Digital In Arbeit

Vernunft und Glaube: getrennte Welten

1945 1960 1980 2000 2020

Für den Philosophen Konrad Paul Liessmann führt das Thema des diesjährigen Philosophicums Lech "Über Gott und die Welt" in das wahre "Spannungsfeld der menschlichen Existenz"."Gott gleichsam als Lückenbüßer einzusetzen", findet er "schwach".

1945 1960 1980 2000 2020

Für den Philosophen Konrad Paul Liessmann führt das Thema des diesjährigen Philosophicums Lech "Über Gott und die Welt" in das wahre "Spannungsfeld der menschlichen Existenz"."Gott gleichsam als Lückenbüßer einzusetzen", findet er "schwach".

Das Philosophicum in Lech jubiliert. Konrad Paul Liessmann, von Anfang an als wissenschaftlicher Leiter tätig, hat für die 20. Auflage (21. bis 25. September) das Thema "Gott und die Welt" ausgewählt. Der Philosophieprofessor an der Universität Wien zeigt im FURCHE-Gespräch die Brisanz dieses nach Beliebigkeit klingenden Themas auf.

DIE FURCHE: Schließt das heurige Thema "Gott und die Welt" an das Philosophicum von 2007 zur Gretchenfrage "Nun sag', wie hast du's mit der Religion?" an?

Konrad Paul Liessmann: Bei der Gretchenfrage ging es um Religion im gesellschaftlichen Sinn, bei "Gott und die Welt" geht es eher darum, ob sich Gott heute überhaupt noch philosophisch denken lässt. Die andere Frage betrifft die Welt und ihren Zustand. "Gott und die Welt" ist ja zur Floskel geworden, dass man über alles Mögliche beliebig reden kann, aber es ist auch die präziseste Formel dafür, was wirklich das Spannungsfeld der menschlichen Existenz ausmacht, nämlich die Dualität zwischen Immanenz und Transzendenz, Profanität und Heiligkeit, Wirklichkeit und Imaginärem. Die Frage ist: Was geschieht, wenn diese Sphären sich wechselseitig aufsaugen? Der Gottesstaat, wie ihn radikale Strömungen im Islam verkünden, hat die Idee, dass das Immanente vom Transzendenten aufgesaugt werden soll, dass es keine Differenz gibt zwischen Gott und Welt, sondern Gott diese Welt beherrscht. Die moderne säkularisierte Lebenswelt saugt ebenfalls diese Differenz auf, aber in die andere Richtung. Da gibt es keine Transzendenz, keinen Gott mehr, der außerhalb dieser Welt gedacht werden kann, Gott wird zur bestenfalls kulturhistorisch interessanten Chiffre für soziale Fragen.

DIE FURCHE: Hält man in der Philosophie, seit Nietzsche den Tod Gottes verkündet hat, die Frage nach Gott nicht für überholt?

Liessmann: In Teilen sehr wohl, etwa im Existenzialismus, aber nicht einmal dort eindeutig. Erledigt war Gott auch in der marxistischen Philosophie, die sich dezidiert als atheistisch verstanden hat, aber heute ist der Marxismus bekanntlich auch erledigt. Für die Philosophie, die in der Tradition der Religionskritik des 19. Jahrhunderts und der atheistischen Aufklärung stand und steht, war Gott kein Thema mehr, nicht einmal als Gegenstand der Kritik. Aber das Interessante ist, dass diese Strömungen schon lange nicht mehr dominant sind, und dass gerade im Kontext einer Renaissance der Metaphysik die Frage "Lässt sich Gott philosophisch neu denken?" virulent geworden ist.

DIE FURCHE: Der Mathematiker Kurt Gödel hat zum Beispiel einen "Gottesbeweis" vorgelegt, von dem Wissenschafter sagen, dass er in sich völlig schlüssig ist

Liessmann: In sich war fast jeder kluge Gottesbeweis schlüssig, aber bewiesen wurde damit nie etwas. Allerdings: Während die klassischen Gottesbeweise, wie sie von Anselm von Canterbury oder Descartes geführt wurden, von Immanuel Kant zerlegt worden sind, gibt es nun eine neue Debatte über die Möglichkeit rationaler Gottesbeweise. Das finde ich spannend.

DIE FURCHE: Geht man da von einem bestimmten Gottesbegriff aus?

Liessmann: Nun, der Gott der Philosophen ist nicht der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Der Gott der Philosophen ist eine Abstraktion, er ist der erste Beweger, die erste Ursache oder ein intelligentes Prinzip, ein Postulat der praktischen Vernunft. Aber es gibt natürlich Versuche, den personalen Gott, wie ihn die Offenbarungsreligionen präsentierten, wieder philosophisch zu reflektieren.

DIE FURCHE: Der Gott der Philosophen hat also nur das Uhrwerk Welt in Betrieb gesetzt

Liessmann: Das war die deistische Position der schon agnostisch angehauchten Aufklärer, die gesagt haben, wir brauchen Gott, weil wir uns sonst die Entstehung des Universums nicht erklären können. Der Urknall ist ja nur eine Umschreibung dafür, dass wir nicht wissen, warum es geknallt hat. Dafür brauchen manche einen Gott, aber dann muss sich dieser wohl zurückgezogen haben, und die kosmische Evolution und die biologische Evolution auf der Erde haben ihren Lauf genommen, unbeeinflusst von einem göttlichen Willen. Das widerspräche allerdings dem biblischen Gott, der zu den Menschen ja bis vor noch nicht allzu langer Zeit geredet haben soll.

DIE FURCHE: Wie ist Martin Heideggers Satz "Nur noch ein Gott kann uns retten" zu interpretieren?

