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Hin und her zwischen Mythos und Wissen

1945 1960 1980 2000 2020

Die biblischen (Schöpfungs-)Mythen stellen für Christen Zeugnisse des Glaubens an den einen und einzigen Gott dar. Sie sind aber nicht ohne Weiteres mit dem modernen naturwissenschaftlichen Weltbild vereinbar. Theologische Reflexionen eines Naturwissenschafters.

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Die biblischen (Schöpfungs-)Mythen stellen für Christen Zeugnisse des Glaubens an den einen und einzigen Gott dar. Sie sind aber nicht ohne Weiteres mit dem modernen naturwissenschaftlichen Weltbild vereinbar. Theologische Reflexionen eines Naturwissenschafters.

Der christliche Glaube steht zwischen Mythos und dem wissenschaftlichen Bild der Welt. Beides, Mythen und wissenschaftliches Weltbild, sind aus dem Bedürfnis des Menschen nach Ordnung erwachsen. Der Mensch erkennt Ordnung im Großen und Kleinen der Natur und in seiner engeren Lebenswelt. Er sieht Ordnung entstehen und zerfallen, in Chaos vergehen oder aus Chaos entstehen. Er will verstehen, was hinter dem Zusammenspiel von Ordnung und Chaos steckt, dem er in der Welt ausgeliefert ist!

Der staunende Mensch sucht nach Erklärungen; und dies auf kürzestem Weg; und total, das Ganze von Universum und Lebenswelt umfassend. So entstanden in vielen Völkern und Kulturen Mythen der Entstehung und Erhaltung der Welt durch Götter in einer anderen, unsichtbaren Welt. Von Göttern erhoffte sich der Mensch auch Hilfe im alltäglichen Lebenskampf. Und Bitt-und Dankopfer dienten dem Kontakt zwischen Mensch und Götterwelt.

Die Geburt der Naturwissenschaft

Diesem bildhaften mythologischen Denken und fabulierenden Deuten der Welt begann sich die Vernunft -der Logos -zu widersetzen: In der griechischen Antike des 6. und 5. Jahrhunderts v. Chr. wandten sich die Vorsokratiker dem Naturgeschehen zu und versuchten die Vorgänge in der Natur zu verstehen und als ein Hervorgehen aus Ursprünglicherem zu begreifen. Dies war die Geburt von Naturwissenschaft und Philosophie.

Parallel zu dieser Emanzipation des Logos aus der griechischen Mythenwelt fand in Israel eine ganz andere Art der Entmythologisierung gegen den allgemeinen Götterkult statt: die prophetische Offenbarung des einen und einzigen Gottes, von dem man sich kein Bild machen durfte. Diese Offenbarungen und schrittweise Entwicklung des Glaubens an einen einzigen universalen Gott fanden ihren mythologisch verlebendigten Niederschlag in den jüdischen Schriften, die sich die junge Christenheit als Altes Testament (AT), gewissermaßen als Ouvertüre zur Botschaft Jesu im Neuen Testament, aneignen sollte.

Dies geschah sozusagen in Bausch und Bogen. Deshalb darf es nicht wundern, dass dadurch auch manches aus dem Geschichten-und Bilderreichtum mythologischer Religiosität Eingang in unsere christliche Glaubenspraxis oder allgemeine Kultur gefunden hat. Keineswegs, wie ich meine, der Entfaltung christlicher Glaubenslehre im Licht der Vernunft durchwegs förderlich. Das gilt vor allem für die biblischen Schöpfungsmythen (Genesis 1 und 2), auf die ich mich hier beschränken muss. Der jüngere Mythos Genesis 1 erzählt uns in grandioser Weise die Erschaffung der Welt aus dem Tohuwabohu bis zum Menschen. Wir halten dieses großartige Zeugnis mythischer Welterklärung auch gegenüber unserem modernen naturwissenschaftlichen Weltbild in Verehrung. Anders liegt dies mit der angeblich etwas älteren Genesis 2 -der "Paradieserzählung", der Geschichte unserer "Urahnen" Adam und Eva, und deren Sündenfall! Und damit sind wir bereits mitten in der theologischen Problemzone.

