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DIE LANDSCHAFT unserer zukünftigen Körper

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Wir schreiten munter auf dem Weg zum perfekten Menschen fort. Am Ende unseres Strebens nach Mängelkompensation und Optimierung könnte die Selbstabschaffung stehen.

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Wir schreiten munter auf dem Weg zum perfekten Menschen fort. Am Ende unseres Strebens nach Mängelkompensation und Optimierung könnte die Selbstabschaffung stehen.

Der Mensch ist ein Mängelwesen, das wussten wir schon immer; schlecht ausgestattet im Vergleich mit vielen Tieren, aber erst recht im Vergleich zu Göttern und Engeln. Er muss diese Mängel kompensieren, durch technische und zivilisatorische Leistungen. Er war dabei ziemlich erfolgreich, er steht vor gewaltigen Durchbrüchen. Deshalb lohnt sich die Frage: Mit welcher Körperlandschaft, mit welchem "biologischen Substrat", werden wir es im Europa des 21. Jahrhunderts zu tun bekommen?

DIE KÖRPER WERDEN ALT. Die demographische Entwicklung in den europäischen Ländern ist nicht weiter erläuterungsbedürftig: steigende Lebenserwartung, niedrige Geburtenraten, das führt zu einer älteren Gesamtpopulation. Jedes Jahr gewinnen wir drei Lebensmonate; die Kleinkinder von heute haben eine gute Chance, die Schwelle zum nächsten Jahrhundert, das Jahr 2100, zu erleben.

Wir mögen uns über die "jungen Alten" freuen, die agil und dynamisch sind wie keine Generation zuvor. Aber die Alterskohorten werden erst in den nächsten Jahrzehnten in die späte Lebensphase eintreten, und dies ist meistenteils eine Phase der Hinfälligkeit, der Demenz, der Pflegebedürftigkeit: eine Masse von Körpern, deren Zerfallsphase sich über lange Jahre hinziehen wird.

Das Pensionsproblem ist vergleichsweise harmlos. Letzten Endes werden alle ein wenig später in Pension gehen, dann gibt es noch ein bisschen Geld. Viel wichtiger sind die Gesundheitsausgaben (vieles wird im medizinischen Bereich möglich sein, was nicht finanziert werden kann) und die letztlich unabsehbaren Pflegeaufwendungen.

Roboter übernehmen Sozialaufgaben

Natürlich wird es zum massenhaften Einsatz von kostengünstigen Robotern (für die Pflege ebenso wie für das Entertainment der Älteren) kommen: computerisierte Haustiere zum Streicheln (das geschieht ja bereits), Pflege-Roboter als Hightech-Vertraute zum Tragen und Reden - nach Wunsch auch mit der Stimme der abwesenden Tochter. Darüber hinaus werden sich Fragen der Sterbehilfe, ja vielleicht der Euthanasie stellen.

DIE KÖRPER WERDEN SCHÖN. Die Fitness-Wellness-Kosmetik-Optimierung fängt bei harmlosen Bemalungen und Accessoires an, ist aber längst im chirurgischen Bereich angekommen. Man kann immer schöner werden. Der Körper wird dem Schicksal entzogen, er wird machbar, zum Konsumgegenstand, vom Mommy-Makeover nach der Schwangerschaft bis zu den pornographisch angeregten Intimzonen-Korrekturen.

Der Körper steht unter Konkurrenzdruck. Die Religionen mit ihrer Leibfeindlichkeit sind schwächer geworden, als religiöses Substitut entsteht ein Körperkult. In einer eigenartigen Polarisierung - denn bekanntlich verbreitet sich in den reichen, spontanistischen Gesellschaften zur gleichen Zeit die Fettleibigkeit. Die Mode, die sich bislang auf Kleidung und Kosmetik, Schmuck und Accessoires beschränkt hat, hat sich auch den Körper als Gestaltungsobjekt erobert.

Medien setzen neue Schönheitsstandards

Die Bilderwelt, mit der wir leben, ändert die Vorstellungen körperlicher Normalität. Die Massenmedien zeigen schöne Menschen, und damit ändern sich die Sehgewohnheiten. Selbst schöne Models werden noch einmal durch Fotoshop aufgebessert, in eine unwirkliche, ätherische Schönheit hineinprojiziert. Damit werden neue Standards gesetzt, denn wenn man auf allen Medien von derart schönen Menschen umgeben ist, greift die Angst um sich, das natürliche Aussehen werde als missgestaltet wahrgenommen. Alle anderen normalen Menschen in der Lebenswelt erscheinen dann als außergewöhnlich hässlich -was einen Verbesserungsdruck auslöst. Jugendliche Schönheit immerdar - die Älteren müssen fit und faltenlos in die Demenz gleiten.

Wer den eigenen Körper nicht zurechtbasteln lässt, verrät Nachlässigkeit sich selbst gegenüber - und gerät auf die Verliererseite der narzistischen Gesellschaft. Bei steigender Sensibilität gegenüber den Rest-Unschönheiten ist am Ende, wie in so vielen Fällen, jedes Leben aus den Karikatur-Gesichtern wegoperiert.

