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Schöpfung und Evolution

Im Rahmen eines Evolutions-Symposiums sprach Kardinal Christoph Schönborn vergangenen Mittwoch in Wien über "Schöpfung und Evolution". Im Folgenden seine Rede (stark gekürzt).

Sie kennen alle den Versuch, die Dauer des Universums als ein Kalenderjahr darzustellen und so eindrucksvoll festzustellen, dass wir, der Homo sapiens, erst in den letzten Sekunden vor dem Ende des kosmischen Jahres auftauchen. Ich zitiere hierzu die Darstellung des Physikers und Theologen Prof. Dieter Hattrup. Er schreibt:

"Vergleichen wir dieses Alter mit einem Jahr von 365 Tagen! Dann entspricht einem Monat [etwa] eine Milliarde von Jahren. Mit dem Glockenschlag Null Uhr soll der Urknall am 1. Jänner beginnen. Nach ein paar Wochen bilden sich die ersten Galaxien und Sonnen. Einige Zeit existieren sie, dann lösen sie sich auf, die großen Sonnen verbrennen sehr schnell, die mittleren langsamer, die kleinen ganz langsam. Sie verteilen ihr Gas wieder in den Raum, wo es sich erneut verdichten kann. In dritter, vierter oder fünfter Generation entsteht Mitte August unser eigenes Sonnensystem aus einer Wolke von Gas und Staub. Die meiste Materie landet als Wasserstoff in der Sonne und wird immer mehr verdichtet, nach einem einzigen Tag in diesem Zeitraffer ist sie schon fertig. Wenig später bilden sich die äußeren Gasplaneten und die inneren Festplaneten, unter ihnen die Erde.

Spät im Dezember: Der Mensch erscheint

Am 16. Dezember gibt es die ersten Wirbeltiere im Wasser, am 19. Dezember betreten die Pflanzen das feste Land. Zu Weihnachten beginnen die Säugetiere ihren Aufstieg. Fünf Minuten vor Zwölf am 31. Dezember leben die Neandertaler, fünfzehn Sekunden vor Zwölf wird Jesus Christus geboren, und vier Sekunden vor Zwölf haben wir das Jahr 1500 und den Beginn der Neuzeit. Wenn es hoch kommt, dauert das Leben eines Menschen in diesem Weltalljahr eine Sekunde, meistens aber nur die Hälfte davon."

Was ist der Mensch in diesem kosmischen Jahr? Kaum ein Wimpernschlag! Was soll die Existenz des Menschen in diesem 99,9 (periodisch) Prozent menschenleeren Universum? … Friedrich Nietzsche hat diesen Gedanken erschütternd weitergedacht. In seiner Schrift "Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn" steht Folgendes: "In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Thiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmüthigste und verlogenste Minute der, Weltgeschichte': aber doch eine Minute. Nach wenigen Athemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Thiere mussten sterben. - So könnte Jemand eine Fabel erfinden und würde doch nicht genügend illustrirt haben, wie kläglich, wie schattenhaft und flüchtig, wie zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt innerhalb der Natur ausnimmt; es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war; wenn es wieder mit ihm vorbei ist, wird sich nichts begeben haben. Denn es giebt für jenen Intellekt keine weitere Mission, die über das Menschenleben hinausführte. Sondern menschlich ist er, und nur sein Besitzer und Erzeuger nimmt ihn so pathetisch, als ob die Angeln der Welt sich in ihm drehten".

Nietzsches Glaube vs. Biblischer Glaube

Nietzsche ist hier nicht zynisch. Er ist schrecklich nüchtern und realistisch … Die jüdisch-christliche Antwort ist der Glaube an den Schöpfer des Himmels und der Erde. Er gibt auch eine klare Antwort auf die von Nietzsche aufgeworfene Frage der radikalen Endlichkeit und Vergänglichkeit: sie wird nicht geleugnet. Im Gegenteil. Die Welt ist endlich. "Himmel und Erde werden vergehen", sagt Jesus. Aber es wird "einen neuen Himmel und eine neue Erde" geben, so verheißt das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes (Offb 21,1). Der biblische Glaube weiß, dass wir hier auf Erden "keine bleibende Stätte haben" (Hebr 13,14), aber diese irdische Wohnstaat ist auch nicht einfach der zugige, unfreundliche Wartesaal zur Abreise in eine bessere Welt. Sie ist "Schöpfung", also von einem Schöpfer gewollt. Und wir sind nicht "Zigeuner am Rande des Weltalls", wie der Nobelpreisträger Jacques Monod den Menschen bezeichnete, sondern Geschöpfe, "nach Bild und Gleichnis" (Gen 1,26) des Schöpfers geschaffen. Sind wir gewollt oder sind wir von einem blinden Schicksal ins Dasein geworfen? […]

Sollen wir einfach beide Sichten nebeneinander stehen lassen? Sollen wir vielleicht dem Vorschlag von Stephen Gould folgen, das von ihm sogenannte NOMA-Prinzip einhalten, das heißt den Schöpfungsglauben und die Evolutionstheorie als Non-Overlapping-Magisteria nebeneinander stehen lassen, als zwei einander nicht berührende Denkwelten? Ginge das, dann gäbe es nicht die heftigen, leidenschaftlichen, oft bitteren Debatten, die seit nun gut 200 Jahren immer noch die Geister und Gemüter bewegen. Darwin selber ist sozusagen der Paradezeuge dafür, dass das NOMA-Prinzip nicht funktioniert. Sein geistiger Weg war ganz entscheidend davon geprägt, dass seine wissenschaftlichen Forschungen ihn in immer schärferen Konflikt mit seinem traditionellen Glauben an Schöpfer und Schöpfung gebracht haben. In den vergangenen Wochen war oft der berühmte Satz zu lesen, den er am 11. Jänner 1844 in einen Brief an seinen Freund Joseph Hooker geschrieben hat: "Inzwischen bin ich überzeugt davon, dass die Arten nicht (es ist, als gestehe man einen Mord) unveränderlich sind." "Als gestehe man einen Mord!" An wem? Am Schöpfer? Eines ist sicher: der schwerste Schritt in der Ausarbeitung seiner Theorie über "die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl" war die Überwindung der Vorstellung, dass die Arten unveränderlich sind. Hat nicht, nach biblischem Bericht, Gott jegliches "nach seiner Art" geschaffen? Wenn für die Entstehung der Arten eine natürliche Erklärung gefunden werden kann - wird dann der Schöpfer nicht überflüssig? […]

