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Wie Human ist die Medizin?

Die Geschichte der Medizin wird als permanente Fortschritts- und Heilsgeschichte erzählt. Es ist aber nötig, die Heilsversprechen und Utopien der modernen Medizin auf den Prüfstand zu stellen.

Ist die moderne Humanmedizin noch eine humane Medizin? Oder bleibt der Mensch bei all den Fortschritten, von denen beinahe täglich in den Medien berichtet wird, auf der Strecke? Im Kern aller medizinethischen Diskussionen geht es um grundlegende Fragen unseres Menschenbildes. Hinter der häufig gestellten, allerdings viel zu vordergründigen Frage, ob die Medizin darf, was sie kann, steht die anthropologische Grundfrage: Was ist der Mensch, und welchen Sinn haben für ihn Krankheit, Leiden und Tod? Diese Frage lässt sich naturwissenschaftlich nicht beantworten, es sei denn um den Preis, die Medizin zu einer Heilslehre zu überhöhen, der von der Gesellschaft die alleinige Definitionsmacht über das Menschsein eingeräumt wird.

Wider die Unmenschlichkeit

Worüber wir uns im ethischen Diskurs zu verständigen haben, ist nicht nur unser jeweiliges Menschenbild, sondern auch unsere Auffassung von Menschlichkeit. Das Gegenteil von Menschlichkeit ist nicht das Animalische oder das Nicht-Menschliche, sondern die Unmenschlichkeit. Unmenschlich wird die Medizin dann, wenn ihr therapeutischer Imperativ – die Verpflichtung zum Heilen – zu einem kategorischen Imperativ von Leben und Gesundheit um jeden Preis mutiert. Der Publizist Andreas Kuhlmann schreibt dazu: „Die Medizinverbrechen des zurückliegenden Jahrhunderts können uns – anders als häufig behauptet wird – nicht darüber belehren, welche neuen medizinischen Verfahren verwerflich und welche wünschenswert sind. Die Geschichte zeigt jedoch, was für eine ungeheuer expansive und destruktive Kraft der – echte oder vorgebliche – Wunsch entfalten kann, Menschen zu heilen. Dieser Dynamik fallen dann allzu schnell jene zum Opfer, die als unheilbar gelten. Man sollte sich hieran erinnern, damit der ‚therapeutische Imperativ‘ nicht als ein ‚kategorischer Imperativ‘ missverstanden wird und inhumanen Interventionen Tür und Tor öffnet.“

Die Geschichte der Medizin wird als permanente Fortschritts- und Heilsgeschichte erzählt. Hier ist der Fortschrittsglaube anscheinend noch ungebrochen. Es ist aber nötig, Heilsversprechen und Utopien der modernen Medizin auf den Prüfstand zu stellen. Zu fragen ist auch nach der gerechten Verteilung von Nutzen und Kosten des medizinischen Fortschritts.

Ein Thema ist auch der Wandel im Selbstverständnis der modernen Medizin. Was sind ihre Aufgaben und Ziele? Bestehen sie in der Behandlung von Krankheiten, in der Erforschung ihrer Ursachen und wenn möglich in der Prävention, die Krankheiten gar nicht erst entstehen lassen? Oder versteht sich die Medizin als System, das der Herstellung und Förderung von Gesundheit dient?

Moderne Gesundheitsanbieter

Gesundheit, wie sie heutzutage verstanden wird – man denke an die Gesundheitsdefinition der WHO – bedeutet weit mehr als die bloße Abwesenheit von Krankheit. Und es gibt neben der Medizin, die lediglich ein Teil des modernen Gesundheitswesens darstellt, auch andere Gesundheitsanbieter. Dabei stellt sich immer auch die medizinökonomische und gesundheitspolitische Frage, in welcher Form und über welche Institutionen die unterschiedlichen Angebote des Gesundheitswesens zu finanzieren sind.

Derzeit wird intensiv über biomedizinische Möglichkeiten des so genannten Enhancements diskutiert. Darunter versteht man die Beeinflussung und Veränderung physischer und psychischer Eigenschaften des Menschen, denen kein Krankheitswert beigemessen wird. Abgesehen von der Grundsatzfrage, ob es ethisch statthaft ist, die Natur des Menschen zu verändern, stellt sich die Frage, anhand welcher Kriterien man eigentlich trennscharf zwischen Therapie und Enhancement unterscheiden will – und wem die Kompetenz dazu zugestanden wird.

