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Die Neuordnung des Paradieses

Was hat die Theologie in einer Welt der Wissenschaft und einer von der Evolutionstheorie mitgeprägten Gesellschaft noch zu sagen? Sollte sie überhaupt ihr Recht auf Weltdeutung verloren haben? Eine Religionswissenschafterin widerspricht und fordert ein Umdenken in der Theologie.

In der Theologie wird heute kaum noch vom Paradies geredet. Dafür aber fast überall sonst. Bilder vom Paradies überfluten uns gerade jetzt zur Sommerzeit vom Sonntagabend-Herz-Schmerz-Film bis zur Last-Minute-Urlaubs-Werbung. Im Blockbuster-Kino gehören einschlägige Szenen ohnehin zum guten Ton: unberührte Natur, ideales Klima und ein Liebespaar, dessen Glück durch nichts getrübt ist. Auch die Wissenschaft ist voll von Paradiesen: Die Medizin verspricht uns ewige Jugend, Sex ohne Angst vor beschwerlicher Schwangerschaft, den perfekten Menschen dank Gentherapie.

Hat die Religion dazu nichts mehr zu sagen? Ein wissenschaftlicher Rundumblick zeigt uns, dass jede Religion ihre Weltordnungserzählung hat und dass das Schaffen einer Weltdeutung eine der wesentlichen Funktionen von Religion ist. Dabei wird die Ordnung nicht einfach als in der konkreten Gemeinschaft gewachsen gedeutet, sie wird vielmehr als jenseits menschlichen Zugriffs entstanden gedacht: in der Transzendenz, biblisch formuliert in Gott.

In einem zweiten Schritt wird in den meisten Ursprungserzählungen erklärt, was passiert, wenn jemand die göttlich begründete Ordnung übertritt: Es kommt zum Sündenfall, zur Verstoßung aus dem Paradies und damit zur Conditio humana: Der Mensch ist, überspitzt formuliert, Täter und Opfer, jedenfalls Produkt einer gestörten Ordnung. Erlösung ist daher die Wiederherstellung einer gestörten Ordnung. Umso wichtiger ist es, auf die ursprüngliche Ordnung zu verweisen, damit es nicht zu weiteren Verschlechterungen des Status quo kommt. Diese Aufgabe hatte über lange Zeit die Religion.

Der Verlust der Deutungsmacht

Gemäß dem christlichen Modell der Genesis wird die gesamte Welt, Natur, Kultur und Gesellschaft, als von Gott geordnet und seine Ordnung widerspiegelnd begriffen. Den Höhe- und vielleicht auch schon Endpunkt dieser Entwicklung liefert uns Thomas von Aquin, der den Anspruch wissenschaftlicher Weltordnung nach Aristoteles mit dem christlichen Modell zu verbinden sucht und damit das prägende Bild von Theologie generierte: Theologie als scientia universalis, als universelle Wissenschaft mit universellem Erklärungsanspruch.

Mit der Entwicklung der Wissenschaften in der Aufklärung beginnt nichts weniger als die Neuordnung des Paradieses. Erstmals wird bewusst und systematisch der Anspruch erhoben, eine eigene, vom Christentum unterschiedene Weltdeutung zu etablieren. Beispiele gibt es genug: Rousseau mit seinem Naturideal oder die französischen Enzyklopädisten, die eine neue Deutung und Ordnung der Dinge vorausdenken, deren Umsetzung schließlich in den ersten Jahren nach der französischen Revolution versucht wird mit dem Anspruch „siehe, ich mache alles neu“ (eigentlich Offb. 21,5).

Die Theologie reagierte auf den Verlust ihres Deutungs- und Ordnungsmonopols mit der Bekämpfung der neuen Ordnungen. Kirche und Theologie ließen sich dabei aber unweigerlich mit jenen Geistern ein, die sie zu bekämpfen meinten, und begaben sich in einen Diskurs, der längst nicht mehr der ihre war: In eine legistisch-normative und rational-wissenschaftliche Sprache, der fehlt, was religiöse Weltdeutung ausmacht: die bildliche und die metaphorische Ebene, die Selbstverständlichkeit einer umfassenden Weltdeutung.