Die Eigenentwicklung des Kosmos

Prägend für unser naturwissenschaftliche Weltbild ist das Wissen um die Eigenentwicklung von Kosmos und Lebenswelt. Auch wenn man manches in der Theorie der Evolution des Lebens diskutieren kann, unbestreitbares Faktum ist der gemeinsame Abstammungszusammenhang aller lebenden Organismen. Und die Fakten der Evolution zwingen uns, zur Kenntnis zu nehmen, dass es das Paradies der Bibel und das einzelne erste Menschenpaar konkret nie gegeben hat. Dennoch kann man den uralten Paradiesmythos symbolisch als großartige Metapher dafür interpretieren, was das Erwachen des Bewusstseins für den Menschen bedeutet: "die Trennung von innen und außen, von ich und du, Herz und Intellekt, Unterbewusstsein und Tagesbewusstsein, Traum und ,Wirklichkeit'"(nach Harald Lesch).

Damit mag der Paradiesmythos, trotz seiner Diskrepanz zu unserem naturwissenschaftlichen Weltbild, als für unsere Glaubenspraxis unanstößiger gemacht erscheinen. Dennoch widerspricht dies katholischem Denken, für das es keinen Widerspruch zwischen Glauben und Wissen gibt. So lehnt Joseph Ratzinger in seinem Bestseller "Einführung in das Christentum" (Seite 107) bereits 1968 eine symbolische Adaption des Paradiesmythos als "Interpretationschristentum" deutlich ab.

Konsequenterweise lehnt Ratzinger auch ab, dass die Erbsünde die persönlich Sünde des ersten Menschenpaares ist, und ihre Versöhnung mit Gott die Menschwerdung des göttlichen Logos in Jesus Christus und seinen Opfer-Tod verlangte (Anselm von Canterbury OSB, 1033-1109). Aber unsere Glaubenspraxis hält an der Adam-Geschichte fest, und wir singen in der heiligen Liturgie der Osternacht: "Dies ist die Nacht, da geschehen musste die Sünde Adams, dass Christi Sterben sie sühne! O glückliche Schuld, gewürdigt eines Erlösers, so hehr und erhaben!"

Vom selben Anselm, der am Adam-und-Eva-Mythos die Inkarnation des Schöpfers -Herzstück unseres Glaubens, festmachte, stammt auch das berühmte fides quaerens intellectum - vom Glauben, der Verstehen sucht. Ist das nicht ein Appell aus dem Mittelalter, den Mythos durch theologisches Denken zu ersetzen, das in Einklang steht mit dem Wissen, in Einklang, heute mit den Leitideen (Paradigmen) unseres modernen naturwissenschaftlichen Weltbildes -damals, im Mittelalter, mit der Physik des Aristoteles?

Franziskanische Theologie

Daran hielt sich die franziskanische Theologie im Hochmittelalter gegenüber der Anselm'schen Sündenfall-Erlösungs-Lehre. Obwohl das mittelalterliche Denken noch nicht Kosmos und Lebenswelt in Evolution wusste, sah der franziskanische Philosoph und Theologe Duns Scotus (1266-1308) die Welt realistisch und deutete ihre Unvollkommenheiten, Fehler und Übel als Zeichen, dass die Schöpfung nicht mit automatischer Präzision zur Vollendung kommt, sondern Freiheit in sich hat. Und dass dies von der göttlichen Liebe so gewollt ist, die den freien Menschen will und Vereinigung mit ihm, dem trotz Sünden und Verstrickungen Geliebten.

Entsprechend beantwortete Scotus die sich aufdrängende Frage: "Wäre Gott auch Mensch geworden, wenn das erste Menschenpaar nicht gesündigt hätte?" mit einem entschiedenen Ja (H. Schneider OFM u. a. (Hg.), Duns-Scotus-Lesebuch, Kühlen, 2008, S. 234).

Die Menschwerdung Gottes, das Homo factus est im Credo der Christenheit, ist in dieser, viel zu wenig bekannten franziskanischen Tradition, nicht die Antwort Gottes auf die Sünde des Menschen, sondern gründet von Anfang an in der Liebesdynamik des Schöpfers. Darin lässt sich bereits eine moderne Schöpfungstheologie ahnen, in der der göttliche Logos (Vernunft, Wort) in innigster dreifaltiger Einheit mit der göttlichen Liebe die Welt des Lebens evolutiv entstehen lässt.

| Der Autor ist theoretischer Physiker und war Prof. an der TU Graz |

Das Paradies

Die Geschichte von Adam und Eva ist mit naturwissenschaftlicher Welterklärung nicht so ohne Weiteres in Einklang zu bringen (Lucas Cranach d. Ä., 1530).

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