Nehmen wir das Beispiel der kosmetischen Chirurgie. Wenn ein Operateur dem Wunsch eines Patienten oder einer Patientin nach einem chirurgischen Eingriff, der ästhetischen Zwecken dient, einen Krankheitswert beimisst, wird die Operation durch die Krankenkasse bezahlt. Andernfalls muss sie der Patient aus eigener Tasche bezahlen.

Abgesehen von den versicherungstechnischen und medizinökonomischen Fragen, die mit der Enhancement-Debatte verbunden sind, müssen wir uns die Frage stellen, ob die Medizin es überhaupt zu ihren Aufgaben zählen soll, Fortschritte auf dem Gebiet des Enhancement zu erzielen und ob entsprechenden Aktivitäten forschungspolitisch – also auch von der öffentlichen Hand – zu fördern sind.

Der Beitrag des Christentums

Den Beitrag des Christentums zur Debatte über Enhancement und moderne Biomedizin sehe ich darin, auf eine Möglichkeit der Endlichkeitsbewältigung hinzuweisen, die vom Zwang des selbstproduzierten bzw. von anderen verfügten Schicksals befreit, den der Philosoph Günther Anders zu Recht als Verwüstung des Menschen durch den Menschen bezeichnet hat. Es geht stattdessen um ein Ethos des Sein-Lassens, das sich darauf gründet, dass sich der Mensch nicht selbst verdankt und in die Welt bringt.

In der ethischen Debatte über Humanität und Fortschritt in der Medizin verdienen die Ambivalenzen des medizinischen Fortschritts besondere Aufmerksamkeit. Dass die allgemeine Lebenserwartung steigt, ist der Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen, aber auch der Medizin zu verdanken. Man kann diese Entwicklung grundsätzlich für erfreulich halten. Gleichzeitig beschert sie uns freilich eine Dauerdiskussion über Pensionsreform und die mittelfristige Finanzierbarkeit unseres Pensionssystems. Und es ist alles andere als trivial, wenn wir uns daran erinnern, dass die Sterblichkeitsrate auch trotz allen medizinischen Fortschritts für jede Generation weiterhin 100 Prozent beträgt.

Medizinischer Fortschritt verändert das Erscheinungsbild vieler Krankheiten. Krebserkrankungen nehmen heute – dank Fortschritten in der Onkologie – oftmals einen chronischen Verlauf. Die Chronifizierung einer Krebserkrankung schenkt den Betroffenen zwar eine längere Lebensspanne. Aber das Leben als chronisch Kranker will gleichwohl bewältigt werden.

Zwar bringt der medizinische Fortschritt manche Krankheiten zum Verschwinden, er lässt aber auch neue Krankheitsbilder entstehen. So gehört es beispielsweise zu den Ambivalenzen der modernen Intensivmedizin, dass Menschen nach einem schweren Schlaganfall unter Umständen als schwer pflegebedürftige Patienten weiterleben. Oder man denke an das apallische Syndrom – das so genannte Wachkoma. Ohne den Einsatz von Intensivmedizin gäbe es keine Menschen, die jahrelang im Wachkoma überleben können.

Der Umgang mit den Menschen

Dies alles spricht nicht prinzipiell gegen die Medizin oder gegen den medizinischen Fortschritt. Die Medizin muss sich jedoch nicht nur der Endlichkeit menschlichen Lebens, sondern auch ihrer eigenen Endlichkeit bewusst bleiben. Gleiches gilt aber auch für die Gesellschaft, welche ihre Forderungen an das medizinisch Machbare auf ein menschliches Maß reduzieren sollte. Eine Medizin, welche diese Grenze missachtet, untergräbt ihr eigenes Ethos und wird strukturell unbarmherzig.

Nicht die Produktion von Gesundheit oder gesunden Menschen, sondern „cura“, die Sorge also oder Zuwendung zum fragmentarischen und beschädigten Leben macht das Wesen einer humanen Medizin aus. Insbesondere der Umgang mit den unheilbar Kranken, den Dauerpatienten und Sterbenden ist ein Prüfstein für die Humanität der modernen Humanmedizin.

Herausforderung Humanität: Medizin und Ethik

Interdisziplinäres Symposium des Europäischen Forums Alpbach in Kooperation mit Österr. Ärztekammer

Donnerstag, 22. 10. – Freitag, 23. 10. Ort: Gesellschaft der Ärzte in Wien, Frankgasse 8, 1090 Wien Infos: www.alpbach.org

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