Liessmann: Diese Aussage fiel in dem berühmten letzten Spiegel-Interview Heideggers, das erst nach seinem Tod veröffentlicht werden durfte. Es ging dabei wesentlich um die Frage der Technisierung der Welt und wie wir mit deren Folgen zurande kommen. "Nur ein Gott kann uns retten" ist vielleicht auch als Ausdruck der Hilflosigkeit von Heideggers eigener Technikphilosophie zu sehen. Andererseits: denkt man daran, dass mittlerweile die Ablösung des Menschengeschlechts durch technische Superintelligenzen in der Philosophie ernsthaft diskutiert wird, ließe sich dieser Satz auch als prophetischer, resignierender Stoßseufzer lesen.

DIE FURCHE: Dieses Philosophicum muss wohl auch auf heutige Gotteskrieger eingehen ...

Liessmann: Mehrere Vorträge gehen der Frage nach, welche Auswirkungen bestimmte Gottesvorstellungen haben können, im Sozialen, im Politischen, im Ökonomischen. Vor zehn Jahren hätte niemand bei uns daran gedacht, dass wir ein Islamic Banking betreiben werden. Es war völlig absurd, sich vorzustellen, dass es ein Zinsverbot geben soll. Es zeigt sich, dass bestimmte religiöse Denkfiguren, die wir für passé gehalten haben, plötzlich in einer modernen Gesellschaft wiederkehren.

DIE FURCHE: Der Quantenphysiker Anton Zeilinger sagt, die Wissenschaft kann die Frage nach Gott nicht beantworten ...

Liessmann: Ich finde diesen Satz Zeilingers völlig richtig: Gott ist keine Frage der Naturwissenschaften, sonst müsste man zumindest die Rahmenbedingungen angeben können, unter denen er empirisch beobachtbar ist, und das kann man prinzipiell nicht. Ich habe es immer schwach gefunden, wenn man versucht hat, Gott gleichsam als Lückenbüßer einzusetzen, wenn man in einem naturwissenschaftlichen Weltbild noch unerklärliche Residuen hat. Ich vertrete eher den Kierkegaard'schen Standpunkt: dass die Welt der Vernunft und die Welt des Glaubens radikal voneinander getrennt sind.

DIE FURCHE: Würden Sie sich als Agnostiker bezeichnen?

Liessmann: In dem Sinn, wie das Wort Agnostik richtig übersetzt gehört -dass es unmöglich ist, Gott zu erkennen -auf alle Fälle. Aber nicht nur in der Sprache der türkischen Diplomatie wäre ich wohl ein Ungläubiger.

DIE FURCHE: Der Untertitel des heurigen Philosophicums nennt unsere Zeit unruhig. Woran machen Sie das fest?

Liessmann: Diese Unruhe ist dem Eindruck des Zeitgenossen geschuldet. Vielleicht wird man in 100 Jahren unsere Zeit als ruhige oder gerade noch ruhige Zeit bezeichnen. Wir wissen ja nicht, was kommt. Vieles, was lange als selbstverständlich galt, steht heute plötzlich in Frage. Zum Beispiel: die gedeihliche Entwicklung der Europäischen Union. Vor wenigen Monaten hätte doch jeder gesagt, der Austritt Großbritanniens aus der EU ist ein Ding der Unmöglichkeit. Dann die Auseinandersetzung mit dem Islam: Ich hätte mir vor 20,30 Jahren nicht gedacht, dass Fragen wie "Wer darf wo wie verschleiert gehen?" tagespolitische Debatten sein werden. Oder die geopolitische Situation: Länder, die begehrte Reisedestinationen waren, fallen plötzlich aus, dafür sind wir mit offenbar unkontrollierbaren Flüchtlings-bzw. Migrationsbewegungen konfrontiert. Oder die Veränderung der Arbeitswelt durch die digitale Revolution, durch die hochqualifizierte Arbeitsplätze wegfallen.

DIE FURCHE: Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hat Francis Fukuyama 1992 das "Ende der Geschichte" verkündet, Samuel Huntington sprach hingegen 1996 den "Kampf der Kulturen" an. In diese Richtung scheint es ja jetzt zu gehen

Liessmann: Die Argumentation von Fukuyama war an sich richtig. Wenn mit dem Zusammenbruch des Kommunismus die letzte Perspektive, die geglaubt hat, den bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftshorizont übersteigen zu können, verschwindet, bleibt uns als Ende im Sinne von Ziel der Geschichte nur dieser bürgerliche Horizont: Kapitalismus plus Menschenrechte und Rechtsstaat. Es geht nur noch darum, diese Form von Gesellschaft global zu etablieren. Huntington hat dem gegenüber bestimmte Globalisierungsphänomene als Oberflächenphänomene beschrieben und darunter den Konflikt von Zivilisationen, Kulturen, Religionen gewittert. Und was machen wir angesichts solcher Konflikte zwischen Kulturen oder zwischen einer säkularen westlichen Gesellschaft und religiös bestimmten Gesellschaften? Wir argumentieren wie Fukuyama: Im Grunde sind Integrationsfragen soziale Fragen, alles wird funktionieren, wenn wir die bürgerliche Rechtsordnung mit den verbrieften Menschenrechten, eine leistungs-und wettbewerbsorientierte Ökonomie und die Privatisierung der Religion durchsetzen. Das ist genau das Fukuyama-Modell. Wir haben nur nicht geglaubt, dass man dieses Modell auch bei uns wieder verteidigen muss; wir dachten, es genügt, wenn wir dieses Modell exportieren. Vielleicht war dies zu einfach gedacht.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau