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Die erregendste Epoche der Erdgeschichte

1945 1960 1980 2000 2020

Die amerikanische Weltraumfähre,,Columbia“ hat das Tor zu einer wirklichen Eroberung des Weltraums aufgestoßen. Verschwendetes Geld? Vieles deutet auf das Gegenteil hin: die denkbar hoffnungsvollste Investition in die Zukunft und das Überleben der Menschheit, die in der erregendsten Epoche ihrer bisherigen Entwicklung angelangt ist.

1945 1960 1980 2000 2020

Die amerikanische Weltraumfähre,,Columbia“ hat das Tor zu einer wirklichen Eroberung des Weltraums aufgestoßen. Verschwendetes Geld? Vieles deutet auf das Gegenteil hin: die denkbar hoffnungsvollste Investition in die Zukunft und das Überleben der Menschheit, die in der erregendsten Epoche ihrer bisherigen Entwicklung angelangt ist.

Wenn man die rund vier Milliarden Jahre der Geschichte des Lebens auf dem Planeten Erde in Form einer einen Meter langen Linie darstellen wollte, wäre das Dasein des Menschen in dieser Spanne des Lebens mit weniger als einem Millimeter zu bemessen.

Wollte man diese Erdzeit des Menschen wieder zu einem ganzen Meter auswalzen, dann wäre die Lebenszeit der gegenwärtigen Generation, sagen wir eine Spanne von 40 Jahren, ein Hundertstel eines Millimeters breit.

Aber in diesem Hundertstel Millimeter ist im Sinne der Weiterentwicklung des Menschengeschlechtes mehr geschehen als in Milliarden Jahren vorher. Nie hat eine Generation vor uns in einer sich spektakulärer wandelnden Umwelt gelebt.

Das ist unser Schicksal - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Aber wie vielen von uns dämmert das?

Der amerikanische Systemtheoretiker John Platt von den Universitäten Chikago, Michigan und Boston hat sich 1979 bemüht, bei einer Konferenz des Internationalen Instituts für vergleichende Sozialforschung und des Aspen- Instituts für humanistische Studien in Berlin die Dramatik dieses Geschehens zu verdeutlichen. Sein Bericht liegt nun auch schriftlich vor: der spannendste Thriller der Weltgeschichte.

• Die biologische Evolution: Bisher sind neue Arten der Natur durch geschlechtliche Kreuzung entstanden. Die natürliche Selektion - Auslese im Sinn des Darwinismus - nahm viel Zeit in Anspruch.

Die neuen Methoden mit DNS (Des- oxyribonucleinsäure), also die Möglichkeit des Auseinanderschnipselns von Atom- und Molekülketten mit ihren Genen, haben eine radikale Ausweitung der Möglichkeiten gebracht: Gene (Erbmasse, „Entwürfe“) der einen Art können nun der anderen Art eingepflanzt werden; Grenzen zwischen Viren, Bakterien, Pilzen, Pflanzen und Tieren spielen keine Rolle mehr. Millionen neuer Arten können ab heute über Nacht geschaffen werden.

An Stelle der „Zuchtwahl“ durch die Natur, die Darwin zu beschreiben versuchte, ist Selektion durch Menschenhand getreten: In Kürze werden Menschen den weiteren Gang der Evolution in die Hand nehmen können: der größte Evolutionssprung in vier Milliarden Jahren!

• Wohnen einst und morgen: Der erste große Qualitätssprung, mit dem die „Übersiedlung“ in den Weltraum vergleichbar ist, war die Wanderung des Lebens aus dem Ozean ans Land und in die Atmosphäre vor 500 Millionen Jahren.

In beiden Fällen bewegt sich das Leben infein dünneres Medium (Atmosphäre im Vergleich zum Wasser, Weltall im Vergleich zur Atmosphäre), wo Bewegung, Arbeit, Werkzeugführung viel leichter möglich sind.

So wie aber unser Körper noch immer das Wasser der Ozeane in sich trägt, müssen die Raumfahrer sich durch ihre Anzüge mit einer „erdhaf- ten“ Atmosphäre umgeben.

Das Endziel dieser Entwicklung wird nach John Platt die künstliche Herbeiführung erdähnlicher Umdrehungen und erdähnlicher Anziehungskräfte in den Wohnbezirken der Zukunft sein.

Wohnbezirke aber schon der nahen

Zukunft könnten Weltraumstationen sein. Dort sollen eines Tages automatische Fabriken mit der Energie der Sonne jahrelang ohne weiteres Zutun der Menschen Arbeiten leisten, zu denen Menschen den Anstoß und denen sie Richtung gegeben haben.

In der ersten Phase dieser Entwicklung dienen die zwischen Erde und All pendelnden „Weberschiffchen“ (dies die wörtliche Übersetzung von space shuttle) selber als Laboratorien.

Später werden sie nur noch Fährschiffe sein und die Verbindung zu Raumstationen herstellen, in denen Kugellager erzeugt, das menschliche Blut in seine chemischen Bestandteile zerlegt und Filme gedreht werden sollen, um nur ein paar der Anfangsvorhaben zu erwähnen.

Eines Tages will man das erdnahe Weltall in eine riesige Industriezone verwandeln, in der schwierige Arbeiten oder riskante nukleare oder biologische Experimente ausgeführt werden können.

Die großen Vorteile des Alls - praktisch unbeschränkte Mengen sauberer Energie, Zufluchtsmöglichkeit im Fall irdischer Katastrophen, unbeschränkte Verfügbarkeit von Ressourcen - müssen intensive Untersuchungen für dessen Bewohnbarmachung zwangsläufig zur Folge haben.

Der Mensch ist, wie schon oft in seiner Entwicklung, in dem Augenblick, in dem er an die Grenzen irdischer Verfügbarkeit gestoßen ist, mit grenzenlosen neuen Möglichkeiten konfrontiert worden.

• Neue Methoden der Fortbewegung: Die erste Bewegung der Erde waren das Wehen der Stürme und die Drift der Ozeane. Flossen, Füße und Flügel folgten als Fortbewegungsorgane des Lebens.

Das Rad und das Schiff, beide vor etwa 5000 Jahren entwickelt, waren weitere Qualitätssprünge in der Entwicklung des Lebens auf der Erde. Eisenbahn, Auto und Flugzeug machten den Menschen Zum schnellsten Lebewesen der Erde.

Noch einmal trat in unserer Epoche ein nicht mehr überbietbarer Qualitätssprung ein: Die Rakete hat die Überwindung der irdischen Schwerkraft und damit die Bewegung von Menschenobjekten im Alltempo möglich gemacht.

• Zentralproblem Energie: Seit sich vor zwei Milliarden Jahren die blaugrünen Algen entwickelt haben, ist Foto synthese die Hauptenergiequelle des Lebens auf Erden gewesen.

Damals, beim Übergang von der ersten Phase der Evolution (der Entwicklung von Ordnung und Komplexität aus einfachen Molekülen) in die zweite Phase (die Evolution des Lebens), trat ein gesteigerter Energiebedarf auf: die erste Energiekrise des Planeten Erde.

Die Sonne trat als Retter auf: überraschend und scheinbar zufällig entwik- kelte sich der Prozeß der Fotosynthese- das, was wir in der Schule als die „Assimilation“ der Pflanzen gelernt haben: der Zusammenbau energiereicher Moleküle aus energiearmen Kleinmolekülen unter Zuhilfenahme von Sonnenlicht.

Schon bei den Salzburger Hochschulwochen 1978 bemerkte der Genetiker Carsten Bresch aus Freiburg i.B., es sei „naturphilosophisch von Bedeutung“, daß man heute, im Zeitpunkt der zweiten Energiekrise der Evolution, wieder seine Hoffnungen auf eine Dauerlösung des Problems durch die Energie der Sonne setze.

Von dort, daran können alle Zweifel und Verniedlichungsversuche der Skeptiker nichts mehr ändern, wird die Dauerlösung auch tatsächlich kommen, mag man über die Dauer der Übergangsperiode und ihre Zwischenlösungen auch weiter streiten.

Heute stehen uns technisch bereits völlig ausgereifte fotovoltaische Zellen zur Verfügung, mit deren Hilfe es möglich ist, Sonnenlicht direkt in Elektrizität zu verwandeln. Von Satelliten aus können Sonnenkraftwerke Tag und Nacht Energie in Form von Mikrowel len auf jedes beliebige Land der Erde abstrakten, wo diese wieder in leitungsfähige Elektrizität umgewandelt werden.