Die Trivialisierung der Epen

Sind aber die „großen Erzählungen“ (Jean François Lyotard) damit auch verschwunden? Keineswegs: Sie haben sich transformiert und, wie manche meinen, trivialisiert. Ein ausgezeichnetes Beispiel einer solchen Transposition ist Harry Potter: Eine mittelalterlich anmutende Heldenvita mit Auserwählung und Bedrohung, Versuchung und Entscheidung, so wie eine vom Bösen bedrohte Ordnung, in der das Gute durch ein Selbstopfer des Helden siegt.

Es ist aber nicht nur die Trivialkultur, die uns neue Paradiese anbietet. Die wissenschaftlichen Ursprungserzählungen des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts enthalten alle in sich nicht nur eine Neuordnung, eine normierende und hierarchisierende Deutung der Vergangenheit, sondern auch eine Neuordnung der Gegenwart und Zukunft. Am offensichtlichsten ist der Rekurs auf das biblische Modell paradoxerweise in der marxistischen Theorie, viel schwerer erkennbar hingegen in den Naturwissenschaften. Dazu mag geschickte Imagepflege ebenso beigetragen haben wie die Arbeitsweise: messen, berechnen, Daten festhalten.

Als Schutzheiliger der Naturwissenschaft gilt nach wie vor Charles Darwin. Aber gerade Darwin ist ein Ursprungserzähler par excellence. Er schreibt mit seiner „Entstehung der Arten“ Geschichte neu, indem er mit Präzision der Frage nach dem Ursprung und nach einer ursprünglichen Ordnung nachgeht. Die Evolutionstheorie ist keineswegs die Abschaffung des Paradieses, wie viele gern postulieren. Darwin nimmt vielmehr eine Neuordnung des Paradieses vor: Er schafft neue Kategorien: „the fittest“, selbst wenn man diese korrekterweise nicht mit „die Besten, Fittesten“, sondern als diejenigen, die sich am besten anpassen können, übersetzt, sind diejenigen, die der Ordnung entsprechen, die anderen sterben aus. Und auch Darwins Arbeit trägt den teleologischen Zug, aus der Ursprungserzählung eine Ordnung für Gegenwart und Zukunft abzuleiten: Wohin geht die Evolution weiter? Wie kann und soll man ihr entsprechen, wie ihr vielleicht sogar nachhelfen? Spätestens, wenn führende Genetiker davon sprechen, dass wir schon demnächst 200 Jahre alt werden können, ja dass es eigentlich keinen zwingenden Grund dafür gibt, überhaupt sterben zu müssen, sind wir mitten im neuen Paradies und weit weg vom bloßen Datensammeln. Und wenn Klimaforscher apokalyptische Szenarien heraufbeschwören, weil der Mensch mittels Treibhausgasen in die Ordnung der Natur eingegriffen habe, dann ist das längst keine wissenschaftliche Sprache mehr, sondern trägt religiöse Züge.

Das Ende der Wissenschaft

Die Theologie hat sich auf das Sprachspiel der modernen Wissenschaften eingelassen – und darin kann sie nur verlieren. Was im Mittelalter noch innovativ war und Thomas von Aquin zu einem der größten Gelehrten seiner Zeit machte, wird in der Neuzeit zur peinlichen Farce: Etwa die Versuche, biblische Geschichte archäologisch zu verorten oder die angebliche Sündhaftigkeit von Homosexualität mit Thesen aus der Psychologie untermauern zu wollen. Schließlich aber auch mit dem Versuch, der Evolution eine irgendwie wissenschaftliche Theorie wie Intelligent Design entgegenzusetzen.

Der Fehler: Die Theologie ist keine Naturwissenschaft – sie schließt immer die Transzendenz mit ein. Wenn sie Wissenschaft sein will, muss sie dies im Wissen um ihre Eigenheiten tun: Theologie kommt nicht ohne Gott aus. Die Schöpfung ist Teil der Heilsgeschichte, der Anfang der Beziehung von Gott und Mensch, von Gut und Böse, Paradies, Sündenfall und Vertreibung – die große Erzählung. Das ist jener Mehrwert, der über die irdischen Versprechen hinausgeht, eine Rede von Schöpfung, die auch für jene eine Heilsmöglichkeit eröffnet, die in den Paradiesen der Genetik, der Medizin oder der globalisierten Wirtschaft keinen Platz mehr haben. So gesehen ist Theologie nicht Konkurrenz zu den Naturwissenschaften, sie setzt dort ein, wo diese, wenn sie ehrlich sind, enden müssen.

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