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Masken des Atomzeitalters

Die folgende Begebenheit erzählte mir ein Pilot der „Edwards Air Force Base“, des Testzentrums für neueste Flugzeugtypen am Rande der kalifornischen Mojavewüste. Man war gerade dabei, ihn für seinen nächsten Versuchsflug fertigzumachen, als ex einen Mann erblickte, in dem er seinen einstigen Mitpiloten von mehr als siebzig Bombardierungsflügen während des Krieges erkannte. Die beiden Männer, die sich seit sieben oder acht Jahren nicht mehr gesehen hatten, wollten freudig aufeinander zu, aber die umständliche Apparatur ihrer „G-suits“ (Rüstungen, die der Ueberschallflieger tragen muß, um funktionsfähig zu bleiben) erlaubte das nicht. Nicht einmal ein Grußwort konnten sie einander sagen, denn vor ihren Mündern saßen bereits die Gummimasken mit den Sauerstoffschläuchen. Erst als jeder der beiden in seiner Maschine saß und sie mit hohen Geschwindigkeiten, kilometerweit getrennt, durch den Himmel flogen, konnten sie sich über die in den Plastikhelm eingebaute Sprechanlage zurufen: „Hi, good to see you again! Schön, wieder einmal mit dir zu sprechen. Wie geht's eigentlich?“

Diese Geschichte scheint mir etwas über die Doppelnatur der meisten modernen „Masken“ auszusagen: sie schließen den Träger von seiner Umwelt ab, bringen ihn aber auf andere Weise doch wieder an diese Umwelt heran, indem sie ihm durch eingebaute Zusatzorgane die Möglichkeit geben, auch unter ursprünglich nicht für den menschlichen Organismus vorgesehenen Sonderbedingungen alle seine Sinnesorgane zu betätigen. Die Maske unserer Zeit ist also nicht nur Schutz, sondern außerdem Prothese.

Dies trifft auch immer mehr für die einfachste und meistgebrauchte der heutigen Schutzmasken, den Helm, zu, den sich die Schweißer, Nieter, Fräser, Mixer in vielen industriellen Betrieben überstülpen, um gegen sprühende Funken, fliegende Metallteilchen, giftige Chemikalien geschützt zu sein.

Informationen durch die Schutzschicht der Maske hindurch zu erhalten, ist nicht nur für den Flieger unentbehrlich, der entweder vom Boden aus oder durch die viel schneller als er reagierenden elektronischen „Sinnes“-Organe seiner Maschine auf dem laufenden über seine Situation gehalten wird, sondern für jeden, den nur ein paar Zentimeter Gummi, Stoff, Metall über der atmenden Haut von einer lebensfeindlichen Umgebung trennen. Die Masken des Atomzeitalters, wie sie die „crems“ in Laboratorien und nuklearen Kraftzentralen tragen,sind aber nicht nur äußerst resistent gegen radioaktive Gifte, sondern zugleich von höchster Sensibilität. Sie müssen die Zähigkeit eines Schildkrötenpanzers mit der Empfindlichkeit des Chamäleons kombinieren. Sobald der Träger des modernsten Typs von Atommaske sich in stark verseuchtes Gebiet begeben hat, unterrichtet ihn das ins rechte Guckloch seiner Maske eingebaute Strahlenmeßgerät durch Verfärbung oder Trübung (bei einem Modell sogar durch eine kurz aufleuchtende Zahlenskala) vom Grad der radioaktiven Verseuchung. Aehnlich werden Stratosphärenpiloten durch rote Blinklichter oder akustische Warnsignale kurz vor Erreichen der höchstzulässigen Belastung ihrer Organe gewarnt, ehe sie selbst noch das dem Versagen vorhergehende Unbehagen gespürt haben.