DIE KÖRPER GEHEN ONLINE. Es wird auch mit den Körpern geschehen, was überall geschieht: die vernetzte Permanentüberwachung der körperlichen Funktionen; ein umfassendes Humankontrollsystem. Es beginnt mit der intelligenten Kleidung, die Blutdruck und Herzschlag und andere körperliche Variablen in time weitermeldet; es geht weiter mit dem Einbau von Chips und Sensoren in den Körper selbst; und weiter voran finden wir ehrgeizigere Mensch-Maschine-Systeme: Cyborgisierung.

Ohne Smartphone werden die meisten Menschen nervös, Google Glasses zur dauernden Internetverfügbarkeit im Augenwinkel sind soeben auf den Markt gekommen - im nächsten Schritt geht es in den Körper. Die Körper-Online-Systeme werden den Menschen keineswegs oktroyiert werden, sie werden sich vielmehr sehnlich wünschen, der dauernden Kontrolle zu unterliegen. Sie werden eine enorme Gefährdung und Einsamkeit empfinden, wenn ihr Herzschlag (und Aufenthaltsort) nicht in den Zentralcomputer eingespeichert wird. Der große Bruder schreckt nicht, wenn es doch so bequem ist, dass man alles "eingebaut" hat: Führerschein, Kreditkarte, Fahrscheine. Und dass man "geschützt" ist: Wenn der Blutdruck steigt, macht es "piep".

Das ergibt ein neues Bild des Menschen; er ist kein autonomes Gebilde mehr, eigentlich wird er zum Teil der großen Netzmaschinerie, mit der er ständig verbunden ist.

DIE KÖRPER WERDEN OPTIMIERT. Vieles ist machbar geworden - was sich der Machbarkeit entzieht, ist skandalös. Krankheit wird als Ungenügen der medizinischen Experten aufgefasst, und der Tod, dieser fortwährende Skandal, ist der Beweis für ihr endgültiges Versagen. Überall Fortschritt, warum nicht bei unserem biologischen Equipment?

Fatalerweise werden die menschlichen Körper unter den aktuellen zivilisatorischen Bedingungen nicht besser. Erstens hat bis in das vorige Jahrhundert eine brutale Selektion im Evolutionsprozess stattgefunden: Vom Nachwuchs wurde jeweils die schwächere Hälfte durch Kinderkrankheiten und Seuchen eliminiert, bevor sie noch das Fortpflanzungsalter erreicht hat. Zum zweiten gilt: Alles, was an Fähigkeiten nicht benützt oder gebraucht wird, verkümmert, und die weitgehend reduzierte körperliche Bewegung verringert die körperliche Leistungsfähigkeit, ganz abgesehen von sonstigen belastenden Lebensbedingungen. Zum dritten ist nicht unbestritten, dass unter den Gegenwartsbedingungen höhere Intelligenz als Selektionsvorteil gilt - wenn intelligentere Exemplare Karriere machen oder am Computer sitzen, statt Nachwuchs zu zeugen, wird der Genpool nicht verbessert. Aber gleichzeitig mit einer möglichen schleichenden Degeneration steigen die Ansprüche auf Gesundheit, Wohlbefinden, Schönheit; also sucht man "technische" Optimierungsoptionen.

Der ganz normale Stress des Alltags wird zunehmend pharmakologisch bewältigt, indem man sich mit den Pillen in die Leistungsfähigkeit emporjubelt und zur Regeneration wieder herunterholt. Nach der jüngsten deutschen Untersuchung wären 60 bis 80 Prozent der Jugendlichen bereit, zu entsprechenden Drogen zu greifen. Wichtiger für die Optimierung ist das in Ausweitung begriffene medizinische Ersatzteilprogramm, vom Zahnersatz bis zu den Hornhautimplantaten, künstlichen Hüftgelenken und Herzklappen - es wird geschätzt, dass sich schon derzeit etwa 70 Prozent des menschlichen Körpers ersetzen lassen, und an den restlichen 30 Prozent wird gearbeitet.

Den Pfusch der Evolution kompensieren

Zudem schreitet die Elektronik-Nervensystem-Koppelung voran, bei Prothesen verschiedener Art - interessant wird die Frage, wann Menschen bereit sein werden, gesunde Körperteile freiwillig (zur Leistungssteigerung) durch künstliche zu ersetzen. Human Enhancement heißt: der biologischen Hinfälligkeit entkommen, den Pfusch der Evolution kompensieren, einen neuen Menschen gestalten. Ein Luxus-Auto, ein Luxus-Body. Wenn es möglich ist, das biologische Gebilde zu verbessern, wird der Mensch seine eigene Ineffizienz nicht aushalten. Und über die gentechnologischen Vorhaben wird ohnehin geredet: Beseitigung von Krankheiten, Verlängerung des Lebens -die alten Träume der Alchemisten. Soeben ist erstmals das Klonen von Menschen gelungen.

DIE KÖRPER WERDEN ERSETZT. Die eigentliche Utopie ist: Krankheiten nicht heilen, sondern nicht mehr vorkommen lassen. Und den Tod besiegen. Die menschengemachte Evolution könnte viel größere Sprünge machen als die natürliche, und am Ende der eingeforderten Mängelkompensation winkt immer die Hoffnung auf Unsterblichkeit.

Eigentlich paradox: Die Menschen streben das ewige Leben in einer Welt an, die sie gleichzeitig in den Untergang treiben. Aber die Roboter haben haltbare Körper, da macht eine giftige Umwelt auch nichts aus.

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