nützlichkeitsparadigmas in der Bewertung von Krankheit und Gesundheit dar.

Mediziner(innen) als zentrale Stütze

Trotz Privatisierung und Ökonomisierung des Gesundheitswesens, trotz zweifelhafter genetischer Eingriffe, trotz grassierender „Schönheitsmedizin“: Heutzutage ist das blinde Vertrauen auf rein technologische Heilung sowie das Denken von der Gesundheit für Leistungszwecke zumindest nicht mehr Alleinherrscherin. Denn „in der Postmoderne dominiert ein Pluralismus an Konzepten, verbunden mit einer Tendenz zur Individualisierung der je eigenen Gesundheit”, schreibt der Medizinethiker Josef M. Schmidt. Von einem Reporter darauf angesprochen, dass sie an dem Asperger-Syndrom „leide“, entgegnete die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg ruhig, sie „leide“ eigentlich nicht daran. Sie „habe“ es einfach. Es sei bestimmend dafür, dass sie sich einer Sache vollkommen hingebe. Und ohne jeden Zynismus schob sie nach, dass es womöglich auch für andere Menschen nicht schlecht wäre, wenn sie es hätten. „Die Menschheit verdankt einen großen Teil des kulturellen Schaffens kranken und leidenden Menschen“, so Dirk Lanzerath, Philosoph und Mitglied der Zentralen Ethikkommission bei der deutschen Bundesärztekammer. „Aus Krankheit und Leid heraus haben Menschen Religionen gestiftet und Meisterwerke der Kunst hervorgebracht.“

Und dennoch: Die Medizin, vor allem aber die Mediziner(innen) als einfühlsame Begleiter, können auch den schöpferischsten „Kranken“ fundamentale Stütze sein. Der Philosoph Karl Jaspers schrieb über seinen wichtigsten Arzt Albert Fraenkel die folgenden Worte, die wie ein hippokratischer Eid zweiten Grades wirken: „Er lehrte mich, gesund zu sein – wenn man krank ist.“

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