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Helfen beim Sterben?

Martina Kronberger-Vollnhofer - © Foto: Martina Konrad-Murphy
Gesellschaft

"Sterben in Würde braucht Leben in Würde"

1945 1960 1980 2000 2020

Martina Kronberger-Vollnhofer, Leiterin des mobilen Kinderhospizes MOMO, über "Sterbehilfe" für Minderjährige und das, was schwerstkranke Kinder und ihre Eltern wirklich brauchen.

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Martina Kronberger-Vollnhofer, Leiterin des mobilen Kinderhospizes MOMO, über "Sterbehilfe" für Minderjährige und das, was schwerstkranke Kinder und ihre Eltern wirklich brauchen.

Seit 2002 ist in Belgien Tötung auf Verlangen bei Erwachsenen erlaubt. Künftig soll "aktive Sterbehilfe" auch bei Minderjährigen zulässig sein - sofern diese "unheilbar krank" sind, "unerträglich leiden" und neben ihnen selbst auch die Eltern dies wünschen. Ob die Kinder die nötige Urteilsfähigkeit besitzen, sollen Psychologen prüfen. Psychisch kranke Kinder sowie todkranke Babys sind ausgenommen.

Während die Mehrheit der Belgier das Gesetz begrüßt, haben kirchliche Kreise bis zuletzt dagegen angekämpft. Auch in Österreich, wo gerade über eine verfassungsmäßige Verankerung des Rechts auf würdevolles Sterben diskutiert wird, ist der Aufschrei groß: Familienbischof Klaus Küng sprach von einem Schritt mit "unheilvoller Signalwirkung", Gerda Schaffelhofer, Präsidentin der Katholischen Aktion Österreich, von einem "massiven Angriff auf die Menschlichkeit". Und was sagen jene, die in der Praxis stehen? Martina Kronberger-Vollnhofer hat 22 Jahre lang als Onkologin am St. Anna Kinderspital in Wien gearbeitet -und 2013 gemeinsam mit Caritas, Caritas Socialis und MOKI-Wien (Mobile Kinderkrankenpflege) das mobile Kinderhospiz MOMO gegründet. Die FURCHE hat mit der engagierten Ärztin und Kinderhospizbeauftragten des Dachverbands "Hospiz Österreich" gesprochen.

DIE FURCHE: Wie beurteilen Sie das belgische Ja zur "Sterbehilfe" für Minderjährige?

Martina Kronberger-Vollnhofer: Aus der Perspektive der Kinderhospizarbeit ist das erschütternd. Unsere Anstrengungen sollten sich ja darauf richten, ein Leben in Würde - trotz schwerer Erkrankung - bzw. ein Sterben in Würde zu ermöglichen. Mit Hilfe der Palliativmedizin ist es heute möglich, auftretende Symptome und Schmerzen stark zu lindern. Außerdem ist eine solche Tötung meiner Ansicht nach nicht mit dem ärztlichen Berufsethos zu vereinbaren.

DIE FURCHE: In Belgien wurde die "Urteilsfähigkeit" von Kindern hinsichtlich ihres Sterbewunsches heftig diskutiert. Sind Kinder Ihrer Erfahrung nach dazu imstande?

Kronberger-Vollnhofer: Ich glaube, dass es prinzipiell schwierig ist, eine solche Entscheidung abzuschätzen - auch für Erwachsene. Auf der Kinder-Onkologie bin ich mit einem solchen Sterbewunsch auch nie konfrontiert worden. Bei den Jugendlichen erlebt man häufiger Verzweiflung darüber, keine Familie gründen zu können oder keinen Beruf zu erlernen. Sie haben das Gefühl, um viele Dinge des Lebens betrogen worden zu sein. Doch diese Verzweiflung kann man mit aktiver Tötung auch nicht nehmen.

DIE FURCHE: Der zunehmende Wunsch nach "Sterbehilfe" ist für viele eine logische Reaktion auf die Unfähigkeit der modernen Medizin, unheilbar kranke Menschen einfach sterben zu lassen. Fällt den Ärzten ein solcher Schritt bei Kindern besonders schwer?

Kronberger-Vollnhofer: Ich glaube, das ist immer sehr schwierig. Aber Gott sei Dank wird eine solche Entscheidung in den allerseltensten Fällen spontan und allein getroffen, sondern meist gemeinsam mit der Familie. Es gibt auch die Möglichkeit, eine Ethikkonferenz einzuberufen, in der sich Mediziner, Juristen und Ethiker gemeinsam mit der Familie fragen: Was hat noch Sinn? Was kann man dem Kind noch zumuten? Besonders im Bereich der Kinderonkologie sind solche Konferenzen schon sehr häufig, allerdings sind in Österreich noch zu wenige institutionalisiert.