• Wahrnehmung und Verständigung: Vor ungefähr 600 Millionen Jahren entstand das bilderformende Auge. Seither ist Objektwahrnehmung auf Distanz möglich: Sicht als Voraussetzungen Voraussicht war erreicht.

Beim Menschen tarn als nächster entscheidender Qualitätssprung die Symbolsprache dazu, die Abstraktion ermöglichte. Bresch spricht in diesem Zusammenhang von der dritten Phase der Evolution, der Entwicklung von Intelligenz.

Leben ist letztlich Informationsübertragung. Jeder Organismus trägt genetische Information in sich, die über des sen weitere Entwicklung entscheidet. Sprache macht intelligente Weitergabe der Information, Schrift deren Speicherung, Druck wieder deren weite Verbreitung möglich.

Der Computer hat die Speicher- und die Verbreitungsfähigkeit noch einmal so milliardenfach vergrößert, daß ein Qualitätssprung daraus geworden ist.

Fernsehen mach Gleichzeitigsehen für Millionen möglich. John Platt: „Ob es einem paßt oder nicht, die Video-Revolution wird ihre eigene Sprache und ihre eigene Gesellschaft hervorbringen.“

Die Evolution der Sprache hat in den letzten drei Millionen Jahren eine Verdreifachung der Größe des menschlichen Gehirns mit sich gebracht.

In unserer Generation aber werden große Dinge nicht mehr von Einzelgehirnen gedacht. An der Entwicklung von Mammutvorhaben wie Raketenantrieb, Weltall und Mondflug (oder schon der Atombombe) haben Hunderttausende Spezialisten aus vielen Ländern gemeinsam gearbeitet: eine Art kollektiver Intelligenzprozeß, dessen Endergebnis nach Auffassung von John Platt darin besteht, daß „die Menschheit die Zukunft durch das Erfinden evolutionärer Sprünge selbst schaffen wird.“

Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfen wir den Aufschrei der Skeptiker erwarten: Und das soll Fortschritt sein? Ist etwa Änderung um der Änderung willen gut? Sollen wir jede Art von Evolution unbesehen anbeten?

Ganz gewiß nicht, Evolution ist weder automatische Hinentwicklung auf ein irdisches Paradies noch auf eine irdische Hölle zu, weder bloßer Zufall noch unentrinnbare Notwendigkeit.

Der Wiener Zoologe Rupert Riedl hat das so formuliert: „Die Genesis operiert mit jenem höchst ambivalenten Antagonismus zwischen Zufall und zufälliger Notwendigkeit“, und sie überließ die Entscheidung dem Nachdenken des Menschen, „der jüngsten und noch am wenigsten bewährten ihrer ambivalenten Kreationen, der anfälligsten wie der hoffnungsvollsten.“

Auch John Platt, den seine Kritiker am äußeren Rand der Zukunftsgläubigen einreihen, räumt ein: „Die Evolution führt nicht immer ,aufwärts' im Sinn von progressiver Zunahme von Komplexität oder Beherrschung.“

An die 98 Prozent alter Arten des Lebens auf der Erde haben sich rückentwickelt, sind ausgestorben. Aber: Der Mensch hat wie keine zweite Art die Chance (nicht die Gewißheit!) des Gelingens.

Riedl: „Daß das Schiff noch immer segelt, daß wir uns hier befinden, nach Jahrmillionen rigoroser Selektion, daß wir noch immer da sind“ - das rechtfertigt Hoffnung.

Es rechtfertigt nicht blinden Zukunftsglauben, vermessenes Bauen auf „Wunder“ der Natur. Es rechtfertigt nicht Raubbau und Zerstörung der Umwelt, nicht Vernachlässigung der Vorsorge für die Zeit des Übergangs, in dem wir uns befinden, nicht Leichtfertigkeit im Umgang mit Kernkraft oder Genmanipulation.

Wir müssen auf die Katastrophe heute und morgen gefaßt sein - aber auf ihre Vermeidung und Überwindung hinarbeiten, voll Hoffnung, mit ganzer Kraft, bis zu eines jeden letztem Atemzug.

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