Erst in diesen Masken tritt das eigentliche Gesicht des heutigen, des prometheischen Menschen zutage. Sie enthüllen seine hervorstechendsten Züge, den Willen zur totalen Macht über eine vom Allerkleinsten bis zum Größten verfügbare Natur, der sich aber mit größter rechnerischer Vorsicht paart. Wie „altmodisch“, wie „zurückgeblieben“, wie „unpraktisch“ wirkt demgegenüber das unverhüllte menschliche Antlitz: die Augen, wie leicht können sie geblendet werden! Die Haare — welche Feuerfänger! Der Mund — wie gefährlich nahe das Blut in den Lippen pulst! Unsere Gesichter gehören eben noch einer Welt des menschlichen Maßes an. Die Gebilde aus Kunststoff, Gummi und Metall aber, die sich Menschen anlegen müssen, um den Gewalten standzuhalten, die sie selbst entfesselt haben, deren Begegnung sie herausforderten, haben nicht zufällig etwas Monströses an sich. Sie sind der Charakterausdruck einer Generation, die Ungeheures unternimmt und daher auch äußerlich ungeheuerlich aussehen muß.

So entsteht eine seltsame Umkehrung. Sitzen Staatsmänner beisammen, um über den Atomkrieg zu debattieren, beraten Ingenieure über Weltraumprojekte, so wirkt ihr eigentliches, ihr Menschengesicht, dabei irgendwie unecht. Es paßt nicht mehr zum Gegenstand, ist soviel harmloser als die Dinge, die da zur Sprache stehen. Ein lachender oder lächelnder Bomberpilot, zurück von seiner Mission, der die technische Maske von sich gelegt hat und nun jungenhaft fröhlich die Kamera anblitzt, trägt eine Maske, weil er keine Maske trägt. Er tut so, als komme er gerade von einem sportlichen Spiel zurück, obwohl er in Wahrheit der Vollzugsbeamte der Hinrichtung Tausender war. Hier täuscht ein Mensch, der eben noch Lleber-menschliches, Unmenschliches leisten mußte, Harmlosigkeit vor und führt dadurch irre.

Weil nun die „Männer, die auf den Knopf drücken“, heute meist nur mit diesem „altmodischen“, ihrer unmenschlichen Gewalt gar nicht mehr entsprechenden Gesicht zu sehen sind, hat unsere politische Gegenwart für die leider viel zu wenigen, die über die Möglichkeiten der „neuen Kräfte“ informiert sind, oft etwas Verfälschtes, etwas so Unwirkliches. Denen, die aus eigener Anschauung oder aus Geheimberichten wissen, was in den Laboratorien vorbereitet, was in den streng bewachten Rüstungsfabriken bereits hergestellt wird, erscheint der Alltag in seiner wiederhergestellten Normalität und Prosperität manchmal wie ein großer Maskenball, dessen Teilnehmer immer noch so tun, als ob alles im Grunde doch recht heiter und erfreulich wäre.

Je näher uns allerdings die Supertechnik auf den Leib rückt, desto öfter werden wir nun auch die mannigfachen Vermummungen erblicken, mit denen der Mensch sich in der Welt bewegen muß. wo das Fleisch, der Geist und die Seele sich ohne besonderen Schutz und Hilfe als zu schwach erwiesen haben. Wenn in den nächsten zwei Jahrzehnten die geplanten Atomkraftwerke und Raketenrampen in allen Regionen der Welt entstehen, so werden Wesen mit Visieren aus Plexiglas und „Augen“, die wie Fernstecher aussehen, bekleidet mit hitzereflektierenden Mänteln aus silbriger Aluminiumfolie und wahren Ritterrüstungen, wie sie die Rennfahrer anlegen müssen, bald so selbstverständlich werden wie uniformierte Soldaten und Postbeamte.

Ein solcher Himmelsstürmer, angetan mit seinem unendlich komplizierten Raumanzug — in dem sogenannten „Mondraum“ der Firma. Litton in Beverly Hills und im „Space Cabin Simulator“ von Randolph Field bei San Antonio werden diese „Moden von morgen“ bereits entworfen —, wird nun zwar äußerlich bis zur Unkenntlichkeit „maskiert“, aber dafür innerlich komplett „demaskiert“ sein. Denn heute schon steht es nach Mitteilungen von Dr. George T. Hauty vom „Department of Psychology“ in der amerikanischen Schule für Luftmedizin fest, daß nur eine mit allen Methoden der modernen Seelenkunde durchleuchtete und für psychisch geeignete Versuchsperson den seelischen Zerreißproben eines Fluges — genauer gesagt eines „Absturzes“ — nach anderen Himmelskörpern ausgesetzt werden dürfe. Es ist in diesem Zusammenhang sogar die Frage aufgeworfen worden, ob nicht Lobotomie (Operation an Gehirn-lappen) oder Hypnose notwendig sein würden, um das trotz der Schutzmaske eintretende Grauen der Piloten vor solchem Fall ins Bodenlose lahmlegen zu können. Methoden, die aber von amerikanischen Weltraummedizinern bis jetzt noch als „uethisch“ verworfen worden sind.