Aber wie dachte Darwin die Schöpfung? Wie verstand er das Schöpferwirken Gottes? Wie es nicht zu denken sei, zeigt er in einem recht sarkastischen Ton in dem "Origin of Species": "Glauben sie [d.h. die Vertreter einzelner Schöpfungsakte] wirklich, dass in unzähligen Perioden der Geschichte unserer Erde gewisse elementare Atome gleichsam kommandiert worden seien, sich plötzlich zu lebenden Geweben zusammenzuschließen? Glauben sie, dass bei jedem vermeintlichen Schöpfungsakt ein einziges Individuum oder gleichzeitig viele erschaffen wurden? Wurden alle die zahllosen Tier- und Pflanzenarten als Eier oder als Samen oder wurden sie gar gleich erwachsen erschaffen?" Nein, die Idee der Erschaffung fertiger einzelner Wesen oder Arten ist absurd. Sie ist so unhaltbar wie die kreationistischen Thesen von einer Erschaffung der Welt in sechs 24-Stunden-Tagen, wie die pseudowissenschaftlichen Spekulationen über eine "junge" Erde, über eine historische Deutung der Sintflut etc. Es ist aber eine ebenso unstatthafte Simplifizierung, den bibelfundamentalistischen Kreationismus mit einem fundierten Schöpfungsglauben "in einen Topf zu werfen", was häufig geschieht. Das Bibelverständnis des Kreationismus ist sicher nicht das der katholischen Kirche und das der großen christlichen Denktradition. […]

Ich bin überzeugt davon, dass sich in der Schöpfung ein Ursprung und ein Ziel, und somit etwas, das man ein "intelligent design" nennen könnte, erkennen lässt. Es ist für mich eine sinnvolle, vernünftige Sichtweise, auf einen Schöpfer zu schließen. Aber es ist nicht die naturwissenschaftliche Sichtweise. Ich erwarte mir nicht von der naturwissenschaftlichen Forschung, dass sie mir Gott beweist. Das kann sie so wenig, wie sie das Gegenteil beweisen kann. Beides ist nicht im Horizont ihrer Methode. Aber der Naturwissenschaftler als Mensch, als über die Natur nachdenkender, als sich die Fragen nach Woher, Wohin und Wozu der Welt und seines Lebens Stellender kann sehr wohl zum Schluss kommen, dass die Annahme eines Schöpfers die sinnvollere und vernünftigere Sichtweise ist, als die des radikalen Nihilismus eines Friedrich Nietzsche. […]

Mit seinen Gedanken (Anm. von Papst Benedikt XVI.) möchte ich meinen Vortrag schließen … : "Die Naturwissenschaft hat große Dimensionen der Vernunft erschlossen, die bisher nicht eröffnet waren, und uns dadurch neue Erkenntnisse vermittelt. Aber in der Freude über die Größe ihrer Entwicklung tendiert sie dazu, uns Dimensionen der Vernunft wegzunehmen, die wir weiterhin brauchen. Ihre Ergebnisse führen zu Fragen, die über ihren methodischen Kanon hinausreichen, sich darin nicht beantworten lassen. Dennoch sind es Fragen, die die Vernunft stellen muss und die nicht einfach dem religiösen Gefühl überlassen werden dürfen, Man muss sie als vernünftige Fragen sehen und dafür auch vernünftige Weisen des Behandelns finden.

Die Frage nach dem Woher des Menschen

Es sind die großen Urfragen der Philosophie, die auf neue Weise vor uns stehen: die Frage nach dem Woher und Wohin des Menschen und der Welt. Dabei ist mir zweierlei neuerlich bewusst geworden … : Es gibt zum einen eine Rationalität der Materie selbst. Man kann sie lesen. Sie hat eine Mathematik in sich, sie ist selbst vernünftig, selbst wenn es auf dem langen Weg der Evolution Irrationales, Chaotisches und Zerstörerisches gibt. Aber als solche ist Materie lesbar. Zum anderen scheint mit, dass auch der Prozess als Ganzer eine Rationalität hat. Trotz seiner Irrungen und Wirrungen durch den schmalen Korridor hindurch, in der Auswahl der wenigen positiven Mutationen und in der Ausnützung der geringen Wahrscheinlichkeit, ist der Prozess als solcher etwas Rationales. Diese doppelte Rationalität, die sich wiederum unserer menschlichen Vernunft korrespondierend erschließt, führt zwangsläufig zu einer Frage, die über die Wissenschaft hinausgeht, aber doch eine Vernunftfrage ist: Woher stammt diese Rationalität? Gibt es eine ursprunggebende Rationalität, die sich in diesen beiden Zonen und Dimensionen von Rationalität spiegelt? Die Naturwissenschaft kann und darf darauf nicht direkt antworten, aber wir müssen die Frage als eine vernünftige anerkennen und es wagen, der schöpferischen Vernunft zu glauben und uns ihr anzuvertrauen."

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