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Lebensmüde

Tabu Suizid: Das zerstörerische Selbst

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Émile Durkheim sah „die schwindende Integrationskraft der Gemeinschaft“ als Mitauslöser, der Menschen in den Suizid treibe. Sein Befund ist bis heute relevant - auch in der Debatte um "assistierten Suizid". Über die (fehlende) Aufmerksamkeit für den Anderen.

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Émile Durkheim sah „die schwindende Integrationskraft der Gemeinschaft“ als Mitauslöser, der Menschen in den Suizid treibe. Sein Befund ist bis heute relevant - auch in der Debatte um "assistierten Suizid". Über die (fehlende) Aufmerksamkeit für den Anderen.

Auch wenn bislang nicht eingetreten ist, was viele befürchtet hatten, und die Corona-Pandemie zumindest in der ersten Phase laut Studien nicht zu mehr Suiziden geführt hat: Die Selbsttötung war und bleibt traurige, ja unerträgliche Realität. Jedes Jahr sterben weltweit etwa 800.000 Menschen durch Suizid. Allein in Deutschland nimmt sich statistisch gesehen jede Stunde ein Mensch das Leben.

Die Frage: „Warum“? muss dabei bei jedem dieser Schicksale einzeln gestellt werden, denn die Ursachen sind stets ein unikates Konglomerat aus unterschiedlichen Gründen, Motiven, Fehlern, Vernachlässigungen, Krankheiten. Die Depression etwa gilt als eine der wichtigsten Ursachen für den Suizid. Aber sie ist nicht die Einzige. Der französische Soziologe Émile Durkheim etwa schrieb bereits am Ende des 19. Jahrhunderts in seiner umfassenden und wirkmächtigen Studie „Der Selbstmord“, dass eine wesentliche Ursache für Selbsttötungen die schwindende Integrationskraft einer Gemeinschaft sei. Er wies aber auch nach, dass Menschen sich das Leben nehmen, wenn sie sich von der Gesellschaft und von ihrer Umwelt in ihren Bedürfnissen eingeengt und gefangen fühlen, und wenn die geltenden Normen für Verwirrung sorgen, weil sie dem Menschen keine stabile, anzustrebende, ethisch für ihn oder sie vertretbare Orientierung oder Sinn bieten.

Dazu entwickelte er den Begriff der „Anomie“: ein Zustand eines moralischen Vakuums und erodierender Werte und Ziele – und des Schwindens der Solidarität in der arbeitsteiligen Gesellschaft. Für Durkheim war der Suizid weniger der „Willen zum Tod“ als vielmehr ein „Verzicht auf das Leben“ – man könnte sagen, auf dasjenige Leben, das dem Einzelnen entgegen seinen Bedürfnissen mehr oder minder auferzwungen wird. Oder, wie es der Philosoph Arthur Schopenhauer fasste: „Der Selbstmörder will das Leben und ist bloß mit den Bedingungen unzufrieden, unter denen es ihm geworden. (…) Er will das Leben, will des Leibes ungehindertes Dasein und Bejahung; aber die Verflechtung der Umstände lässt diese nicht zu, und ihm entsteht großes Leiden.“

Dauerhaftigkeit, Breite, (Un)Tiefe

Der Verweis auf einen Soziologen, dessen Forschungen sechs Generationen zurückdatieren, in scheinbar anderen Zeiten stattfanden, sowie einen Philosophen, der noch früher dachte, und dies alles bei einer Frage, die meist der Psychologie und psychischen Krankheiten zugeschrieben wird, ist hier nicht absichtslos: Er soll die Dauerhaftigkeit, Breite und (Un)Tiefe des Phänomens Suizid verdeutlichen

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