Selbst die vollkommenste, heute denkbare Schutzmaske für Raumfahrer wäre nicht imstande, die selbst durch dicke Stahlwände wie durch dünnes Glas durchschlagenden Primärpartikelchen der kosmischen Strahlen komplett abzuschirmen. Das Risiko der „cosmic rays“ könnten beim bisherigen Stand der Forschung selbst gut geschützte Reisende zu anderen Himmelskörpern kaum mehr als vierundzwanzig Stunden gefahrlos auf sich nehmen. „Strahlenfest“ würde daher nur ein Mensch werden, dessen Organismus vielleicht mit Hilfe besonderer biologischer Frischpräparate oder chemischer Mittel sozusagen „von innen“ her gestärkt wird.

Aehnliche Grenzen für die Wirksamkeit moderner Masken lassen sich nun schon jetzt auf fast allen fortgeschrittenen Gebieten der wissenschaftlich-technischen Entwicklung erkennen. So ist es z. B. nur bis zu einem gewissen Stärkegrad radioaktiver Strahlung möglich, sich überhaupt noch durch Masken zu schützen. Schaut man gar auf, das Gebiet der Hitzeforschung, die zur Zeit sowohl bei der Atom- (Kernverschmelzung) wie der Raketentechnik (Plasma-Strahlenantrieb und Reibungsprobleme) in der vordersten Linie der Zukunftsplanung steht, so wird bereits heute klar, daß die moderne technische Maske in absehbarer Zeit das Schicksal der Ritterrüstungen teilen dürfte, weil sie ihren nächsten Aufgaben nicht mehr gewachsen sein kann.

Es werden sich nämlich die neuen Kräfte, mit denen wir umgehen, und die neuen Regionen, in die wir uns weiter begeben, als so feindlich erweisen, daß nur noch Distanz uns vor ihnen schützen kann. Schon jetzt werden daher die gefährlichsten Handhabungen der Atomtechnik mit Hilfe von Fernbeobachtung und Fernlenkung durchgeführt, und bei Versuchen mit Superhitze sind unmittelbar nur Instrumente, bestenfalls Fernsehkameras präsent. Die Eroberung fremder Himmelskörper, ja sogar ihre Fruchtbarmachung, dürfte schließlich einmal in der Praxis eher durch ferngelenkte strahlen- und hitzefeste „Roboter“ als durch mit ungenügenden Schutzmasken und „Rüstungen“ versehene Menschen erfolgen. f

Es läßt.sich durchaus vorstellen, daß künftige Generationen einmal die „technische Maske“ in ihrer starren Monstruosität geradezu als Symbol einer Uebergangsphase betrachten werden. Einer Zwischenzeit nämlich, in der die im Wesen so grundverschiedenen Welten der Maschinen und der Menschen zu eng beieinanderwohnten, zu unheilvoll mite inander verquickt waren. Sehr wohl kann man sich denken, daß künftige Generationen die „Maschinen und Apparate“ jeglicher Art zwar nicht zerstören, aber in eigene abgeschiedene Reservate verweisen werden, die im wesentlichen durch Fernlenkung dirigiert werden. Nur wenige „Maschinenhirten“ müssen sich dann noch um diese Industriebezirke kümmern. In einem solchen Zeitalter, da der Mensch wieder in einer ihm angepaßten menschenwürdigen Umgebung lebt, wird er auch wieder sein eigenes Gesicht ohne Furcht oder Scham tragen, ja sogar die Schönheit und Empfindlichkeit seines Antlitzes als eigentlichen Ausdruck seines Wesens betrachten dürfen.

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