Peter Moeschl: "Sterbehilfe ruiniert das Selbstbestimmungsrecht"

1945 1960 1980 2000 2020

Warum eine Liberalisierung von aktiver Sterbehilfe autoritär wäre, was tatsächlich hinter der Diskussion steckt und wie das Hospizwesen humaner werden kann. Brandaktuelle Gedanken des Mediziners Peter Moeschl, der den Menschen nicht als biologische Maschine sehen will.

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Warum eine Liberalisierung von aktiver Sterbehilfe autoritär wäre, was tatsächlich hinter der Diskussion steckt und wie das Hospizwesen humaner werden kann. Brandaktuelle Gedanken des Mediziners Peter Moeschl, der den Menschen nicht als biologische Maschine sehen will.

DIE FURCHE: Inwiefern kann man eigentlich sagen, daß der in Ihrem neuen Buch "Das Sterben der anderen - ein liberales Paradoxon" in Fragen der Sterbehilfe kritisierte Liberalismus seine Kinder frißt?

Peter Moeschl: Wenn der Liberalismus glaubt, der Mensch sei ein so entscheidungsfähiger Herr seiner selbst, auch in einer zum Tode führenden Erkrankung, dann ist das eigentlich eine Illusion. Dann hat derjenige noch nie erlebt, wie hilflos so ein Mensch oft ist. Wenn dieser Patient auf seiner Meinung beharrt und auch bei bester Sterbebegleitung sterben will, dann wird man ihn sicher nicht einsperren, damit er sich nicht umbringt. Aber man kann und darf ihn nicht einer aktiven Sterbehilfe anheimgeben. Kein Mitglied der Gesellschaft darf das Existenzrecht eines anderen antasten. Sonst gefährden wir die Grundlagen unserer Demokratie.

DIE FURCHE: Welche konkreten Punkte kritisieren Sie?

Moeschl: Das Problem liegt im Rechtsanspruch, den man für die Tötung auf Verlangen fordert. Wenn die Liberalen, deren Weltanschauung mir keineswegs fern liegt, das generell als Service einfordern, wird eine allgemeine Bewertungsgrundlage für die menschliche Existenz erforderlich. Nur so läßt sich das Sterberecht des einzelnen gegenüber der Gesellschaft realisieren. Das pervertiert die Grundlage des Humanismus und entmündigt den einzelnen bei der autonomen Bewertung seines eigenen Lebens. Absolute Freiheit schlägt in absolute Fremdbestimmung um, abstrakter Liberalismus in autoritäre gesellschaftliche Praxis. Das Legalisieren der aktiven Sterbehilfe stärkt keineswegs das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen, sondern untergräbt es vielmehr!

DIE FURCHE: Warum wird diese Debatte gerade in den letzten Jahren so stark forciert?

Moeschl: Eine der Ursachen liegt sicher im wirtschaftlichen Hintergrund. In der letzten Lebensphase fallen unbestritten hohe Gesundheitsausgaben an, man schätzt 30 bis 40 Prozent im letzten Jahr. In Amerika wird derzeit ganz offen diskutiert, was die Einführung der aktiven Sterbehilfe dem Gesundheitsbudget bringen könnte. Diese trockenen Überlegungen ergeben - Gott sei Dank -, daß es sich derzeit nicht rechnen würde. Die Einsparungen lägen bei nur 0,07 Prozent. Ich unterstelle aber keinem der heutigen Sterbehelfer ein ökonomisches Motiv. Trotzdem steht im Hintergrund der gesamten Debatte der wirtschaftliche Druck.

Die Ressourcen sind offenbar begrenzt. Aber letztendlich ist es eine Frage, was uns die Gesundheitsversorgung wert ist: Soll es mehr Autobahnen geben oder eine bessere allgemeine Gesundheit?

Ein anderer Grund liegt sicher in unserer Lebenseinstellung: Wir sind nicht mehr gewohnt, alltäglich mit Tod und Leiden zu leben. Wir verdrängen das. Denn der heutige Macher-Typ, wie man das nennt, der gesund ist und im Leben steht, der fürchtet das Sterben noch mehr als den Tod. Er mag sich einfach nicht als abhängig und hilflos sehen. Wenn jemand unter das Leistungslimit fällt, soll er praktisch wie ein defektes Gerät entsorgt werden.

DIE FURCHE: Geht es im Kern nicht auch um das Selbstverständnis der Medizin und der Forschung, die eine Schlagseite in Richtung lukrative High-Tech bekommen hat?

Moeschl: Das Problem besteht bestimmt. Aber gewisse Institutionen müssen High-Tech betreiben, um die Medizin voranzutreiben. Die Gefahr besteht, wenn jeder im kleinsten Spital die neueste High-Tech-Medizin haben will, bevor sich noch deren sinnvolle Einsatzgebiete herauskristallisiert haben.

DIE FURCHE: Die Angst, unnötig an Apparaten zu hängen und zulange therapiert zu werden, ist also offenbar berechtigt ...

Moeschl: ... die Scheu vor der Apparatemedizin ist ein Faktum, weil die Menschen in unserer Medizin noch immer zuwenig Zuwendung erfahren. Es kommt darauf an, die optimale, nicht die maximale Therapie zu geben - jedem einzelnen. Bei der richtigen Betreuung bestehen sicher vielfach Probleme, kein Zweifel. Nur: Die propagierte Patentlösung aktive Sterbehilfe ist keine.

DIE FURCHE: Die Denkschule "Patentlösung" qualifiziert im Grunde genommen das "Leiden" taxfrei und oft unreflektiert als "sinnlos". Was steckt denn da für ein Menschenbild dahinter?

Moeschl: Mit dem Leiden selbst, als einem lebensbegleitendem Phänomen, setzen sich die wenigsten auseinander. Leiden ist aber nicht nur eine einengende, sondern auch eine bereichernde Erfahrung. Heutzutage sind wir schon so gut in der Medizin, daß wir die Menschen in ihrem Verdrängungsbemühen unterstützen. Das führt zu einer gewaltigen Entsolidarisierung in der Gesellschaft. Denn es kann sich keiner mehr vorstellen, wie das Leben eines Behinderten oder Schwerkranken ist. Die Behinderten sehen als erste die Gefahren der aktiven Sterbehilfe, weil damit eine ganz spezifische Lebensbewertung erfolgt.

DIE FURCHE: Was meinen Sie eigentlich, wenn Sie von einem "bereichernden" Leiden sprechen?

Moeschl: Jeder, der mit Sterbenden zu tun hatte, hat tolle Erlebnisse mit Ihnen gemacht. Es wurde ihm ein neuer Lebensbereich erschlossen. Das muß man gar nicht tragisch überhöhen, das sind oft kleine Alltagserfahrungen, die das Leben in gewisser Weise intensivieren. Es gibt genügend Lebensberichte von Menschen, die eine schwere Behinderung erlitten haben und erst damit ein für sich und andere sozial wertvolles Leben erschließen konnten. Es läßt sich sogar statistisch belegen bei Menschen mit hohem Querschnitt, bei denen man fragen würde: "Na, hat das Sinn - so ein Leben?". Ein hoher Prozentsatz von ihnen hat sich erst durch diese Extremsituation, die eine Herausforderung an den Lebenswillen ist, eine Fülle von neuen Lebensaspekten erschlossen. Viele berichteten sogar, daß sie als Gesunde noch gar nicht gewußt hatten, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten.

DIE FURCHE: Was schlagen Sie als goldene Mitte zwischen Übertherapierung und Überdosis Schlafmittel vor?

Moeschl: Den Menschen immer in seiner konkreten Situation sehen! Ich wende mich ihm und seinem konkreten Leiden maximal zu. Ich ziehe keinen Schlußstrich und sage: "Dieses Leben ist unter diesem Gesichtspunkt ganz allgemein nicht mehr lebenswert." Ließe ich den Patienten so fallen, würde ich ihn dazu anregen, zu sagen: "Ich will jetzt nicht mehr."

Ich brauche doch nur alle sinnlos lebensverlängernden Maßnahmen unterlassen. Ich werde doch nicht einen Krebskranken in Agonie auf die Intensivstation legen und mit im Grunde wirkungslosen Medikamenten vollpumpen. Dieser Patient braucht aber sehr wohl eine andere intensive medizinische Betreuung, gerade etwa zum Beherrschen seiner Atemnot und seiner Schmerzen.

DIE FURCHE: Hospize gelten als humane Orte, an denen Sterbende noch Lebende sein dürfen. Als Euthanasie-Gegner überraschen Sie in Ihrem Essayband den Leser damit, daß Sie zu diesen Einrichtungen auf kritische Distanz gehen. Warum?

Moeschl: Hospize sind ganz fantastische Einrichtungen. Aber es besteht die Gefahr, daß sie zu Endlagerstätten von Menschen werden, sobald sie nicht mehr im Zentrum einer Gesellschaft stehen.

DIE FURCHE: Wie ließe sich das verhindern?

Moeschl: Zum Beispiel, indem Hospize als ambulante Dienste geführt werden, damit die Menschen nicht aus ihrer gewohnten sozialen Umgebung herausgerissen werden. Auch im stationären Betrieb sind sie so zu behandeln, daß sie nach Möglichkeit wieder entlassen werden können. Bei uns sind das immerhin zwanzig Prozent, in Großbritannien schon 40 Prozent der Hospizbewohner. Das ist wichtig, damit die Menschen nicht denken: "Jetzt bin ich in einem Hospiz, jetzt ist es aus mit mir, da komm' ich nicht mehr raus."

Wenn sie durch entsprechende Pflege physisch und psychisch gefestigter sind, sollten sie dieses Institut wieder verlassen können mit der Gewißheit, jederzeit wieder zurückkommen zu können. Hospize sind nicht als reine Sterbeanstalten zu führen, sondern mit großzügigen Besuchszeiten, damit man möglichst viele Gesunde hineinzieht.

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